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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 612 Dr. Mocb s Wocbenscbrfft Nr. 88 Feuilleton. Julia« Meldotzla. Von Mary Maß. (Fortsetzung.) »Werden wir jetzt ans Gabelfrühstück gehen?" Trotz all ihres Weltbürgerthums legte Frau Warfeld nie ein gewisses Ceremoniell beiseite, das sehr nach der Kleinstadt schmeckte. »Oh, Herr Meldohla, ich glaube Sie sitzen nächst Frl. Ltnton." »Nun reiten wir heute oder nicht?" fragte der junge Mann mit unzerstörbarer Ruhe, als sie an dem großen, runden Tische, der reichlich mit Blumen und exotisch aussehenden Süßigkeiten besetzt war, Platz nahmen. Edith fühlte, daß es eine sofortige Abweisung brauchte und öffnete den Mund, um »nicht" zu sagen, fragte aber nur: »Wird es nicht zu spät werden?" »Es ist ein so schöner Tag", drängte er; »gehen Sie sobald Sie können nach dem Gabelfrühstück fort, die Brandung wird nach dem Sturm sehenswerth sein." Edith ließ fchwachmüthig ihre Weigerung fallen und fing an rasch zu sprechen, kaum beachtend, wie geringen Antheil er an dem Gespräche nahm. Endlich bemerkte sie seine Bläffe und eine gewisse kalte, gezwungene Miene. »Sind Sie unwohl?" fragte sie lebhaft, »wenn nicht, ist dieses Gericht Ihrer Aufmerksamkeit würdig." Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, daß sie Alles darum gegeben hätte, sie zurückcufen zu können, er sah sie blos schweigend an. Ueber die Tafel hin rief Frau Warfeld in den höchsten Tönen: »Frl. Pickering hat soeben ein Kabeltelegramm aus Rennes erhalten!" »Es scheinen zumindest noch achtzehn Gänge zu kommen, zählen Sie nur diese Gabeln und Dinge" sagte Julian leise in ganz sachlichem Tone, er sah, daß Edith erschrocken war und münte, ob Phlegma es vollbringen könnte, den Schaden gut zu machen, den feine zu beredten Blicke gestiftet hatten. »War das Kabeltelegramm von Frau Dreyfus selbst?" fragte ehrfürchtig ein junges Mädchen aus Northampton. »Nein, von Frau Labori!" ich kannte sie, als sie in Amerika war. Frl. P ckrring's Sprechweise kündete ihre Berühmtheit auch für die wenigst empfindlichen und verständnißvollen Ohren. »Wirklich, wirklich", stimmte sie an, »können die Frauen in Boston gar nichts thun?" »Ich habe ganz zuverlässige Nachrichten, daß die Rothschilds nächste Woche ihre Capitalien aus Frankreich zurückziehen werden. Wenn gleichzeitig in diesem Lande eine tönende Demonstration stattfände, würde der Einfluß auf die Entscheidung nicht verfehlen, schlagend und augenblicklich zu sein." »Denken Sie, wie schön eine solche Sympathie-Kundgebung wäre!" sagte Frau Warfeld, sich gerührt die Augen trocknend. »Wäre es bester, die Versammlung im Stadt-Hause oder auf dem Gemeinde-Anger abzuhalten?" fragte geschäftlich eine alte Dame, die eine Soiree-Toilette trug. »Vergessen Sie nicht, sie zwischen 12 und 1 anzusetzen, damit die Ladenmädchen und Maschinenschreiberinnen auch kommen können," sagte das Mädchen aus Northampton. »Herr Meldohla!" Frl. Pickering's Stimme drang gerade auf Julian ein, »Sie werden sicher eine der Ansprachen halten." »Oh, danke! Ich kann mich dann nicht frei machen, um nach Boston zu gehen!" Julian sah so ärgerlich aus, daß Edith, die den Einbruch in ihre Privat-Unterhaltung übel nahm, schalkhaft flüsterte: »Sind das nicht Quälgeister? Immer sich drehend wie Charfreitags-Knarren, mit ihren ewigen »Angelegenheiten". Glauben Sie nicht, daß die Neger, die englischen Sperlinge und die Juden das holen, was sie verdienen?" »Obgleich ich meinestheils nie einen kannte, mit dem man sprechen konnte, ist der Anblick ihrer Gesichter an einem Nachmittage in der fünften Allee vollständig hinreichend, um mich zu überzeugen, daß Dreyfus schuldig ist." Bevor Julian Zeit hatte, zu antworten, wurde der würdevolle Anstand der Frühstückstafel durch die ohrenzerreißendsten Töne unterbrochen, die anscheinend zwischen den Füßen der Gäste aufstiegen. »Oh je, das ist mir so leid, das ist Carmen!" rief Frau Warfeld voll Verzweiflung, als die Gesellschaft vom Tische aufprang. »Diese Vollblut-Angorakatzen sind so voll Empfindlichkeit, sie wollte durchaus hier liegen und sonst nirgends, und ich erinnerte sie heute morgens, daß das Geräusch mehrerer sprechender Personen ihr Zuckungen zuzog! Inmitten großer Verwirrung und vieler Rathschläge wurde ein sehr junger Geistlicher angespornt, die unglückliche Katze zu packen und mit dem Inhalte eines großen Wafferkruges zu begießen. Ihre zuckenden Augen wurden sofort normal und mit einem Gekreisch sehr gesunder Wuth sprang sie beim offenen Fenster hinaus. »Ich schlage vor, den Kaffee im Garten in der neuen Laube zu nehmen", sagte Frau Warfeld. Edith wandte sich zu Julian, aber er war verschwunden. Obgleich seine plötzliche Entfernung wenig ritterlich erschien, beschloß sie die Abmachung für eine feste zu halten, und nachdem sie sich zum Reiten anqekleidet hatte, trat sie in Frau Brandts Zimmer und unterhielt sie mit einem lebhaften Bericht über Carmen. Edith fand ihre Tante in tiefer Berathung mit Fräulein Mary Parrish, einer stets in Klagetönen sprechenden alten Dame, deren völliger Mangel an eigenen Geschäften sie endlich zu einer wahren Schatzkammer für Auskünfte über die Geschäfte anderer Leute gemacht habe. Als Edith auf der Schwelle stand, sagte Frau Brand: »Natürlich sah ich, daß er das Aussehen hatte, aber daß er ein Vetter von Sofie Warfeld, den Winthrops und allen diesen war, lenkte mich ganz von der Spur ab. Ach Edith, komm' her meine Liebe. Cousine Mary erzählt mir gerade von Deinem neuen jüdischen Freunde, Herrn Meldohla; sie kannte ihrerzeit seine Mutter. Mit ihrer letzten Unze Selbstbeherrschung drückte Edith dem Fräulein Parrish mechanisch die Hand und setzte sich auf die Sofalehne. Unwohl und fast ohnmächtig hörte Edith mit dem Gefühle einer Horcherin zu. Fräulein Parrish fuhr fort, sich sichtlich an ihrer Erzählung erfreuend: »Siehst Du Margarethe, das ist einer der Nachtheile, wenn man so lange im Auslande lebt wie Du, daß man ganz den Faden davon verliert, was zu Hause geschieht" Edith hatte noch immer das Gefühl des Härchens. »Als ob noch etwas daran läge", dachte sie bitter. Ec würde nicht kommen, würde schreiben, und was noch schlimmer ist, einfach wegbleiben. Wie konnte sie eine Entschuldigung Vorbringen, ohne sich einer Unzartheit schuldig zu machen, schlimmer noch als die Beleidigung. Fcäulein Parrish, einmal losgelassen, fuhr fort. WM »Obgleich sie ihrem ersten Manne aufrichtig zugethan war, hatte die arme Minna immer die Sünde gefühlt, einen ungläubigen Juden geheiratet zu haben, und ich denke, es war ihrem Gewissen eine große Erleichterung, als sich der Bischof um sie bewarb. VI. Herrn Meldohla's Verwandte waren große Bankiers oder dergleichen im Osten; nach ihrer zweiten Heirat unterhielt sie gar keine Beziehungen mehr zu ihnen; sie wollten den Knaben haben, aber sie gab ihn natürlich nicht her. »Blieb sie in guten Verhältnissen zurück?" Frau Brand hatte es nicht gern, daß man auf Einzelnheiten nicht einging. »Ja, in sehr guten. Reine Millionen, aber etwas sehr Schönes. Der Bischof war dem Jungen ein wahrer Vater, nannte ihn Satterthwaite und bvt ihm jeden Bortheil und seinen vollen Einfluß, um ihn für den geistlichen Stand vorzpbereiten. Wissen Sie, Minna war zart und nervös und suhlte, daß es eine Art Sühne für ihre erste Ehe wäre, wenn Julian in die Kirche träte. Frau Brand sah etwas gelangweilt aus. »Aber nach ihrem Tode", der Hauptpunkt von Frl. Parrish's Enthüllungen sollte erst kommen, und sie ging in Muße und mit sichtlichem Genüsse darauf los — »bestand der junge Mann darauf, den Namen Meldohla zu führen, weigerte sich, die theologischen Studien fortzusetzen und wollte Advocat werden. Ich glaube auch, er ist ein sehr tüchtiger geworden." »Schließlich ist das nicht so arg!" bemerkte Frau Brand nachsichtig. In einem Hause zwischen Frauenzimmern und Pastoren aufgewachsen, zeigte er jedenfalls Charakter, als er sich losmachte und einen Beruf, für den er Vorliebe hatte, wählte. »Ja", sagte Frl. Parrish feierlich, »wenn das schon Alles gewesen wäre, aber sein Betragen war auch sonst Bekümmerniß erregend. „Aber" — Frau Brand war zur Nachsicht geneigt — „junge Leute sind eben junge Leute." »Ach, nein!" Frl. Parrish hatte ihr Ziel erreicht. »Das war es nicht, er war nie^im>llergeringsten ausschweifend."

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