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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-02 · 40 (2.10.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 634 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Me Priester des Rerregalenthnrrrs. Von F a b i u s Schach in Karlsruhe. Das Renegatenthum ist ein altes Uebel, aber es äußert sich wie jede Krankheit in mannigfachen Formen, und man kann diesem alten Thema noch immer neue Seiten abgewinnen. Daß die Renegaten größtentheils charakterlose Subjecte sind, darüber ist man sich im jüdischen wie im christlichen Lager so ziemlich einig. Es gibt, in Westeuropa wenigstens, nicht einmal Motive, die diesen Schritt der Feigheit mildern könnten. Es ist hier meistens weder der Kampf ums Dasein noch ums innere Glück, sondern der Kampf um den Schein, der zu dieser Fahnenflucht führt. Unsere Schwächlinge von heute sprechen von den großen Opfern, die sie dem Judenthum bringen müffen. Diese großen Opfer bestehen darin, daß sie auf einen hohlen Titel, auf die Officiersepauletten oder auf den Verkehr mit der aufgeblasenen geistig beschränkten Aristokratie verzichten müssen. Unsere Vorfahren haben ihrer Ueberzeugung ganz andere Opfer gebracht. Es sind im Grunde fast immer Kriecher und Streber, die sich aus ihrer Familie hinausschleichen. Ich weine diesen traurigen Elementen keine Thräne nach, sie sind kranke Glieder, die amputirt werden müssen. Die Stärke Israels beruht nicht auf der Quantität. „Lieber klein, aber rein", ist ein sehr guter Spruch. Ich bedauere nur, daß unsere Juden nicht alle charakterfest genug sind, jeden gesellschaftlichen Verkehr mit diesen erbärmlichen Leuten abzubrechen. Mit Deserteuren zu verkehren, ist nicht unehrenhafter, als mit diesen widerlichen Auswüchsen einer falsch verstandenen Aufklärung. Nur in der Beziehung dec Renegaten zum Judenthum liegt nach meiner Ansicht eine Gefahr für Israel, und nur das ist zir bekämpfen. Ich wüßte sonst nicht, wie man dieses Uebel bekämpfen könnte. Feigheit und Charakterlosigkeit zu bekämpfen, — dazu ist keine Religion und keine Cultur stark genug. Allein eine andere Betrachtung drängt sich mir heute mit aller Gewalt auf, die Frage nach den Helfern dieser Renegaten. Wer sind die Geistlichen, die diese neuen „Seelen" aufnehmen? Und aus welchen Gründen geschieht dies? Das Tactgefühl verbietet es uns Juden, uns in innere christliche Angelegenheiten hineinzumengen. Aber die Judentaufen gehen uns doch schließlich an. Man macht uns ja auch noch nachher für die Handlungen dieser verlorenen Söhne verantwortlich, ja man spricht oft von der jüdischen Charakterlosigkeit, von ihrem Schacher mit Gefühlen und Ueberzeugungen. Es ist daher wohlberechtigt, wenn wir die Rolle, die die Helfershelfer der Renegaten spielen, näher betrachten. Die Pastoren sind die berufenen Hirten der christlichen Gemeinden, die Wahrer des christlichen Glaubens. Ihre Pflicht ist es, die Gemeinde rein zu erhalten, die Ueberzeugung der Gläubigen zu stärken und sie zur wahren Sittlichkeit zu erziehen. Wie verträgt sich nun diese hohe Aufgabe mit der so bereitwilligen Taufe der Juden? Ist es nicht die heilige Pflicht des Geistlichen, die Motive dieses Schrittes zu prüfen? Ist er nicht mitverantwortlich, wenn die Taufe, das Symbol der Reinheit und Heiligkeit, zu einer Carricatur degradirt werde. Ich habe keine hohe Meinung von der Proselytenmacherei. Dazu bin ich, meiner ganzen Anlage nach, zu sehr — Jude. Der Talmud betrachtet die Proselyten als Krebsschaden, und er hat Recht. Man gewinnt meistens nur da neue Seelen, wo entweder viel Unklarheit herrscht oder wo man in schwachen Momenten auf das Gemüth der Leute einwirkt. Aber ich begreife immerhin, daß der Geistliche seine Gemeinde groß und machtgebietend, seine Kirche voll sieht. Es ist auch psychologisch verständlich, daß Jemand, der in seiner Religion aufgeht, die ganze Menschheit an dieser wahren Seligkeit theilhaftig werden lassen möchte. Allein bedeutet denn die Aufnahme dieser jüdischen Flüchtlinge wirklich eine Bereicherung des Christenthums? Ist es nicht eine wichtige Bedingung, vor der Taufe die Gründe zu untersuchen? Der so arg geschmähte Talmud schreibt vor, daß man Einem, der zum Judenthum übertreten will, die Sache furchtbar schwer machen soll, um ihn abzuschrecken und sich von der Reinheit seiner Beweggründe und vom Ernst feines Willens zu überzeugen. Mir will scheinen, daß diese Praxis der Religion viel würdiger ist, als die Ueberredung. Ich erinnere mich eines Falles, der für die strenge Auffassung des Judenthums charakteristisch ist. Vor einigen Jahren haben die orthodoxen Rabbiner in Deutschland den Uebertritt eines christlichen jungen Mädchens zum Judenthum aus Liebe zum jüdischen Bräutigam zurückgewiesen, weil das Motiv kein religiöses ist. Hier war aber Nr. 40 doch wenigstens ein innerer Beweggrund, ein echt menschliches Gefühl, und die Liebe würde doch hier erziehlich und versöhnend gewirkt haben. Verfahren die christlichen Pastoren bei der Taufe nach diesen ethischen Grundsätzen? Das scheint mir häufig kaum der Fall zu sein. Die Erforschung der wirklichen Motive der Scheintaufe ist meistens nicht schwer, und würde der Geistliche nur den ernsten Versuch machen, der Sache auf den Grund zu gehen, so würde er bald erfahren, daß gemeines Streberthum, Sucht nach Orden und Titeln, nach Amt und Würden, das einzige Motiv der meisten „Bekehrten" ist. Ist es nicht seine Pflicht, im Namen der Wahrheit und der Religion solche Taufen zurückzuweisen? Ich spreche hier nicht von bloßen Möglichkeiten, ich citire nur Fälle aus dem Leben, und zwar aus den letzten Wochen. In der Stadt, einer mittleren Gemeinde Deutschlands, trat plötzlich ein 21jähriger Bankierssohn zum Christenthum über. Seine Großeltern waren fromme Leute mit echt jüdischem Herzen, sein vor einem Jahre verstorbener Vater bekleidete bis zu seinem Tode verschiedene jüdische Aemter und sein als Mensch wie als Jude hochangesehener Onkel ist I. Präsident der jüdischen Gemeinde und feiert jetzt sein 25jähriges Jubiläum als Synagogenrath. Das Alles hindert den pietätlosen jungen Menschen nicht, zum Taufbecken zu laufen, weil er am 1. October zum Militär geht und das Hinderniß zum Reserveofficier zeitig aus dem Wege räumen möchte. Ich glaube sogar, dieser hoffnungsvolle Jüngling würde dem Pastor in seiner cynischen Offenheit selber den wahren Grund sagen, wenn er danach gefragt hätte. Ein charaktervoller Geistlicher müßte einen solchen iveallosen Jüngling mit Verachtung von sich weisen. Ein zweiter Fall! Ein junger Arzt gehört mit feiner sehr reichen Frau noch heute dem Judenthum an. Sein Kind ist vor 2 Jahren vorschriftsmäßig beschnitten worden. Plötzlich fällt dem Vater ein, sein Kind taufen zu lassen, um ihm später die Laufbahn bequemer zu gestalten. Da sollte der Pastor antworten: „Sie und Ihre Frau sind Juden, sie können also vom christlichen Glauben nicht überzeugt sein, wie können Sie mir nun zumuthen, Ihr Kind zu taufen? * Der Herr Pastor war nicht so unhöflich und das Kind ist ohne Hinderniß getauft worden. Man fragt sich'unwillkürlich, aus welchen Gründen die Herren Pastoren sich hier so bereitwillig zeigen. In vielen Fällen ist es einfach Geschäft. Denn arme Juden lassen sich selten taufen, sie, die am meisten wirtschaftlich und moralisch unter den antisemitischen Strömungen leiden, tragen ihr Schicksal mit Würde. Die Candidaten der Taufe sind meistens sehr reiche Leute, und da fällt für den liebenswürdigen Geistlichen, der sie schmerzlos von der Bürde des Judenthums befreit hat, etwas ab. Nun gibt es gewiß auch hochachtbare Geistliche, die die Judenmission als eine hohe christliche Aufgabe auffassen und die sich daher über jeden bekehrten Juden aufrichtig freuen. Aber auch diese Herren müssen doch bei einem ernstlichen Nachdenken einsehen, daß hier von einer Bekehrung gar nicht die Rede sein kann. Einen Milderungsgrund . gibt es allerdings für diese Geistlichen: Sie können sich zwar nicht auf die göttliche Autorität, wohl aber auf die Praxis der weltlichen Behörden berufen, denn die Regierungen förvern in Deutschland und Oesterreich direct und indirect die Judentaufen. Diese Regierungen, die dazu berufen sind, sittliche Charaktere groß zu ziehen, erziehen durch die Begünstigung der getauften Juden Streber und Heuchler. Glauben die Regierungen, daß für gewisse Aemter nur Derjenige qualificirt ist, der im christlichen Glauben lebt, dann müßten sie consequenter Weise diese Aemter auch den getauften Juden verweigern. So naiv sind sie wohl kaum, um anzunehmen, daß hier ein innerer Läuterungsproceß vor sich gegangen ist. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß diese Ueberläufer weniger Charakter haben, als diejenigen Juden, die trotz aller Verkennung bei ihren Brüdern ausharren. Die Regierungen wollen aber nur den Schein gewahrt wissen und sie öffnen denen, die der Ceremonie genügten, gerne die Thore zu allen Aemtern und Würden. Die Geistlichen sagen sich daher: Wir handeln im Sinne der Regierung, wenn wir die Sache so leicht als möglich machen. Man hat einst gesagt: Jedes Land hat die Juden, die es verdient. Das ist gewiß nicht wahr. Die meisten Länder besitzen viel bessere Juden als sie verdienen. Das aber ist sicherlich wahr, daß die Staaten die getauften Juden besitzen, die sie verdienen. Die Taufe ist in erster Reihe ihr Werk -und der Culturhistoriker der Zukunft wird ihnen zu dieser Errungeufchaft nicht grätuliren.

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