Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021533--13014-3037641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 39 Dr. Klocb's MocbenscbrM. Seite 631 zuzulassen. „Ich könnte Sie jetzt nicht heiraten, selbst wenn Sie mich bäten!" Wie kann em Weib sich um einen härmen, der ihr solche Dinge sagt. Da hätte er sie ja eben so gut schlagen können. Sie wollte ihn so rasch wie möglich vergessen. Kein Weib könnte unglücklich sein um eines Mannes willen, der solche Dinge sagte, sie wollte ihn baldigst vergessen, und wenn sie sich dem Nächstbesten geben müßte, der sie verlangte. Heiraten! Das war offenbar die Lösung all ihrer Schwierigkeiten. Edith hatte nicht umsonst so viel gelesen — Lektüre jeder Art, philosophische und pseudowiffenschaftliche, und sie stellte eine Diagnose über ihren Zustand auf, und constatirte, daß es ein psychologischer Zustand sei, der einschneldende Maßregeln erforderte. In heftiger Reactlvn gegen jedwedes romantische Gefühl, erklärte sie, daß ihre Neigung für Julian nur eine Kundgebung der Ermüdung, gegenüber ihrer jetzigen Lebensweise, gewesen sei. Sie erkannte an, daß die Männer lästige und wwerwärtige Wesen seien, da aber der einzige Ausweg aus Unannehmlichkeiten verschiedener Art war, einen zu heiraten, durfte sie an dem Preise nicht mäkeln. Bezüglich dessen, daß man einen lieber hatte, als einen andern, sollte keine intelligente Frau sich einer solchen Thorheit schuldig machen. Je mehr sie darüber nachdachte, desto deutlicher fand sie, daß es ihr zukam, Julian sehen zu lassen, wie sehr er sich irrte, ats er wagte, sich einzubilden, daß ihr etwas an ihm lag. Es bedurfte einiger Zeit, bis sie aus diesen Standpunkt gelangte, und das Stubenmädchen, das kam, um sie anzukteiden, fand sie noch ruhelos auf und ab gehend. „Welches Kleid, Fräulein?" „Das grüne, das schöne grüne, und Annette frisiren Sie mich sehr sorgfältig, ich will heute Abends hübsch aussehen." Annette sah ihre Herrin überrascht an. (Fortsetzung folgt.) Kiteratur. Das vorchristliche Judenthum in christlicher Darstellung von Oberrabdmer Dr. Gübemann, besprochen von Doctor M. L. Stern. Sofort, auf der ersten Seite schon der Güdemann'ichen Schrift gewinnen wir die Beruhigung, daß hier ein überlegener uno bestgeschulter Geist in der neuestens wieder etwas viffig gewordenen Controverse zwischen Judenthum und Christentyum das Wort ergreift. Die deutsch-protestantischen Theologen versehen es zumeist, daß sie eine Art liebloser Vivisection betreiben. Das Judenthum, welches sie so raffunrt anatomisiren und präpariren, um die vortrefflichen Functionen des Christenthumes zu demonstriren, ist ja zur Zert noch eine lebende, warmsühlende, geiststrotzende und hochintelligente Körperschaft. Diejenigen, die Ihr da des Mangels an Wahrhaftigkeit, der Muthlosigkeit, der Heuchelei und Scheinheiligkett, der Disharmonie und aller sonstigen perversen Untugenden anklaget, ruft Güdemann geistvoll aus, sind ja, genau besehen, die Juden der Jetztzeit, die mit und neben Euch hervorragend an dem großen, blendenden Werke der Cultur, der Wissenschaft, der Industrie, des Handels und der Politik mit gigantischem Muthe ringen. Güdemann dürste hierbei das Wort R. Jojua's vorgeschwebt haben: „Wäre ich allein am Leben und mein Gegenzeuge todt, so könnte ich vielleicht versuchen wollen, seinem Zeugniffe zu widersprechen, . oa wir jedoch Beide am Leben sind, so gälte mein Zeugniß kaum mehr als das des Andern. Die christliche Darstellung des vorchrtstlichen Judenthums beruft sich nämlich keineswegs auf maßgebende Geschichtsquellen, welche das jüdische Leben in neutestamentlrcher und srühererZeit erschließen, sondern auf rabbinische Vorschriften, Moralsentenzen und Glaubenslehren, welche nach neutestamentlicher und protestantisch-theologischer, unerschütterlicher Ueberzeugung nur Verworfenheit, all die vorgebrachten Nlchtsnutzigkeiten der Juden nothwendig bewirken müffen. Freilich bringt Bousset die rabbinische Lehre nicht nach Art Rohling'scher Lügen- und Fälschungsmethode zur Darstellung. Er führt die Lehrsätze und Sentenzen vor, wie sie wirklich lauten, und beurtheilt sie nur als derart philosophisch verfehlt, derart theologisch unerleuchtet, derart vom christlichen Dogma abseits, daß sie trotz nicht abzuleugnender guter Absicht, trotz dem gewaltigen Rauschen von Moral, Liebe, Herzensgüte und sogar mächtiger Weisheit über den Gewässern des talmudischen Meeres seiner christlichen Ueberzeugung nach verwirrend auf das menschliche Gemüth wirken, ein krankhaftes Moralleben voll wuchernder Lasterhaftigkeit bewirken müffen. Wenn nun, meint Güdemann, diese christlich-theologische Ueberzeugung so zutreffend und richtig wäre, so müßte sie durch das Judenthum der nachchristlichen Zeit bis heute sich bestätigt zeigen, da die Juden seit Christus feststellbar noch mehr und inniger mit eben derselben rabbinischen Lehre verwachsen und von ihr beseelt erscheinen als je vorher. Einst habe er den seligen Movers darüber vortragen gehört, wie die jüdischen Schristgelehrten die Thephilin anlegen. Der Vortragende habe aber von der Sache auch nicht entfernlest ein auch nur annäherndes Bild geben können. Da frug er sich im Stillen, ja warum ließ sich doch der gute Pros. Movers nicht einmal die Sache von irgend einem lebenden Juden vormachen, anstatt sich das Bild aus Lehrsätzen so mühselig und falsch zusammenzustellen? Ja, warum schauen sich die christlichprotestantischen Theologen die Wirksamkeit und moralische Bedeutung der rabbinischen Lehre nicht an irgend einem der vielen tausend rechtschaffenen, tüchtigen und gemüthreichen Juden an. die von dieser rabbinischen Lehre beseelt sind und zahlreich allüberall zu finden sind, anstatt sie durch einseitig christliche Theorien so ungerecht zu kränken und zu erniedrigen? Warum lassen sie die ganze zweitausendjährige heroische Geschichte des Judenthumes mit der so innigen Hingebung an die rabbinische Lehre unbeachtet und legen einseitig den Maßstab ihrer unzulänglichen Theologie an diese Lehre, die sie weder in ihrer Ganzheit überschauen noch im Einzelnen gehörig abmeffen können oder wollen. Hiermit hat Oberrabbiner Dr. Güdemann die Bösartigkeit dieser Controverse grell beleuchtet. So lange man sich über die abstracten, aus Borurtheilen entsprungenen, von der Vernunft gar nicht erreichbaren, hartnäckig behaupteten theologischen Dogmen nicht zu einigen vermag, bleiben Juden und Judenthum verurtheilt. gibt es auch aus der Geschichte und aus dem Leben für sie keine Rechtfertigung. Das ist ein vielschneidiges Schwert. Wird so das Judenthum seinen Bekennern nur einigermaßen verleidet, so wird die Judenmiffion doch ihr heißersehntes Ziel erreichen, hie und da irgend einen Juden zu bekehren. Denen welche weder Miffion noch Bekehrung brauchen, die sich einfach aus Charakterschwäche um der vielen täuschenden irdischen Vortheile willen taufen laffen, geben sie Phrasen in den Mund, durch welche sie sich den Nimbus der Ueberzeugung zu verschaffen suchen. Zuletzt aber und nicht zum mindesten dringen doch einzelne dieser durchaus trügerischen Schlagworte selbst in die besten jüdischen Kreise hinein und erzeugen neben treuer Anhänglichkeit und inniger Begeisterung für die großen Ideen des Judenthums im Allgemeinen denn doch eine gewiffe Geringschätzung des praktischen Judenthums, eine zunächst innerreligiöse und nachträglich auch moralische Lockerung. Diese Phrasen müffen in der That für viele Ausschreitungen in den besten jüdischen und selbst in so manchen bethörten Rabbinerkreisen herhalten. Wir sind leider weniger, als man gewöhnlich abschätzt, von denselben unberührt gk blieben. Güdemann beleuchtet nun philosophisch und historisch alle die ins Feld geführten rabbinischen Lehrsätze, ergänzt paffend aus seinem reichen Wiffensschatze das zur richtigen Beurtheilung noch Fehlende und bringt klar vor die Augen, daß sich die erleuchteten Juden auch heute noch gerade so wie zur Zeit der großartigen jüdischen Propheten, als die überlegensten Meister der Theologie, d. h. für uns, — der moralisch erhebenden Lehre vom Zusammenhänge der Menschen mit Gott erweisen. Die hohe Begeisterung für die Thora (das sogenannte Gesetz der christlichen Theologen) im Allgemeinen und für das jüdische Ceremonialgesetz noch ganz besonders, von welcher die Güdemann'sche Darstellung getragen wird, verleiht ihr einen Schwung, der auch den Leser erfaßt und mit sich fortreißt. Das innige und erleuchtete Erfaßen des jüdisch-rabbii.ischen Cultus nach seiner Bedeutung für Erziehung, Läuterung und Verinnerlichung menschlichen Lebens als Gesetz des harmonischen Gleickgewichtes der menschlichen Jnstincte und Triebe ermuthigt Dr. Güdemann, unbekümmert um alle christlich-protestantischen Ther - logien, unbekümmert um alle zeitlichen leichtfertigen Strömung, n lehachsir Athara lejoschnoh, beherzt den vollen Glanz d,s Judenthums in seiner Allheit auszurufen. In einer überaus schönen und einfachen Weise bringt dann auch Güdemann den Traditiovsbegriff und dessen volle Berechtigung zur Geltung und macht in distinguirter Aufklärung über den Entwicklungsgang der Halaehah das traditionelle gesetzestreue Judenthum zur Parole.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.