Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021532--12984-3037610- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 602 Dr. Mocb's Mocbenscbrltt. Nr. 36 zwar — jedes Einzelnen That kann hier Gott allein richten, hat man sich doch freiwillig der Möglichkeit begeben, sie festzustellen, — aber der statistische Erfolg des Gesammtverkehrs der „Zwei-Büchsen" im Laufe der Zeiten bestätigt die psychologische Ansicht, daß dies Vertrauen, welches in Alle gesetzt und von ihnen empfunden wird, zu den stärksten und reinsten Antrieben gehört, welche den Willen des Menschen zum Guten leiten Im vorliegenden Fall hat sich das Vertrauen glanzend bewährt." Ueber die Werthschätzung der Arbeit bei den christlichen Ariern können wir ebenfalls ein interessantes Beispiel anführen. Bei den Racengläubigen gilt es als Dogma, daß die Semiten die Handarbeit verachten, die arische Race sie aber hochschätzt. Da haben wir, einmal im „Berl. Blatt" (14. Juli) Folgendes gelesen: „Die Ausschreibungen für die „Berliner Woche" — die bekannte große Segel-Regatta — enthalten folgende „Mannschastsbeschränkung": „Die Bemannung der Jachten, welche an den Wettfahrten der Sonderclasse theilnehmen, darf nur ans höchstens drei Herren bestehen, welche Amateure sowie Mitglieder eines anerkannten europäischen Jachtclubs sein müssen, ihren Lebensunterhalt nicht durch ihrer Hände Arbeit verdienen und dem Lande angehören in welchem die Jacht erbaut ist." , Und diese Regattavereine alle — sind judenrein. Wie hoch das Handwerk dagegen im alten Israel geschätzt war, das bedarf wohl heute kaum mehr der Erörterung. Wohl aber verdient es hervorgehoben zu werden, daß die Juden, auch seitdem sie den Boden Palästinas verlassen, die Arbeit und das Handwerk, sofern man es ihnen nur-gestattete, immer und überall vor allen anderen Erwerbszweigen bevorzugten. In Egypten und besonders in Alexandrien, wo das Deltaquartier ganz von Juden bevölkert war, trieben die Juden mit Eifer Handel und Schifffahrt, doch waren diese nicht ihre einzige Beschäftigung. Vermöge ihrer Lernbegier und ihrer Anstelligkeit lernten fie bald den Griechen ihre Kunstfertigkeit ab und wußten Rohprodukte schön und sinnreich zu verarbeiten. Es gab unter den asixandrinischen Juden viele Handwerker und Künstler, die sogar in einer Art Zunftgenossenschaft organisirt waren; brauchte man in Palästina Künstler für den Tempel, so berief man sie aus der alexandrinisch-jüdischen Gemeinde. Die Beschäftigung der babylonischen Juden, welche zusammenhängende Landstriche, das Land Israel genannt, bewohnten, war Ackerbau, Handwerke aller Art, und was besonders in einem von Canalbewäfferung abhängigen Lande natürlich ist, sie gruben und reinigten Canäle, auch betrieben sie Viehzucht, Handel, Schifffahrt und einige Künste. Die Juden des fränkischen und burgundischen Reiches, in welchem die Juden als römische Bürger angetroffen wurden, trieben Ackerbau, Gewerbe und Handel und befuhren mit eigenen Schiffen die Flüsse und das Meer nach dem gewiß glaubwürdigen Z-ugniß Gregors von Tours. Ebenso geht aus der unmenschlichen judenfeindlichen Gesetzgebung der Westgothen hervor, daß die Juden Spaniens neben Handel und Schifffahrt Acker-, Wein- und Oelbau betrieben. Um das Jahr 966 finden wir in Spanien eine Familie Jbn G'au, welche Seidenfabrikanten waren. Die beiden Brüder Jccob und Josef lieferten für den Hof kostbare Seidenstoffe und Kriegsfahnen mit Kunstvoll eingewebtcn arabischen Sinnsprüchen, Emblemen und Verzierungen: ihre Seidenwebereien wurden bewundert und gesucht. Der eine Bruder Jakob wurde von Almansur zum Fürsten und Oberrichter über sämmtliche jüdische Gemeinden im Reiche des andalusischen Chalifats ernannt. Mit Seidenraupenzucht, mit Pflanzung von Maulbeerbäumen und Seidenspinnerei beschäftigten sich auch die Juden Griechenlands. Dieses geht aus einer Anfrage hervor, welche die Juden an einen Gaon richteten, wie es zu halten sei, ob nach ihrem Brauch seit Alters die Seidenraupen nur an Feiertagen oder auch am Sabbath gefüttert werden dürfen. Der berühmte Reisende Benjamin von Tudela berichtet, daß die Juden von Theben die Kunst der Seidenspinnerei betrieben. Der König Roger von Sicilien verpflanzte Juden aus Griechenland nach Jtcllie», damit sie die Seidenspinnerei nach Italien verpflanzen. Daß die Juden die Industrie im Großen betrieben, geht ans einem Erlaß hervor, nach welchem die Juden unter den Nachfolgern Karls des Großen — trotz der entgegenstehenden kanonischen Gesetze — christliche Arbeiter bei ihren industriellen Unternehmungen gebrauchen konnten. In welchem Unfange der Acker- und Weinbau der Juden im französischen Reiche unter Philipp August 1181 betrieben wurde, beweist der Umstand, daß Philipp August den Jaden, welche durch ein Edict 1171 Frankreich verlassen mußten, nicht gestattete, .ihre unbewegliche Habe, ihre Aecker, Weinberge, Scheuern, Weinpreffen zu veräußern, sondern als dem König verfallen erklärte, was eine schöne Einnahme abgegeben haben muß; denn nur die Habsucht verleitete ihn, die Juden aus Frankreich zu verweisen; im Jahre 1180 erpreßte er ihnen 15 000 Mark Silbers. Wie sehr die Handwerke noch im 15. Jahrhundert in Spanien von den Juden gepflegt wurden, ersehen wir aus einem Warnungsruf oder Zuchtspiegel, welchen Salomo Alami 1415 in Portugal an seine Zeitgenossen richtet und in welchem er unter Anderem klagt: Die Rabbiner sind verachtet; alle Classen der Gesellschaft wenden ihre Söhne lieber dem niedrigsten Handwerk zu, als sie zum Studium des Gesetzes erziehen zu lassen. Aus einem Decret des Königs Juan II. vom 6. April 1443 geht klar hervor, daß die Juden in Kastilien Zeugweber, Goldarbeiter, Zimmerleute, Barbiere, Schuhmacher, Schneider, Müller, Kupferschmiede, Sattler, Seiler, Töpfer, Wagenbauer und Korbmacher waren. Aus einer Vertheidigungsschrift, welche die Juden dem König Siegmund I. von Polen 1530 überreichten, geht hervor, daß es in Polen fast gar keine christlichen Handwerker gab, daß die Zahl der jüdischen Handwerker 10.000 betrug. Die Handwerke, die sie betrieben, werden aufgezählt: Tuchmacher, Kürschner, Goldschmiede, Schneider, Zinngießer, Kupferschmiede, Posamentirer, Büchsenmacher, Ringkragenmacher, Gürtler, Messerschmiede, Schlosser, Beutelmacher, Buchbinder, Schalullenmacher, Mützenmacher, Tischler, Schuster, Sattler, Wagner, Riemer, Korduanarbeiter, Weißgerber, Gerber, Bäcker, Fleischer, Bierbrauer, Schmiede, Drucker. Der ganze Handwerkerstand war somit ausschließlich durch Juden vertreten. Von einer Arbeitsfeindlichkeit und Arbeitsscheu der Juden, sagt Kurrein sehr richtig, kann also in Wirklichkeit nicht die Rede sein. Wäre es in Wahrheit der Fall, anstatt daß nur eine größere Hinneigung zum Handel als zum Handwerk vorherrscht, so ist der Grund dafür wohl ganz anderswo zu suchen und zu finden. Das Bestreben der Kirche im Mittelalter, das Judenthum hinabzudrücken und zu demüthigen, die Juden aus der christlichen Gesellschaft auszuschließen und ihnen eine verachtete Stellung zuzuweisen, einerseits, und andererseits das System der weltlichen und geistlichen Herren, die Juden als die ergiebigste Melkkuh auszusaugen und auszupreffen, arbeitete darauf los, jede ehrliche Thätigkeit, jeden ehrlichen Beruf ihnen unmöglich zu machen. Abgesehen von den Demüthigungen und Beschränkungen im tyzantinischen Reiche, das ganz unter dem Einflüsse der .Geistlichkeit stand, wurde den Juden in Spanien unter dem Westgothenkönige Egica der Besitz von Ländereien und Häusern verboten und dieses Decret von einer Kirchenversammlung bestätigt. Der kanonische Beschluß des Lateranconcils v rbot den Juden, christliche Dienerschaft zu halten, und je mehr dieses Verbot durchdrang, desto mehr mußten die Juden ihren Landbesitz nach und nach veräußern und sich in die Städte zurückziehen und auf Handel und Geldgeschäfte sich verlegen. Auch das Lehensystem hinderte die Juden, in Deutschland Grund und Boden zu erwerben und zu besitzen. Wurde nun den Juden allmälig therls durch das Verbot des Grundbisitzes, theils durch das Verbot, christliche Diener zur Arbeit zu halten, die Bearbeitung des Bodens unmöglich gemacht, so sollte es bald nicht besser mit dem Handwerk gehen. Auf Betreiben eines fanatischen Mönches, Vicente Ferrer, erließ die Regentschaft von Arragonien im Namen des Kindes Juan II. ein Edict von 24 Artikeln gegen die Juden am 12. Januar 1412, welches ihnen verbot, irgend welches Handwerk zu treiben. Benedict XIII. erließ am 11. Mai 1415 eine Bulle von 11 Artikeln, in welcher unter Anderem den Juden verboten wird, ein Handwerk zu treiben. Am 19. April 1566 verbot Papst Pius V. den Juden, irgend welchen Grundbesitz zu haben und andere Geschäfte als Trödelhandel zu treiben. Obwohl den Juden auf diese Weise systematisch die Feldarbeit und auch das Handwerk abgewöhnt wurde, scheint dennoch ihr Augenmerk stets neuerdings darauf gerichtet gewesen zu sein, die Erlaubniß zur Ausübung des Handwerks wieder zu erlangen. Dieser Versuch ist ihnen gewiß des Oefteren auch gelungen. Das beweist das bereits erwähnte Decret Juans II. gegen die feindselige Bulle Papst Eugens und in gleicher Weise ein Privilegium, welches die böhmischen Juden von Ferdinand III. am 8. April 1648 zum Lohn für ihre Leistungen bei der Belagerung Prags durch die Schweden erhielten. In diesem Privilegium wird ihnen unter Anderem auch das Recht eingeräumt, daß sie neben ausgedehntem