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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 605 Nr. 88 Dr. Mocb's MocbenscbrM. bestimmt. Ein Symbol dafür, daß das jüdische Gotteshaus vor Allem ein Haus der Andacht und der Erbauung, u. zw. in dem Sinne ist, daß es mit allen Ereignissen und Wechselfällen des menschlichen Lebens, mit den freudigen sowohl wie auch mit den traurigen in engster Berührung steht. Und diesem erhabenen Zwecke wird auch diese Stätte dienen. Freudig bewegten Herzens kommen hieher Vater und Mutter, Gott zu preisen und ihm. zu danken für das Gück, das ihnen zutheil geworden, ihr neugebornes KinP in die Gemeinde Israels aufnehmen zu lassen. Hieher, vor dem Altar Gottes, zieht der Jünglinge und Jungfrauen fröhliche Schaar, das Bekenntniß ihres Glaubens öffentlich und feierlich abzulegen. Wenn ein liebendes Paar zum ewigen Bunde sich die Hände reichet, hier, an dieser geweihten Stätte wird das Bündniß geschlossen und Gottes Segen für dasselbe erfleht. Tiefbekümmert ist deine Seele, Vater und Mutter, du trauerst ob des Mißgeschickes, das über dich ist verhängt worden, ein geliebtes Wesen ist aufs Krankenlager dir geworfen und hoffnungslos schmachtet es dahin, Hilfe kann keine menschliche Hand ihm gewähren. Dir, mein Freund, ist gar ein geliebtes, theures Wesen von der Seite gerissen worden, so daß die Welt nichtig und schal dir erscheint und am liebsten du dein Lager dir bereiten ließest drunten in der Erde kühlem Schoße neben dem, an den deine Seele mit unauflöslichen Banden ist geknüpft. Du eilst hierher, wo Gottes Majestät dir thront, anbetend fällst du nieder auf dein Angesicht, schüttest aus vor Gott dein beschwertes Herz, weckst die wehmüthige Erinnerung an den Theuren deines Herzens, sendest Gebete für sein Seelenheil zu Gott empor. Du suchtest Gott, hier findest du ihn, es glätten sich die aufgeregten Wogen in deinem Innern, himmlischer Friede zieht ein in deine Brust. Wer bangen und bedrückten Herzens ist, wem des Lebens unberechenbare Tücke Wunden hat geschlagen, statt Dank und Anerkennung Kränkung und Enttäuschung hat gebracht, wer — mißhandelt und verhöhnt — einsam und verlassen dasteht auf des Lebens buntem Markte, der trete hieher in diese gottgeweihten Räume. Abraham — so sagt der Midrasch — nannte das Gotteshaus einen Berg. Ja, hier, auf der Andacht heiliger Höhe, auf der des niederen Lebens Roth und Elend uns zu erreichen nicht vermag, erweitert sich unser beengtes Herz, unsere Seele athmet Bergesluft, heilige Ruhe, göttlicher Friede zieht ein in unser Gemüth. * * * Indessen aber, meine andächtigen Festgenossen, würden wir von der Wahrheit weit abirren, wollten wir die Bedeutung des jüdischen Gotteshauses in seiner Eigenschaft als Andachtsstätte erschöpft wissen. Es gab in der Geschichte unseres Volkes kaum eine Zeit, in welcher die jüdische Opferwilligkeit in der Errichtung herrlicher Tempel sich so glänzend bewährt hätte, wie in der unseligen. Wohin wir nur blicken, erheben sich stolze Paläste der Gottesanbetung. Ist aber auch dadurch unser religiöser Sinn stärker, unser jüdischreligiöses Empfinden tiefer, mächtiger geworden? Haben diese Andachtsstätten auch überall, wo sie errichtet worden, zur Festigung und Verinnerlichung des jüdischen Glaubenslebens beigetragen? Mit Nichten, meine andächtigen Freunde! Fast will uns das Gegentheil scheinen, als ob diese monumentalen Gotteshäuser vielmehr Denkmäler des religiösen Verfalles wären und der Prophet Hoiea Recht behielte mit der Klage: „Wenn Israel seinen Schöpfer vergißt, dann baut es Tempel", als wollte es die aus den Familienhäusern immer mehr verdrängte Gottheit in diese Tempel verbannen. Doch, fern sei von uns Solches! Wir werden uns niemals der Erkenntniß verschließen, daß in der Verrichtung und Veranstaltung von Andachten — und seien sie noch so schön und formvollendet — durchaus noch nicht das Heil des Judenthums gelegen ist. '2 Ni r8 B'öts»n Nil anba N'2 BK Das jüdische Gotteshaus ist nur die Pforte, die zum Himmel führt, nicht aber der Himmel selber. Nicht ohne Grund bemerken unsere Weisen: nnv iK“ip pnsr „Jsak nannte das Gotteshaus ein Feld!" Auf's Feld hinaus zieht der Landmann, streut mit fleißiger Hand Saatkörner in des Bodens Furchen, die dann zur herrlichen Frucht gedeihen. Also auch das Gotteshaus. Auch im Gotteshause wird die heilige Saat der Tugend und Frömmigkeit, die Saat der Erkenntniß der höchsten und wichtigsten Aufgaben des Judenthums m dre Herzen derer gestreut, die zur Andacht sich hier versammelt. lösche Gotteshaus begnügt sich nicht damit, ein nban na, eine Andachtsstätte zu sein, sondern war in den ältesten Zeiten schon und ist auch heute noch zugleich ein Lehrhaus, ein annan na. "och mehr! Als Lehrhaus steht es noch viel höher, denn als Haus des Gebetes. Aus einem Bethause - heißt es im Talmud — darf man ein Lehrhaus machen, nicht aber umgekehrt. Und dies mit vollem Rechte. Denn die Lehre, unsere heilige Thora, deren Verkundung und Verbreitung eben die Bestimmung des tmnan na ist, Itf t den Mittelpunkt nicht blos unseres religiösen Denkens und Empfindens, sondern sie ist zugleich eine Norm für unser Thun und fassen hier auf Erden. Andacht und Gebet sind mehr die Formen, die r^ehre, die Thora aber ist das Wesen und das Leben des Judenthums, sein Geist und seine Seele. -Bu einem solchen Lehrhause soll und muß auch diese Stätte werden! Wenn wir an dieser heiligen Stätte zur Andacht uns versammeln, muß das Bewußtsein uns leiten, daß wir hiehergekommen sind, nicht blos um zu beten, sondern auch zu lernen, daß im Kennen und Verstehen unserer altehrwürdigen Thora, im Befolgen und Ausüben ihrer Gebote einzig und allein unser Glaube besteht. Nicht ich, Ihr Seelsorger, ertheile diesem Hause durch Wort und Rede die Weihe und den heiligen Charakter, sondern Sie, die Gemeinde, sind es, die diese Stätte weihen und heiligen sollen, und zwar dadurch, daß Sie beherzigen die Worte des Propheten: b« naxb npan '“an ba nab mann Begnügen Sie sich nicht damit, zu sprechen: „n baa n baa" Fertig ist gestellt dieses prachtvolle Gotteshaus, es wurden für seine Errichtung und schöne Ausgestaltung keine Mühen und Kosten gescheut, es ist für Gebet und Andacht in vorzüglichster Weise gesorgt; nein! narr a baa Sie selber, Ihr Leben und Wirken in Familie und Gesellschaft werden zu einem Gottestempel, über welchem in leuchtender Schrift die Worte zu lesen seien: „Heilig dem Ewigen!" Der Liääusell basellem, die Heiligung Gottes beschränke sich nicht auf die Verehrung und Anbetung Gottes hier im Gotteshause, sondern pmb ->'8Bi anpan naa kxt -irr das Licht der Wahrheiten unserer Gotteslehre, das hier entzündet wird, es dringe hinaus, es beleuchte und erhelle uns den Weg, den wir als Juden zu gehen haben! Wenn wir hier vor der Thora erscheinen und uns die Worte entgegentönen : 6 Tage sollst Du arbeiten und der siebente ist ein Ruhetag. dem Ewigen, deinem Gotte geweiht, — Die Worte, die ich Dir gebiete, sie seien ein Zeichen an deiner Hand und eine Stirnbinde zwischen deinen Augen — Heilig sollt Ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige Euer Gott — Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, ja lieben sollst Du den Fremden, die Witwen und Waisen, den Armen und Dürftigen. — Wenn des Propheten Wort uns mahnt: Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns geschaffen, warum sollen wir treulos handeln. Einer gegen den Andern: So seien diese Lehren Schätze, die wir hier gesammelt, um sie hinauszutragen und von ihnen zu zehren draußen im Leben! na linp apjr Jacob - bemerken endlich unsere Weisen — nannte die Stätte der Gottesverehrung ein Haus. Ein Haus» welches die Betenden alle wie die Glieder einer Familie umfaßt und umschließt und dadurch das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit in uns erweckt, das Pflichtgefühl des friedlichen Mit- und Nebeneinanderlebens in uns rege und wach hält. Und wahrlich meine andächtigen Zuhörer, diese seine Bedeutung ist es, welche das jüdische Gotteshaus erst zu einem solchen macht und gestaltet, wofür unter Anderem als Beweis gelten kann die Thatsache, daß das Gotteshaus im Hebräischen am häufigsten mit dem Worte nean n'2 bezeichnet wird. Ein naan na nun, nicht blos dem Namen nach, sondern in des Wortes tiefster Bedeutung, ein Haus des Friedens und der Eintracht, eine Stätte beglückender Sammlung und Einigung möge auch dieser Tempel werden!! a'aaaa enaxb brrnv' pa mb® nibaaa maba naa» Wie die einzeln zusammengetragenen Steine dieses prächtigen Baues nun friedlich vereint neben- und übereinander liegen, gehorsam dem einigenden Geiste des schaffenden Baukünstlers, so verbinde das gleiche Gefühl der Andacht, die gleiche Gesinnung, die gleiche Anschauung Alle, die hier zusammentreten zu gemeinsamen Dienste des Herrn! Wenn draußen, auf dem Markte des Lebens, Neid und Engherzigkeit der Menschen unzählige Schranken haben aufgerichtet, die den Bruder vom Bruder trennen, und in den brandenden Wogen des Daseinskampfes Trieb an Trieb, Kraft an Kraft hart aufeinanderstoßen — hier, wo der Reiche stehet neben dem Armen, der Herr neben dem Diener, der Hohe neben dem Niedrigen, fließe die klare Quelle der Einheit und Einmüthigkeit, an dieser Stätte, wo es sich um unsere höchsten, und heiligsten Güter handelt, verstumme Haß und Hader, schwinde Zank und Widerspruch! Hier empfangen wir die Lehre und gewinnen die Ueberzeugung, daß die Mitglieder einer Gemeinde gegenseitig sich Duldung und Achtung bewahren und erweisen müffen, die Verschiedenheit der religiösen Ueberzeugung nicht zu Haß und Feindschaft führen dürfe, und nur dann, wenn der Einzelne unter dem Willen der Gesammtheit sich unterzuordnen vermag, diese gedeihen und emporwachsen können zur Schöne und zur Pracht. Dieses Haus, wie es dasteht als ein herrliches Zeugniß dessen, was gemeinsames, einträchtiges Wirken selbst bei schwachen Kräften zu leisten vermag, es soll zugleich eine eindringliche Mahnung uns sein, daß wir die gefährlichsten Feinde des Gemeindewesens, Selbstsucht, Eitelkeit und Zwietracht, nicht ziehen lassen über dieses Hauses Schwelle! Wenn im alten Tempel zu Jerusalem, erzählt uns der Talmud, eine Priesterwache die andere ablöste, da riefen sie einander zu: „Er. der sein Namen in diesem Hause thronen läßt, er lasse unter Euch walten Liebe und Brüderlichkeit. Friede und Freundschaft!" Jetzt, in dieser feierlichen und für mich so bedeutungsvollen Stunde, da ich, der in hohem Maße mich auszeichnenden Berufung folgend, im Begriffe stehe, die Priesterwache in diesem Tempel anzutreten, entringt sich auch meiner tiefbewegten Brust das Gebet: Der allmächtige Gott lasse seinen heiligen Namen über diesem Hause schweben, lasse Brudersinn, Eintracht und Frieden in der Mitte unserer Gemeinde stets wirken und walten! Und so soll der erste Gruß, den ich Euch, meine Brüder und Freunde, entbiete, der Friede sein, von der Ueberzeugung durchdrungen: daß dadurch das Glück und das Heil unseres Gotteshauses und unserer Gemeinde gefördert und gefestigt wird. Amen!

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