Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021532--12995-3037621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 38 Dr. Wlocb's MocbenscbrM. Sette 613 Edith. die schweigend zuhörte, entfuhr ein Athemzug schmerzlicher Erleichterung, dann hatte sie ein noch weheres Gefühl als zuvor. »Er ist also auch gut." »Es ist schrecklich, es zu sagen!" Frl. Parrish meinte das ganz aufrichtig, „aber selbst ein wenig Wildheit wäre vorzuziehen gewesen. Die Stimme senkend, fuhr sie eindrucksvoll fort: »Ec zeigte das unnatürlichste Interesse für alles Jüdische. Ec befreundete sich mit einem Manne — ich glaube, sein Name war Josephs — welcher ihn am Orte mitnahm und bei Leuten einführte, was der Bischof nicht unterstützen konnte. Meldohla ging mit Rabbis umher und that allerlei. Ihre Art und Weise deutete Verbrechen jeder'Art an, vom Ritualmorde bis znm Tragen von Brillanten-Hemdknöpfen. „Das ist ziemlich arg! Wurde er ein ausübender Jude?'» fragte Frau Brand. „Nicht das; ich es je gehört hätte, obgleich er nicht in bte Kirche geht, aber man hat mir gesagt, daß er thatsächlich behauptet, daß er stolz auf seine hebräischen Verwandten sei." Sie seufzte über so viel Verderbtheit. „Und seine Mutter stammte von so netten Leuten", schloß Frl. Parrish bedauernd. »Es ist jammerschade!" Frau Brand's Miene endgiltigen Abschlusses verschloß Julian für alle Zeiten die Thür, aber Edith fand plötzlich Stimme zu sprechen, eine trockene Stimme, die rauh, von vertrockneten Lippen kam. »Wie gut, daß ich das hörte, bevor ich heute mit Herrn Meldohla ausritt! Jetzt muß ich achtsam sein, nicht war, Tante Margarethe?" Sie nahm Handschuhe und Gerte auf und stand in der Thür mit der Miene beherrschter Ecregung, die Frau Brand durchaus nicht beruhigend fand. »Ich höre seine Pferde letzt die Alleeheraufkommen. Adieu Tante!" »Gehe nicht zu weit, Edith", rief Frau Brand ihr nach. „Sieh welch dichter Nebel eingefallen ist." Vor Kälte erschauernd ging das Mädchen ernsthaft die Treppe hinab, mit der Empfindung, daß alle Schwierigkeiten eines ganzen Lebens sich in die nächste halbe Stunde drängten. Die Treppe war nicht lang, zählte nicht viel Stufen, bevor sie aber auf der letzten anlangte, hatte sich ihr eine Ueberzeugung aufgedrängt. Nun wurde es ihr klar, daß dieselbe schon immer vorhanden gewesen, rückwärts in ihrem Kopfe, aber voll erwachsen und breit, seit sie die Nachrichten über Julian gehört hatte. Am Fuße der Treppe stand sie still, mit einer Hand aus dem Treppengeländer. Hanna hielt die Thür offen. Feuchte, warme Nebelwellen wogten herein Von draußen klang es von Pferdehufen herein, die ungeduldig stampften, ein leichtes Klirren von Halfterketten, beschwichtigende zur Geduld mahnende Stimme des Reitknechtes. Hanna blickte fragend nach ihr, sie stand noch still und streifte mechanisch mit den Fingern über das Geländer. Es bedurfte einer kurzen Zeit, zumindest einiger Secunden — für den Entschluß thätig zu sein, wo ein Mädchen sich leidend verhalten sollte — um das anzubieten, was demüthig erbeten werden sollte, aber die Großmuth, die verborgene Zärtlichkeit bluteten um das, was sie gethan hatte. Sie kannte keine halben Maßregeln. Sie hatte ihn schwer beleidigt, über jede Entschuldigung, über jede Gutmachung hinaus, außer einer. — Zitternd, erhobenen Kopfes und mit Augen voll überspannter Beschlüsse, eilte sie zur Thür, ihr Leben, die Welt und Traditionen hinter sich lassend, die selbst sie nie angezweifelt hatte. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Die ruffische Judenfrage! Bon dem im Mai d. I. in neuer Auflage erschienenen Werke des Brüsseler Professors E r r e r a : „L6s Juifs Russes, Extermination ou Emancipation“ ist soeben eine autorisirte deutsche Uebersetzung unter dem Titel: »Die russischen Juden. Vernichtung oder Befreiung?" erschienen, zu welchem Profeffor Theodor Mommsen ein Vorwort geschrieben hat. (Verlag von Schulze & Co., Leipzig, Preis Mk. 2.—.) Einem lebhaften Interesse seitens der ganzen civilisirten Welt wird dieses Werk begegnen, das schon bei seinem ersten Erscheinen die Terrorisirung der russischen Juden ans Licht rückte und seiner Zeit schon neue Gewaltthätigkeiten in Rußland in Aussicht stellte, die sich leider namentlich in letzter Zeit bewahrheiteten. Daß eine Bevölkerung, die seit langer Zeit so schweren Druck leidet und so gehässiger Verfolgung ausgesetzt ist, Spuren dieser Terrorisirung verräth, ist ebenso beklagenswerth wie unvermeidlich und man sollte den Uebertreibungen der von Haß erfüllten russischen Berichte energisch entgegentreten. Das Errera'sche Werk erweist sich nun als überaus reich an thatsächlicheu Feststellungen und wohlerwogenen Vorschlägen. Den Uebertreibungen, in denen die Fehler des jüdischen Volkes dargestellt werden, weiß der Verfaffer in nachdrücklichster Weise zu begegnen und führt eine große Anzahl von Zeugen für seine Behauptungen an, u. A. den Fürsten Demidow San Donato, die beiden amerikanischen Forscher über die Gründe der Auswanderung nach den Bereinigten Staaten, Weber und Kewpster. Tolstoj und viele einflußreiche Zeitungen. Alle guten Vorschläge und die Fülle des unanfechtbar glaubwürdigen Materials, aus sicheren Quellen geschöpft, hier wiederzugeben, würde zu weit gehen. Wir rufen mit dem Verfasser aus: „Tna res agitur!“ und es sollte kein Mensch das überaus sympathische Buch ungelesen laffen, der Mitleid empfindet mit einem seit Jahrzehnten bedrängten Volk, dem nur der eine Borwurf gemacht werden kann, als Juden geboren zu sein! „Tna res agitur!“ sollten in erster Linie auch Diejenigen beherzigen, denen es ihre Stellung im öffentlichen Leben möglich macht, Rußland zur Abänderung dieser himmelschreienden Zustände zu veranlassen. Der ganzen civilisirten Welt Widerstand zu leisten, würde Rußland nicht in der Lage sein. Neue Bücher. „Ost und West." Jllustrirte Monatsschrift für modernes Judenthum, Verlag von S. C a l v a r y & Comp., Berlin NW. 7. Heft, Nc. 9, September 1903. Inhalt: F a b i u s S ch a ch: Ost und West. — Isidor- Kaufmann: Eine schwierige Talmudstelle. — Dr. G. Kutna: Isidor Kaufmann. — Isidor Kaufmann: Geschäftsgeheimnisse. — I. B. B o r u ch o w i t s ch: Ch. N. Bialik. — Dr. Ad. Kohut: Berühmte jüdische Weltreisende. — S ch a l o m Asch: Auf dem Weg nach Schemenez. — Heinrich Landsdell: Die Juden von Buchara. — Dr. Hugo Hoppe: Sterblichkeit und Krankheiten bei Juden. — Thedor Zlocisti: Resignation. — James Rothstein: „War ein stilles, kleines Haus" (Lied.) — Leo Heller: Ein junger jüdischer Tondichter. — Aphorismen. — Politische Revue. Bilanz des Zionismus. Kritik und Reform. — Bon Dr. Alfred Nossig. — Demnächst erscheint im Verlage von B. Wepf & Co., Basel, der während des VI. Zionistencongreffes in Basel abgehaltene Bortrag von Dr. Alfred Nossig. welcher als erste zusammenfaffende und wirklich freie Kritik innerhalb des Zionismus, als gründliche Revision der zionistischen Bewegung denkwürdige Sturmscenen hervorgerufen hat. Die auch für die nichtzionistischen Kreise hochintereffanten Ausführungen Nossig's sind hier unverkürzt wiedergegeben. — Zu beziehen durch alle Buchhandlungen zu dem Preise von 80 Pfennige. Dr. Sigmund Stiaßny. Die Pfählung, eine Form der Todesstrafe. Cultur- und rechlshistorische Studie. Man z'sche k. k. Hof-Verlagsbuchhandlung. Wien 1903. Dr. D. Feuchtwang. Zur Aufklärung über »Babel und Bibel". Verlag von Carl Ko ne gen, Wien, 1903. Doetor I. Z. Lauterbach: Saadja Alfajjümi's arabische Psalmenübersktzung und Commentar (Psalm 107—124). Nach einer Münchener und einer Berliner Handschrift, herausgegeben, über setzt und mit Anmerkungen versehen. Verlag M. Poppelauer Berlin 1903. Oberrabbiner Horoviez: Der „Erste allgemeine Rabbinercongreß" zu Krakau, 9. bis 13. August 1903. Nebst ausführlicher Beschreibung der Eidesleistung in der Synagoge uid diesbezüglichen historischen Reminiscenzen. 48 Seiten, Großocrav, broschi t. Zu beziehen durch D. Fried. Druck und Verlag in Alsükubin, sowie durch jede Buchhandlung. Preis oOHeller. Im Jüdischen Berlage Berlin, Großbeerenstraße 75. erschien soeben: »Jüdische Künstler", herausgegeben von Martin Buber; »Die Juden als Race", von Dr. I. Mt. Judt; »Die Entstehung des Judenthums", von S. Lublinskr. Das Buch »Jüdische Künstler" eignet sich ganz besonders zu Geschenkszwecken, ebenso wie die früher im gleichen Berlage er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.