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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 604 Dr. Vwcb's Mocbenscbrikt. Nr. 36 Eingeleitet wurde die Feier durch ein Präludium, aus geführt von dem Orgelvirtuosen Professor Storch. Hierauf stimmte der Obercantor Herr Q u a r t i n mit seiner machtvollen, den ganzen Tempel ausfüllenden Stimme das „Na tauwu“ an, affistirt von dem aus diesem Anlasse verstärkten Chore, der unter Leitung des Chordirectors Professor Sulzer Hervorragendes leistete. Unter Absingung des V'A3 vn wurden sodann die neuen Thorarollen von den Herren Oberrabbiner Dr. Güdemann, Rabbiner Dr. Schmied!, Rabbiner Dr. Bauer, Michael Straßer, Hermann Beck, Isidor Mintz und Leopold G u t t m a n n in den Tempel hineingetragen und in die Bundeslade gelegt. Der Präsident des Tempelbaucomites Herr Michael Straßer begrüßte in folgender Ansprache die Festgäste. „Hochansehnliche, hochverehrte Versammlung! Es wurde mir die Ehre zu Theil, die hochansehnliche Versammlung feierlichst zu begrüßen. Mit Freuden erfülle ich diese mir höchst angenehme Pflicht, indem ich Sie sämmtlich willkommen heiße und spreche meinen besonderen, tiefgefühlten Dank aus den hochverehrten hier Erschienenen, sowie den Herren vom Cultusvorstande. In meiner Ansprache bei der Grundsteinlegung dieses Gotteshauses gedachte ich dasselbe als Andenken weiland Ihrer Majestät unserer so gütig gewesenen Kaiserin Elisabeth. Unser Vorstand stimmte diesem von innigstem Herzen ausgesprochenen, patriotischen Wunsche zu und werden wir an hoher Stelle die innige Bitte stellen, dieselbe zu gewähren. Bei der Grundsteinlegung sprachen wir auch in enthusiastischer Weise den hohen Behörden unseren tiefgefühlten Dank aus. Wir können aber nicht unterdrücken, unseren Dankesgefühlen für die Herren : Polizei-Präsident Johann Ritter von Habrda, Ministerialrath Franz Josef von Nagy und Statthaltereirath Baron Guido Siber, welche diesem Werke förderlich zur Seite gestanden, Ausdruck zu geben und werden wir deren humanes und gerechtes Wirken niemals vergessen. Nun stelle ich an Seine Ehrwürden unseren verehrten Herrn Oberrabbiner die Bitte, die Weihe dieses Gotteshauses nach altväterlichem Gebrauche gütigst vornehmen zu wollen." Nach Absingung eines Snlzer'schen Psalmes (111) nahm Herr Ooerrabviner Dr. Güdemann das Anzünden des ewigen Lichtes mit folgender Rede an die Versammlung vor. Wriherede des Oberrabbiners Dr. M. Güdemann. Andächtige Versammlung! Gerne folge ich der an mich ergangenen Einladung, diesem neuerbauten Gotteshause durch Anzünden des ewigen Lichtes die Weihe zu ertheilen. Dieser Brauch hat seine Geschichte. Er ist so alt, daß kein anderer Brauch der Gegenwart, sei es auf welchem Gebiete immer, mit seinem Alter sich messen kann. Denn schon die Gotteswohnung, die das Volk Israel in der Wüste eis richtete, wurde mit der Erfüllung der priesterlichen Aufgabe, „ein ewiges Licht darin anzuzündeu", allererst seinem heiligen Zweck überwiesen. Es ist aber nicht blos das Alter, das diesem äußerlichen Vorgang seine Bedeutung verleiht, sondern diese liegt wesentlich in seinem geistigen Inhalt. Wo Licht ist, da ist für die Herrschaft der Finsterniß kein Raum, da kann sie das Auge nicht verdunkeln, nicht das leibliche, und noch weniger das geistige. Deshalb heißt es: „Eine Leuchte ist das göttliche Gebot, und die göttliche Lehre ist Licht." So hat sich denn auch unsere Religion zu allen Zeiten als eine Lichtspenderin für uns bewährt: In dem Dunkel der Judengaffe hat sie uns geleuchtet, unsere Sinne wach erhalten, unseren Geist aufgehellt und unser Gemüth aufgeheitert, und immer hat sie uns den Trost zugesprochen: „Allmächtig ist der Ewige, er leuchtet uns!" Aber nicht blos für uns ist unsere Religion eine Lichtspenderin gewesen, sondern auch für die Menschheit. Diese dankt ihr die erleuchtende und erlösende Wahrheit, daß Gott den Menschen in seinem Ebenbilde erschaffen hat, daß alle Menschen Kinder Gottes sind und daß er ihrer aller Vater ist, und ebenso dankt ihr die Menschheit die erleuchtende Md erwärmende Lehre: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Deshalb dürfen wir unseren Zusammenhang mit der Menschheit nicht aufgeben, wir sind nur ein kleiner Bruchtheil von ihr, und nichts ohne sie, wie die Menschheit ihrerseits das Beste, was sie besitzt, nicht besitzen würde, wenn Gott nicht auf dem Sinai dem Volke Israel Md durch dieses der Menschheit ein Licht angezündet hätte. Bei dem Scheine dieses Lichtes bietet auch die Gegenwart, trotz MMcher tiefer Schatten, die auf ihr lagern, ein freundliches Bild, denn dieses Licht läßt uns erkennen, daß trotz zeitweiliger Rückfälle Md Verfinsterungen die Sonne der Menschenliebe und Humanität immer wieder Mfgeht und den Morgen einer allgemeinen Verbrüderung immer näher rückt. Nur wer unsere Geschichte von gestern oder vorgestern keMt, kann an dieser Gewißheit zweifeln. Vor zweitausend Jahren wurde das ewige Licht in dem Heiligthum zu Jerusalem ausgelöscht, aber das Licht unserer Religion ist deshalb doch nicht ausgegangen. Vor zweihundert Jahren wurden die Juden aus Wien vertrieben, aber seit fast einem Jahrhundert dürfen wir wieder hier in unserer Vaterstadt in angestammter Weise zu Gott beten, in fast allen Bezirken hat unsere Gesammtheit mit gemeinsamen Opfern jüdische Gotteshäuser errichtet, und heute sind wir hier versammelt, um dieses neuerbaute, würdige Gotteshaus einzuweihen. .Was aber in allen gelehrt wird, das wird auch hier verkündet werden: die Treue gegen unseren erhabenen Kaiser, die Liebe zum Vaterlande und zu unseren Mitmenschen, Recht üben und Gutes thun, unserem Glauben treu bleiben und ihn muthig bekennen. Als ein Symbol dieser erleuchtenden und erwärmenden Lehren möge oas Licht dienen, das ich nunmehr mit dem Weihespruch entzünde: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, der Du die Welt regierst, der Du uns aus dem Dunkel zum Lichte führst und uns diesen Freudentag hast erleben lassen." Amen. Nach Entzündung des ewigen Lichtes stimmte der Chor das deutsche Weihelied von S. Sulzer an. Hierauf hielt der Vereinsrabbiner Herr Dr. Bauer die Festrede. Festrede des Dereinsrabbiners Dr. Bauer. bz öbtwri „Vollendet ist die ganze Arbeit", in seiner majestätischen Pracht und Herrlichkeit steht da dieses monumentale Gotteshaus. Und wie nach einer Bemerkung unserer alten Weisen die Schöpfung Gottes erst durch die Errichtung des Salomonischen Prgchttempels die höchste Suffe der' Vollendung hat erklommen, so kann auch von dieser herrlichen Andachtsstätte gewissermaßen gesagt werden : pw b'öw ro»6a vww Durch sie erst hat die materielle wie auch die geistig-religiöse Entwicklung des Josefstädter Bethausvereines ihren Höhepunkt erreicht. Denn dieser schmucke Bau ist nicht allein ein Meisterwerk architektonischen Kunstsinnes, sondern zugleich eine Thal von eminent sittlich-religiöser Bedeutung, eine Munderthat, welche die ungeahnt großen moralischen Kräfte dieses numerisch so kleinen Vereines zum Ausdrucke bringt. Die jDtoö Feuermünze, welche von Gott als wirksamste Gabe zur Errichtung und Erhaltung der Stiftshütte in der Wüste dem Mose bezeichnet wurde, sie hat ihre wunderwirkende Kraft auch bei diesem Baue nicht versagt. Auch hier war es vor Allem die Flamme hingebungsvoller Liebe und Treue zu unserem angestammten Glauben, das Feuer der Begeisterung für den Gedanken, das Wahre mit dem Schönen zu verbinden, aus denen dieses Werk hervorgegangen. Von den Herzen blos einiger Weniger ausgegangen, hat dieses Feuer, zur mächtigen Flamme auflodernd, immer weitere Kreise ergriffen, gezündet, begeistert, zur edlen Nachahmung angeeifert. Vor diesem Feuer schwanden die in unser aller Gedächtniß noch frisch lebenden, schier unüberwindlicken Hindernisse, in diesem Feuer zerrannen in Nichts, die Befürchtungen der Zaghaften und Muthlosen, und ward zu stählerner Härte geschmiedet die Ueberzeugung, daß dieses Werk — weil ein Gotteswerk — endlich doch gelingen müsse. Je mehr der Bau gedieh, desto höher stieg die Flamme edler Begeisterung, desto rascher, desto flotter ging die Arbeit von statten, so daß, wie einst vom Tempel Salomos, auch von diesem Tempel gesagt werden kann: nrvn rp^Kü rrasj rDfc&ön „Wie aus dem Boden gestampft steht er da vor unseren Augen in seiner Pracht und Herrlichkeit!" Darum loben und preisen wir Dich, Ewiger, unser Gott, daß Du uns diese Zeit wohlbehalten hast erleben und erreichen lassen Bevor wir aber, meine andächtigen Festgenossen, diese Gott geweihte Stätte ihrer hehren Bestimmung übergeben, wollen wir noch die Frage beantworten, welchem Zwecke eigentlich dieses Haus dienen soll und wie dieser Zweck am besten und sichersten erreicht wird? *** Meine andächtigen Festgenossen! Im Anfänge —* so erzählt uns die Sage — weilte Gott hier auf Erden unter den 'in seinem Ebenbilde geschaffenen Menschenkindern. Da aber die Sünde ward geboren, und der Mensch ursprünglich ein makelloses Ebenbild Gottes wm. zu einem Sünder ist geworden, verließ Gott die Erde und zog sich in den Himmel zurück. Von der untersten Himmelsregion stieg er sodann immer höher und höher, bis er infolge der zunehmenden Sündhaftigkeit des Menschengeschlechtes der Erde gänzlich entrückt ward. Es kamen aber neue Geschlechter, es kamen Abraham, Jsak und Jacob, die auf ihren Wanderungen überall, wohin sie nur kamen, dem ewigen Gotte Altäre errichteten und durch ihren Lebenswandel seinen Namen verherrlichten. Von Stufe zu Stufe seiner Himmelswohnung herniedersteigend, näherte sich nun Gott immer mehr den Menschenkindern, bis endlich Mose durch die Errichtung des Stiftszeltes, in welchem die zwei Bundestafeln ruhten, Gott der Erde gänzlich wiedergab. Das Gleiche thaten auch Sie, meine verehrten Vorstände und Mitglieder diesesBethausvereines. Durch die Errichtung dieser würdigen Andachtsstätte haben auch Sie Gott uns und uns Gott näher gebracht, gemäß dem Schriftworte: „Sie sollen mir ein Heiligthum errichten, spricht Gott, daß ich wohne in ihrer Mitte!" An dem salomonischen Prachttempel meine andächtigen Zuhörer, waren nach dem Berichte unserer Weisen zwei Thore angebracht, das eine für den Einzug der Brautleute, das andere für die Trauernden

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