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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 606 Dr. ffilocb’s MocbenscbrM. Nr. 38 Aaifergebet, gesprochen vom Rabbiner Dr. Ad. Schmied!. Aus der Tiefe meiner Seele rufe ich Dich an, allgütiger himmlischer Vater. Zum ersten Male in dieser nunmehr geweihten, herrlich sich erhebenden Andachtsstätte richten wir unser heiliges vaterländisches Gebet zu Deinem Gottesthrone empor, um für den mit begeisterter Treue geliebten, ebenso glorreichen als väterlich gütigen Kaiser, sowie für das große, unter seinem ruhmvollen Scepter stehende Vaterland und für diese an bezaubernde, an Schönheit und Pracht unvergleichliche, große Kaiserstadt unsere andächtigen Stimmen zu erheben. Als in grauer Vorzeit unsere Väter, aus ihrer Heimat scheidend, in die weite, unbekannte Ferne zogen, da rief ihnen Jeremias, der damals lebende Prophet, die Mahnung zu: „Fordert aus allen Kräften das Wohlergehen jeder Stadt, in der Ihr Euch niederlasset, und rufet betend Gottes Segen auf sie herab, denn in ihrem Wohl liegt auch das Euere." Und so weit wir zurückblicken in die Geschichte — denn die Weltgeschichte ist das Weltgericht — erzählt uns ihr unparteiischer Mund, daß Israels Söhne in den achtzehnhundert Jahren ihrer Zerstreuung über den gesammten Erdenrund, in all' den Ländern, die ihnen eine gastliche Heimstätte gewährten, mit unverbrüchlicher Treue, ja mit wahrhaft religiöser Hingebung um den Herrscherthron sich sch a arten, mit freudigem Wetteifer zu jedem Opfer bereit, das Fürst und Vaterland von ihnen erheischte. Eines dieser Blätter erzählt uns hierüber ein besonderes charakteristisches Moment aus der Zeit des edlen Kaisers Josef II. Ein jüdischer hochbetagter Landmann Böhmens hatte in schwerer Krankheit und von Fiebergluth erfaßt, seiner unbewußt, ein verhängnißvolles Gelöbniß abgelegt: Er wolle, wenn Gott ihm die Gesundheit wiedergibt, seinen einzigen Sohn auf heiligem Altar Gott zum Opfer bringen. Nach seiner Wiedergenesung seines furchtbaren Gelöbnisses sich klar werdend, erfaßte ihn Todesschrecken, und in seiner Rathlosigkeit begab er sich zu dem damaligen Oberrabbiner in Prag dem berühmten Gelehrten Ezechiel Landau. Und dieser sprach zu dem bekümmerten Landmann: Das Vaterland, dessen treue Söhne wir sind, ist ein heiliger Altar, an welchem Du Dein Gelöbniß erfüllen kannst. Lasse Deinen Sohn als Kriegsmann dem Vaterlande dienen. Da jedoch zu jener Zeit unsere Söhne noch vom Kriegsdienste ausgeschlossen waren, begab sich der hochbetagte Landmann in Begleitung seiner greisen Ehehälfte nach Wien zu dem edlen Kaiser Josef. Dieser hörte ihr Anliegen wohlwollend an, und so ward ihr Sohn in die Kriegsmatrik eingetragen, und zwar unter dem merkwürdigen Namen Isaak Ovferlamm, der, fromm und treu den religiösen Vorschriften, pflichteifrig im Heere diente, bis er in der furchtbaren Schlacht bei Lugosch in Ungarn, im Türkenkriege, auf dem Altar des Vaterlandes sein Leben aushauchte. Von solchen Erinnerungen getragen, erheben wir unsere betenden Stimmen und sprechen aus tiefster Seele: Der allmächtige Gott schütze, beschirme, erhöhe und verherrliche unseren mit vaterländischer Begeisterung allgeliebten und allverehrtcn Kaiser Franz Josef I., auf daß sein kostbarer Lebensfaden sich bis zur äußersten Grenze des menschlichen Daseins hinausdehne und sein glorreicher Lebensabend versüßt werde durch die Freude, zu sehen, wie alle seine Völkerstämme in treuer Verbrüderung zusammenschließen und von einem Ende des Reiches bis zum anderen von allen Lippen und aus allen Herzen der freudige Ausruf ertöne: „Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser, unser Land! Den Schluß der erhebenden und überaus würdigen Feier bildete die Äbsingung der Volkshymme. Korrespondenzen. Der Kaiser in Lemberg. Lemberg, 13. September. Der vierstündige Aufenthalt des Kaisers in Lemberg gestaltete sich zu einer langen Reihe stürmischer Ovationen für den Monarchen; als ob es gälte, ihm einen theilweisen Ersatz sür die vielen Bitternisse und Kümmernisse der letzten Zeit zu bieten und seine Sorgen zu verscheuchen, waren beide Volksstämme des Landes eifrig bestrebt, ihrer Loyalität in allen Formen aufrichtigen Enthusiasmus Ausdruck zu geben. Unter den verschiedenen Deputationen erschienen die Mitglieder des Lemberger israelitischen Cultusgemeindev orstandes und des Rabbinats unter Führung des Präsidenten dieser Cultusgemeinde, Reichsrathsabgevrdneten Dr. Emil Byk. Dieser stellte die Deputalionsmitglieder vor und richtete nachstehende Ansprache an den Kaiser: »Wir begrüßen Eure Majestät in aller Ehrfurcht und Ergebung. Mir huldigen Eurer Majestät als unserem geliebten Kaiser nicht blos im Namen unserer Gemeinde, sondern auch im Namen der zahlreich'« jüdischen Bevölkerung unseres Landes, welche erfüllt ist von unwandelbarer Treue, Hingebung und Opferwilliakeit für die geheiligte Person Eurer Majestät und für das allerhöchste Kaiserhaus. Unauslöschlich lebt in unseren Herzen das Gefühl heißer und ewiger Dankbarkeit dafür, daß wir unter der glorreichen Herrschaft Eurer Majestät die bürgerliche Gleichstellung im Staate durch Eurer Majestät Weisheit und Gerechtigkeit erhielten, und daß wir allzeit den väterlichen Schutz Eurer Majestät genießen. Wir rufen daher aus der Tiefe unserer Seele: Gott erhalte, Gott beschütze, Gott segne Eure Majestät!" Der Kaiser dankte in herzlichen Worten und betonte, daß die Treue der jüdischen Bevölkerung eine bewährte ist, auf die er auch stets rechne. Der Kaiser erkundigte sich über die Verhältnisse der Cultusgemeinde und bemerkte bei der Vorstellung der Gemeinderabbiner, daß dieselben gewiß über ihn den üblichen rituellen Segen sprechen wollen. Der Präsident Dr. Byk meinte entschuldigend, daß wegen der Kürze der Zeit dieser Segensspruch in das vfficielle Programm nicht ausgenommen wurde; doch derKaiser nickte zustimmend dem Rabbiner. Dieser und sämmtliche Mitglieder der Deputation bedeckten ihr Haupt und der Rabbiner sprach den rituellen Segensspruch in deutscherund hebräisrber Sprache. Der Kaiser sprach noch einzelne Mitglieder des Vorstandes an und entließ die Deputation huldvollst. Gelegentlich des Empfanges der Bezirksdeputationen wendete sich der Kaiser an den Bezirksmarschall, dcn Abgeordneten Moysa, mit der Frage über die antisemitischen Excesse in Zablotow. Der Kaiser ließ sich über Natur und Veranlassung derselben genau informiren. Abgeordneter Moysa versicherte dem Kaiser, die Juden hätten nicht den geringsten Anlaß zu diesen Ausschreitungen gegeben, welche eine Folge antisocialer Agitationen unter den Bauern seien. Der Kaiser zog sofort den Statthalter Grafen Potoeki in das Gespräch und erklärte ihm, er wünsche eine strenge Untersuchung in dieser Sache und die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung im Zablotower Bezirke. Der Abg. Moysa sprach dann in derselben Angelegenheit mit einer Deputation des Bezirkes beim Statthalter vor, um dessen Intervention gegen diese antisemitische Agitation, welche einen bedrohlichen Charakter angenommen hat, zu erbitten. Graf Potocki erklärte, bereits die Initiative ergriffen und die nöthigen Anordnungen gegen weitere Ausschreitungen, die er verdamme, getroffen zu haben. Lemberg (Judenverfolgungen in Zablotow.) Freitag den 11. d. M. fand nämlich in Zablotow ein großer Jahrmarkt statt. Ein bäuerlicher Marktbesucher feilschte bei einem jüdischen Lederhändler um ein Stück Leder sür ein Paar Stiefel. Als der Kaufmann, mit anderen Kunden beschäftigt, seine Aufmerksamkeit von den Bauern ablenkte, wollte dieser das Leder entwenden. Der Kaufmann bemerkte dies und suchte dem Bauern das Leder zu entreißen, dieser stieß den Kaufmann so wuchtig vor die Brust, daß derselbe zu Boden fiel. Empört über diese Handlungsweise des Bauers eilte ein zweiter Jude, der den ganzen Vorgang beobachtet hatte, herbei und entriß dem Bauer das gestohlene Leder, und als der Bauer sich zur Wehre setzte, gab er ihm eine Ohrfeige. Sofort war infolge des Geschreies des Geschlagenen eine große Masse Bauern zusammengelaufen. und aus ihrer Mitte ertönte der Ruf: »Schlagt die Juden todt, sie haben eine Bäuerin für die bevorstehenden Feiertage zu Ritualmordzwecken versteckt!" Die Menge wuchs zusehends zu Tausenden an, lärmend und johlend durchzog sie die Straßen des kleinen Städtchens, zerschlug und plünderte. was ihr unter die Hand kam, und hieb mit Fäusten, Stöcken und Peitschen auf die Juden lys, die nicht rechtzeitig flüchten konnten. Ein Jude flüchtete in die Handlung des christlichen Kaufmannes Szywiecki, mit dem er schon lange bekannt war, und bat um Schutz. Dieser aber griff nach einem Knüppel und schlug auf den Juden los, so daß er bewußtlos

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