Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 637 „In Rußland existirt vollkommene (?) Religionsduldung. Die Ursachen der letzten Ereignisse müssen tiefer gesucht werden. Früher waren die Juden ganz treue Unterthanen und nahmen an keinen politischen Bewegungen theil. Da war auch keine Rede von Krawallen; denn die Unruhen, die in den Achtziger-Jahren stattgefunden haben, trugen einen ganz anderen Charakter. Sie waren eine Folge des jüdischen Joches, unter dem die christliche Bevölkerung sich befand. Jetzt aber ist Alles gänzlich anders geworden. Die Juden treten jetzt als Leiter und Rädelsführer bei sämmtlichen regierungsfeindlichen Bewegungen hervor. . . Die gesawmte Socialdemokratie in Rußland besteht nur aus Juden. Immer und überall bezeigen die Juden ihre vollkommene Mißachtung und Unduldsamkeit gegenüber den Christen." Dafür führte der Gouverneur verschiedene Beispiele an. Dann fuhr er fort: „Ihr selbst seid an all dem Geschehenen schuldig. Die Regierung ist ganz unparteiisch und ihr erntet jetzt die Früchte eurer Aufführung. Ist es denn nicht unerhört, daß Juden sich bewaffnen und das Militär beschießen, welches sie selbst beschützt. Auf diese Weise werdet ihr nicht euch, sondern wir uns vor euch schützen müssen." Gonverneur Klingenberg hat den Nagel auf den Kopf getroffen und das offen bekundet, was jedem Eingeweihten in die Ursachen der von. der russischen Regierung seit 1881 begünstigten Ausschreitungen gegen' die Juden bekannt ist. Weil eine große Anzahl russischer Juden aus den gebildeten Classen 1878 bis 1881 an der revolutionären Bewegung theilgenommen hatte, wurden im Frühjahr 1881, bald nach der Thronbesteigung Alexanders III., von den Behörden die schrecklichsten Judenverfolgungen in Elisabethgrad, Kischenew, Ananjew, Nikopol und Odessa veranstaltet und begünstigt. In Elisabethgrad stand an der Spitze der judenfeindlichen Organisation ein Polizeicommissär, in Schmerinka ein Eisenbahnstationschef u. s. w. Korrespondenzen. Zum Delegirtenlag in Lemberg. Neu-Sandec. Hochgeehrter Herr Redacteur! Ihr geschätztes Blatt vom 25. September d. I., Nr. 39, hat an leitender Stelle einen Bericht über den Delegirtenlag zur Bekämpfung des Handels mit jüdischen Mädchen veröffentlicht, der in vortrefflicher und gelungener Weise ein Bild der Verhandlungen und Berathungen geboten hat. Vom Präsidium des „Allgemeinen Oesterreichisch-Jsraelitischen Bundes" in Wien mit der Vertretung des „Bundes" an dieser Conferenz in Lemberg betraut, habe auch ich an den Berathungen theilgenommen und gestatte mir, Ihren Bericht in einigen Details zu ergänzen, die zur Vervollkommnung des Gesammtbildes der Conferenz beitragen dürften: In erster Reihe erlaube ich mir, den Antrag des Rabbiners Schnur aus Tarnow hervorzuheben, der nicht blos in Galizien, sondern auch im Westen Europas beherzigt zu werden verdient, wonach die Lectüre der jüdischen Mädchen, namentlich der niederen Stände einer strengen Controle zu unterziehen sei; denn wenn schon regellose Lectüre dem Geiste eines gebildeten Menschen unzuträglich ist, um wieviel eher erhitzt sie die Phantasie eines in engen Verhältnissen ausgewachsenen jüdischen Mädchens, das so wenig von der Außenwelt weiß und sich jeden schlechten Roman als Wirklichkeit vorstellt. Ferner verdient auch volle Beachtung ein Antrag des Rabbiners Horowitz aus Krakau, wonach es den Rabbinern und Predigern zur Aufgabe gemacht werde, von der Kanzel herab gegen den Luxus und die Putzsucht der jüdischen Mädchen und Frauen zu predigen, da diese meistens zum Laster führen. Nicht minder unerwähnt können die Ausführungen des Fräulein Pappenheim aus Frankfurt a. M. gelassen werden, die in anderthalbstündiger fesselnder Rede uns Männern beherzigenswerthe Fingerzeige gab, wie und in welcher Weise dem Elende der jüdischen Mädchen zu steuern sei. Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß ich als Delegirter des „Allgemeinen Oesterreichisch-Jsraelitischen Bundes" in Wien im Aufträge und mit Zustimmung des „Bundes-Präsidiums" die Erklärung abgegeben habe, „daß der „Bund" der von der Conferenz in's Leben gerufenen neuen Vereinigung zur Bekämpfung des Mädchenhandels nicht blos sympathisch und wohlwollend gegenüberstehe, sondern mit seinem vollgewichtigen moralischen Einfluffe die Bestrebungen dieser Bereinigung schützen, fördern und unterstützen wird". N. T a u b e s, Secretär der israel. Cultusgemeinde. Wie Ritualmordmärchen entstehen. Kuttenberg. Das hiesige Kreisgericht als Berufungsinstanz hatte am 26. September über ein Urtheil des Bezirksgerichtes in Humpoletz wegen Ehrenbeleidigung zu urtheilen, durch welches ein junges Mädchen, das den Lehrer und Cantor Jakob Posamentir durch Erdichtung eines Ritualmordmärchens beleidigte, zu einer Woche Arrest verurtheilt wurde. Der Fall ist folgender: Am 22. April kam, wie schon öfter, die 15jährige Antonie Dvorak aus Bistra in die Wohnung des Lehrers Posamentir in Humpoletz und bot Tauben zum Kaufe an. Zufälligerweise kam das Mädchen statt in die Küche in das Wohnzimmer, wo der Sohn des Lehrers, ein 20jäbriger Jurist, der an einer Rückenverkrümmung leidet, Turnübungen auf einem Hängeapparat machte. Das Mädchen wurde in die Küche gewiesen und ging dann fort und erzählte im Orte, daß im Zimmer des Cantors ein todter. schwarzgekleideter Knabe hänge, der in Riemen eingewickelt sei, und um den, als sie das Zimmer betreten habe, drei schwarzbärtige Juden herumgestanden seien. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht von einem Ritualmord in der Stadt. Kurz darauf erschien im Hause des Lehrers eine Gerichtscommission, bestehend aus Gerichtsadjuncten Dr. Valentin, dem Bürgermeister und Reichsrathsabgeordneten Becvar und zwei Gendarmen, um über den verübten Mord Erhebungen zu pflegen. Herr Posamentir behielt Kaltblütigkeit genug, um das Phantafiegebilde der Dvorak aufzuklären und ließ seinen Sohn die Gelenksübungen der Commission demonstriren, so daß die Commission sofort den Eindruck gewann, daß sie von dem Mädchen mystificirt worden sei. Die Dvorak erklärte jedoch unter Betheuerungen und Eiden, daß sie sich nicht irre. Der Knabe sei ein anderer als jener, den sie hängen gesehen habe. Auch blieb sie dabei, daß drei schwarzbärtige Juden den Knaben umstanden hätten. Die Commission durchsuchte nun das Haus vom Boden bis zum Keller und fand nicht die mindeste verdächtige Spur. Während der Vornahme der Hausdurchsuchung umlagerte eine hundertköpfige erregte Menge das Haus, die Abgeordneter Becvar nur mit Mühe beruhigen konnte, indem er erklärte, daß die ganze Sache erfunden sei. Wegen Verbreitung dieser unwahren ihn höchst gefährdenden Gerüchte erstattete Herr Posamentir bei der Staatsanwaltschaft in Kuttenberg die Anzeige und erhob auch die Ehrenbeleidigungsklage beim Bezirksgericht Humpoletz. Bei der am 20. August stattgefundenen Verhandlung beim Bezirksgericht Humpoletz wurde Antonie Dvorak wegen Ehrenbeleidigung zu einer Woche Arrest verurtheilt. Von der Anklage wegen Verbreitung unwahrer und entstellter Gerüchte wurde die Angeklagte freigesprochen, da nicht festgestellt werden konnte, wie oder wo die Dvorak das Gerücht verbreitet habe. Die Angeklagte hielt an ihnr Verantwortung fest, daß sie blos ihrer Mutter ihr vermeintliches Erlebniß erzählt habe. Gegen diesen Freispruch hat der staatsanwaltschaftliche Functionär die Berufung ergriffen und auch die Dvorak meldete wegen des Strafausmaßes die Berufung an. Der Gerichtshof bestätigte bei der heutigen Berufungsverhandlung vollinhaltlich das Urtheil des Bezirksgerichtes Humpoletz und wies sowohl die Berufung der Staatsanwaltschaft, wie die Berufung der Verurtheilten als unbegründet zurück. Budapest. (Ein trauriger Gedenktag.) Die israelitischen Festtage rufen ein trauriges Ereigniß in Erinnerung. Um diese Zeit ereignete es sich nämlich vor gerade 555 Jahren, daß die erste Bevölkerung des Festungsberges, die Ofner Judenschaft, unter der Anklage, die Brunnen vergiftet zu haben, ausgerottet, ihr Tempel, der sich an der Stelle des nachmaligen Hentzi-Monuments erhob, unter der Benennung St. Sigismund- Capelle zur katholischen Kirche umgestaltet, die Häuser der Juden aber dem nach dem heiligen Sigismund benannten, neuorganifirten Capitel überantwortet wurden. Weder dieses Martyriums der Ofner Judenschaft noch auch des Heldentodes jener vielen Glaubensgenossen wird je gedacht, die bei der Revindication Ofens für das Vaterland verblutet sind. In seiner von hohem Schwung getragenen Neujahrspredigt gedachte Oberrabbiner Dr. Arnold K i s s jener tragischen Vorfälle und stellte den Antrag, daß die Ofner israelitische Gemeinde des Martyriums ihrer Ahnen in geeigneter Weise gedenken und zum Zeichen der Erinnerung alljährlich an den Stufen des künftigen Elisabeth-Denkmals, das sich an der Stelle jenes einstigen israelitischen Tempels erheben wird, einen Kranz niederlegen solle, mit der Widmung: „Dem Andenken der Opfer des Fanatismus — die Ofner israelitische Cultusgemeinde". Die pietätvolle Erinnerung Dr. Kiss' und die erhebenden Betrachtungen, die er an sie knüpfte, machten auf die den Tempel in sämmtlichen Räumen füllende andächtige Menge den nachhaltigsten Eindruck. Mahr.-Ostra«, 23. September. Heute Früh ist der langjährige Vorstand der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, kaiserl. Rath Markus Straßmann, infolge Schlagfluffes plötzlich verschieden. Derselbe war 28 Jahre hindurch Cultus-