Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021534--13019-3037647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 40 Dr. Blocb’s Mocbenscbritt. Seite 635 Kaiser Uieolaas II. in Wien. Die Haupt- und Residenzstadt beherbergt wieder als hohen Gast den Kaiser aller Neusten. Mit ihm kommt sein ganzer diplomatischer Stab und es unterliegt gar keinem Zweifel, daß während der Anwesenheit in Mürzsteg die Gemsenjagd nicht die einzige Beschäftigung der hohen Herren bilden kann. Dazu hätten sie auch ihre Minister des Äeußern, ihre Botschafter, ihren ganzen diplomatischen Stab nicht mitzunehmen gebraucht. Die Ordnung der Dinge im Orient, die Aufrechthaltung des Friedens, der Schutz der Bevölkerung gegen das gegenseitige Abschlachten bilden den Hauptzweck dieser Fürstenzusammenkunft. Die Völker Europas sehen mit hoffnungsvollem Blick dieser Entrevue entgegen. Sie soll nicht blos die Kriegsgefahr abwenden, sie soll auch einem Blutvergießen ein Ende setzen, welches die Bewohner eines großen Reiches in Schrecken setzt, die Mordthaten bannen, welche Christen und Nichtchristen decimiren, der beleidigten Menschheit und Menschlichkeit Genugthuung, Ruhe, Frieden verschaffen. Mit lebhaftestem Danke werden alle Völker zu den beiden Monarchen emporblicken, die durch gegenseitiges Einverständniß und gemeinschaftliche Fürsorge die Welt von einer großen Sorge zu befreien sich anschicken. Wenn wir in diesem Sinne Nicolans II. als Friedenskaiser begrüßen, dann wird man es uns auch nicht verübeln dürfen, wenn wir an ihn die Bitte richten, im eigenen Reiche ebenfalls der Friedenskaiser sein zu wollen. Dort schmachten fünf Millionen Menschen um ihres Stammes und Glaubens willen im tiefsten Elend. Dort werden fünf Millionen Menschen ihre Menschenrechte entzogen; dort werden fünf Millionen frommen Monotheisten weniger Rechte zuerkannt, als zahllosen Heiden und Götzenanbetern; fünf Millionen gewerbefleißigen Menschen, welche die schwersten Handwerke unter den bescheidensten Lebensbedingungen ausüben, wird es unmöglich gemacht, ihrem Brote nachzugehen; während für die wilden Nomaden nahezu Freizügigkeit herrscht, sind drei Millionen arbeitsamer Menschen in ein enges Gebiet zusammengepfercht, wo sie den Lebensunterhalt nicht finden: dem Bildungstriebe von Millionen Menschen werden Zügel angelegt; in einem Reiche von 130 Millionen Menschen läßt man fünf Millionen nicht Luft, zu aihnien und gibt sie physischem und moralischem Niedergange Preis; die Macht, die zum Schutze der Bürger aller Bewohner des Reiches aufgestellt ist, versagt ihre Mitwirkung, wenn es sich um den Schutz dieser handelt. Würde man sie, wie alle anderen Einwohner, sich nach ihrem Belieben ansiedeln, ihrem Gewerbe nachgehen, ihren Bildungstrieb bethätigen lassen, sie würden um ihrer Frömmigkeit willen, wegen ihres Familiensinnes, ihres Fleißes, ihrer Sparsamkeit und Nüchternheit willen zu den Besten im Lande zählen; würde man sie gleiche Rechte, gleiche Pflichten tragen lassen, so könnten sie zur Vermehrung des Landesreichthums beitragen, fährt man aber in ihrer Mißhandlung fort, so sind sie ein^kranker Pfahl in einem kranken Leibe, und alle Versuche, in dieser Form eine Lösung zu erzwingen, müssen scheitern. Nun erhebt der Kaiser von Rußland sein Wort zu Gunsten Mißhandelter in der Türkei. Dürfen wir da nicht die Bitte an ihn richten, sich auch anderer Mißhandelter zu erinnern? Wir verletzen durch diese Bitte die Gastfreundschaft nicht. Er kommt, um Gutes zu stiften, so bitten auch wir ihn, Gutes zu thun. Wie er Erbarmen hat mit den Unglücklichen auf der Balkauhalbinsel, so möge er Erbarmen haben mit anderen Unglücklichen, Und wie ihn die Balkanvölker segnen werden als den Friedenbringer, so werden auch die Millionen unglücklicher Juden in seinem Reiche den Segen des Himmels dafür auf ihn herabflehen, daß er das Elend von ihnen nimmt, unter dessen Last sie dahinsiechen. E> darf versichert sein, daß die Beschuldigungen, mit denen man die Ausnahmsmaßregeln gegen diese seine Unterthanen motivirt, grundlos sind, daß ihre Feinde sie ersonnen haben, um sie als Vorwand für geübtes Unrecht zu gebrauchen, er darf aber auch versichert sein, daß jede gute That ihren Lohn findet und daß die Befreiung von drei Millionen Menschen aus der peinlichsten Lage, in der sich je ein Volk befand, den Namen Nicolaus II. in der Geschichte mit einer Lorbeerkrone bekränzen wird, die derjenigen des Friedenskaisers an Werth gleichstehen wird. A. Wiener. Das Judenmaffaere in Homel. London. Die antisemitischen Ausschreitungen zu Homel am 14. und lö.September lassen nach hier eingelangten Berichten, wenn auch kleineren Umfanges, doch was die Mitschuld der Behörden betrifft, jene von Kischenew hinter sich. Sie sind fast mit den macedonffchen Greueln zu vergleichen. Polizei und Militär bildeten, von vielen reichen und gebildeten Christen unterstützt, einen beweglichen Schild zum Schutze der Banden, die gemächlich von Haus zu Haus weiterzogen, demolirten und plünderten und mit Knütteln jeden Juden niederschlugen, der ihnen in den Weg kam. Militär und Polizei wandte den Banden den Rücken und griff mit Bajonett und Kolben die Juden an, die durch die Phalanx dringen wollten, um ihre bedrohten Verwandten zu retten. Der Chef der Polizei. Rävsky, wurde von den Juden vorher gewarnt, und Militär wurde eigens consignirt, bis Dienstag 1600 Mann in Homel standen. Als einige jüngere verzweifelte Juden sich gewaltsam nach ihren Häusern Bahn brechen wollten, schoß das Militär auf sie. Die Chefs der Polizei ermuthigten und leiteten die Banden, welche die Juden mit Knütteln niederschlugen, und unterhielten sich kameradschaftlich mit Leuten, die eben einen Juden vor ihnen todtgeschlagen hatten. Erst auf Befehl des Gouverneurs suchten die Truppen die Banden zurückzudrängen, wenigstens in einem Stadttyeil. Hier kam es zu einem Krawall, wobei mehrere der bisherigen Schützlinge der Soldaten von diesen erschossen wurden. Einzelne Mordthaten passirten auch an den folgenden Tagen. Gegen 100 Mitglieder der Banden wurden der Polizei namentlich angezeigt, aber sie verhaftete nur 25 derselben, dagegen die doppelte Anzahl Juden wegen verbotenen Waffentragens oder Conspirirens gegen die Polizei. Der amerikanische Staatssecceiär Hay beauftragte den Charge d affaires zu Petersburg, sich sofort nach den Verwandten gewiffer amerikanischer Juden zu erkundigen, die das Staatsdepartement um Intervention ersuchten. Die Newyorker ^Evening Post^ erklärt, die behördliche Genehmigung und Protection dieser Ausschreitungen werde das moralische Berdammungsurtheil der civilisirten Welt über Rußland bringen. Zu den Krawallen in Homel erhalten wir von einem dort ansässigen Juden eine Zuschrift, die in ihrer unbeholfenen Darstellung der Vorgänge geradezu erschütternd wirkt. Wir lasten sie hier unverändert folgen: Den ersten Brief habe ich Ihnen geschrieben, als die Plünderei noch fortdauerte. Ich schrieb in einem geplünderten Hause und fürchtete einige Stunden, den Brief auf die Post zu tragen, schickte ihn endlich durch einen Christen, meinen Nachbar, der mich behalten und gerettet hat vor den Räubern. Heute am Dienstag Abend wissen wir schon die Resultate der Unruhen. Am Montag raubte man von 11 Uhr bis spät in die Nacht. Die Behörden führten sich empörend auf. Nachdem sie alle Juden, die sich vertheidigten, erschossen oder geschlagen, vertrieben und arretirt hatten, ließen sie die Räuber ruhig „arbeiten". Im Ganzen sind 345 Häuser geplündert, die Zahl ist ganz bestimmt. Eine Masse Juden sind von den Räubern verwundet. Die Morde fingen an schon Montag Früh. Ein Buchhalter, Scholem Pietetzki, wollte Montag Früh aus der unruhigen Stadr herausfahren, begegnete aber unweit der Stadt einigen Bauern, die sich zu den Judenkrawallen in der Stadt sammelten und wurde getödtet, seine Frau mißhandelt. Bon den Räubern sind noch todtgeschlagen worden: ein Paketträger Gliekin, ein alter Lehrer Meyer Dawidow, eine alte Frau, Müller eines Fuhrmannes, war mit einem Brecheisen ermordet. Die Zahl der Schwerverwundeten ist sehr groß. Einen Juden namens Kewesch haben an der Ecke der Rumianzowerstraße die Maurer angefallen, die dort bauten und haben ihm mit Ziegeln den Schädel zerspalten. Auf Chonon Sacharin sind seine eigenen christlichen Arbeiter losgegangen, verwundeten schwer ihn und seine Frau und rissen seinem Knaben die Hände aus. Bon den Juden, die sich gegen die Räuber vertheidlgen wollten, sind drer erschossen: Feiwel Halperin, Salman Kapanski, Elia Schneider. Schwer verwundet von den Soldaten sind folgende Juden: Merinski, Manewitz, Karassik, Chadmann. Alle, die sich in den Häusern hielten.