Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021533--13001-3037628
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 618 Dr. Dlocb's Mocbenscbrfft. Nr. 39 Dr. Byk eröffnet die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er die historische Entwicklung schildert, die zu dem jetzigen wirthschaftlichen Tiefstände in Galizien und besonders bei den galizischen Juden geführt hat. Doch stehen auch jktzt noch den Schattenseiten Lichtseiten gegenüber, vor Allem das innige Familienleben, die Opferwilligkeit, die Arbeitslust und Bildungsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Dr. Byk begrüßt die anwesenden Delegirten, besonders die Ausländer und schließt mit dem Wunsche, daß Osten und Westen gedeihlich zusammen arbeiten mögen. Der Osten wird dann lernen, der Westen wird die.östlichen Verhältnisse besser verstehen und entschuldigen. Namens der fremden Delegirten danken die Herren Rev. Singer- London und Dr. Nathan—Berlin, wobei Letzterer hervorhebt, den fremden Delegirten läge jeder Gedanke einer Bevormundung der Galizianer fern, man sei gekommen, um zu lernen, wie man helfen könne. Das Präsidium wird alsdann gebildet aus den Herren: Dr. Byk, Dr. Nathan, Rev. Singer, Rabbiner Schmelkes und Dr. Horovitz. Die Tagesordnung beginnt mit dem Generalreferat des Herrn Dr. Gustav Tuch—Hamburg. Redner verbreitet sich über die ganze Frage des Mädchenhandels, seine Ausbreitung und verschiedenen Formen. Er beleuchtet die sehr oft verwickelten Wege, die die Mädchenhändler zu gehen wissen, die Berführungskünste, über die sie verfügen, die Scheinehe rc. Alsdann spricht Redner über die Abwehrbestrebungen, die sich in allen Ländern dagegen rühren, die Congreffe der Nationalcomitss rc. und kommt zu dem Antheil der Juden an diesem schmachvollen Gewerbe, aber auch zu seiner Bekämpfung. Er schildert die Arbeit des jüdischen Zweigeomitss in Deutschland und betont die Anerkennung', welche diese Arbeit besonders auch bei den Nichtjuden gefunden hat. Redner schließt mit der Verlesung seiner Thesen, welche die Versammlung am Schluffe ihrer Verhandlungen als Motive zu den Beschlußanträgen angenommen hat. Der zweite Referent, Herr Rabbiner Dr. Rosenack—Bremen, erwähnt zunächst die Arbeit des Deutschen Rabbinerverbandes, in deffen Auftrag er Galizien bereits mehrmals bereist hat. Er wendet sich alsdann besonders an die Rabbiner und fordert sie auf, durch ihren Einfluß bei der Jugend auf eine hohe Werthschätzung der Arbeit hinzuwirken und, wo dieselbe besteht, sie zu pflegen. , Arbeit schafft das Laster aus der Welt!* Unter den Beifall der Versammlung führt der Referent aus, daß das Laster der Prostitution nicht nur bei den Mädchen, sondern auch bei dem.männlichen Geschlecht bekämpft werden müffe. Mindestens ebenso schuldig wie die Mädchen sind die verführenden Männer. Darum ist eine Reform der Erziehung nothwendig, aber nur unter Wahrung der Religion. Die gesundheitsschädlichen Chadorim müssen reformirt werden, aber der Rabbiner soll die Aufsicht über dieselben erhalten. Die Auswanderung vom Lande in die Stadt ist nach Kräften einzudämmen. Die Herausgabe einer Jargouzeitung unter Mitwirkung der Rabbiner ist nöthig, um solche Ideen unter den fast nur Jargon redenden Massen zu verbreiten. Der dritte Referent, Herr Dr. Meier Munk—Lemberg, sprach über die Organisation in Galizien. Er legt die Statuten eines zu dem speciellen Zweck soeben neu gegründeten Vereines vor, deffen entscheidender Paragraph lautet: § 2. Der Verein hat den Zweck, durch wirthschaftliche und geistige Hebung der armen jüoischen Bevölkerung in Galizien und der Bukowina den Mädchenhandel unter den Juden dieser Länder zu verhindern und die Verbreitung desselben nach Kräften zu bekämpfen. § 3. Die Mittel zur Erreichung dieser Vereinszwecke wären: a) Errichtung und Unterstützung solcher Anstalten, welche die wirthschaftliche, geistige und sittliche Hebung der jüdischen Mädchen zur Aufgabe haben, wie: Asyle, Dienstbotenheime, Kinderbewahranstalten, Haushaltung?- und Dienstbotenschulen, Anstalten zur Heranbildung von Kinder- und Krankenpflegerinnen, Stellenvermittlung u. dergl. d) Einwirkung auf die intelligenten Kreise und besonders auf die jüdischen Gemeinde-Repräsentanten zur Unterstützung der Bestrebungen des Vereines. c) Herausgabe und Verbreitung von Druckschriften, welche die Vereinszwecke fördern. ä) Veranstaltung belehrender Vorträge und öffentlicher Diskussionen an verschiedenen Orten dieser Länder. 6) Aufstellung von Belehrungs- und Warnungstafeln in öffentlichen Localen. k) Ertheilung zweckdienlicher Informationen, g) Schutz und Hilfeleistung bei drohender Gefahr, ü) Förderung der Bestrebungen anderer Vereine im In- und Auslande mit gleicher Tendenz. Dieser Verein wird Zweigorganisationen und Exccutivcomitas selbst in den kleinsten Orten Galiziens und der Bukowina errichten, wo dies aus irgendwelchen Gründen, wie Nähe d?r Grenze rc., wünschenswert erscheint. Referent wendet sich besonders an die Rabbiner, um ihre Unterstützung für den neuen Verein zu erbitten. Nach Anhörung der drei Referenten wird die Discussion eröffnet. Leider läßt der Mangel an Raum die Veröffentlichung der Discussion nicht zu. An derselben nahmen theil: Rabbiner Horovitz—Krakau, Dr. Nathan—Berlin, Dr. Caro—Lemberg, Dr. Nacht—Fvcschani, in der Nachmittagssitzung Dr. Waldmann, Frl. Pappenheim, Reichstagsabgeordneter Rapoport, Rev. Singer rc. Hervorzuheben ist, daß Prediger Dr. Caro und Rabbiner Horovitz bestritten, daß der Mädchenhandel überhaupt und mit jüdischen Mädchen speciell in wesentlichem Maße unter den Juden Galiziens verbreitet sei. Rev. Singer brachte einen Antrag ein, der sich gegen die illegalen Trauungen und Scheidungen richtet. Er verlas einen Brief der Frau Baronin Rothschild in London, den wir im Wortlaut wiedergeben. (Uebersetzung.) Prinz Park, Toiny, 5. August 1903. Lieber Herr Singer! Da Sie eben im Begriff sind, von England abzureisen, schicke ich Ihnen meine besten Wünsche für den glücklichen Erfolg ihrer Reise nach Lemberg. Das baldige Zusammentreffen der Rabbiner daselbst,, denen es am Herzen liegt, den weißen Sklavenhandel zu bekämpfen, wird, so hoffe ich inniglich, einen wohlthätigen Erfolg von der größten Tragweite erreichen. Als Vorsitzende der Jewish Association for the Protection of Women and Gerls nehme ich das wärmste Interesse an einem Unternehmen, welches die Wohlfahrt der Frauen sich zum Ziele setzt, und vorzüglich derjenigen, deren Jugend und Unerfahrenheit auf Schutz und Bildung Anspruch machen. Die schauderhaften Thatsachen des Weißen Sclavenhandels werden jetzt nicht nur überall zugestanden, sondern sie haben in allen Ländern den einstimmigen Entschluß hervorgerufen, dem schändlichen Unfug entgegenzutreten. Alle Völker hegen das Gefühl, daß es auch nationale Schmach ist, angesichts der actuellen Zustände müßig zu sein. Ich bin überzeugt, daß der Eifer, der von allen Seiten aufflammt, nur zu einem guten Ende führen kann. Erlaubt man mir ein Wort des Rathes auszusprechen, so würde ich meinen: Die Rabbinen und Gemeindehäupter, in Lemberg versammelt, sollten es allen betreffenden Eltern einprägen, daß sie ihren Töchtern nicht gestatten, Haus undLand zu verlassen, ohne völlig überzeugt zu sein, daß dem Mädchen ein sicheres und ehrbares Unterkommen in der Fremde bereit steht. „Forewarned is forewarned.“ Dieses dem Volke klar zu machen und einzuschärfen, ist höchst nothwendig. Wie viele junge Mädchen verlassen ihre Heimat, angelockt von falschen oder gleißenden Versprechungen, um nur darnach ins Unglück und Elend zu stürzen! Möge Gott Ihr Unternehmen beglücken! Seien Sie versichert, daß es mir eine hohe Freude verursachen wird, zu hören, daß die Versammlung in Lemberg etwas Gutes und Dauerndes zur Bekämpfung des Weißen Sclavenhandels, jenes Schandfleckens unserer Civilisation, erwirkt hat. Ich verbleibe wahrhaftig Ihre The Rev. S. Singer. E. L. Rothschild. Mittwoch, den 16. September 1903. Nachmittagssitz u n g. Der Präsident ertheilt Herrn D. Rotier—Wien das Wort zu seinem vortrefflichen Referat: „Wie kann durch die Hebung der wirthschaftlichen Lage unserer Glaubensgenossen in Galizien dem Handel mit jüdischen Mädchen vorgebeugt werden?" Referent charakterisict die Ursachen des Mädchenhandels und der Prostitution überhaupt und constatirt, daß die wirthschaftliche Nothlage der jüdischen Bevölkerung die vornehmlichste dieser Ursachen ist. Das jüdische Mädchen der Massen findet im Elternhaus, wie im Hause des Mannes, wenn es sich verheiratet, nur Elend und Mangel selbst an den nothwendigsten Subsistenzmitteln und keine Hoffnung aus eine Besserung dieser Verhält-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.