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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Llocb's Mocbenscbrttr Seite 633 Gegen 7 Uhr Morgens fuhr der ungefüge, mit einem Zeltdach versehene Wagen vor, der uns von Jerusalem aus zum Grabe Rahels nach Bethlehem und zu den Gräbern der Patriarchen nach Hebron führen sollte. Drei Pferde waren nach russischer Art neben einander gespannt und auf dem Bock saß ein aschkenasischer Jude, der sie mit singender Stimme antrieb. Am Jaffa-Thor vorbei bogen wir rechts auf die Heerstraße, die nach Süden führt; sie ist bis Bethlehem leidlich erhalten und theilweise mit Bäumen bepflanzt. Arabische Bauern tragen Lebensmittel zur Stadt, Kameelkarawanen zogen lautlos vorüber, bisweilen nur ulsterbrach lautes Schreien die Stille, wenn die Kameele vor dem unbekannten Gefährt scheuten und in die Felder auszubrechen suchten. Die Straße wird viel begangen und die malerischen Kleider der Bethlehemitinnen leuchten weithin. Viele der Frauen sind schön und der Gesichtsschnitt erinnert an das ferne Europa. Es fließt wohl mancher Tropfen Krenzfahrerblut in den Adern dieser Mädchen mit dem Weißen Kopfputz über den braunen Haaren. Noch heute ist die Stadt, in die man nach etwa zwei Stunden einfährt, fast ausschließlich von Christen bewohnt, die sich durch Fanatismus und Geldgier auszeichnen. Die Häuser ähneln denen süditalreuischer Städtchen, über den Läden sind griechische Inschriften angebracht. Die Gegend ist gut bebaut und Olivenpflanzungen verleihen dem Ganzen ein harmonisches Ansehen. Eine Stunde hinter Bethlehem wird's einsam. Der Weg steigt langsam durch steiniges Bergland bis zur Quelle „Ain Sülih", die in einem alten Kastell am Wege entspringt. Das Wasser fließt in die alte Wasserleitung, die längs der Salomonischen Teiche hinter dem Kastell in ein kleines grünes Thal hinuuterführt. Die mächtigen Wasserbehälter, die einst Jerusalem mit Trinkwasser versorgten, sind oft beschrieben worden. Die Zeit ihrer Entstehung ist unbekannt. Die tiefen, zum Theil in den Felsen gehauenen Gruben sind heute versumpft, die hohen Ufermauern verwittert, der Boden mit grünen Wasserpflanzen bestanden, zwischen denen rothbeinige Störche nach Nahrung suchen. An den Ufern wachsen Disteln, Klee, rothe und gelbe Blumen — Frieden liegt über der Gegend, nur ein arabisches, nacktes Hütebübchen klettert, von der Sonne braungesengt, zwischen den Felsen umher und schaut neugierig, was die fremden Männer treiben. Welch gewaltige Stadt muß einst Jerusalem gewesen sein, als ihm die Wassermengen aus den oben genannten Behältern zum Verbrauch nicht genügten — und jetzt! Ein kleines Rinnsal dort an der Seite speist die neugeschaffene Wasserleitung, auf die man seit Jahren ln der Stadt Davids so freudig gehofft hat! Das Steigen der Sonne mahnt zur Weiterfahrt. Während der Wagen auf zerwaschenem Wege schwerfällig dem Kamme des Gebirges zustrebt, beginnt unser Rosselenker still vor sich hinzusingcn. Wir lauschen. Welch' trauriger Singsang, der an unser Ohr schlägt! Klagen über eigene und fremde Schuld, über das trostlose Eegenwartselend des Runiäniers und Russen, den man verfolgt, schlägt, tödtet — auch im neuen, alten Lande vermag man noch nicht zu vergessen, was so lange auf der Volksseele gelastet hat. Einige hundert russischer Pilger kommen betend die Höhe herab, Männer, Weiber, hilflose Greise, beladen mit armseligen Nahrungsmitteln für den laugen Weg in der Gluthitze des Mittags. Vor und hinter dem Zuge Kawaffen des russischen Consuls, wie Fürsten neben dieser elenden, verhungert aussehend-m Schaar mit den leidvollen, stumpfen Zügen. Und diese Armseligen sind die Herren, die Bedrücker! Wie arm ist doch diese Welt! Auf der Höhe droben herrscht das Schweigen. Eine steinige Berglandschaft ohne jeglichen Anbau. Zwischen dem Geröll hie und da eine mächtige, schwarze Kalla, ein wenig Gras, sonst kein Halm. So geht's stundenlang, immer das gleiche Bild. Bisweilen gewahrt man schwarze Höhlungen in den Felsen, uralte Gräber, die man in den Stein gehauen Die Habsucht hat auch die Ruhestätten der Todten nicht gescheut, leer gähnen die finsteren Wölbungen. Wer weiß, ob nicht Könige und Propheten hierher zum langen Schlaf getragen wurden; vielleicht Männer, die schon vergeffen waren, als Abraham hier seine Herden weidete. Das einst so fruchtbare Land ist nirgends bebaut, nur vereinzelte Schafweiden breiten sich vor dem Blick, hier und da ein paar weidende Büffel oder Kameele. beschützt von waffenstarrenden Hirten, denn es sind unsichere Zeiten. Die alten, 6 Fuß hohen Steinschlotz-Gewehre find oft prächtig eingelegt, der Lauf mit gelben Metallringen beschlagen. Man kann wundervolle Stücke erwerben, aber die LeukS' trennen sich schwer von der Büchse und der silberbeschlagenen Pistole, die im Gürtel steckt. Vor Hebron liegt ein Kloster, bei dem eine uralte Elche steht, die man Abrahams-Eiche nennt. Aber bis zu den Zeiten der Patriarchen ragt sie kaum hinauf, obgleich der Baum sicherlich sehr alt ist. Von einer Anhöhe aus, die am Wege liegt, sieht man weithin über das Land nach Westen. Berge, grüne Matten, graue Sanddünen und ganz hinten ein feiner blauer Streif — das „große Meer gegen Abend", wie es die Bibel nennt. Und nun Hebron selbst, gebettet in grüne Weingärten, kleine Olivenhaine und reifende Felder. Alles zeugt von Fleiß und Ordnung und selbst die Häuschen sind sauberer und freundlicher, als man es sonst hier gewöhnt ist. Man sieht, der Ort hat eine Zukunft, die vielleicht der Vergangenheit nicht unwürdig ist. Wir fahren in den großen, arabischen Chan, spannen die hungrigen Pferde aus und verzehren! das mitgebrachte Fleisch und Brot. Bald hat sich die Kunde unserer Ankunft verbreitet und einige Zaptiehs erscheinen, uns ifjrej Dienste anzubieten. Durch den engen Bazar, in dem außer Tüchern und hier hergestellten Glaswaaren wenig zu finden ist, wandern wir zum Haräm, der nach uralter Sage die Höhle Machpela umschließt. Wir erhandeln einige Kleinigkeiten und haben wieder jenes eigenartige rührselige Gefühl, wie wenn alte heilige Zeiten um uns wach werden. Denn der Kauf geht in jener biblischen Weise vor sich, die so einfach und doch dramatisch die Höflichkeitsbezeugungen der Urzeit uns schildert: Abraham bietet Geld für die Grabstätte, Ephron aber erwidert: „Nein, mein Herr, sondern ich schenke Dir den Acker und die Höhle dazu, zu begraben Deinen Todten." Und Abraham bückt sich vor den Kindern des Landes und spricht: „Nein, ich bitte Dich, nimm von mir das Geld, das ich Dir gebe." Ephron meint nun zwar: „Was ist Geld zwischen mir und Dir?" setzt dann aber hinzu. „400 Schekel Silbers ist der Acker Werthund so werden sie handelseinig. Man darf heute nur den Vorhof der Moschee und die untersten Stufen der Treppe betreten, die zu dem Betraum emporführt. Hier führt ein Loch im Felsen hinab in die Gruft und die Juden weinen hier, wie an der Klagemauer Jerusalems. Der Zutritt zur Höhle ist seit Menschengedenken nur dem Kaiser Friedrich und dem österreichischen Kronprinzen Rudolf gestattet worden. Selbst mit Bakschisch ist hier nichts zu erreichen, denn die Bevölkerung ist außerordentlich fanatisch und der Fremdenhaß hat mit dem Wachsen der panislamitifchen Bewegung bedenkliche Formen angenommen. lieber die Höhle berichtet Benjamin von Tudela*), der das Innere um 1170 n. Ehr. besucht hat; den Christen zeige man falsche Gräber. Er fährt fort: „Mich selbst hat man „durch einen eisernen Thurm, noch von unseren Vorfahren errichtet, mit brennender Kerze in die Tiefe geleitet und nachdem ich zwei Höhlen, in denen sich nichts befindet, passirt hatte, gelangte ich in eine dritte. Und siehe, da sind sechs Gräber von Abraham. Jizchak. Jakob, Sara, Rebecca und Lea, eines dem andern gegenüber, geschlossen zwar, aber mit Inschriften versehen, die anzeigen, wer darin ruht. Das Grab Abrahams trägt die Inschrift: „Dies ist das Grab unseres Vaters Abraham. Friede sei mit ihm". Wie wenig verstehen es doch die Menschen, die stillen. Zauber zu hüten, der um solche Gräber weht! Hätte man den einfachen, baumbestandenen Acker mit der Höhle im Hintergründe unberührt gelassen, so wäre hier eine der andachtsvollsten Stätten der Welt. Die Patriarchengräber sollten inmitten gelber, wogender Felder, hoher schwarzer Cypressen liegen, der ganze weihevolle Frieden der heiligen Mutter Natur müßte sie umfluthen. Statt dessen hat man der Natur Gewalt angethan, ein dunkles Steinhaus auf die Ruhestätte der Hirtenfürsten gestellt und die Gruft zu einem unterirdischen düsteren Gewölbe entwürdigt. Und während mein Begleiter die Moschee zeichnet, sammelt sich das Vol', beschimpft die Giaurs und stößt Drohungen aus, so daß wir vorziehen, uns langsam in die kleine Gasse zwischen der Moschee und der Umfaffungsmauer zurückzuziehen. Ein Steinwurf trifft meinen Begleiter, ich fasse den Uebelthäter und strafe ihn tüchtig mit der Reitpeitsche, aber das erregt das Volk noch mehr. Kaum wenden wir den Rücken, so prasselt ein Steinregen hinter uns drein, wie durch ein Wunder entkommen wir unbeschädigt in eine Seitenstraße, indeß die Zaptiebs das Volk znrückhalten. Durch enge Hintergassen wandern wir zurück zum Chan, nicht ohne vorher dem Chacham einen Besuch abgestattet zu haben. Ein ehrwürdiger Greis empfängt uns, von Kawaffen umgeben, inmitten riesiger Folianten und bietet uns orientalische Confitüren und Cigaretten. Im gelben Mantel und Turban, mit dem langen weißen Bart sieht er selbst einem Patriarchen gleich. Es ist fast 6 Uhr, als wir, unserer gesunden Glieder froh, aus dem Städtchen hinausrasseln. Auf jenen Höhen droben lag die alte Stadt und Davids Burg! Am Rande jenes Teiches „Birket es Sultan" ließ er die Mörder Jsboseths aufhängen. Droben liegen einige Trümmer, vielleicht bezeichnen sie die Stätten einstiger Größe. Wi der vergehen die Stunden, es ist tiefe Nacht, als ein weißes Grabmal vor nns auftaucht: Rahels Grab. Wir treten hinein, em Lichtmeer empfängt uns; denn drinnen brennen die heiligen Lampen: man betet für die heimreisenden Bokarer. Ein einfacher weißer Sarkophag steht in der kleinen Halle, etwa in der Form eines großen Koffers. Das eigentliche Grab soll unter dem Fußboden sein. An den Wänden ziehen sich Steinbänke, auf denen rauchende Septardine sitzen — kein sehr würdiger Anblick. Ein mohammedanischer Scheik tritt herein, zieht die Schuhe von den Füßen und küßt ehrfurchtsvoll das Grabmal. Dann wendet er sich zu den Rauchern: «Ihr solltet hier nicht rauchen, man raucht doch nicht am Grabe seiner Mutter!" Und verächtlichen Blickes verläßt er die Halle. Wie gerecht und tactvoll dieser Vorwurf! Ist es doch die Stammesmutter, die so eifrig über ihre Kinder wacht, daß die nach Babylon ziehenden Juden ihr Weinen auf den Bergen hörten. Rahel klagt uw ihre Kinder, sie weint und „will sich nicht trösten lassen". Und wieder empfängt uns tiefe Nacht, nur droben am Himmel funkeln die Sterne, leuchtender als wir sie kennnen. Wir schweigen Aund schauen träumend auf die weiße runde Kuppel des Grabes, bis sie endlich im fernen Dunkel den Blicken entschwindet. *) Nach der trefflichen kürzlich erschienenen Uebersetzung von 'Dr. L. Grünhaupt, Verlag von I. Kaufmann in Frankfurt a. M.

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