Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 609 Anlasse auch die beiden Gemeinde-Rabbiner, u. zw. Oberrabbiner Dr. Rosenfeld und Rabbiner Weiß dem unerschrockenen Vorkämpfer für die Interessen des jüdischen Volkes Dank und Anerkennung zollten. Auch die heimische Presse begleitete dieses eigentliche Fest der Judenschaft mit sympathischen Artikeln unk kommt die Bedeutung des Herrn Dr. Straucher am prägnantesten in einem Festartikel zum Ausdrucke, den die „Bukowinaer Post" zu Ehren Dr. Straucher's am F'sttage brachte. Der bemerkenswertheste Passus in diesem Artikel lautet: Die Czernowitzer Judenheit hat heute einen Festtag. Sie feiert dankbar den Mann, der an ihrer Spitze so recht den Fortschritt, seinem innersten Wesen entsprechend, zur Geltung gebracht und der hiesigen Gemeinde als erstrebenswerthestes Endziel vor Augen geführt hat. Und die Czernowitzer Judenschaft erfüllt ihre Dankespflicht in der bescheidensten Art. Ein Bildniß des Mannes soll blos enthüllt werden, gewidmet von seinen jüdischen Mitbürgern, und den kommenden Gemeindemitgliedern Kunde geben, daß nach fast einem Vierteljahrhundert rastlosen Schaffens und unermüdlichen Wirkens zum Wohle der Gemeinde dieselbe ein kleines Erinnerungszeichen dem wackeren Führer gesetzt hat. Klein und bescheiden darum, weil das Judenthum keinen Personencultus kennt und seine Glorie nur in der Idee sucht, die Idee, die zum Wohle der Gesammtheit, eines kleinen oder größeren Gemeinwesens führt. Und die Idee des Fortschrittes, der Humanität, der Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins ist es, der Dr. Straucher sein Augenmerk stets zuwendet, weshalb seine Gemeinde ihm die Anerkennung nicht versagen darf, nicht als ein Aequivalent für gethane Arbeit, — da diese nicht ausgewogen werden kann, — sondern zum Ansporn für kommende Männer, wie auch als Widerlegung der Gegner, die jedes Große zu verkleinern und herabzuzerren suchen. Den Kämpfern für das Judenthum und seinen Institutionen blühen ja in der Regel keine Lorbeeren. Sie müssen sich mit dem stolzen Bewußtsein begnügen, daß sie dem Drange ihres Herzens ge folgt sind und, ihrem innersten Wesen getreu, ihre Mühe und Arbeit einer guten Sache gewidmet haben. Die Anzahl dieser Kämpfer, die besten Söhne ihres Volkes, ist eine geringe und je weniger ihrer sind, die im öffentlichen Leben die Fahne des Judenthums Hochhalten, desto größeren Dank schulden wir den Einzelnen derselben, und wenn wir in unmittelbarer Nähe als Zeugen ihrer anerkennenswerthen Thätigkeit leben, so ist es Pflicht, daß wir an Tagen, welche bedeutungsvolle Marksteine in ihrem Leben bilden, unserem Danke und unseren Gefühlen entsprechenden Ausdruck verleihen — trotz Gegner und Nörgler, die das wahre Verdienst nicht anerkennen wollen. Im Jahre 1880 wurde Dr. Straucher in den Cultusrath gewählt. Der junge Advocat kam mit einer Reihe von neuen Ideen und Reformen im Sinne des Fortschrittes und der Humanität in die berathende Körperschaft unserer Judengemeinde und sein jugendliches Feuer, sein erwärmendes Temperament, sein unermüdlicher Arbeitseifer fanden sofort Anklang. Man begann eine neue Epoche heransznfühlen und Dr. Straucher wurde gleich in den Vorstand gewählt, dem er seither auch angehört, und seit 1901 in seiner Eigenschaft als Vicepräses der Gemeinde. Die meisten Reformen auf dem Gebiete der Organisation und Verwaltung.der Cultusgemeinde nehmen von Dr. Straucher ihren Ausgangspunkt, sei es als geistigen Urheber oder durch energisches Jnswerksetzen längst gehegter Wünsche. Das complicirte Räderwerk des administrativen Dienstes unserer Cultusgemeinde kennt er aus langjähriger Erfahrung genau und gründlich und leitet es gegenwärtig zum Wohle d<r Gemeinde und der allgemeinen Zufriedenheit der jüdischen Bevölkerung. Der Initiative des Dr. Straucher verdankt die Organisation des israelitischen Spitals die Entstehung, ebenso auch mancher Synagoge, namentlich der „großen" und es wird als sein alleiniges Verdienst angesehen, den schönen Tempel in's Eigcnthum der Gemeinde gebracht zu haben Die Ausgestaltung der israelitischen Volksschule ist ebenfalls ein Werk thätiger Mitwirkung Dr. Straucher's. Die Verschönerung des Friedhofes, der endliche Bau einer Leichenhalle, die neuen Geflügelschächtereien u. v. A. danken Dr. Straucher's kräftiger, zielbewnßter Initiative ihre Verwirklichung, und man müßte noch viel schreiben, wollte man die Eiuzelverdienste Straucher's anführen. Gerade in letzter Zeit hat er den jüdischen Waisenhausverein in's Leben gerufen, um das jüdische Waisenhaus erhalten zir können, welches er — aud) Dank der Munificenz des verstorbenen Ehepaares Wagner — baldigst seiner Bestimmung übergeben wird. Aber nicht nur der Judenschaft hat Dr. Straucher seine treuen Dienste geleistet. Er ist auch ein treuer Sohn seiner Stadt und seines Landes und die um dieselben erworbenen Verdienste haben ihn auch in den Gemeinderath der Landeshauptstadt, hernach in den Relchsrath und auch in den Landtag gebracht, wo Straucher überall als Mann des Fortschrittes und des Freisinnes, als wahrer Demokrat, als Kämpfer für jede gerechte Sache sich erwiesen hat. Ebenso wie in der Cultusgemeinde ist auch in den großen Körperschaften rastlose Arbeit sein Metier und er gilt deshalb in denselben als wackerer Vertreter, als hochgeschätzte Arbeitskraft. Hiebei hat er aber sein jüdisches Herz bewahrt und ist stets ein warmer Anwalt bedrängter Volksgenossen, in gleicher Weise wie er allen Unterdrückten und Rath- oder Hilfesuchenden mit seiner Unterstützung beisteht. Sind die Juden mit Recht stolz auf ihren Dr. Straucher, so kann die Allgemeinheit nicht minder sich zu einem solchen Vertreter gratuliren, der es stets als Grundsatz hält: dem Freunde die Hand, dem Feinde die Stirn. Frankfurt a. M. Zu einem wahrhaft imposanten Huldigungsact gestaltete sich die akademische Feier, die anläßlich der 25jährigen Amtsthätigkeit des Dr. Marcus Horov tz als Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde am 12. d. M. Vormittags in der Frankfurt-Loge von Freunden und Verehrern des Jubilars veranstaltet wurde. Nach einem Gescmgsvortrage der aus Mitgliedern des Synagogenchors der Gemeinde-Synagoge am Börneplatz gebildeten „Freien Chorvereinigung" hielt Rabbiner Dr. Werner aus München die Festrede auf den Jubilar. In geistvollen Zügen entwarf er ein B-ld der Persönlichkeit des Jubilars, um dann das Walten eines Rabbiners im Allgemeinen und schließlich die sociale Thätigkeit Dr. Horovitz' in beredten Worten zu schildern. Das Geheimniß seiner Erfolge ist — so führte Redner u. A. aus — seine Persönlichkeit. Bon Gott begnadet in seiner geistigen Anlage und in seinem Erziehungsgange, entfaltete er in seinem Wirkungskreise eine unermüdliche Thätigkeit, eine seltene Treue und Hingebung aller seiner Kräfte. Mit dem antiken jüdischen Wissen vereinte sich in seiner Seele die moderne allgemeine Bildung, Weltauffassung und Verkehrsart. Auß-rdem ist er Enthusiast, aber dabei doch ein besonnener Kopf, der erst wägt und dann wagt. Von seiner religiösen Wirksamkeit gilt das Wort: Er lehrt, wie er lebt und er lebt, wie er lehrt. Als Prediger und Gelehrter, als Seelenfreund und Friedensfürst darf er auf eine gottbegnadete, segensreiche Wirksamkeit zurückbl'cken. Auf socialem Gebiet fand er und findet er rege Bethätigung. Er schuf in Palästina eine Anstalt für die Waisen, gründete hier den Jünglingsverein und den Hilfsverein für Männer und sorgte auch für die Aeltesten des Volkes, die Rabbiner. Mit der Bitte zu Gott, dem Manne, auf den das Volk Israel mitSwlz blickt, seinen Segen zu geben, schloß Dr. Werner seine Rede unter minutenlangem Beifall der den Saal dicht füllenden Festversammlung. Es folgten nunmehr Ansprachen von Vorständen verschiedener Organisationen, Vereinen und Schulen, zu denen der Jubilar in enger Fühlung steht. Zum Theil wurden hierbei Adressen und auch Ehrengeschenke überreicht. Die Namen dieser 25 Deputationen sind folgende: Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde, J"lp?ction der Synagoge am Börnrplatz, Rabbinerverband in Deutschland. Vereinigung gesetzestreuer Rabbiner, Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde, frühere Schüler des Jubilars, Großloge für Deutschland des Unabhängigen Ordens »Bne-Bcith", Rabbiner-Seminar in Berlin, Hilfsverein der deutschen Juden, Laemelschulin Jerusalem, Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, Erziehungsanstalt Ahlem, Frankfurt - Loge, Israelitische Religionsschule, Lehrercollegium der israelitischen Religionsschule, Vereinigung jüdischer Religionslehrer und -Lehrerinnen. Verein Lemaan-Z on, Verein zur Hebung der Sittlichkeit, Verein Ausländerheim, Verwaltung des Mädchen-Waisenhauses Ems, Verein für jüdische Geschichte und Literatur, Talmud-Thora-B rein, Tffereth-Bachurim-Verein, Herz Marcus und Helene Oppenheimer'sche Stiftung mdMontefiore-Berein. Tiefbewegt von den mannigfachen Ehrungen dankte Dr. Horovitz in warm empfundenen Worten, wobei er die ihm gezollte Anerkennung auf die Hilfe seiner Mitarbeiter und die Förderer der guten Sache und vor Allem auf die Gnade Gottes zurückführt. Der Gesang von Beethoveu's: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" beschloß die drei Stunden währende Feier. Bukarest. (Verfolgung der Zionisten in Rußland.) Das ,,Bucarester Tagblatt" meldet: Eintreffende Privatnachrichten besagen, daß die russische Regierung begonnen hat, sehr strenge Maßregeln gegen die Zionisten zu ergreifen. Biele zionistische Vereine wurden aufgelöst und ihre Führer verhaftet und in gerichtliche Untersuchung gezogen. Die Mitglieder der Gesellschaften wurden entweder verwarnt, oder aus ihren Wohnorten ausgewiesen. Die Sammlungen für den Scheckelfond, sowie anderer für die zionistische Bewegung nothwendigen Summen wurde untersagt. Die Ursache dieser Maßregeln ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich ist sie in der Haltung der russischen Delegirten auf dem letzt?» Zionistencongreffe in Basel zu suchen, eine Haltung, welche von der russischen Regierung als allzu chauvinistisch und Rußland feindlich angesehen wird.