Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 642 Dr. Mocb's MocbenscbrLtt. Nr. Auch dann noch blieb das Beste meiner Leistung Ein Stümperwerk vor solchen Herrlichkeiten. Die farbenhellen Phantasiegebilde, Die einst die vielberühmte Scheher'zade Beredten Mundes hcrvorgezaubert, Verzerrte Schatten war'n sie beim Vergleiche Mit solch' verschwenderischer Prachtentfaltung. Aus einer Sonnengrnppe am Zenithe Die, einen ries'gen „klloAsn Dowid" bildend. Nach abwärts ihre Strahlenfluthen lenkte. Ergötz ein Meer von Licht sich auf die Stätte, Nach welcher mich der rasche Flug getragen. Bald war's mir klar, daß mir die Huld geworden, Den Wundergarten Eden zu betreten, Den nach den Fall des ersten Menschenpaares Jehovah in das Himmelreich versetzet, Wie es so lieblich uns die Sage kündet. Umsäuselt von den seltsamsten Gewächsen, Die keine Tropenzone je gezeitigt, Naht' mein gebannter Blick auf blum'gen Auen, Sich endlos in die Ferne hinerstrcckend. Krystall'ue Seen, gleich blitzenden Demanten In das Geweb' der buntgestickten Matten Von kunstgeübten Händen eingefüget, Erweckten mir die seligste Bewunderung Und auf die Lippen drängt' sich mir der Ausruf: „Wie schön, unendlich schön ist Gottes Wohnsitz, Und welche Freuden harren seiner Frommen!" Hier prangten feenhafte Rosengärten In myriadcnfält'gcm Farbenschimmer; Der balsamische Duft, den sie entsandten, Umkosete berückend meine Sinne. Dort dehnten paradies'sche Palmenhaine Weithin sich aus mit anmuthsreichen Grotten, Aus denen Silberbächlein sich ergossen. Die, neckisch bald sich bergend im Gesträuche, Bald lebhaft glitzernde Kaskaden bildend. Im Lbermüth'gen Spiel einander haschten. Gethier jedweder Art belebt' die Halden, Doch weilt' in voller Eintracht es beisammen;^ Es zaust' das Zicklein keck des Leuen Mähne, Die Füchsin schäckert' zärtlich mit dem Küchleins Und sorglos tändelt 's Spätzchen mit der Viper. Sogar dem Mücklein schien es nicht gewaget, Den trägen Grasfrosch summend zu umkreisen, Der gnädig solche Störung nicht beachtet'. Und von den Zweigen tönt' der Sang der Vöglein; War das ein Iubiliren, Musiciren! Die süßen Weisen dieser luft'gen Sänger Sie schmeichelten sich warm mir in die Seele. — Mit einem Wort: In jenen Himmelssphären Ward jeder einzelne von meinen Sinnen Auf's neue stets gefesselt und entzücket. — Geblendet war ich noch von dem Erschauten, Da legt' sich finst're Nacht mir vor die Augen Und ein Posaunenton erscholl so heftig, Daß ich vor Schrecken jäh zusammenschauert'. Dann drängten Menschenstimmen sich nach aufwärts Voll tiefen, tiefen Weh's; der ganze Himmel Hallt wider von dem Ruf „Kol nidre“. — Als endlich sich besänftiget der Aufruhr Und wieder hell der Lianen Dowid strahlte, Da bot sich mir ein Anblick, so erhaben. Daß ich, von heil'gem Schauer übermannet. Ehrfürcht'gen Bangens voll, mich auf die Knie warf. Der Wundergarten, der mich so ergötzet. Er war verschwunden, und an deffen Stelle Erhob ein gold'ner Thron sich majestätisch, Zu welchem Stufen, kunstvoll ausgemeißelt Aus weißem Marmelsteine, aufwärts führten. Und auf dem Throne lagert' eine Wolke, In die zu schauen niemals ich vermochte, Ohn' daß mein Blick von Tbränen ward verschleiert. Links an dem Thron stand Mose, unser Lehrer, Die Tafeln des Gesetzes in den Händen, Und wenn er sich zur Wolk' hinüberneigte. So leuchtete sein Haupt im Strahlenglanze. Zur rechten Seit' stand Aaron im Ornate. Und dieses Brüderpaar, das einst erlöset Die Judenschaft aus Pharaos frevlen Händen, Ein ganzes Volk von schmachbeladenen Knechten Der Freiheit halt' begeistert zugeführet Und seine heidnischen Sitten hatt' veredelt: Dies Bruderpaar allein genoß der Gnade, So nah bei jenem Nebel zu verweilen, Vor deffen Glanz die Sonnen Schatten warfen; Denn um dm Sitz der Gottheit stand gewappnet Im Viereck der Cherubim ganzer Heerbann, Gar schauerlich die Flammenschwerter schwingend. An jeder Ecke dieses mächt'gen Vierseits Hielt hoch zu Roß in güldnem Kriegerpanzer, Gleich einer Statue in Erz gehauen, Ein Erzengel, und allsobald erkannt ich, Daß jeder seinen Stand so innehatte, Wie 's in dem Nachtgebet der Spruch besaget, Der allabendlich dreimal wird gelesen. Rechts schaut' ich Michael, aus dessen Antlitz Zwei große Kinderaugen träumend lugten; Sein mildes Lächeln drang mir in die Seele Wie eitel Sonnenschein. — Links an der Ecke Gewahrt' ich Gabriel, Jehovah's Liebling. Gleichwie der Zwerg dem Riesen gegenüber Sein herbes Schicksal doppelt schwer empfindet. So fühlt' auch ich, der arme Staubgeborne, Ein dürftig Reis, geknickt vom schwächsten Windhauch, Wie hinfällig ich war vor solchem Hünen. Wie er so strotzte von gewalt'ger Stärke Schien er mir Prototyp gigant'scher Urkraft. — Vorn an der Spitze, mir am nächsten weilend, Hielt Oriel, der Hort der frommen Forscher, Die in die Gotteslehre sich versenken. Begeisterung lodert' hell aus seinem Blicke Und seine edlen Züge war'n umfluthet Von der Verklärung heil'gem Glorienscheine. Im Hintergrund erkannte ich Rafael, Den Trost Verzagender und Arzt der Aerzte, Der dort gern hilft, wo Menschenkunst erlahmet. Von Zauber reichster Anmuth übergossen, Bot er 's Idol der blüh'nden Jünglingsschöne. — Und ringsumher sah ich all die Propheten, Von denen uns die Schrift so viel berichtet. Auch uns're Patriarchen könnt' ich blicken Ehrfurchtgebietend mit den Weißen Bärten. Hoch über allen schwebten schöne Englein In großer Zahl; sie sangen das „Lol uidro". Wie nun mein Blick bewundernd seitwärts schweifte, Da blieb er plötzlich haften ganz bestürzet, Auf einem Engel, der in stummem Brüten Sein Lockenhaupt in beide Hände drückte. ..Wer ist 's?" so fragt' ich mich und könnt's nicht fassen, Daß auch im Himmel sollt' der Kummer wohnen. Beugt ihn das Unglück? Oder ist's ein Büßer, Der seine Sünden reumüthig beweinet? O, dann vergib ihm, Gott, Du Allverzeiher! Mit einemmal hob er, für den ich flehte, Den Blick zu mir empor und — ich erstarrte, Denn welch ein Scheusal grinste mir entgegen! Blutrünstig glotzten seine bösen Augen Aus deren Sternen giftgeschwoll'ne Nattern Zu züngeln schienen, dräuend, sich zu stürzen Auf jeden, dem ihr Herr das Haupt gewendet. Es war der Satan, der gefall'ne Engel; Und alle in den seligen Gefilden Vermieden scheu die Nähe des Verdammten. Um mich der Angstgefühle zu erwehren, Die Satans Anblick mir heraufbeschworen, Wandt' ich mich ab, nach einem Ziele fahndend, Das mich erheitern und zerstreuen sollte, Und wahrlich! nicht zu lange mußt' ich spähen, Denn welche Wunder durste ich erschauen! Zu meinen Füßen blinkten die Gestirne Im unermeßlich weiten Weltenraume, Und auch die Erde konnte ich bemerken; Doch nicht etwa geformt als eine Kugel, Nein! aufgerollt lag sie gleich einer Karte, Und jedes Wesen spiegelt' sich nach aufwärts Im blauen Domgewölbe des Azures; Sogar das Würmlein, sich im Staube wälzend. Könnt' meines Blickes Forschen nicht entrinnen. Und in den Synagogen drängt' die Menge, Gehüllt in weiße, falt'ge Sterbgewänder. Es beteten mit reuevollen Mienen Die sünd'gen, bußbefliß'nen Erdenwaller, Und jede Silbe drang zu meinen Höhen. — Als nun die Englein ihren Sang beendet, Stieg Mose, unser Lehrer, von den Stufen; Er holt' ein Buch herbei von mächt'gem Umfang, Das legt' er nieder vor Jehovah's Throne; Und wie er blättert', sah ich auf den Seiten Viel schwarze Flecke, keine war verschonet, Ja manche schien, als wäre sie versenget. Dann nahm er eine weiße Taubenfeder Und schlug ein Blatt auf in dem Buch des Lebens. Da sah ich einen Mann sich unten neigen: „O Herr, ich Hab' betrogen! Ach, vergib mir, Denn ich bereue es ganz unaussprechlich!"