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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-02 · 40 (2.10.1903) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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40 Dr. Mocb's Mocbenscbritt. Seite 643 „Nein, Vater, hör' ihn nicht! Es ist ein Unhold, Der frech gewuchert und ins nackte Elend Den eigenen Bruder stieß! O Herr, bestraf' ihn! Laß' nicht die Sonne Deiner Huld ihm scheinen!" Der Engel Satan schrie die harten Worte Mit rauher, wahrhaft fürchterlicher Stimme. «Ihm sei vergeben!" hallt' es aus der Wolke. Ich war ganz selig. Solche Himmelstöne Halt' ich im Leben niemals noch vernommen! Wie Geigentou und Orgel und Guitarre, Wie Nachtigallensang und Lerchenjubel — Das Herz im Leibe hüpft' mir vor Entzücken. Und Mose senkt' die Feder in ein Wasser, D'rauf strich er langsam über jene Seite Und fleckenrein lag sie vor meinen Blicken. — Nun kam ein ander Blatt. „Ich Hab' verleumdet!" So hört' ich einen Menschen kläglich rufen. Auch ihm geschah die göttliche Verzeihung. So ging das fort, und Mose, unser Lehrer, Er war vollauf beschäftiget, zu tilgen Die Sündenflecke in dem Lebensbuche. Der eine stöhnt, daß Zwietracht er gesäet. Ein And'rer ächzt, weil Meineid er geübet, Der Dritte weint, daß schnöd' er hintergangen Den treuen Freund, der gläubig ihm vertrauet — Und Alle wurden der Versöhnung theilhaft. Wie sehr der Ankläger sich auch bemühte, Die armen Erdenkinder zu verderben, Und wie er auch voll Grimmes rast' und tobte; Stets hört' man aus dem Nebel gütig tönen Ein liebevolles, väterlich „Solachti". Sogar dem Mörder, den die Schuld bedrückte, Ward, weil er reuig büßte. Gnad' beschiedeu. — Das Sünd'register naht' schon seinem Ende, Da gab 's mir einen Stich; — ich schrack zusammen — Denn meinen Namen könnt' ich deutlich lesen Stuf einem Blatt voll schwarzverkohlter Flecke. Zugleich sah ich mich unten in dem Tempel Ganz abseits in der dunkelsten der Nischen, Die Händ' gefaltet und gar innig betend: „Vergib auch mir, Allgüt'ger, meine Sünden. Denn wo ist der, der nie gestrauchelt wäre!" Schon senkt die Feder Mose in das Wasser, Um auszulöschen meine Uebelthaten; Da reckt sich Satan plötzlich in die Höhe — Ein Sprung — ein Brüllen — und er steht schon oben Vor Gott Zebaoth's heil'gem Richterstuhle. Bei diesem Anblick packet mich Entsetzen; Mein Herz, es krümmet sich in tausend Aengsten Und zuckt und pocht und hämmert in Verzweiflung. Und Satan kreischt in heftigster Erregung, Wie Sturmgebrause hallt es mir entgegen: „Herr! Vater! Hör' den Frevler nicht, verdamm' ihn; Wend' von dem Ruchlosen doch ab Dein Antlitz! Nicht echt ist seine Reu', sie ist erheuchelt, Und Tücke ruht auf seiner frechen Seele! All' Jene, die Verzeihung heut' erlangten, Und Alle, die sie nie erhoffen dürfen, Sind Engel noch vor diesem Ungeheuer! Er ist ein Mörder, der zu Tod gefoltert Ein Herz, das einen Schatz an Lieb' geborgen. Wie ihn die treue Mutterbrust nur heget. Ein Muttermörder! — Herr, noch schweigst Du stille? — Zermalmt ihn nicht Dein Donner auf der Stelle? — Fürwahr, viel, viel zu groß ist Deine Langmuth! — Blick', wie verwahrlost jener Grabeshügel Am „guten Ort"? Kein Blümlein schmückt die Stätte, Wo eine Frau der letzten Ruh' genießet. Die einen wahren Leidenspfad gepilgert. Von Jugend auf hatt' sie ihr Kreuz zu tragen Und das war schwer. — Sie kannte keine Mutter Und ward' — ein Kind noch — in die Fremd' gestoßen, Wo ihrer eine Schul' der Leiden harrte. Nach manchem Jahre sclavisch harter Mühen, Führt 's Schicksal ihr den Gatren zu; doch wehe! Noch jung vermählt verstirbt ihr der Ernährer; Jn's Stübchen grinset frech der bleiche Hunger — Ihr Kindlein schreit nach Brot; — wie's Herz ihr blutet! Doch hoch hält sie ihr Haupt — schreckt nicht zurücke. Sie klaget nicht, noch murret sie — sie schaffet, Und will ihr oft der müde Arm erlahmen, Ein Blick nach ihrem Kind, das munter spielet, Und neugestärket geht sie an die Arbeit. — Es eilt die Zeit, und aus dem schwachen Knäblein Erwächst ein Mann, der, was aus ihm geworden, Den hart erdarbten Groschen nur verdanket, Die seine Mutter sich vom Munde sparte, Um nur dem Sohn Entbehrung fernzuhaltcn. Allein vergilt er solchen Opferwillen? Und würdigt er die sorgenvollen Nächte, Die sie durchwacht an seinem Krankenlager? Nein! Lieblos zeigt er sich für so viel Güte Und seine Kälte wächst von Tag zu Tage. Die arme Mutter aber weint und grämt sich. Sag' Herr, verdient er Deine hohe Gnade? Nennt nicht die Grundfeste der Weltenordnung Sich Kindeslieb? Und hast Du nicht geboten: „Du sollst den Vater, sollst die Mutter ehren!?" — Die Arme siechet hin gebroch'nen Herzens. Kein Mitleid kennt der Sohn. — Ein einzig Wörtlein, Der Name „Mutter" aus des Kindes Munde, Und neues Leben flöß' ihr durch die Adern. Ein zärtlich Lächeln — und sie war' genesen. Er kennt dies Lächeln nicht, nicht jenes Wörtchen; Wohl aber trieft von Unflath seine Rede. Und da das Siechthum sie auf's Lager strecket, Sperrt er sie in den Stall zu seinem Köt^r, Mit dem sie um die Speiserest' sich balget. Sie duldet, schweigt und weint sich wund die Augen. Nie tritt ein Vorwurf über ihre Lippen, Nur in dem Blicke steht die stumme Frage: „Mein Sohn, was that ich. daß Du so mich quälest?" „Ich hasse Dich — ich hass' die Menschen alle! Warum? Ich weiß es nicht. Frag' doch den Schöpfer, Weshalb dem Luchs er Mordgier eingeimpfet!« So lästert der Verruchte. — Eines Abends Trifft er sie sterbend. Ihr verglasend Auge Umschließt ihn noch mit einer Welt von Liebe; „Gott segne Dich, mein Sohn!" hört er sie lispeln Und steht am Lager der entseelten Mutter, Die er dem Hungertode preisgegeben. Welch' Heuchler da vor Dir im Staube winselt, Eutuinnu der nachfolgenden Episode: Kaum merkt er, daß der sanfte Todesengel Der theu'ren Leiche seinen Kuß gegeben, Wäscht schleunigst er den schmutzstarrenden Körper Und hüllet ihn in blendendweißes Linnen, Dann bringt er ihn auf seine beste Stube Und schluchzt und heult und jammert herzzerreißend. Um jeder Spur von Argwohn zu begegnen. Nun, es gelingt ihm auch, die Welt zu täuschen, Und alles preist, von solchem Schmerz bestochen, Ihn als das Vorbild eines guten Sohnes. — Heut' kriecht der Gleißner auch vor Dir am Boden. Und fleht um Gnad'. O last' Dich nicht erweichen! Der irdischen Gerechtigkeit entschlüpfet. Sollt' er freigeh'n vor dem höchsten Richter? Mit einem Segenswunsch verschied die Mutter Und fragst Du, ob ihn so viel Güt' bekehrte» Blick, wie verwahrlost jener Grabeshügel Am „guten Ort". Kein Blümlein schmückt die Statte. Jedwedes Thier bewahrt in seinem Innern Anhänglichkeit und Lieb' für seine Zeuger; , Wie erst der Mensch, die Krone Deiner Schöpfung! Drum, weil er unterdrückt die guten Triebe Und unterging im Sumpfe des Verbrechens, Bestraf' ihn, Herr, mit Deinen schärfsten Strafen! Laut schreit der Mutter Blut empor zum Himmel Und fordert Sühn'. Lass' Deinen Zorn ihn fühlen, Den Abschaum jeder menschlichen Gesittung! Fluch' über ihn und ewige Verdammniß!" So tobte Satan. Und nun herrschte Stille, Ganz unheimliche Grabesruhe. Keiner Hier oben wagt 's zum Ander'n aufzublicken. Die Englein schmiegten scheu sich aneinander. Und Satanas frohlockt' schon ob der Wirkung, Die seine Rede zu verzeichnen hatte. Ich aber fühlt' mich einsam und verlassen Wie 's Lämmlein, wenn es auf der Schlachtbank lieget. Im Tempel drunten rang ich meine Hände: „Vergib auch mir, Allgütiger, meine Sünden!" Doch stille blieb 's. Die Wolk' blieb ungerühret. Betrübt wollt' Mose schon die Seite wenden, — Da hört man eine Stimme angstvoll tönen: „Mein Kind, mein Kind! O laßt es mich doch retten Aus Satans Klau'n!" — Ergriffen lauschte jeder, Nur mein Verfolger knirschte mit den Zähnen. Doch in mir jauchzt's: Die Mmter ist's. die Mutter! Dank Dir, o Mütterchen, für soviel Liebe! Sie war's und der Cherubim ernste Schaaren Vermochten einer Mutter nicht zu trotzen Und öffneten gar willig ihr die Reihen. Gleich dem gehetzten Wild stürzt' sie zum Throne: .Allmächt'ger Gott und Herr! Verschließ'Dein Ohr doch Dem Ränkeschmiede, der mein Herz zerfleischet Mit seinen haßerfüllten Racheflüchen!

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