Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 620 Dr. Vlocb's MocvenscbrM. Rr. 39 gebautes Rettungswerk stützen könnte, das sich planmäßig und unentwegt einer Fülle wirthschaftlicher, moralischer, erziehlicher, ästhetischer und gesellschaftlicher Mittel zu bedienen vermag. Die Anwendung solcher Mittel muß derartig geschehen, daß die Wechselwirkungen einen Einfluß aufeinander ausüben und sich gegenseitig durchdringen. I. Antrag Dr. Nathan: Die Versammlung begrüßt mit größter Sympathie die Gründung der jüdischen Bereinigung zum Schutze von Mädchen und Frauen mit dem Sitze in Lemberg. Sie hofft, daß diese Vereinigung unter Ueberbrückung jeglicher Gegensätze sich über ganz Galizien ausdehnen und einen wichtigen Factor für die Bekämpfung des Mädchenhandels bilden wird, der in enger Fühlung mit den gleichstrebenden Vereinen Oesterreich- Ungarns und der westeuropäischen Staaten zu wirken berufen ist. Amendement Frl. Pappenheim: Die Versammlung ist der Ansicht, daß der neuen jüdischen Bereinigung eine Frauenfection angegliedert werden soll, der insbesondere die rein Humanitären und sanitären Aufgaben zugewiesen werden. II. Antrag Dr. Nathan: Die Versammlung ist der Ansicht, daß von der jüdischen Vereinigung zum Schutze von Frauen und Mädchen in Lemberg sogleich eine Anzahl Agenten angestellt werden soll, um die Ausbreitung des Vereins über ganz Galizien herbeizuführen und um in allen Orten zuverläffige Personen zu gewinnen, die geeignet sind, dem Mädchenhandel entgegenzuwirken. Der Verein soll überdies ein Auskunftsbureau errichten, das ohne Entgelt sachliche Auskünfte über Auswanderung ertheilt und bei dieser Gelegenheit auf die Gefahren der Auswanderung hinweist. IH. Antrag Dr. Rosenack: Das moralische Niveau unserer Glaubensgenoffen soll gehoben werden: 1. Durch Gründung einer Jargonzeitung und Einwirkung der Rabbiner in Wort und Schrift, 2. durch Beaufsichtigung der Chadorim, Talmud-Thoraschulen und sonstigen Schulen durch die hierzu Berufenen. IV. Antrag Rabbiner Schmelkes in Kolomea: An sämmtliche Rabbineu in Galizien ist die Bitte zu richten, gemeinsam zu erklären, daß das Denunciren der Mädchenhändler bei der Polizei keine Aweiroh, sondern eine Mizwoh ist. V. Antrag Rev. Singer und Dr. R o s e n a ck: In Erledigung der Vorschläge des Rev. Singer befürwortet die Versammlung. die Rabbiner zu ersuchen, daß sie nach wie vor das Volk belehren, nur legale Ehen einzugehen. VI. Antrag Dr. Nathan: Alle weiteren Anträge in erziehlicher und cultureller Richtung werden der neuen Vereinigung zur Prüfung und Erledigung zugeführt; insofern sie jedoch auf eine wirthschaftliche Thätigkeit sich beziehen, sind sie an die Hilfsvereine für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Wien zu leiten. Zum Schluß forderte Dr. Byk die Versammlung zu dem üblichen Kaiserhoch auf und dankte dann mit herzlichen Worten den Erschienenen. Er hob hervor, daß seit 20 Jahren keine Delegirtenversammlung in Lemberg so zahlreichen Besuch von orthodoxen Rabbinen auszuweisen gehabt habe. Dies erwecke in ihm die besten Hoffnungen auch für ein späteres Zusammengehen. Herr Tuch dankte der Cultusgemeinde Lemberg. Herr Dr. Caro dem Präsidium, Herr Rabbiner Schur rief der Versammlung den Wunsch „Auf Wiedersehen" zu und Herr Dr. Rosenack betonte, daß alle Theile der Versammlung sich näher gerückt seien. Herr Dr. Nathan gab seiner Freude Ausdruck, in Galizien so viele intelligente Männer aller religiösen Richtungen gefunden zu haben, die zur Mitarbeit bereit sind, und hofft davon das Beste für das Gelingen des Werkes. Ec spricht nochmals den Dank der auswärtigen Delegirten für die freundliche Aufnahme aus. Damit schließt dieser erste galizischjüdische Delegirtentag zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Damit auch die festliche Stimmung zu ihrem Recht kam, veranstalteten die Cultusgemeinde am Dienstag Abend, die Loge am Mittwoch Abend einen Empfang der Delegirten in ihren Sitzungsräumen. Minister von Plehwe und dir Jude«. Die „Welt" meldet: »In vielen Zeitungen ist in den beiden letzten Wochen ein Geheimerlaß des ruffischen Ministeriums des Innern publicirt worden, der sich gegen die Organisation der ruffischen Zionisten richtet. Trotzdem dieser Eclaß ausdrücklich vom 24. Juni datirt erscheint und nach den Mittheilungen auf dem Sechsten Zionistencongreffe und den Mittheilungen vieler Journale aus der Zeit vor dem Congresse Dr. Herzl erst ein und ein halb Monate später seine Unterredung mit Herrn von Dlehwe hatte, wird nun von vielen Blättern, sei es aus Unkenntniß, sei es aus Böswilligkeit, die Sache so dargestellt, als ob das Verbot zionistischer Versammlungen u. s. w. nach dem Empfange Dr. Herzl's erfloffen wäre/ So weit die officiöse Auslassung der „Welt". Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat von diesem Geheimerlaß in Nr. 37 Notiz genommen und hinzugesügt: „Bekanntlich hat dieses Verbot Dr. Herzl veranlaßt, seine Reise nach Rußland zu unternehmen. Als Erfolg derselben dars man den Brief von Plehwe's an Dr. Herzl ansehen." Wir haben somit den Zusammenhang und den Verfolg der Ereignisse richtig dargestellt. Der Zweifel über den Erfolg der Action scheint nach den Mittheilungen des „Bukarester Tagblatt", welche wir in Nr. 38 der „Oesterreichischen Wochenschrift" registrirt haben, nicht ganz unberechtigt. Nach Privatmittheilungen, welche dem genannten Blatte zugekommen sind, werden trotz des Briefes an Dr. Herzl zionistische Vereine in Rußland aufgelöst und ihre Führer in gerichtliche Untersuchung gezogen. Allein, selbst wenn diese Meldung sich auch als unrichtig erweisen sollte, was wir wünschen, zeigen die neuesten Ereignisse in Rußland, wie Herr von P l e h w e nunmehr vorzugehen gedenkt. Ueber die neuen Judenexceffe in Hömel meldet ein christlicher Augenzeuge dem „Berliner Tageblatt": „Wir sind nur mit knapper Noth einem zweiten Kischenew entgangen. Die letzten Ursachen der Krawalle gehen bis in den April zurück. Wie überall, so hat auch hier die russische Regierung die größten Anstrengungen gemacht, eine socialistische Maifeier zu verhindern. Das Mittel, um hierzu zu gelangen, bestand darin, daß man jüdische und christliche Arbeiter gegeneinander aufzuhetzen suchte. Die christlichen Arbeiter sind meistens bei der Eisenbahn angestellt. Man bewilligte ihnen eine Reihe von Erleichterungen, wenn sie das Versprechen abgeben wollten, am 1. Mai nicht zu demonstriren. Da auch die Juden sich durchaus ruhig verhielten, so ist der 1. Mai ungestört verlaufen. Die Wirkung der Haltung der Regierung war aber die, daß sich ein gewisses gespanntes Verhältniß zwischen den jüdischen und den russischen Arbeitern herauszubilden begann, freilich nicht auf natürlichem Wege, aber dadurch, daß die russische Regierung Agenten unter die Bahnarbeiter gesteckt hatte, die diese systematisch gegen die Juden aufzuhetzen sich angelegen sein ließen. Die Stimmung wurde allmählich immer bedrohlicher, und 'die Folge war, daß die jüdische Bevölkerung, die bis dahin immer in bestem Einvernehmen mit dem anderen Theil der Stadtbevölkerung gestanden hatte, Besorgnisse zu hegen begann. Nachdem die fürchterlichen Ereignisse in Kischenew sich abgespielt hatten, versah sich ein Theil der Juden auch mit Waffen. Der Regierungsbehörde war diese Thatsache wohlbekannt, und ich weiß bestimmt, daß man unter diesen Umständen bei den Behörden nur nach einem Anlaß suchte, um einerseits den Juden eine Lection zu ertheilen und andererseits zugleich zu ihrer Entwaffnung zu schreiten. Dies die Basis der Ereignisse. Die Ereignisse selbst spielten sich alsdann in meiner Gegenwart in folgender Weise ab: Am 11. September fand Wochenmarkt statt. Nun gibt es zwei Lesarten über den Beginn der Streitigkeiten. Soviel steht jedenfalls fest, daß bei einem Heringskauf der jüdische Verkäufer und der russische Käufer in Streit geriethen, aus dem eine Prügelei entstand. Dem Verkäufer und dem Käufer liefen andere Personen zu Hilfe. In kürzester Zeit war aber diese Prügelei durch das Einschreiten der Polizei wieder unterdrückt. Da man in jüdischen Kreisen ahnte, was bevorstand, so sorgte die intelligentere Bevölkerung dafür, daß am Sonnabend und Sonntag durchaus Ruhe gehalten wurde. Angesehene Juden gingen durch die Straßen und warnten vor jeglicher Ausschreitung. Am Montag war das Bild vollkommen verändert. Die Bahnarbeiter waren inzwischen aufgehetzt worden. Man sagte ihnen, sie wären verpflichtet, das zu rächen, was am Freitag geschehen war, und sie kamen daher von der Bahnstraße drohend und johlend in die Stadt. Und nun das Charakteristische I Die Schloßstraße, in der die wohlhabende jüdische und christliche Bevölkerung wohnt, war bereits durch Militär abgesperrt. Das war ein deutliches Zeichen, daß die Regierungsbehörde durchaus wußte, was bevorstand, und daß sie die wohlhabende Bevölkerung zu schützen bereit war. Dagegen ließ man die Bahnarbeiter ruhig nach den ärmeren Vierteln passiren, und sie begannen ein unerhörtes Verwüstungswerk namentlich in den ärmeren