Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 36 Dt*. Mocb's Mocbertscbnft Seite 608 Handel auch alle Handwerke mit Ausnahme des Waffenschmiedens betreiben dürfen. In der That mußten die Juden trotz all:r Verbote auch im Mittelalter bis in die neueste Zeit Handwerke ausgeübt haben. Das beweisen auch die Familiennamen, die sich die Juden seit Kaiser Josef gegeben haben. Die Familiennamen, welche für die Juden jener Zeit etwas ganz Neues waren, wurden von den Geburtsorten ooer den Beschäftigungen genommen und geben uns daher ein Bild von den damals bei den Juden üblichen Handwerken und Beschäftigungen. Der leichteren Uebersicht halber mögen sie alphabetisch uns vorgeführt werden: Baber, Buchbinder, Bauer, dieser sehr häufig vorkommende beweist, wie beliebt der Ackerbau bei den Juden war, ebenso verbreitet ist der Name Bäck und Bäcker. Drucker oder hebräisch Madfes ist sehr häufig, wie ja seit 1500 von den Juden in Italien, der Türkei, in Amsterdam, in vielen Städten Deutschlands und in Galizien die hebräische Buchdruckerei eifrigst betrieben wurde. Färber, Fleischer, Fleischmann, Glaser, ferner Goldschmied, Margulies. Cores, das auch in Koref verwandelt wurde, Silberer, Silberstein, Silbermann, Edelstein u. dgl. m. sehr verbreitet, in Folge der sehr beliebten und stark betriebenen Goldschmiedekunst; Klemperer gleichbedeutend mit Klempner und Spängler, Leder soviel wie Gäcber, welcher Name ebenso wie das Gewerbe vielfach sich findet, Maler, Müller, Posamentirer auch Schnürmacher und Schnürdreher, Schleifer, Sattler, Riemer, Schindel, Schindler (Arbeiter der Schindel zur Dachdeckung), Schreiber hehräisch Sofer, Schneider, Schuster, Stricker, Steingraber, Steinschneider (gleich Graveur), Töpfer, Wagner, Zinner, d. h. Zinnarbeiter. Diese Familiennamen zeigen am besten, daß die meisten Handwerke von Juden betrieben wurden, und dabei will dieses Verzeichnis noch nicht auf Vollständigkeit Anspruch machen. Nennen wir noch die häufigen Namen Träger und Schröter, so sehen wir, daß die schwere Arbeit des Lasttragens den Juden ebenfalls ein willkommener Erwerb war, wie man das noch heute in Amsterdam und Saloniki tagtäglich sehen kann. Selbst polnische und russische Jude», denen zumeist wegen einiger sehr elenden oder wirklich nichts taugenden und berufsmäßig bettelnden Brüder, die sich zum Schaden der Uebrigen überall bemerkbar machen, Mangel an Arbeirsliebe, aber mit Unrecht, vorgeworfen wird, stellen das größte Contingent der jüdischen Arbeiter im Allgemeinen und der Arbeiter in Polen, Rußland und Bukowina überhaupt. Die berühmte Engländerin George Eliott schrieb einmal (29. October 1876) an Frau Beecher-Stowe in Amerika einen hochintereffanten Brief, in welchem sich unter Anderem auch folgende Stelle findet: „Ich finde, daß es selbst gebildete Christen gibt, die ernstlich nicht wissen, daß Christus ein Jude war, und dann der Meinung sind, daß er griechisch gesprochen habe. Solche Unwissenheit der Geschichte, die eine halbe Welt uns verschafft, solche Unfähigkeit, sich für irgend eine Lebensweise zu mteressiren, die nicht gerade in unseren gewohnten Kram hineinpaßt, ist, meiner Ansicht nach, die schlimmste Sorte Irreligiosität. Dies ist ein Zeichen der geistigen Beschränktheit oder — um mich eines derben englischen Ausdruckes zu bedienen — der Stupidität, die die Cultur der Gegenwart repräsentirt/ An dieses Wort werden wir immer wieder erinnert. Einweihung des «ene« Tempels im VIII. Bezirke, Nenkrggergasse. Dienstag den 15. September d. I. fand die feierliche Einweihung des neu erbauten Tempels im VIII. Bezirke statt. Der Tempel, ein architektonisches Kunstwerk ersten Ranges, von der Meisterhand Max Fleischer's, ist ein Backsteinrohbau in den ernsten Formen italienischer Frühgothik. In der Fasade kündigt sich schon die Jnnendisposition an: der breite, bedeutsam zum Giebel sich erhebende Mittelbau, der dem Hauptschiffe entspricht, die in ragende Thürme mit überhöhtenKuppeln endigenden Seitentheile, die sich den beiden Seitenschiffen anpaffen. Die Gliederung des mächtigen Spitzbogenfensters über dem dreitheiligen Portal mit den schmucklosen Wimpergen entspricht den Stockwerken, welche durch Galerie und Orgelempore gebildet werden; im Giebelfelde über dem Fenster sind als Symbol die Gesetzestafeln zu sehen. Die Laternen der Kuppelthürme sind doppelt, die untere mit schlanken Spitzbogenfenstern verglast, die obere offen, was sehr gute deeorative Wirkung macht. Die strenge Einfachheit, welche in der Fa?ade gewahrt ist, finden wir auch im Jnnenraume wieder, der seinerzeit durch Pochchromie in seiner Wirkung stark gehoben werden wird. Der hohe Raum macht einen freien und lustigen Eindruck; die Eisensäulen, welche die Galerie tragen, haben in Paaren abwechselnde Form: Aus jede Einzelsäule folgt ein schlankes Zwillingssäulenpaar und auf der Galeriebrüstung setzen wieder Säulen auf, welche die von Spitzbogensenstern durchbrochene Ausmauerung des Hochschiffes stützen. Die Decke ist von Travee zu Travee flach eingewöldr, die einzelnen Joche sind durch Spitzbogen geschieden, die ihre Widerlager in der Seitenmauer haben. So ist es vermieden, daß der Raum durch Pseilerwerk verstellt wird. Das Mittelschiff schließt mit dem erhöhten Altarplatze ab. Das Holzwerk — Sitzbäuke, Galeriebrüstungen, die Thüren der Bundeslade — ist stilgemäß schlicht ornamentirt. Die Borhalle und die Seitengänge sind geräumig und mit zahlreichen (15) Ausgängen versehen, die schönen Votivtaseln sind wie alle Steinmetzarbeiten von Vulkan und N e u b r u n ausgeführt. Der Tempel steht von allen Seiten frei insofern, als der Jnnenbau von Hosräumen umgeben wird. Nebenlocalitäten, Kanzleien u. s. w. sind theils in der Verlängerung der Seitenschiffe, theils in den Thurmbauten angeordnel. In Allem sieht man eine strenge Oekonomie eingehalten und das Beste und Zweckmäßigste mit den gebotenen Mitteln ausgeführt. Der imposante Bau, ausgeführt vom Baumeister Karl Mayer, ist in der außerordentlich kurzen Zeit vom Februar 1903 bis heute vollendet worden. An der Spitze des Tempelbaucomitss standen Herr Michael Straßer, sowie der langjährige Präses des Tempelbauvereines, k. k. Hoflieferant Herr Hermann Beck, welcher mit der ihm auszetchnenden Tyatkraft und mit seiner beispielgebenden Opferwilligkeit, insbesondere aber durch das von ihm vorzüglich geführte Sammlungs- und Caffawesen zum größten Theite zur Entstehung des Gotteshauses beigetragen hat. In der aus Anlaß der Elnweihungsfeierllchkeit mit Blattpflanzen geschmückten Vorhalle empfing das Empfangscomits — all dessen Spitze der unermüdliche 1. Vicepräses des Tempelbauvereines Herr Leopold Guttmann und Herr Adolf Beck, in dessen bewährten Händen das Arrangement der Einweihungsfeier lag — bestehend aus den Herren Heinrich Rosenbaum, Dr. Ludwig Weiß, Josef Mittler, Isidor M i n tz. Dr. S. Goldberger, S. Steiner, Julius Beck, Eduard Michelst ä d t e r und Hermann Pollak, die erschienenen officiellen Persönlichkeiten und geleitete sie zu ihren reservirten Sitzen. Es waren erschienen: Stadtcommandant FML. Ritter v. Engel, Sectionsrath P i l a t in Vertretung des Ministers für Cultus und Unterricht, Statthaltereirath Bäumen in Vertretung des Statthalters, Gemeinderath Haßfurth er in Vertretung des Bürgermeisters, Polizeibezirksleiter Polizeirath Adami in Vertretung des Polizeipräsidenten. Von der israel. Cultusgemeinde waren anwesend: Präs, kais. Rath Heinrich Klinger mit den Bicepräsidenten Dr. Alfred Stern und Landesschulrath Dr. Gustav Kohn und den Vorstandsmitgliedern Dr. Alfred Berger, Eltbogen, Prof. Doetor Ehrmann, David Ritter v. Gutmann, Baurath v. Goldschmidt, Oöeringenieur v. Mises, kais. Rath Wilhelm Pollak, Oberfinanzrath Dr. B. Rappaport, Landesschulrath Dr. M. Spitzer, Baurath Wilhelm Stiaßny, Direetor Theodor Ritter von T a u s s i g und Fabrikant T e l t s ch e r. Bon Rabbinate: außer dem Oberrabbiner Dr. M. Güdemann und Adolf Schmied! die Rabbinen: Dr. Abel es, Dr. Bach, Dr. David, Dr. Feuchtwang, Dr. Gelbhaus, Dr. Grunwald, Dr. Mandl, Dr. H. Reich, Dr. Tagltcht, die Obmänner der Tempelvereine: G. Bettelheim, Karl Seligmann, Ad. Hofsmann, Obmann des Bethausvorstande Fünfhaus S. Sterner, Landesgerichtsrath Dr. Spitzkopf, kaiserlicher Rath Schefftel, karserlicher Rath Dr. Lieben, Ortsschulrath Heit, Director Heller, Obercantor Schorr, Obercantor Bauer, eine Deputation des Vereines zur Hebung des Gewerbes mit dem Präsidenten S. B r o d an der Spitze. Eine Deputation der israelitischen Cultusgemeinde Baden: Präsident Lettner, Rabbiner Dr. Reich, u. v. A. Sehr stark war die Frauengalerie besetzt und bemerkte man an der Spitze des fast vollständig erschienenen Frauen- Wohlthätigkeitsvereines deren Präsidentin Frau Amalie Beck, Vorsteherin des I. Wiener Reconvaleseentenheimes, ferner Frau Professor Ehrmann, Frau Betli Straßer, Frau Professor Pick, Frau Görbel. Frau Rabbiner Dr. Bauer. Frau S. Steiner, Frau I. Rosenbaum, Frau Joses Mittler