Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 87 Dr. Wlocb's Mocbenscbritt Seite 689 Alles bis zu seiner Abreise nach Karlsbad zugegangen sei. Da berichtete er, sein Gastfreund — bei dem er Unterkommen gefunden — habe selbst ihn zum Bahnhof gebracht, Alles für ihn besorgt und ihm schließlich einen Thaler in die Hand gedrückt, damit er sich unterwegs bester Pflege. »Und Sie haben das Geld genommen?" fragte ich etwas befremdet. »Bon dem armen Manne? Ja, Herr Professor. Vor Ihnen oder den reichen Leuten mochte ich nicht wie ein Bettler dastehen — aber der da ist ein ungebildeter Mensch, dem ich mit der Annahme seines Geschenkes nur eine Ehre erweise. Das ist etwas ganz Anderes." »Wie viel Feinfühligkeit findet man doch oft bei Bedürftigen, auf welche die Reichen meist nur mit Geringschätzung herabsehen! * * Man könnte noch von dem Hauspelz erzählen, der obwohl Lazarus damals ein recht armer Student war, dennoch auf dem Rücken eines noch ärmeren Freundes auf Nimmerwiedersehen die Reise nach Amerika antrat, man könnte — doch was könnte man nicht aus dem Ablauf eines halben Jahrhunderts an Zügen von Menschenliebe erzählen von Seiten dieses Gütigen! — Nur einer Unterredung möchte ich noch gedenken, die etwas Völkerpsychologie enthält: »Heute Früh" — so notirte ich am 28. März 1895 — las mir Lazarus aus der »Frankfurter Zeitung" Folgendes vor. »Hersfeld, 26. März. Heute Nachmittag stürzte der Glockenthurm der hiesigen Stiftsruine, auf dem noch drei alte Glocken hängen, zum größten Theile ein. Der königliche Baurath Momm und ein hiesiger Zimmermeister befanden sich kaum 10 Minuten vor dem Einsturz oben in dem Thurm, um ihn einer Besichtigung zu unterziehen. Sie sind wie durch ein Wunder gerettet." — Und nun fragte mich Lazarus: »Was werden wohl die beiden Männer nach ihrer Rettung gethan haben?" Ich erwiderte scherzend (aber nicht ohne schnelle Ueberlegung, denn ich kannte die Art meines Freundes und Verlobten, auf sakcatische Manier durch Fragen meine Kenntniß des Judenthums zu bereichern — und daß es auf einen belehrenden Vergleich herauskommen solle, spürte ich schon): »Sie werden wahrscheinlich in eine Restauration gegangen sein, um mit Bekannten beim Glase Wein eine kleine Jubelfeier zu improvisiren." »Aber eine Sitte, ein Gebrauch existirt nicht bei den Christen in solchem Fall?" »Daß ich nicht wüßte . . ." antwortete ich zögernd. »Nun. W i r haben bei solcher Gelegenheit das Gomel- Benschen. Der Gerettete begibt sich nach der Synagoge und spricht einen Dank- und Segensspruch." »Wie schön!" »Ferner ist es Sitte, den Armen Etwas zu schicken, um gleichsam die Gnade und Güte, die wir erfahren, zum Dank auch unsererseits zu üben." »Dankopfer kennen ja auch die Alten". »Ja" — Lazarus lächelte. »Wenn man aber näher zufieht, sind diese Dankopfer eine Art Tauschgeschäft, oder Friedensvertrag zwischen den Menschen und den Göttern. Der Mensch opfert und erkauft dadurch seines Gottes Gunst. Er mahnt deshalb auch die Götter: »wie ich Dir, so Du mir." Lies einmal Homer nach: »Wenn ich Dir je habe fette Schenkel verbrannt —" »So lehrte Lazarus mich Neuling — dann schenkte er mir folgendes von ihm selbst geschriebenes Notizblatt aus Berlin, datirt vom 23. Februar 1881: »Als ich heute im Trauerhause bei Fritz Meyer von Richard und seinem Onkel Benedict Goldschmidt ins Borzimmer begleitet wurde, empfahl ich Beiden den armen Studenten S. zur Unterstützung. Die lebhafte Bereitwilligkeit G.'s drückte sich in einer — trotz der Trauer — recht eigentlich strahlenden Miene aus, in welcher ich die vorauseilende helle Freude zu sehen glaubte, welche die Hilfe, die er gewähren wird — ihm bereitet. Das erregte mir im Fortgehen den Gedanken: Vielleicht gibt es Noth in der Welt, damit die Freude des Wohlthuns dem Menschen gewährt sei. Das wäre aber grausam gegen den Armen und eine ungerechte Verwendung desselben als Mittel der Beseligung für den ohnehin glücklicheren Besitzer des Reichthums;-wenn nicht gelinderte Noth für den von ihr Bedrängten ebenfalls ein tiefes Behagen erzeugte, welches viel größer ist als die bloße Freiheit von Noth und Mangel. Auf alle Fälle aber hat der Helfende für die Gabe, die er gibt, mehr und inniger zu danken, als der, dem geholfen wird." Wahrlich, ein echter Lazarus-Gedanke! Meran, September 1903. Nahida Ruth Lazarus. * . * Nächstens erscheint eine wundervolle Radirung: Porträt von Lazarus, von Herm. Struck in Berlin. Möchten Sie nicht Notiz davon nehmen? Hunderte würden dann wohl auf das Bild aufmerksam werden und ich würde es dem Künstler und dem Berlage gönnen, daß es viel gekauft wird! Ich glaube, es soll zum 15. September erscheinen. Gerade am 13. März — genau vier Wochen vor Lazarus' Tode (wie entsetzlich mir das Wort ist!!) — hat der Künstler meinen Mann gezeichnet. Er war auf der Reise nach Jerusalem und er hielt sich zwei Tage hier auf. um die Skizze für seine Radirung nach dem Leben anzufertigen. Als er dann von Jerusalem ganz glücklich über die gewonnenen Eindrücke in der heiligen Stadt meinem Mann schrieb — lag dieser schon unter der Erde. Znm ostafrikanische« Projekt der zionistischen Parteileitung. (Verschiedene Stimmen.) Zweihundertfünfundneunzig stimmten in Basel für den Herzlichen Antrag mit Ja und Hundertsiebenundsiebzig mit Nein und die Rüsten verließen den Saal. Was will eigentlich die Opposition und namentlich was wollen die Russen? Wollen sie sich in ihrer lieblichen Heimat so lange von Plehwe'schen Horden maffacriren lassen, bis es Dr. Herzl gelingt, dem Sultan Palästina abzuschmeicheln und einen frommen Rabbi als Hohenpriester einzusetzen? Haben sie die Verfolgungen von 1880 in Odessa, Elisabethgrad, Kiew, Pultawa bereits vergesse»? Sahen sie nicht die zahlreichen Jammergestalten, welch nach langem Kampfe mit Elend und Hunger aus dem rumänischen Stiesvaterland in eine unbestimmte Zukunft fliehen mußten? Erinnern die vielen Trauergewänder, das Siöhnen der vielen Kranken und Verwundeten, die gebrochenen Witwen und die hilflosen Waisen sie nicht an die gräßlichen Raub- und Mordthaten, deren Schauplatz jüngst Kischenew war, und wissen sie nicht, daß der russische Staatsrath, der unter der Aegide des heiligen Synods jede Blüthe der Cultur und Humanität mit plumpen Füßen zertritt, neue Repreffivgesetze gegen Juden sinnt? Hat nicht der berüchtigte Haman in Petersburg in seinem Schreiben an Dr. Theodor Herzl in brutalster Offenherzigkeit oder in offenherzigster Brutalität gewissermaßen eine Ausfuhrsprämie für die Juden in Rußland seitens der Regierung zugestanden? — Worauf warten und woraus hoffen sie? Etwa auf den Niedergang des Antisemitismus? O nein! Eine Epidemie deren Seuchenherd fast ganz Europa ist, schwindet nur, wenn heftige allgemeine Stürme die Atmosphäre erschüttern, Ereignisse etwa, wie die große franzöfische Revolution zu Ende des achzehnten Jahrhunderts oder auch die Achtundvierziger-Revolution es waren und eine, wenn auch nur vorübergehende Nivellirung schufen. Die Urheber des Uebels verhindern jede Heilung; sie leben davon, wie der Arzt von der Krankheit, wie der Grustgräber vom Tode. Der Antisemitismus ist ferner für schwache, talent- und haltlose Regierungen ein Reservecapital, aus dem sie schöpfen, wenn es gilt, der wild gewordenen Bestie, dem brüllenden Mob einen Fraß hinzuwerfen. Man hat ja mehr als einmal Raubthiere mit Judenleibern gefüttert! Und weil die Langlebigkeit des Antisemitismus zu besorgen steht, müssen wir zur Abwehr und kräftigen Gegenwehr rüsten. Ein Theil der in den slavischen Ländern lebenden Juden muß abgeleitet werden, so bald als möglich, so weit als möglich und wohin es eben möglich. Es muß ein weites Ventil geschaffen werden, durch das den zurückbleibenden Juden mehr Luft und eine weniger drückende Existenz verschafft würde. Was hier bleibt, muß sich einer starken Führung anvertrauen und derselben, wie eine disciplinirte Armee ihrem Oberhaupte, gehorchen. Diese Einigkeit würde ihre Stärke sein. Sechs Millionen Menschen, durch Jahrtausende vielgeprüft und verfolgt, ausgezeichnete Eleven in der Schule des Unglücks, dürfen sich nicht von einer Anzahl Wegelagerer einzeln hinwürgen lassen. Diese sechs Millionen Juden, die in