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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 89 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Seite SIS niff-. Die große Kinderzahl steigert die Nahrungssorgen und führt zu weiterer Vernachlässigung der Erziehung und Aussicht seitens der Eltern. Diese Noth wirft das jüdische Mädchen, das auch Ansprüche an das Leben stellt, dem ersten besten Seelenfänger in die Arme. Galizien, in dem ein Achtel der Bevölkerung von 7 Millionen, also mehr als 80.000 Seelen, Juden sind, ist ein vorzugsweise ackerbautreibendes Land. Industrie gibt es sehr wenig. Die Spiritusbrennerei, Zuckerfabrikation und Holzbearbeitung werden im Zusammenhänge mit der Landwirthschaft betrieben. Aus dem Boden gewinnt man noch Petroleum, Erdwachs, Salz und in Jaworzna Kohlen. Einige Fabriken von Kerzen, Streichhölzern, Papier existiren, auch eine Seidenfabrik und einige Eisengießereien. Die Textilindustrie steckt in den ersten Anfängen, Lederindustrie ist ganz primitiv, ein wenig Confection ist vorhanden, die Sortirung von Roßhaar, Borsten und Federn beschäftigt eine Anzahl Personen. Juden sind in diesen Industrien beschäftigt; wenige in der Spiritusbrennerei und den Sägemühlen, etwas mehr in der Erdwachsgewinnung, der Kerzen-, Seifen- und Streichholzindustrie. In derWeberei arbeiten Juden nur als Tallesweber, dagegen sind die Gerbereiarbeiter, sowie die Näherinnen in der Confection meist unseres Glaubens, ebenso in den Sortirereien. Von der übrigen Industrie find die Juden fast ganz ausgeschlossen. Die Hausindustrie ist unbedeutend, etwas Korbflechterei, wo nur wemg Juden betheiligt find, die Erzeugung gestülpter Federkiele in Brody und die Haarnetzindustrie mit vorzugsweise jüdischen Arbeiterinnen. Das Handwerk ist unter den Juden sehr verbreitet, das Vorurtheil, das früher dagegen bestand, ist längst nicht mehr vorhanden. Jetzt drängt man sich in die Handwerkerschulen, so daß diese nicht mehr ausreichen. Der Handel ist fast ganz in jüdischen Händen, aber gerade in diesem Berufe macht sich der Antisemitismus geltend. Consumvereine, die keine Juden aufnehmen, und judenreine subventionirte Geschäfte nehmen dem jüdischen Kleinhändler das Brot vom Mund weg. Das Kleingewerbe ist fast ganz jüdisch, sehr viele Glaubensgenoffen sind Kutscher, Gastwirthe, Mauthpächter rc. und all; diese verdienen nur äußerst mühsam ihr karges tägliches Brot. Der Mauthpächter bringt es z. B. auf 4—8 Kronen, d. h. 3—6 Mark Per Woche! Es gibt einige hundert jüdische Grundbesitzer, viele jüdische Pächter und eine große Anzahl jüdischer Aufseher und Beamte in der Landwirthschaft, aber wenig eigentliche Bauern und Feldarbeiter. Die jüdische Intelligenz kann nur in den liberalen Berufszweigen existiren, denn im Beamtendienste gibt es fast gar keine Juden, weil sie bekanntlich nicht angestellt werden, aber dafür sehr viele Advocaten und Aerzte. Wie kann geholfen werden? Zunächst bei der Erziehung, Das jüdische Mävchen muß in höherem Maße als bisher zur Arbeit angehalten werden, auch die jüdische Frau und das Mädchen müssen auf ehrliche und sittliche Weise mitverdienen lernen. Dann aber muß vor Allem die ökonomische Lage im Ganzen gebeffert werden, das heißt nicht nur die Mädchen müssen Arbeit finden können, sondern auch die Männer müssen besseren Verdienst als bisher erhalten können: 1. In allen größeren galizischen Städten sind Dienstboten- und Nähschulen zu errichten, den ausgebildeten Mädchen sind Stellungen in besseren jüdischen Häusern in Galizien und im Ausland zu beschaffen. 2. In Ackerbauschulen find sowohl Knaben als Mädchen für die Landwirthschaft heranzubilden. 3. Hausindustrie ist einzuführen für diejenigen, die im Hause arbeiten müssen oder wollen. 4. Fabriksindustrie nach dem Muster der Puppenfabrik in Tarnow, welche die Jewish Colonisation Association errichtet hat, vor Allem solche Industrien, welche die Landesproducte verarbeiten, müssen gefördert werden. Die Schwierigkeiten der Einführung von Industrien ist nicht zu unterschätzen, die ungünstige geographische Lage, die mangelnde Schulung der Arbeiter, die Sabbathruhe sind sehr schwere Hemmnisse, doch muß man dieses zu beseitigen trachten durch Subvention der Unternehmungen in der ersten Zeit, eventuell auch für längere Dauer. 5. Errichtung von Creditgenoffenschaften und Darlehenscassen für Kleinhändler und Kleingewerbetreibende. Eine Organisation für alle diese Unternehmungen, welche der galizische Hilssverein nur auszubauen brauchte, besteht in den Einrichtungen der Hirsch-Stiftungen und der Jewish Colonisation Association. Wenn alle berufenen Factoren zu gemeinsamer Arbeit Zusammenwirken, zumal sie doch alle das gleiche Ziel erstreben: Die Hebung des ethischen und culturellen Niveaus, welche ja auch einer Besserung der socialen Lage folgt, und wenn es gelingt, die Gemeinden aus ihrer Passivität aufzurütteln, die Rabbiner zu Mitkämpfern heranzuziehen, dann wird dem Uebel, so tief es wurzeln mag, doch beizukommen sein. An das Referat schloß sich eine überaus angeregte Debatte, die auch die anderen Referate in den Kreis der Discuffion zog. Dieselbe gewann besonders an Farbe durch das Eingreifen der Rabbiner, die sich energisch betheiligten. Es sprachen: Rabbiner Schmelkes—Kolomea, Rabb. Dr. Rosenfeld—Czernovitz, Rabbiner Horovitz—Krakau, Dr. Pappenheim—Wien,FrauLilien—Lemberg, Dr. Waldmann—Lemberg, Prediger Dr. Caro—Lemberg, Rabbiner Lilienfeld, Rabbiner Lewin—Rohatyn, Eitelberg, Rabbiner Schmelkes—Lemberg, Taubes—New-Sandec.Dr. Nathan—Berlin. Während der ganzen Discuffion zeigte sich die erfreulichste Uebereinstimmung im Princip und in den meisten Details und das Entgegenkommen von beiden Seiten, um auch für die noch vorhandenen wenigen Differenzen einen Ausgleich zu finden. Nachmittagssitzung. Herr Paul Laskar—Hamburg hielt ein Referat über die Gefahren der planlosen Auswanderung. Nach kurzer Discuffion werden seine Anträge angenommen: Die galizischen Juden müssen über die traurige Lage ihrer für das Ausland ungeeigneten, in Amerika und England befindlichen Landsleute aufgeklärt werden. Diese Aufklärung muß erfolgen: 1. Durch die Rabbiner von der Kanzel und durch private Belehrung. 2. Durch die Gemeindevorsteher. 3. Durch die Leiter aller Wohlthätigkeitsanstalten. 4. Durch die jüdischen Zeitungen. Besonders find die Gemeindevorsteher und Rabbiner aller, auch der kleinsten galizischen Gemeinden dahin zu informiren, daß sie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, sowohl die für die Auswanderung ungeeigneten Männer, als auch besonders alle Frauen und Mädchen von der Auswanderung zurückhalten, welche nicht: 1. mit genügenden Geldmitteln versehen und 2. die genauen Adressen ihrer Familienangehörigen haben, mit der Sicherheit, von diesen Letzteren auch in Empfang genommen zu werden. Alsdann erfolgt die Abstimmung über die anderen inzwischen von einer Commission vorberathenen Anträge. Dieselben werden sämmtlich vorbehaltlich redactioneller Aenderungen angenommen : I. Die heute hier zusammengetretene Versammlung will über den Handel mit weißen Sclavinnen galizischer Herkunft, soweit er von Juden betrieben wird, hinfichtlich der Art seiner Ausübung und seiner Ursachen Aufklärung schaffen; sie will ferner auf dauernde Bekämpfung des schmachvollen Getriebes und auf Hinwegräumung der Ursachen in unermüdlicher Arbeit hinwirken. II. Die Ursachen der Uebel beruhen darin, daß bei einer Gesammtzahl von 772.000 sich mehr als drei Viertel der in Galizien wohnhaften Juden in äußerster socialer und ökonomischer Bedrängniß befinden. Tausende sterben jährlich an Hungertyphus dahin. In bitterster Nothlage kommen Viele körperlich, geistig, sittlich immer tiefer herab. Die niedrigsten Schichten dieser verelendeten Bevölkerung verfallen dem Kastismus, d. i. dem Mädchenhandel und allem anderen damit verwandten und verbundenen Berbrecherthum. III. Der Kampf gegen den Mädchenhandel muß sich gegen alle Formen dieses verderblichen Gewerbes richten, also unterschiedslos, ob es international, national oder local betrieben wird, desgleichen gegen Familien-Prostitution, Vermittlung, Zuschleppung und Kuppelei, sowie überhaupt gegen jedwede Art von Verbrechen, die nach Herleitung und Ausübung mit weiblichem Sclaventhum in Verbindung stehen. IV. Dieser Kampf würde jedoch aussichtslos bleiben, wenn er hinfichtlich der verarmten und verelendeten jüdischen Bevölkerung Galiziens sich nicht auf ein auf breitester Grundlage aus-

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