Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 623 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 89 beinhalten eine Episode, die zu erzählen ich ebenso zeitgemäß halte, als es die herzerhebende Feier der 25jährigen Wiederkehr der für Oesterreichs Fahnen so ruhmvollen Tage ist: An einem schönen Septembertage des Jahres 1878 brachen wir zeitlich am Morgen von den südöstlichen Höhen von Olovo (zwischen Kladany und Sarajevo) auf und erreichten nach I4stündigem Marsche über die wasserlosen, theils felsigen, theils bewaldeten Höhen (2000 Meter) um halb 10 Uhr Nachts die Ebene bei Han Bojciluka. Ein Häuflein auf den Felsenkämmen erscheinender Insurgenten hätte dieser oft Mann hinter Mann aufgelösten, vorwärts kriechenden, aufwärts kletternden und so geradezu kampfunfähigen Colonnen eine vernichtende Niederlage bereiten können. Aber wer hätte einer regulären, mit Sack und Pack belasteten Truppe das Wagestück zugetraut, einen durch eine so wilde Gegend ziehenden, selbst von den Eingeborenen nur selten benützten Gebirgssteig einzuschlagen. Todmüde und hungernd warteten wir auf den Befehl, den »eisernen Borrath4, das ist jene Ration, die der Soldat nur im äußersten Falle angreifen darf, zu verzehren. Dieser Befehl erfolgte alsbald, und gierig machte sich Jeder über den Zwieback und die Conserve her. Ich rief einen unweit von mir stehenden Infanteristen an: »Goldmann4! lassen Sie auch meine Conservenbüchse, die im Tornister liegt, beim Lagerfeuer wärmend Nach wenigen Augenblicken, nach einer mit dem Compagnie- Commandanten gepflogenen Unterredung, sah ich mich in der Erwartung der ersehnten Zehrung um Goldmann um und traute meinen Augen kaum, den Erwartenden mit leeren Händen in meiner unmittelbaren Nähe zu sehen mit einer Jammermiene, die in mir Argwohn erweckte. »Was ist's mit der Büchse? fragte ich. »Herr Feldwebel, ich habe etwas zu melden." »Nun4? »Ich bitte Herr Feldwebel, nicht hier, sondern dort hinter'm Heuschober/ und deutete links. »Ja was gibts denn?4 Hub ich neugierig an, und als er bittend die Hände aufhob, folgte ich ihm auf dem Fuße. Am Ziele nahm er aus der Blousentasche ein kleines Gebetbuch heraus und während er eine Stelle darin suchte, bat er mich, heute nichts zu essen, denn es sei Vorabend des Versöhnungefestes. »Lol nidre!4 »Kennen Sie die Bedeutung des heutigen Abend4 inquirirte er mich, als wäre er mein Vorgesetzter. »Gewiß!4 war meine Antwort, »habe ich doch als Kind an des Vaters Seite alljährlich an diesem Abende der wehmuthsvollen zu Herzen gehenden Töne der Gebete gelauscht4. Das Gefühl der Rührung überkam mich in diesem Momente; ich wurde weich, Thränen stürzten aus meinen Augen. ... Ich weinte. ... Eine gute Weile überließ mich mein Gefährte dem Schicksale. Ich träumte wachend; jene Zeiten kamen mir in den Sinn, wo ich als Dreizehnjähriger der Ehre theilhaftig wurde, den ganzen Tag des Jom Kipur fasten zu dürfen; jenes glücklichen und stolzen Tages erinnerte ich mich, und heute? Im Angesichte des Feindes, das Leben auf dem Spiele. »Goldmann!4 schrie ich, »ich esse nichts, auch morgen nicht, verstehen Sie mich?4 »Jawohl! auch ich nicht4, entgegnete der Brave und reichte mir das Maebsir. Stumm überblickte ich die Stellen des Lol niäre-Gebetes und so inbrünstig nahm ich diese Worte auf, als würde ich sie hinausschmettern in alle Welt — als ein Zeichen der Reue, der Einkehr. Die Bitte an den Segenspender: Laleb dewer wecherow. Glücklich brach der Morgen heran. Unser Ziel war diesmal bald erreicht, denn kaum 4 Stunden marschirten wir, da zeigten sich unseren Blicken die unzähligen Thürme der Minarets und Moscheen der stolzen Bosna Saraj (Sarajevo). Dort wurden wir auf den Gängen der großen türkischen Kaserne (die Zimmer waren bereits belegt) ein quartiert. Seit 5 Wochen das erstemal unterm Dach. Schnell brachten wir unsere Sachen in Ordnung, denn es war der Befehl verlautbart worden: den Soldaten mosaischen Glaubens wird des Versöhnungsfestes wegen der Tempelbesuch gestattet. Die Menage ließen wir selbstverständlich unberührt und eilten der großen Synagoge zu, in welche wir in dem Moment eintraten, als der Vorbeter mit lauter Stimme »Unsane taukef4 anhub, welche Stelle die Bedeutung des großen Tages kennzeichnet: Jaum hadin, der Tag des Gerichtes; die Musterung der Menschheit; die Eintheilung nach Kategorien. Mi jichje mni jomus, — wem das Leben, wem der Tod beschicken ist, mi bacherew, wer im Kriege umkommen soll. Hunderte jüdische Soldaten, auch Officiere lauschten andächtig diesen Worten, die einen gewaltigen Eindruck ausüb.en mußten, denn Thränen der Rührung perlten über die gebräunten Wangen der Krieger. W. F. Georg v. Bunscn und Jakob Bernays. In dem Buche über Georg von Bunsen erzählt die Verfasserin aus der Gymnasialzeit des Gelehrten und Politikers: »Auf das Lebhafteste erfüllen ihn seine Studien, und eingehend berichtet er seinen Eltern über deren Verlauf. So schreibt der fünfzehnjährige Knabe am 28. Juli 1840: »Vater, da ich einmal dabei bin, muß ich Dir noch sagen, so wie die hebräische Sprache klingt doch keine Sprache, die ich lesen gehört oder kenne, es müßte denn das Italienische an Anmuth. wenn auch nicht an Großartigkeit ihr gleichkommen. Und diese Sprache dazu so einfach, so kindlich und großartig, so sehr möchte ich sagen der Sprache noch ähnlich, die vor Dem Entstehen der Sprachenverschiedenheiten — der Babylonischen Sprachverwirrung — gesprochen sein muß; man merkt ihr an, daß noch keine unnützen Hobler und Novellenschreiber darüber gekommen sind. Wenn dieses hebräische Feuer in mir auflodert, was ich glaube und hoffe, so soll es auch die Stufe sein zu dem Studium der Sprachen, welche die Entwicklung des Menschen in ihren Anfängen uns vorführen, der semitischen4. Gleich interessant ist folgende Stelle des Buches: »Als mein Vater nach dem Semesterschluß die Ferien in London verbrachte, ermöglichte er diese Reise auch einem neuen Freund, dem Phylologen Jakob Bernays, dessen geistige Gaben er oft erwähnt hatte, mit dem er oft im Plato las und der jetzt von den Bunsen'schen Eltern mit eingeladen worden war. »Wie wohlthuend4, schreibt Georg seinem Vater (2. August 1851), »wird ihm der Verkehr mit Dir anschlagen, wie genußreich für Dich die nähere Berührung mit diesem seltsam betrogenen Orientalen, der den sichtenden Scharfblick des neuen Juden mit dem großartig majestätischen seiner Voreltern zu verbinden scheint! Er ist mir wirklich sehr lieb . . . Ueber seine Stellung zum Judenthum habe ich so viele Betrachtungen angestellt, von denen ich hier nichts sagen will. Beim Mittagessen (denn Frühstücken, d. h. Thee oder Kaffee trinken und Butterbrod essen kann er mit Christen) . . . hilft er sich in jüdischen Garküchen, oder was wahrscheinlicher ist, bei seinen unzähligen und anhänglichen Landsleuten ... Er ist ein seltsamer Mensch, dem der Himmel auch einen praktischen Sinn und unbeugsame Willenskraft verliehen. Man hat sich von hier aus sehr angestrengt, ihm eine Professur, d. h. ein Gehalt zu verschaffen. Endlich langt nun aus Berlin die Antwort ein, die auf immer dem Juden die Aussicht benimmt.4 (spätere Briefe zeigen, wie mein Großvater und Herr von Ltockmar sich die größte Mühe geben, ihm dennoch eine Stellung zu erwirken.) Seiner Mutter schrieb mein Vater über den Freund (22. August): »Ganz gewiß irre ich mich nicht, wenn ich seinen Verstand bewundere, wie auch seine religiösen Ansichten, trotzdem sie nicht die unseren sind. Dir wird zweifellos seine Intelligenz gefallen, die sich im Gespräch kundthut, trotz des jüdischen Aeußern, trotz der — ganz ehrlich gesagt — natürlichen Abneigung, welche wir Alle einer so gänzlich fremden Race gegenüber empfinden ... Am Sonnabend darf er weder abreisen, noch ankommen, also reisen wir am Sonntag. (19. November)4 Dies war wohl die erste Berührung mit dem Judenthum. Bernay's heute wahrscheinlich selten vorkommendes, leidenschaftliches Hasten am Aeußerlichen, selbst bei seiner innerlichen philosophischen Ansicht vom Dogma, war ihm unverständlich und noch unwahrer als katholischer Brauch, aber das Volk erschien ihm achtenswerth und interessant, und mit seinem fein besaiteten Gerechtigkeitsgefühl hat er sich stets auf das Lebhafteste den gehässigen Anfeindungen dieser Mitmenschen widersetzt.4 Die Palriarchengräber. Eine Fahrtnach Hebron. Von Adolf Friedemann (Wiesbaden). Hebron — die Gräber der Erzvater, welche Gedanken rufen diese Worte in uns wach! Es weht zu uns herüber wie Morgenluft aus den Kindertagen der Menschheit. Sonnenschein und Hirtenfrteden, rauschende Eichenhaine und die Hütten schlichter und doch zu Großem bestimmter Menschen — Alles das zieht an uns vorbei und weckt die Erinnerung an die eigene Kindheit und an den frommen seligen Kinderglauben.