Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 630 Dr. Blocb s Mocbenscbrlkt. Nr. 39 an diesem Tage ter Erinnerung (^ow-iiLrLoroL) der großen Vergangenheit unseres Volkes gedenken, wo von den Sinaihöhen das Schofer der jüdischen Cultur und der unsterblichen Ideen Israels wie ein Weckruf durch das ganze Erdenrund ging. Mögen an unserem geistigen Auge jene sinaitischen Fackeln vorbeiziehen, mit denen einst unser Volk der Gesammtmenschheit auf seiner Wanderung durch den Wüstensand des Lebens vorangeleuchtet, mögen jene sinaitischen Geistesblitze das düstere Gewölk am jüdischen Geisteshimmel zerreißen, auf daß im Hinblick auf unsere große ruhmvolle Vergangenheit unsere zersplitterten, vielfach auseinander strebenden Kräfte sich zu einem festen moralisch und Physisch geläuterten und gestählten Volksganzen sammeln, auf daß wir, mit neuen starken Werdenstrieben ausgerüstet, freudigen Herzens in die große jüdische Volkszukunft blicken und in echt jüdischem Sinne das Gebet verrichten können: „Gedenke unser zum Lebens Inkan MeU»»hla. Von Mary Moß. (Fortsetzung.) Weder Schmachtlocken, noch' Federn, noch schwarze Haut. Oben saßen Frau Brand und Frl. Parrish bei ihren Thretassen. Diese Theetassen enthielten herßes Wasser, da Frau Bcand's Ergebenheit gegenüber der Mode sich bis auf moderne Hygiene erstreckte. „Wie reizend Edith aus sieht!" wagte Frl. Parrish, die für ihre Mittheüungen nicht ohne Hoffnung auf eine Gegenleistung war. „Ich wünschte, sie wäre glücküch verheiratet!" Frau Brand war keine Freundin von Umschreibungen. Ihrer Naturanlage nach unfähig, die Dinge beim rechten Namen zu nennen, fand Frl. Parrish Vergnügen an der unumwundenen Ausdrucksweise der Frau Brand. Wie ein erwartungsvolles Kaninchen aussehend, fragte sie: „Warum haben Sie es so eilig, Cousine Margarethe? Sie ist jung genug, um sich Zeit lasten zu könnend „Sie ist sehr, sehr schwer zu leiten", Frau Brand war sehr bitter, „und ich wünschte, dieser junge Meldohla, oder wie er heißt, wäre aus dem Wege. Ec kann mir noch viele Unannehmlichkeiten bereiten. Ich habe nicht die Absicht, sie an ihn zu verheiraten, aber der leiseste Widerstand würde hinreichen, um daß sie es durchaus wünsche. Sie ist so launenhaft." „Wie, ich höre sie wieder heraufkommen. Edith! Edith!" Edith kam langsam zur Thür: „Ich werde nun doch heute nicht ausreiten. Herr Meldohla ist im letzten Augenblicke abgetanen worden; sein Diener brachte ein Brllet." Das Couvert, das sie in der Hand hielt, sah eher wie ein Brief aus. „Und es ist zu unangenehm, bei diesem Nebel allein zu reiten. Ich denke, ich werde statt des Rittes ein behagliches Schläfchen u achen." Als die älteren Damen allein waren, fuhr Frau Brand mit dem Ausdruck gespannten Nachdenkens fort: „Jetzt möchte ich wiflen, was geschehen ist; ich hoffe, daß sie sich gezankt haben, aber wenn sie sich wieder aussöynen, habe ich mir etwas ausgedacht, was ich thun will, obgleich es eine schwere Plage sein wird." Die Kaniuchennase zuckte deutlich vor Erwartung. „Was meinen Sie, Cousine Margarethe?" Frau Brand erklärte ihre Absichten mit edler Opfermiene. „Ich höre, Mary, obgleich ich nie in der Nähe eines solchen Ortes war, daß es in Catskills und Long Brauch gewisse Hotels gibt, die gänzlich von Leuten unterstützt werden mit schrecklichen Namen wie: Lämmlein, Blumberger, Aronson und dergleichen. Ich glaube nicht, daß sie uns Zimmer verweigern würden. Wenn diese Angelegenheit Edith's fortschreitet, bekomme ich Rheumatismus. Das Klima von Maine ist sehr feucht, der Doctor wird sicher einen Klimawechsel verordnen und wir werden in eines jener Hotels gehen. Trotz all' ihres Unsinns hat Edith im Grunde einen sehr verwöhnten Geschmack, ist heikel und etwas dünkelhaft, und wenn sie sie einmal unter sich sieht, wird sie kaum Lust haben, sich einem solchen Milieu einzufügen. „Nichtsdestoweniger möchte ich gern einen Blick in dieses Billet werfen." In ihrem Zimmer angelangt, legte Edith den ungeöffneten Brief auf ihren Toilettetisch, dann ließ sie das Reitkleid hinabgleiten und warf einen leichten Schlafrock über und streckte sich auf dem Divan aus. Der Haufen unausgeputzter Kleider störte sie, langsam erhob sie sich, nahm sie aus und warf sie aus der Thür und kehrte zum Toilettetisch zurück. Da lag das noch unerbrochene Couvert. Nun, es mußte früher oder später geschehen. Es waren mehrere Seiten; die Schrift verrieth Eile. Hier war ein Wort, dort ein Fleck ausradirt. Sie las: „Natürlich ist es meine Schuld, daß ich Ihnen nichts sagte. Wahrlich, ich erinnerte mich nicht daran. Sie ließen mich Alles bezüglich Juden oder Heiden vergessen. Sie und ich waren gleich, ohne Unterschied des Blutes oder der Race zwischen uns. Bitte, verstehen Sie dies, ich tadle nicht Sie, sondern mich. Wenn Sie gewußt, wenn Sie geahnt hätten, Sie hätten nicht so gesprochen. Ich sehe nun, daß mein Schweigen Sie in Jrrthum führte. Als diese Leute anfingen, wie Sie sagten, Dreyfus zu begeifern, machte es so den Eindruck der komischen Oper, daß ich mich nicht entschließen konnte, zu sprechen. Gerade, weil es jedem Juden so viel bedeutet, konnte ich den Kuuimer Israels nicht vor einer Fcühstücksgesellschaft bloßlegen, um die Empfindungen hysterischer Weiber zu kitzeln." „Natürlich, meinen Sie nicht wirklich, was Sie sagten, aber es ist bester, daß Sie es sagten, weil unter einem bloßen Witz, einer Schalkhaftigkeit ein Gefühl, eine Antipathie liegt. Wir beide, Sie und ich, sind Fremde, aber es liegt eine Schranke zwischen uns und es ist bester, diese zu respectiren; um unsere Gefühle zu schonen, sollten wir Juden das immerzu verkünden. In Anbetracht dessen, daß wir manchmal nicht zu unterscheiden sind, da wir weder Schmachtlocken, noch Federn, noch schwarze Häute haben, die uns als niedrigere Thiere kennzeichnen. Vergeben Sie mir den Hohn, Liebe. Sie wissen, daß mehr als verletzte Eigenliebe darin liegt. Wenn das alles wäre, könnte ich lachen, aber Sie sollten mein Weib werden, ich hatte nie einen anderen Gedanken, seit ich Sie zum erstenmal sah. Sie mochten „ja!" oder „nein!" sagen, früher oder später sollte es doch sein. Ich hatte vergesten, daß Sie und ich in gewissen Gefühlen erzogen, mit gewiffen Jnstincten geboren worden waren, und was wäre das Leben, wenn diese immer zwischen uns ständen? Am eigenen Leibe habe ich, den Conflict jener empfunden, die unter den Sympathien zweier Raeen leben. Kein Mann sollte diesen Streit zwischen sich und sein Weib pflanzen, denselben seinen Kindern vererben. Ich hatte es vergessen, Gott verzeihe mir! Alles vergessen, außer Ihnen, und wenn ich Sie sähe, würde ich wieder vergesten. Wenn das rauh, wenn es brutal ist, bitte verzeihen Sie mir, aber Sie müssen bedenken, daß wir heute ausreiten sollten, nach jener langen Landzunge, wo sich die See an zerklüfteten Felsen bricht und die Luft voll Salzgeruch und Leidenschaft ist, Liebste, Leidenschaft des Lebens." Ediths Augen schlossen sich. Sie bebte vor Schmerz, Schmerz voll Süßigkeit. Das konnte noch gutgemacht werden, da er sie noch nicht haßte. Sie wollte so sanft sein, sie wollte Wege finden, ihn zu erreichen. Da stieg eine Bision vor ihr auf, wie es hätte sein können, die Landzunge und ihre Pferde dicht nebeneinander. Jetzt mußte es ganz anders sein. Ihr Glück mußte ernsthaft sein, es blieb kein Raum für Heiterkeit. Es durfte kein Scherzen, kein Zaudern sein. Das Blatt wendend las sie noch: „Aber das wäre erst die wahre Tragödie gewesen, mit einander versprochen zu sein, und dann ein zufälliges Wort, eine unvorhergesehene Enthüllung. Nein! Es ist bester so. Dies ist ein Lebewohl! Sie zu sehen, wäre mir der herbste Schmerz. Mit Rücksicht auf mein Volk, könnte ich Sie jetzt nicht heiraten, Liebste, auch nicht, wenn Sie mich bäten." Das war das Ende! Edith saß in stummem Jammer; ihr ganzer Lebensplan ließ keine solchen Gefühle zu, wie jene, deren Beute sie jetzt war. Es war ein weiterer Schmerz und eine Demüthigung, daß sie sich trotz seiner Schlußworte mehr denn je sehnte, Julian zu sehen. Seine Gegenwart schien ihr die Einsamkeit des Lebens auszuschließen; er verstand! Welches Recht hatte er, so in ihrer Seele zu lesen, zu errathen, was sie in plötzlicher Eingebung gewollt hatte? Nun, so waren sie wenigstens quitt. Aus unerträglichem Unbehagen und Unlustgefühl gab sie sich heftigem Aerger hin. Er war zu nachsichtslos. Das Liebe zu nennen und sie gleich zu verlassen, ohne auch nur eine Erklärung zu suchen oder