Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 692 Dr. Blocb’s Mocbenscbrttt. Rr. 37 Ueber die »Berjudung der alpinen Sommerfrischen" erbost sich in der letzten Sonntagsnummer des »Deutschen Volksblattes" ein gewisser Dr. K. M. in einem längeren Artikel, und als Beweis dafür, wie unbeliebt sich die Juden selbst machen, wie sie selbst zum Antisemitismus herausfordern, führt er zwei Vorfälle an, die an und für sich ganz unbedeutend sind und höchstens für die daran Betheiligten Stoff für ein Wirthshausgespräch bieten können, aber die sich wahrscheinlich nur in der Phantasie des Herrn Dr. K. M. abgespielt haben. Genaue Angaben darüber, wann sich die Scenen abgespielt haben, unterbleiben selbstverständlich, man wird sich doch nicht der Gefahr aussetzen, Lügen gestraft zu werden, da ist es viel einfacher, man verschweigt solche Nebensächlichkeiten. Uebrigens steht in keinem Märchen, in welchem Lande und wo die Geschichte stattgefunden hat. es heißt immer nur, »es war einmal", und den Stempel der Erfindung tragen auch die Geschichten des Herrn Dr. K. M. Erfundene Berichte haben den wunderbaren Bortheil, daß man alles Mögliche darin behaupten kann, der gläubige Leser nimmt es, wenn es gut vorgetragen ist. für baare Münze. Herr Dr. K. M. ist aber nicht sehr geschickt, er hat durch seinen Artikel nicht einmal den Befähigungsnachweis zum christlich-socialen Journalisten erbracht, denn seine Mache ist sehr plump. Selbst wenn seine Schilderung auf Wahrheit beruhte, würde sie höchstens für die Tactlosigkeit und Unanständigkeit der Betreffenden zeugen; daß die Juden in ihrer Gesammtheit dafür nicht verantwortlich zu machen sind, ist selbst dem blödesten Auge klar, also auch Herrn Dr. K. M. Recht heiter ist der Schlußabsatz des Artikels, indem es heißt, daß die Juden den Deutschen den Ruf der lärmenden Lustigkeit verschafft haben, denn »in vielen großen nichtdeutschen Städten — ich nenne nur Paris und vielleicht auch Prag und Brünn — kennt man ja als Deutsche fast nur die zufällig deutsch sprechenden Juden und setzt dann deren Unarten den Deutschen auf die Rechnung." Tausende Deutsche theilen also das Schicksal der Mühldorfer Obligationen, sie sind verschwunden, nachdem ihre Existenz dem »Deutschen Bolksblatt" nicht paßt. Die Stadt Brünn entsendet aus der Städtecurie zwei deutsche Abgeordnete in den Reichsrath, in Prag leben zehntausend Deutsche — das Alles ist Vergangenheit, nur Juden sprechen mehr in diesen Städten deutsch, die übrige deutsche Bevölkerung hat das ^Deutsche Volksblatt", das darin Uebung hat, defraudirt. * * * Die Stadt Wien hat für die Straßendecoration anläßlich der Ankunft des englischen Königs fünfzigtausend Kronen ausgegeben. der Bürgermeister hat sich in höchst eigener Person auf den Bahnhof bemüht, und was ist der Mühe Lohn? Herr Doctor Karl Lueger hat keinen Ocden erhalten. O undankbares England, das sich nur bei der Bevölkerung Wiens bedankt, auf die Knopflochschmerzen unseres Bürgermeisters, der mit fremden Geld splendid ist, aber keine Rücksicht nimmt. Isegrim. Korrespondenzen. Ein Jude als Landesgerichtsprasident. Unter der Regierung unseres neuen Banns, des Grafen Theodor Dr. Pejacsevich, und des Sectionschefs Klein wurde der Jude Michael Heim zum Präsidenten des Landesgerichtcs in Mitrowitz (Croatien) vor Kurzem durch Se. Majestät ernannt. Wien. Der Großherzog von Baden empfing nach Schluß des Zionisten-Congreffes Dr. Herzl in längerer Audienz. Voraussichtlich dürfte der nächste Zionisten-Congrtß nicht in Basel, sondern im Haag (Holland) stattfinden. Zum Proceß Saborski eoutra Jedek. Von sehr geschätzter und durchaus vertrauenswürdiger Seite erhalten wir folgende Zuschrift: »In der letzten Nummer der »Oesterreichifchen Wochenschrift" finde ich eine »Glosse" zu dem Proceß Saborski eoutra Jedek, welche im Interesse der Wahrheit nicht unwidersprochen bleiben darf. Die Annahme, baß durch den Biehcommiffionshandel eine Monopolisirung des Biehmarttes platzgreife, beruht auf einen Jrrthum. Seit dem Bestände der jetzigen Marktordnung ist eine monopolistische Beherrschung des Marktes durch die Biehcommissionäre ausgegeschlossen. Aber es muß constatirt werden, daß schon vor 25 Jahren, als der Kampf gegen die damalige Vorherrschaft des Biehcommiffionshandels auf dem Wiener Centralviehmarkte geführt wurde, die strenge Reellität und geschäftliche Coulance der Firma Saborski allgemein, selbst von den heftigsten Gegnern anerkannt wurde. Seither haben sich die Verhältniffe auf dem Markte gründlich geändert; die Firma Saborski hat aber ihre hervorragende Stellung im Biehcommiffionshandel immer behauptet und sie hat sich durch ihre geschäftliche Ehrenhaftigkeit ihren Ruf und das erworbene Vertrauen bewahrt. Ihre Chefs erfreuen sich der größten Achtung und zählen zu den sympathischesten Erscheinungen in unserem geschäftlichen und bürgerlichen Leben. Man lasse sich doch von den Declamationen der Fleischhauer über Bedrückungen durch den Viehcommissionshandel nicht täuschen. Die Fleischhauer brauchen gegenüber den Klagen des Publicums über die Fleischtheuerung eine Ablenkung des Odiums. Das dankbarste Object sind die Biehcommissionäre, schon deshalb, weil sie größtenteils — Juden sind. Der Wiener Viehmarkt ist den Verkehrsfluctuationen wie jeder andere Markt unterworfen und die Preise regeln sich nach Angebot und Nachfrage. So steht die Sache!" Wien. Man schreibt uns aus Berlin: Vom »Hilfsverein der deutschen Juden" und dem jüdischen U. O. B. B.-Zweigcomitä des deutschen National-Comilßs zur Bekämpfung des Mädchenhandels wird, wie wir erfahren, für den 15. und 16. September ein Congreß nach Lemberg einberufen, zu welchem Einladungen an alle großen jüdischen Verbände sowie an eine Reihe von hervorragenden Persönlichkeiten in Deutschland und Oesterreich, speciell auch Galiziens ergehen werden. Dieser Congreß, zu welchem die Lemberger Cultusgemeinde die Vorbereitungen übernommen, wird auch in den der dortigen Gemeinde gehörigen Localitäten abgehalten werden. Es ist dies der erste derartige Congreß, der überhaupt stattfindet und der bemerkenswerth auch dadurch erscheint, daß sowohl die orthodoxen, wie die die weniger strenge Richtung vertretenden Rabbiner hier zun« erstenmale gemeinsam an der Lösung einer so wichtigen Frage, wie die Bekämpfung des schändlichen Mädchenhandels cs ist, thätig Mitwirken werden. Ueber die sehr reichhaltige und wichtige Tagesordnung. die zweifellos das regste Interesse aller an der Förderung dieser hohen socialen Aufgabe Antheil nehmenden jüdischen Kreise erfahren dürfte, sei für heute erwähnt, daß der Congreß eingeleitet werden wird durch ein Generalreserat über die ganze Bewegung, welches Herr Gustav Tuch-Hamburg, der Vorsitzende des oben genannten Comitös, halten wird. Mit dem Erlast des italienischen Kriegsministers, den wir in der letzten Nummer erwähnt haben, hat die Berliner »Volkszeitung" einen nicht unüblen Scherz geleistet. Sie hat ihn an leitender Stelle als Erlaß »des Kciegsministers" veröffentlicht und erst am Schluffe ihres Commentars dazu erwähnt, daß es sich um einen Erlaß des italienischen Kriegsministers handelt. Einer ganzen Reihe von Provinzblättern ist nun telegraphisch der Erlaß als eine Verfügung des preußischen Kriegsministers übermittelt worden. Auch der wohlwollende Commentar der »Volkszeitung" hierzu ist theilweise mit ab- .gedruckt worden. Selbst ein so eingefleischtes Antisemitenblatt, wie die »Post", knüpfte daran den Ausdruck der Hoffnung, daß »diese beherzigenswerthen Mahnungen überall im Heere die gebührende Beachtung finden". Inzwischen ist sie darauf aufmerksam gemacht worden, daß von einem preußischen Kriegsminister wohl schwerlich ein solcher Erlaß zu erwarten sein dürfte, der es als dringend nothwendig bezeichnet, daß Osficiere und Unterofficiere mit ganz besonderer Sorgfalt darüber wachen, die Stimmung ihrer Soldaten gut und normal zu erhalten u. s. w. In der nächsten Nummer schrieb sie dann, sie habe eine Verwechslung begangen, »es dürfte sich vielleicht um ein französisches Actenstück handeln." Der italienische Kriegsminister ist ein Jude. Vielleicht widerstrebt es der »Post", einzugestehen, daß sie ein »jüdisches Elaborat" der deutschen Armee zur Beachtung empfohlen habe. Das goldene jüdische Herz. In einem der Säle des Allgemeinen Krankenhauses in Wien liegt ein Patient jüdischer Confeffion. Sein Gesicht zeigt deutlich Spuren langen Leidens, sein Auge ist trüb, seine Miene spricht tiefe Bfkümmerniß aus. Er hat bessere Tage gesehen,