Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Dr. Dlocb's Mocbenscbrlkt. Nr. 37 Sette 590 Europa leben, können nur jetzt in ihrer gegenwärtigen Zersplitterung ungestraft mißhandelt, von wilden Haufen oder organisirten Banden ausgeraubt und abgeschlachtet werden, würden aber, geeint und geleitet, eine gewaltige Macht stellen, an der sich mancher harte Schädel zerschellen würde. Ein schwacher Faden, tausendfach zusammengedreht, gibt ein starkes Seil, an dem die Jgnatiews und Plehwes hängen bleiben. Menschenfreundliche, vielbegabte und vielvermögende Männer beschäftigen sich mit dem traurigen Schicksal, das nach langer Ruhe vor etwa zwei Decennien über unser Volk hereingebrochen, eifrig bemüht, die Wunden zu heilen, die es von ruchloser Hand empfangen. Diese Männer, diese Kräfte, ihr Streben und ihr Einfluß sollten dem Judenthume in anderer Richtung dienstbar gemacht werden, sollten dazu benützt werden die Schläge zu pariren. statt später Balsam auf die Wunde zu träufeln. Die Solidarität, die man uns nachträgt und nachrühmt, sollte ausgedehnt und ausgestaltet werden, durch alle Lande, durch alle Grenzen und eine Organisation geschaffen werden, die einen innigen Zusammenschluß erzielt. Die Polen in Galizien stehen isolirt, vor ihren übrigen Connationalen durch scharf bewachte Grenzen getrennt, umgeben von ihnen feindlichen Ruffen, Ruthenen und Deutschen. An Zahl stehen ihnen die Ruthenen gleich; die in Rußland und Polen lebenden Juden überragen sie um zwei Millionen, und doch welche Bedeutung haben diese wackern Leute auf politischem Gebiete infolge ihrer Einigkeit, strammen Organisation und zielbewußten Leitung gewonnen! Wie hoch stiegen sie aus ihrer früheren minorennen Stellung zu ihrem jetzigen dominirenden staatlichen Einfluß empor! Die Deutschen, welche vermöge der österreichischen Tradition und ihrer unbestreitbar hohen Intelligenz zur Führung berufen wären, sind durch die Zerstücklung in Parteien mit Sonderbestrebungen, durch Rivalitäten aus ihrer früheren Stellung hinabgeglitten, und voran stehen die zur Macht emporgestiegenen Polen. Es gab eine Zeit, wo gleichzeitig fünf Polen im Rathe der Krone saßen und auf dem Präsidentenstuhl des Reichsrathes abermals ein Pole! So stark macht die Einigkeit, so weit kommt man von energischem Willen geleitet! Auch die Czechen, die Slavonier, die Italiener zeugen dafür, während die Ruthenen, den Polen an Zahl gleich, wenig Bedeutung haben, obschon sie bei den Aufständen in den Jahren 1846,1848,1863 der Regierung wesentliche Dienste leisteten. Der Zionismus war ja ein schöner, hehrer Gedanke; die friedliche Wiedereroberung des alten Heimatlandes ein gewiß ideales Streben, für das der Besten Einige mit patriotischer Wärme eintraten — aber dies ist ein Luxus, den sich nur wohlhabende Leute gönnen können und lange noch keine Hilfe für die große, hartbedrängte Masse des Volkes. Millionen oder selbst Hunderttausende können nicht ins gelobte Land verpflanzt werden; so viel Geld gibt es hier nicht, so viel Land dort nicht. Unsere Berhältniffe gestatten nicht, Chimären nachzuhängen; wir müssen Positives anstreben, um unseren im Osten Europas so schwer ringenden, fortwährend beunruhigten und bedrohten Brüdern ihr Dasein halbwegs zu erleichtern. Es ist vor Allem nothwendig, eine wirkliche und wahrhaftige Alliance Israelite universelle, eilte innige Zusammengehörigkeit, eine fast unbegrenzte Solidarität, eine bis in die breiteste Schichte reichende Organisation durchzuführen und ein Centralcomitä mit dem Sitze in Wien oder Berlin einzusetzen, welches an der Spitze des Judenlhums Wache hält und für die Diaspora gewissermaßen eine Regierung bildet, der sie in unbedingter Weise gehorchen soll. Von dieser Centralstelle aus hätten die Dircctiven für das Verhalten aller Juden bei allen Anlässen im politischen Leben auszugehen, die strict zu befolgen wären. Das eigene Interesse würde die Disciplin schmieden. Ob sich dies durchführen ließe? Schwierig, aber durchführbar. Ich muß wieder auf die Polen Hinweisen. Dieselben sind unter verschiedenen Regierungen vertheilt, verschiedenen Staaten einverleibt worden. Als sich aber seinerzeit in Paris aus dem Schoße der Emigration eine provisorische Regierung bildete, da gehorchten ihr willig sämmtliche Polen der drei Theilungsmächte, ohne nach den Personen zu fragen, die sich an die Spitze stellten, ohne nach den Motiven der Verordnungen zu forschen, ohne die schwersten Opfer an Gut und Blut zu scheuen und nicht die rigorosesten Maßregeln der drei verbündeten Mächte vermochten sie in dem Gehorsam gegen ihre nationalen Führer zu erschüttern. Diese patriotischen Tugenden vwdanken die viel geprüften Polen ihre jetzige Bedeutung. Es ist nicht geradezu nothwendig, aus unserer Loyalität herauszutreten und den Weg der Revolution zu betreten. Es würde für unsere Zwecke genügen, uns zu consolidiren und derart zu organisiren, daß wir Alle, mögen wir in Rußland oder Frankreich, in England oder Oesterreich leben, uns eine gemeinsame Leitung geben, die für uns sinnt und sorgt, auf dem Qui-vive steht uno von der Höhe ihrer Stellung j-de Unbill von ihrem Volke abwehrt, durch die Macht der Intelligenz, des Einflusses, der Presse, der liberalen Elemente, die noch nicht ganz von der Reaction aufgefressen wurden, und schließlich andere Mittel, die nicht fehlen können, wo sechs Millionen Menschen einer großen Sache dienen und in geschloffener Phalanx zusammenstehen. Leo Herzberg-Fränkel. Dr. Gaster's Protest. Dr. Moses Gaster in London, der Oberrabbiner (Chachan) der sephardischen Gemeinden Englands, der in der zionistische,! Bewegung eine große Rolle spielt, hat aus Anlaß des Ostafrika- Projectes folgenden Brief in englischen Zeitungen veröffentlicht: „Um Zions Willen will ich nicht Ruhe bewahren". Mein Herr! Angesichts der jüngsten Evolutionen des Zionismus erachte ich es als meine Pflicht, das fundamentale Princip des Zionismus wieder zu constatiren: „die Erwerbung einer gesetzlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk". Weder mehr noch weniger. Das ist der erste Artikel und zugleich die unveränderliche Basis des Programmes, welches durch die Zionisten in Basel formulirt und angenommen wurde. Wir wünschen in die alte Heimat unseres Volkes zurückzukehren und das alte nationale Leben in dem durch die Tradition geheiligten und durch Jahrhunderte altes Martyrium verherrlichten Landes wiederherzustellen. Der Zionismus ist nicht dazu da, um temporäre Erleichterungsmittel zu schaffen. Unsere Lösung des jüdischen Problems muß eine endgiltige sein. Sie muß die religiösen Bestrebungen und das religiöse Sehnen der Vergangenheit verwirklichen und die sociale Lage der Juden in der Gegenwart sichern. Jede Abweichung von diesem Programm, wenn auch nur um Haaresbreite, bedeutet das Aufgeben des fundamentalen Princips des Zionismus. Abhilfe durch Colonisation in großem oder kleinem Maße muß fpeciellen Organisationen überlassen werden, die mit dem Zionismus nichts Gemeinsames haben. Und mag auch ihr Werk von temporären Charakter sein, so ist es nichtsdestoweniger lobenswerth. Unser Ziel ist nicht, einen unbedeutenden Staat zu schaffen. Das hieße mit Worten spielen und mit heiligen Idealen Scherz treiben, wollte man vom Zionismus außerhalb Zions sprechen und von einem Lande für Juden außerhalb des heiligen Landes. In dem britischen Reiche, wie auch in den Vereinigten Staaten herrscht ein wahrer Geist der Gerechtigkeit und Freiheit. Wir setzen das vollständigste Vertrauen in ihre Gesetze und in die wundervolle Art, wie diese Gesetze angewendet werden. Das höchste politische Ziel eines Juden sollte unter den gegenwärtigen Verhältnissen eher sein, ein Bürger des britischen Reiches oder der Vereinigten Staaten zu werden, als der eines unbedeutenden Kleinstaates, auch wenn er innerhalb deren Jurisdiction oder unter ihrem Schutz steht. Das ist ein Anachronismus. Das ist eine Travestie auf das nationale Leben unserer Hoffnungen und Gebete. Es ist den Principien des Zionismus diametral entgegengesetzt. Eine Politik der Verzweiflung oder Ungeduld kann nicht gestattet werden. Es ist auch noch gar kein Grund zur Verzweiflung. Und haben wir auch noch manche Jahre länger zu warten, was bedeuten diese im Vergleich mit den Jahrhunderten der aufrechterhaltenen Hoffnung und der ausdauernden Geduld? Die Zukunft gehört denen, die warten nnd arbeiten. Die Zukunft gehört uns. Und sind auch unsere Bestrebungen, ein gesetzlich gesichertes Heim in Palästina zu errichten, ein- oder zweimal fehlgeschlagen, so hat das wenig zu sagen. Wir sind des Erfolges sicher. Die Geschichte deutet in diese Richtung. Die Prophezeiungen deuten in diese Richtung. Das göttliche Versprechen deutet in diese Richtung. Wir müssen uns an Zion klammern. Wir müssen uns stets die Losung vor Augen halten: „Wenn ich Dein vergesse, Zion, soll meine Rechte verdorren. ... . Wenn ich Jerusalem meiner höchsten Freude nicht vorziehe." London, 2. Elul 5553. Der Ihrige 25. August 1903. M. Gaster. London. Die Idee einer jüdischen Colonie in Ostafrika wird in verschiedenen großen englischen Blättern sehr eingehend besprochen. Die „Times" erklären, daß alle Freunde der Juden in der ganzen Welt der britischen Regierung für die in dieser Angelegenheit an den Tag gelegte liberale Gesinnung dankbar sein sollten. Allerdings sei die Handlung der Regierung nicht nur generös, sondern gleichzeitig auch klug, den die jüdischen Colonisten würden sich zweifelsohne, wenn der Plan verwirklicht werde, als friedliche und loyale Unterthanen erweisen. Das Auswärtige Amt habe