Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 694 Dr. Mocb's MocbenscbrM. . Nr. 37 Mutter Erde entquillt, Genesung trinken, erfreue Deine Kinde **' und lasse uns Alle gestärkt, gekräftigt, genesen wieder heimkehren zu unseren Lieben, die doch Alle Deine Geschöpfe sind!" — Aber nicht blos die Reichen, die von Gott Gesegneten, die „oberen Zehntausend-, benützen dieses Mekka der Gesundung, sondern auch die Armen, die Hilflosen, die Niederen finden sich hier ein und schlürfen vom Wasser des Heils, und zum Lobe der Wunderstadt sei es gesagt, mit Großmuth, Liebenswürdigkeit und Freigebigkeit bietet die Stadtvertrctnng den Unbemittelten Gelegenheit, ihren Körper zu restauriren; auch die Beaniten der Stadt, bis herab zum mindesten „Bademädchen" und zu den lieblichen „Brunnenfeen", leisten in Zuvorkommenheit das Möglichste. Und kommt es manchmal doch zu kleinen, unliebsamen Auseinandersetzungen, dann ist die Partei gewiß selbst schuld, da oft Anforderungen gestellt werden, die zu erfüllen beim besten Willen nicht möglich sind. Insbesondere die wackere Enltnsgemeinde in Karlsbad verdient es, daß ihr ein Ruhmesblatt in Ihrer geschätzten Wochenschrift zutheil werde. Während meines vierwöchentlichen Aufenthaltes hatte ich Gelegenheit, einen Einblick in die Einrichtungen der löbl. Cultusgeineinde 31t thnn. und mit gütiger Erlaubnis;, Herr Redacteur, will ich Markantes hier anführen: In erster Reihe verdient das Armenwesen hervorgehobcn zu werden. Es versteht sich von selbst, daß an die Wohlthätigkeit der Gemeinde große Anforderungen gestellt werden, und sind es ganz besonders unsere polnischen Brüder, die unterstützt werden müssen; dies geschieht nach Thnnlichkeit und in zarter Weise. Ich sah aber auch, daß reiche Russen große Beträge vertheilten. Das Herz füllt sich mit Wonne, betritt man den schönen, geräumigen Tempel, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Mit Weihe und Andacht wird derselbe vernichtet und tragen die Herren Commissäre — ich bemerkte die Herren Adolf Grünbaum, Marcus Löwy u. A. — sehr viel dazu bei, daß Ruhe und Ordnung herrsche. Der schöne Gesang des Ehores erhebt das Herz, die gediegene, formvollendete Predigt und erklärenden Exhorten des hochgeehrten und allseitig geachteten Rabbiners Doctor Ziegler richten das Gemüth auf und löffln neue Hoffnungen einzieheu in die bekümmerte Brust. Sorgen und Kümmerniß verlieren ihren Stachel, und Liebe, — Menschenliebe. Bruderliebe — so diese verloren - kehrt wieder, Muth und Lebenssreudigkeit erwachen von Neuem. Die heilige Halle wird von Curgästen aus allen Welttheilcn, von allen Glaubensbekenntnissen, allen Sprachen, allen Nationen besucht; ich bemerkte sogar russische Popen, die voll Andacht den Vorträgen lauschten, und vernahm von andersgläubigen Priestern Worte der höchsten Anerkennung über Predigt und Gottesdienst. Viele Orthodoxe — die sonst der Orgel ausweichen — waren anwesend und sprachen sich höchst lobend aus; doch Seine Ehrwürdcu der Grandrabbi von Alexandrien, der in dieser Zeit anwesend war, blieb dem Gottesdienste fern. Herr Cultusvorsteher Moser, der mich Samstag zur Thora rufen ließ, ist ein ständiger Besucher des Gottesdienstes und beweist eine Ehrfurcht für das heiliae Institut, die man nicht überall bei unseren Großen findet. Natiirlich besuchte ich auch das neue Krankenhaus, das in; verflossenen Jahre zu Ehren unseres geliebten Kaisers Franz Joseph I. erbaut und eingeweiht wurde, lieber den Bau, über die innere Einrichtung mag ich hier nicht berichten, denn davon brachten ja fast alle Zeitungen, und ist mein Griffel viel zu stumpf, um noch ein Lorbeerblatt hinzuzuzeichnen. Doch über Verpflegung und Behandlung der Zöglinge sei eine kurze Bemerkung gestattet. Ein Freund geleitete mich'mit Erlaubniß des liebenswürdigen Verwalters durch die Räume und führte mich in sein Logis. Ich stand still und kam aus dem Raume nicht heraus. „Sehen Sie, sprach der Pflegling. hier finde ich Alles, was mein Herz begehrt. Peinliche Reinlichkeit, größte Bequemlichkeit, ja sogar Luxus, wie ich ihn gewiß zu Hause nicht habe, und was soll ich Ihnen erst über die ärztliche Behandlung sagen. Der Herr Primärnud Secundararzt wetteifern beide in der Liebe zu uns; Uns wird hier nicht die Kost gereicht, wie man sie oft lieblos den Bettlern darbietet; sie ist vorzüglich zubereitet, wenn auch curgemäß. Der Speisesaal ist, wie Sie sehen, mit großem Comfort eingerichtet, es fehlen nicht dieLeinentischiücher und für Servietten ist Wohl gesorgt. Täglich besucht ein Comitßmitglied das Curhaus, sitzt bei uns im Speisesaal und beitert uns auf durch freundliche, liebevolle Worte. Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Ziegler beehrt uns recht oft mit seiner Gegenwart und hat für uns stets ein Liebeswort, einen Trostspruch und sehr häufig auch eine versteckte Gabe." Hocherfreut war ich auch davon, daß die Thüren mit Mesusos versehen und daß eine große Betstube vorbereitet ist, die jedoch noch der Einrichtung harrt. Die Küche ist jüdisch-religiös eingerichtet, hat milchige und fleischige Geschirre und ebensolche Oefen. Voll Bewunderung verließ ich das stille Heim der Kranken und segnete im Herzen Alle, die die Noth, die Leiden der Hilfesuchenden auf so schöne und edle Weise zu lindern suchen. An der Grenze des weiten Gartens, der das Curhaus umgibt, stehend fiel mir ein: „Wohlthaten still und rein gegeben, . Sind Todte, die im Grabe leben, Sind Blumen, die nicht vergehen" u. s. w. M. Berka, Oberlehrer. Rom. Wie eine katholische Revue mittheilt, hat. Papst Pius X., als er Canonicus in Treviso war, Literatur-Unterricht in der jüdischen Familie Romanin-Jacur ertheilt und derselben auch später freundschaftliche Empfindungen bewahrt. Als Pfarrer n Salzano besuchte er die Familie, welche daselbst den Sommer zubrachte, sehr häufig und verkehrte mit derselben „in herzlicher Intimität". Sein Schüler war der jetzige Deputirte Leon Romanin-Jacur (vorübergehend Unterstaats-Secretär im Handels- Ministerium), mit dem Pius X. noch als Patriarch von Venedig eine lebhafte Cv'respondenz unterhielt. — Je seltener ein katholischer Kirchenfürst seine Stimme für eine gerechtere Beurtheilung von Juden und Judenthum erhebt, um so wohlthuender ist es, ein derartiges Ereigniß verzeichnen zu können. Der gefeierte Bischof von Cremona, Monsignor Bonomelli, hat soeben unter dem Titel „Gegen den Antisemitismus" eine vielbemerkte Schrift veröffentlicht, in welcher er diese „schmachvolle Bewegung" als nicht nur ungerecht, sondern „in ihrem innersten Wesen als unchristlich" scharf verurtheilt. Er bespricht die beiden Hauptanklagen gegen die Juden, ihre finanzielle Macht und die Racen-Berschfldenheit, und legt dar, daß der Capitalismus, seine Ausschreitungen und seinePractiken keineswegs ausschließlich „jüdische" seien, sondern zahlreiche Christen die Vorwürfe, welche man gegen sömmtliche Juden erhebt, noch mehr verdienen und daß eine Kirche, welche sich universell nennt, unmöglich eine Verschiedenheit des ethnischen Ursprunges anerkennen dürfe, um Steine auf die Juden zu werfen. In Bezug auf ersteren Punkt ist die Antwort sehr bezeichnend, welche Bonomelli bei seiner Anwesenheit in Berlin einem italienischen Landsmann ertheilt hat. Derselbe zeigte ihm die von Juden bewohnten Pachthäuser und bemerkte dabei: „Sie werden sich nunmehr nicht verwundern, daß es hier Antisemitismus gibt." Entrüstet erwiderte der Bischof: „Wenn die Juden sie durch erlaubte, ehrliche Mittel erworben haben, so ist dagegen nichts einzuwenden. Es ist ihr Eigenthum, wie es Eigenthum der Christen wäre, welche verstanden, zu thun, was die Juden gethan haben. Wenn sie getäuscht, gegaunert, betrogen haben, so gibt es Gesetze, und man belange sie. Behaupten, daß sie Diebe seien, weil sie reich sind, sie hassen und versuchen, sie, wenn möglich zu verjagen, ist widersinnig." Ueber den Racen-Gegensatz äußert sich der Prälat wie folgt: „Im Vollbewußtsein dessen, was ich sage, erkläre ich, daß der Antisemitismus in seinem innersten Wesen unchristlich sei. Wenn ich einem Juden, wer er auch sei, begegne, dann denke ich, daß er ein Mensch ist, gleich mir, ein Werk desselben Schöpfers, von Natur mein Bruder, der dasselbe Ebenbild Gottes an sich trägt wie ich auch. Ich denke, daß er ein Nachkomme Abraham's und der Patriarchen ist. welche ich verehre. Ich denke an die Propheten und die großen Heiligen, welche Juden waren. Ich denke an die Apostel, die Begründer der Kirche, welche gute Juden gewesen sind. Ich denke an jenen Apostel im wahrsten Sinne des Wortes, an den erlauchten heiligen Paulus, welcher sich rühmte, ein Jude zu sein. Ich denke an die ersten Märtyrer der Kirche, welche Juden waren. Ich denke an die heilige Jungfrau, welche der Familie David's entstammte. Ich denke an Jesus Christus". Monsignore Bonomelli faßt seine Ausführungen in folgende Schlußsätze zusammen: „1. Wer die Juden haßt, die öffentliche Meinung erregt und gegen sie aufhetzt, weil sie Juden sind, der ist ungerecht und zu allerletzt ein Christ. 2. Für uns Christen hat die Nachkommenschaft Israelis ein ganz besonderes, unveräußerliches Anrecht auf unsere Sympathie und unsere Dankbarkeit. 3. Wenn es Juden gibt, welche der Vergehen, welcher man sie anklagt, schuldig sind, so entlarve man sie, dehne aber den Vorwurf und die Verurteilung nicht auf die ganze Race aus, und vor Allem mache man ihnen nicht aus ihrem Namen ein Verbrechen." Petersburg. Wie den „Times" auf Grund einer Veröffentlichung der Jüdischen Arbeiterliga mitgetheilt wird, hat der russische Minister d es Innern an die Gouverneure und anderen Behörden ein Rundschreiben gegen den Zionism u s erlaffen, in dem ausgeführt wird, daß die Zionisten ihr ursprüngliches Ziel — Gründung eines Staates in Palästina — aufgegeben hätten und jetzt die jüdische Nationalidee zu stärken versuchen, was der Verschmelzung der Juden mit den anderen Unterthanen des Czaren, dem von der kaiserlichen Regierung verfolgten Plane, hinderlich sei. Die Behörden werden daher angehalten, folgende Maßregeln zu ergreifen: 1. Die Action der „Mahids" oder Wanderagitatoren, die in Synagogen und öffentlichen Versammlungen Reden halten, zu verbieten; 2. keine öffentlichen oder andere Versammlungen zu erlauben; 3. Conferenzen der Delegirten und Mitglieder