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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 89 Dr. Mocb's Mlocbenscbrm. Seite 629 daß er sich während seines ganzen Lebens und besonders wähcend seiner hiesigen leider so kurzen Wirksamkeit nur Freunde, aber keine Feinde erworben hatte. Mit Recht mögen sie ihn beweinen, denen es vergönnt war, in seiner Nähe stetig zu verweilen, mit Recht aber auch die, die, weit weg von seiner Stadt wohnend, sein segensreiches Wirken nicht geschaut; denn er, der wahrheitsuchende und wahrheitverbreitende Mann, er, der selbstlose, opferfreudige, der schlichte und bescheidene Mensch, der gottbegnadete, glänzende Redner, der auf allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft bewanderte Rabbiner weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er gewann sich die Herzen seiner Freunde und Mitarbeiter durch eine nie versiegende Hilfsbereitschaft, durch seine Arbeitslust und seinen Fleiß. Er durfte sich einer steigenden Beliebtheit, sowohl von Seiten der Gemeinde, als auch von Seiten des damaligen Oberrabbiners Professor Simonsen rühmen. Sein besonderes Augenmerk richtete der Verstorbene auf die Ausbildung der Jugend. Durch privaten Unterricht sowohl, als auch durch solchen in den Religionsschulen suchte er die Frömmigkeit unter dem Heranwachsenden Geschlechte zu verbreiten. Zu demselben Zwecke richtete er auch wöchentliche Curse für die reifere Jugend ein. Es hätte unserer Gemeinde zum größten Nutzen gereicht, würde Herr Dr. Goitein noch länger in deren Mltte geweilt haben. So aber zehrte eine tückische Krankheit an seiner Gesundheit, persönliche Enttäuschungen und eine nimmerrastende Thätigkeit gaben der Krankheit Stoff zum Entwickeln, und gegen seinen Willen sah er sich genöthigt, vor Kurzem auf einer Badereise Genesung zu suchen. Vergebens war jedoch all' sein Bemühen, die zerrütteten Körperkräste wiederherzustellen. Ec fühlte seinen Zustand schlechter werden, und mit innigem Bedauern mußten seine Freunde sein kränkliches Aussehen wahrnehmen. Und so kam es denn, daß er nach einer eben vorgenommenen Trauung einen Schlaganfall erlitt, von dem er sich nicht mehr erholen konnte. Nach mehreren Tagen bewußtlosen Liegens auf dem Krankenbette verschied er. Sein Name jedoch wird in unvergänglichem Glanze weiter fortleben, und möge ^eine trauernde Witwe, sowie seine alte Mutter — sein Vater starb vor ungefähr Jahresfrist in Nachod — einen kleinen Trost finden in unseren Thränen und der Theilnahme derer, die dem Verstorbenen nahe standen. London. (Jüdischer Gottesdienst auf hoher See. Die Schiffahrtsgesellschaft Union-Castle-Line hat auf ihren zwischen London und dem Cap verkehrenden Schiffen je eine Cabine zum jüdischen Gottesdienst eingerichtet, der auf allen Schiffen abgehalten werden soll, die sich noch während der hohen Festtage auf dem hohen Ocean befinden. Der am letzten Mittwoch abgegangene Dampfer »Berwick Castle^ war der erste, der mit einer Synagoge eingerichtet war. Der Secretär des hiesigen jüdischen Obdachs ist der Verwaltung der Schiffsgesellschaft bei den nöthigen Arrangements behilflich gewesen. Feuilleton. „Gedenke «nser;«m Keken". Von Rabb. Dr. I. Nacht. Man mag über die Berechtigung der Zeittheilung streiten, man mag von rein gedanklichem Standpunkte aus den Zeltgrenzen, die Convention um Sitte und Leben gezogen, abgeneigt sein. Eines steht außer allem Zweifel: Auf unser Gefühlsleben haben gewisse Momente und Zeitabschnitte großen und mächtigen Einfluß. Im jüdischen Leben ist Rosch-haschanah ein solches Gefühlsmoment. So oft der Zeiger der jüdischen Zeitenuhr diesem Tage sich nähert, geht es wie ein Beben und Zittern durch unser ganzes Gemüth; so oft der rollende Zug der Zeit mit seinem schweren, gewaltigen Rüstzeug an dieser Station anlangt, so oft der schrille Pfiff der Zeitlocomotive an unser geistiges Ohr schlägt, werden wir wie mit einem Rucke aus dem engen Rahmen niederen Seins in neue höhere Regionen getragen. Hier ruhen wir aus vom profanen Getriebe des Alltagslebens, um unser Sinnen und Denken Dingen höherer Natur zu weihen und von hoher Warte aus unser Thun und Lassen zu betrachten. Gleich dem scheidenden Freunde, der uns für immer verläßt, regt uns auch Rosch-haschanah zum Nachdenken über das abgelaufene Jahr an, gerade in dem Momente, wo es sich von uns abwendet, um für immer in den dahinbrausenden Zeitenstrom zu entfluthen. Mit einem Tage der Ecinnerung (Jom-hazikoron) tritt das neue Jahr an uns heran. Es ist,,als sollte das davonerlende Jahr, gleich dem sich von uns trennenden Freunde, den wir nimmermehr sehen sollen, noch einmal in der Scheidungsstunde festgehalten und zmückgerusen werden. Wir halten Rückschau. Was wir im verflossenen Jahre gelhan, was es uns gewesen, soll aus der Fluth der Vergessenheit hervorgezaubert werden. Haben wir nicht die Zeit umsonst vergeudet, fragt uns eine innere Stimme. Haben wir unsere Tage und Stunden nicht todt geschlagen, indem wir sie thatenlos dahingelebt? Wir beten: .Gedenke unser zum Leben." Haben wir im vergangenen Jahre Verständniß für das jüdische Leben gezeigt? jenes Leben lm höheren Sinne, wo die uns eingeborenen besseren Kräfte und edleren Regungen ihrer individuellen Bestimmung gemäß sich bethätigen, wo das reich besaitete Tonzeug unseres Innern rein und hell ohne fremde Beimischung erklingt. Wir sind im Gottes- Hause versammelt. Die Schoferklänge, das Symbol jüdischer Freiheit, schlagen an unser Ohr. Vernehmen wir diesen Freiheitsruf auch in unserem inneren Tempel, in unserem Herzen? Sind wir nicht vielmehr innerlich Sclaven, die blos nach Außen hin die Posaune an die Kehle setzen, um Freiheitsklänge ertönen zu lassen, für die sie kein Verständniß haben? Das Schofer, lehrt die rabbinische Vorschrift, darf nicht mit Gold besetzt sein. Nicht das Irdische und Relative, das der Vergänglichkeit Geweihte, nicht der äußere Tand und Prunk, diese den Kastengeist nährenden Giftelemente sollen zum Ausdrucke gelangen. Nein. Das Ideelle, das Ewigwerthvolle, den heiligen Gedanken der Gleichheit und Freiheit lchrt uns das Schofer. Ist es auch so mit dem Schofer in unserem inneren Tempel bestellt? Unterdrücken wir nicht vielmehr die edelsten, inneren Regungen dem äußeren Glanz zu liebe? Verschmähen wir nicht die innere rufende Stimme des Gewissens, wenn es gilt, irdischen Genüssen zu fröhnen? Ertödten nur nicht in uns jedes höhere Streben nach moralischen Werthen, weil wir sclavische Anbeter des goldenen Kalbes sind? Ist nicht unser inneres Schofer mit Gold besetzt? . . . Wir achten auf das Schofer, das Instrument jüdischer Fceiheilsrufe, daß es kein Spältchen aufweise, daß es keinen fremden Beisatz erhalte. Ist auch das Schofer, das in unserem inneren Herzenstempel erschallen sollte, ganz und rein? Sind wir nicht vielmehr innerlich zerrissen, zerfahren und zerklüftet? Sind nicht die heiligsten jüdischen Gesühle, die unseren Ahnen so theuer waren, in den Hintergrund gedrängt, während fremder antijüdischer Geist in unserem Herzenstempel das Scepter führt? Fremde Gefühle bevölkern unser inneres Leben, reißen die Herrschaft an sich, erfreuen sich aller Bürgerrechte, während die heiligsten und erhabensten Slttlichkeitsideale Israels, die wir seit Jahrtausenden als theuerstes Erbgut unserer Väter überkommen, in unserem Herzen, in unserem gewissermaßen inneren geistigen Staatsleben ein kümmerliches jammervolles und dahinsiechendes Dasein führen. Unsere altjüdischen Ideale werden im Gegensatz zu den fremden nicht jüdischen Bestrebungen von Ausnaymsgesetzen regiert. Nur an Ausuahmstagen, wie etwa Roschhaschanah, Jom-kippur, schließlich auch an Jahrzeitstagen kommt die jüdische Seite zur Geltung, während sie sonst abseits dasteht, von Niemand gesucht und begehrt, einer Einöde gleich, eine seufzende Ruine, wohin sich keine Lebensspur verirrt. Was aber können wir von einem moralischen Judenthum, das Ausnahmsgesetzen unterworfen ist, erwarten? Wir brauchen nur einen Blick auf's politische Leben zu werfen und zusehen, welche Früchte Ausnahmsgesetze zeitigen? . . . Wir kennen sie alle diese Jammergestalten mit ihren bleichen Gesichtern und ihrem unsäglichen Elend. Wir haben sie vor Augen diese Schreckensbilder, diese Lebendig-Todten: das Product der politischen Ausnahmsgesetze. Sind wir etwa berechtigt, von den moralischen Ausnahmsgesetzen, die wir in herzlosester Weise aus unsere theuersten jüdischen Geistesgüter anwenden. minder traurige Resultate zu erhoffen? . . . Diese und ähnliche Betrachtungen stellen, oder beffer gesagt sollen wir heute anstellen, heute, wo wir das Gebet: ^Gedenke unser zum. Leben" verrichten. Wie der physisch Leidende nicht eher genesen kann, bevor seine Krankheit untersucht und die Diagnose festgestellt worden, so auch der psychisch Kranke. Auch hier bedarf es der moralischen Prüfung, sollen wir von unserem psychischen Siechthum befreit werden; auch hier bedarf es der genauen Feststellung der Diagnose, sollen wir nicht ein dahinsiechendes Leben führen. Mögen wir an diesem Tage des Gerichtes (Jom-hadin) vor unserem inneren Richter erscheinen, um uns von den moralischen Schlacken und der Beimischung, mit denen uns der Druck des Exils behaftet, zu befreien. Mögen wir

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