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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-02 · 40 (2.10.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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&tiit 636 Dr. Vlocb's MocbenscbrLtt. Är. 4ö wurden von den Räubern aufgestöbert und mißhandelt, die jüngeren, die sich auf der Straße vertheidigen wollten, wurden von den Soldaten niedergefchosien oder erstochen oder arretirt. Ein junger Jude hat Zwei tödtliche Wunden durch Bajonnette in den Rücken bekommen. Im Ganzen sind verwundet über 50 Juden, davon sind schon drei gestorben. Mit dcn Erschossenen sind schon lO Juden todt. Darin sind noch nicht gerechnet die Juden, welche außer der Stadt ermordet sind. Die Plünderungen in den Vorstädten dauerten bis 4 Uhr Morgens. Besonders in Nej-America, wo ein ganzes jüdisches Viertel demolirt wurde, und in Kawkas. Dienstag Früh war Alles in der Stadt todt. Die Juden verschlossen sich bewaffnet in den Häusern. Viele strömten auf den Bahnhof, aber Patrouillen ließen Niemanden durch. Die Räuber wollten weiter die Vorstädte überfallen, aber die Polizei hatte gewiß neue Befehle bekommen, sie zertrieb in einem Moment den Haufen Räuber und arretirte sie. Das energische Eingreifen machte sogleich den Krawallen ein Ende. Der Polizeimeister arbeitete den ganzen Dienstag ganz tüchtig und es wurde vollständig ruhig. Erft Mittwoch ist der Gouverneur nach Homel aus Mohilew, welches von Homel nur drei Stunden entfernt ist, angekommen. Die Stadt ist still, alle Fabriken stehen; in der Stadt gibt es kein Brod. Von dem jüdischen Comite sind Wagen mit Brod herausgeschickt in die Straßen, die hungrigen Kinder und Frauen zertheilen es sogleich. Nach einer Meldung aus Petersburg wurden an dem zweiten Tage der Unruhen, am 14. September, von den Eisenbahnarbeitern 140 jüdische Läden geplündert. „Der Umstand, daß sich die Juden bei diesem Ueberfall sehr tapfer gehalten haben, veranlaßt die russische Presse zu einigen tendenziösen Entstellungen. So theilen einzelne Blätter mit, daß fast jeder Jude mit einem Revolver oder einem Dolch bewaffnet gewesen sei und öfters der Ruf ertönte: „Hier ist nicht Kischenew, daß wir uns ruhig abschlachten lassen." Wie bei Gelegenheit der Kischenewer Greuel, so haben auch diesmal die amerikanischen Juden sich an die Regierung der Vereinigten Staaten mit der Bitte gewendet, sich für die russischen Juden bei dem Petersburger Cabinet zu verwenden. Aus Washington wird gemeldet: „Das Staatsdepartement empfing von zahlreichen jüdischen Einwohnern Philadelphias Bittgesuche wegen Sicherheit ihrer Angehörigen in Homel. Das Staatsdepartement beauftragte den amerikanischen Geschäftsträger in Petersburg. Erkundigungen einzuziehen, ob in Homel amerikanische Jntereffen in Mitleidenschaft gezogen seien." Von privater Seite wird nachstehender Brief eines Augenzeugen der Judenexcesse in Homel dem „Berliner Tageblatt" zur Verfügung gestellt: Hoffentlich hast Du noch nicht erfahren, welch' schreckliches Unglück die jüdischen Bewohner Hömels heimgesucht hat. Die Bahnarbeiter und das Volk haben eine Jndenhctze in Scene gesetzt, die der Kischenewer 'nicht um Vieles nachsteht. Das Centrum der Stadt ist noch verschont geblieben und wird es öffentlich auch schon bleiben. Wir leben in schrecklicher Angst und Aufregung. Von Montag bis heute Donnerstag waren alle Läden geschlossen. Heute wurden sie geöffnet und um 7 Uhr Abends schon geschlossen, während sie sonst bis nach Zehn offen bleiben. Der Gouverneur, der telegraphisch beruftn wurde, kam gestern, um den Juden zu erklären, es sei ihnen nur recht geschehen. Du kannst Dir denken, welchen Eindruck diese Rede auf die Bevölkerung machte. Eine Menge Frauen und Kinder haben die Stadt verlassen. Mein Mann drängt in mich, das Gleiche zu thun und nach Mohilew zu fahren, aber ich will ihn nicht allein lassen, und dann weiß ich auch nicht, ob man sich in der Gouvernemcntsstadt eines so humanen Gouverneurs sehr sicher und geborgen fühlen kann. Ich habe beschlossen zu bleiben, um so mehr, als man doch hofft, daß die Bluthunde sich beruhigt haben, und dann haben sie vor den Kischenewer Räubern Eines voraus. Dort haben sie unzählige Frauen und Mädchen ehrlos gemacht, hier benehmen sie sich ritterlich, sie treiben sie aus dem Hause, damit ihnen nichts geschehe, und ruintren alsdann erst Haus und Hof, Hab und Gut. Die zu unserer Vertheidigung ausgeschickten Officiere sollen das wüthende Volk noch mehr gehetzt haben. Die ganze gute Gesellschaft hat frohlockt, die Wütheriche wurden mit Schnaps bewirthet und augefeuert, nicht nur die Hauser zu zerstören, sondern die Menschen zu tobten. Um den der Plünderung anheimgegebenen Theil der Stadt wurde ein Eordon von Soldaten gezogen, damit die Wütheriche nicht ins Centrum der Stadt dringen können. Die Soldaten schauten ruhig der Zerstörung zu und feuerten auf die Juden, die ihren bedrängten Mitbrüdern zu Hilfe eilten. Die Unruhen begannen noch Freitag. Da kaufte ein Christ Heringe in einem jüdischen Laden; zwischen Käufer nnd Verkäufer begann ein Streit, der in Thätlichkeiten ausbrach. Vielleicht wäre Alles ohne so schreckliche Folgen abgelaufen, wenn nicht die jüdischen Socialdemokraten sich sofort bewaffnet eingemengt und dem einen Christen mit einem Messer den Garaus gemacht hätten. Nach einigen Stmiden legte sich die Aufregung, es gab auf beiden Seiten Tobte und Verwundete, aber geplündert wurde nicht. Montag Mittags brachen die Bahnarbeiter aus, um den To des Erstochenen zu rächen, und sie rächten ihn fürchterlich unter den Augen der ruhig dastehenden Officiere, Soldaten, Polizeileute u. s. w. Eine glänzende Ausnahme bildete der Polizeimeister der Stadt, Fjodor Matejwitsch Fen-Rajewsky, aber was kann ein Mensch thun? Er selber war mehr als einmal in Gefahr, von den Bestien getödtet zu werden. Von einem Neubau warfen die Arbeiter Ziegelsteine auf die vorübergehenden Juden. Als mein Schwager einen Polizeibeamten darauf aufmerksam machte, erwiderte dieser sehr kaltblütig: „Nicht umsonst habt ihr Freitag einen Christen getödtet." Als der Gouverneur durch die zerstörten Straßen fuhr und ihn die Juden jammernd und weinend umringten, antwortete er ihnen höhnisch: „Gut erlebt." Jm Nathhaus, wo er die jüdische Deputation empfing, ließ er diese gar nicht zu Worte kommen; er hielt ihnen eine donnernde Rede, sie seien nicht Besseres Werth, denn die Juden sind immer frech, mischen sich stets in Dinge, die sie nichts angehen u. s. w. Die Rede bekommst Du nächstens. In Rußland nehmen die Zeitungen keine Berichte auf, die Regierung erlaubt natürlich nicht die Veröffentlichung solcher Misserhaten. Ich schreibe sehr unzusammenhängend und Alles ourcheinander, aber hoffentlich wirst Du die Hauptsache herausfinden und Alles ins richtige Licht setzen. Es hängt viel davon ab, daß die Welt sich ein richtiges Bild davon mache, wie die jüdischen Unterthanen in Rußland behandelt und im Falle der Noth vertheidigt werden. Der Aufruhr hätte im Keim erstickt und alles Unglück verhütet werden können, wenn man energisch vorgegangen wäre, wenn man uns vertheidigen hätte wollen. Eine Rotte von 50 bis 100 betrunkenen Bestien kann von ebensoviel Soldaten unschädlich gemacht werden, wenn man sie.arretirt und besänftigt oder auseinander treibt, aber wo man ruhig zuschaut und hetzt, da natürlich kann nur ein Unglück geschehen. Unter die Meuterer darf ohne höheren Befehl (des Gouverneurs) nicht geschossen werden. Jetzt ist die Frage, warum darf auf die Juden geschossen werden, die sich vertheidigen? Uebrigens hat der gute Mann zu schießen erlaubt, im F^lle sich die Unruhen wiederholen. Die Wütheriche sollen erklärt haben, sie haben ihren Tobten gerächt und werden sich nicht mehr an den Juden vergreifen, wenn diese selbst ihnen keinen Grund zur Aufregung mehr geben werden. Kann man ihnen glauben? Wir sind verhältnißmäßig ruhig, bei uns wohnt ein christlicher Notar, zu dem wir uns flüchten können. Gezittert habe ich Montag für Csuika, ein zehnjähriges Kind; der Junge war fürchterlich aufgeregt: „besser sterben", sagt er mir, „als so leben", und dann: „gibt es denn in der ganzen Welt nicht ein paar gute Christen?" Er haßt sie jetzt mit aller Kraft seiner Seele, er kann sie weder sehen noch hören „Mama", sagt er mir, „wann wird schon das gute Jahr, der gute Monat, die gute Woche, der gute Tag und die gute Stunde sein, wo wir Rußland für immer verlassen?" Gott gebe uns endlich diese gute Stunde, o könnte ich den Staub von den Füßen schütteln und einem Lande den Rücken wenden, das trotz seiner frühen Fraucnemancipation noch Tausende von Jahren zurück ist, das ein Anathema gegen einen Schriftsteller wie Tolstoj schleudert, das seine besten Männer zwingt, ihre Ueberzeugungen öffentlich zu widerrufen, wie den Geistlichen Johann von Kronstadt. Nur die wenigsten Christen nahmen die hilflosen Juden zu sich auf, um ihr nacktes Leben zu schützen, und auch diese thaten es nur als einen Act der Selbstvertheidigung, da sie sich vor den hiesigen jüdischen Socialdemokralen nicht weniger fürchten, als wir uns vor ihren Wütherichen. Sie vergessen, daß es nicht im Charakter der Juden liegt, zu morden und brennen und Weiber zu schänden. Man nennt eine Menge christlicher Namen, die die verfolgten Juden aus ihren Häusern trieben, die Volk und Soldaten mit Worten aufgehetzt haben. Es hängt sehr viel davon ab, daß man im Auslande die Wahrheit erfahre und nicht die Nachrichten aus russischen Zeitungen Nachdrucke. Diese wieder bekommen die Mittheilung von den Regierungsorganen, und diese verdanken die Nachricht dem Mohilewer Gouverneur, und welchen Bericht dieser dem Kaiser erstatten wird, kannst Du Dir ungefähr zusammenreimen. Seine Rede wird oder wurde schon dem Lordmayor nach London geschickt und um Veröffentlichung gebeten. Im „Regierungsboten", der allein das Recht hat, die erste Nachricht zu bringen, ist die ganze Sache lügenhaft verdreht. Dort heißt es, daß die Juden aufs Militär schossen. Du kannst Dir vorstellen, zu welchen Processen dies Veranlassung geben kann. Vor Hetzen und Zerstörungen dürfen wir uns schon sicher fühlen, aber diese lügenhafte Erklärung kann das traurige, unglückliche Los der armen russischen Juden nur noch trauriger gestalten, und helfen kann nur die ausländische Presse, die sich vor Niemanden fürchtet und nicht gezwungen ist, sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wenn ein Korrespondent Herkommen könnte, um sich an Ort und Stelle von dem Unglück, den Lügen, den Hetzereien zu überzeugen, es wäre ein Glück. Niederträchtig benahmen sich die Officiere. Es gibt Zeugen, die gehört haben, wie einer schrie: „Bej Zydow l“ („Schlag die Juden!") Agitire, wenn es in Deiner Macht steht, in Artikeln und um Spenden für die armen, geplünderten, ihrer Habe beraubten Juden. Dem „Berliner Börsen-Courier^ geht aus Homel ein Schreiben zu, in dem über eine außerordentlich charakteristische Ansprache des russischen Gouverneurs Klingenberg an eine Abordnung der jüdischen Notabeln Hömels berichtet wird. Danach sagte der Gouverneur:

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