Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021531--12969-3037594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 588 Dr. Llocb's MlocvenscbrM. Nr. .87 zu erweisen, indem er seine eigene Kraft in den Dienst der Anderen stellte. Er — das Kind! lehrte Erwachsene lesen, schreiben, rechnen und — beten! Auch seine Schreibkunst benutzte er „mit Wonne", um Anderen zu helfen. Nicht nur die Hefte der Schulkameraden, denen er die Deckel mit Schönschrift schmückte, nicht nur die Theaterzettel mit oft (bei Schiller'jchen Stücken!) 100 Personennamen darauf für die arme „Frau Directorin", welche mit ihrer Truppe Filehne beglückte, sondern auch ganz feierliche Actenstücke für die Behörden und dergleichen fertigte der Bub' schon an. Schneider Lewchen wollte eine Eingabe gemacht haben, das Bürgerrecht in Filehne zu erlangen. Er winkt: „Mauschele!" Und der Blondkopf kommt sofort (Lazarus hatte als Knabe einen völlig flachsgoldigen Lockenkopf!) und es beginnt ein eifriges Spintistren zwischen dem Alten und dem Jungen. Heimlich, in der Stille der Nacht, sitzt -r nun vor einem großen, schönen Bogen, und nach reiflicher Ueberlegung — es war im Jahre 1833, also Lazarus damals 9 Jahre alt! — schreibt er die Eingabe nieder und dls Morgens stand er noch früher auf als sonst, steckt sie ein, um sie noch vor der Schule Schneider Lewchen unbemerkt zu überbringen. Ach! Hätte ich doch immer Alles gleich ausgeschrieben, wenn er mir solche Züge gelegentlich erzählte. Aber er sah es nicht gern, wenn ich Gewicht darauf legte — „das versteht sich ja Alles von selbst" — pflegte er zu sagen, wenn ich Dies oder Jenes rühmte, und oft sah er mich wie verwundert an, wenn mir die Augen feucht wurden. „Das habe ich schon von Klein auf so von meinem Vater gelernt, daß die Menschen für einander da sind"... Seine Studienzeit ist auch reich an collegialer Hingebung, doch das ist ja bei Juden nichts Neues, nur eines kleinen Zuges sei hier gedacht. Er wohnte als Student in Berlin, Oranienburgerstraßr 85, gerade gegenüber der Hamburgerstraße. Es war im Jahre 1849, die Cholera wüthete in der Stadt, und besonders in jenem Straßentheil. Dreimal sah Lazarus beim Heimkchren im Hausflur die Särge bereit stehen für die Choleraleichen — aber er zog doch nicht aus, um die Angst der Miether nicht zu vergrößern und dem Wirth keinen Schaden zu bringen. Aus jener Zeit schilderte er mir einmal mit dramatischer Lebendigkeit folgende Scene: „Wer war denn der arme Mensch, dem ich auf der Treppe begegnete?* fragte er einst einen jüngeren Freund und College» von der Theologie. „Ein unverschämter, zudringlicher Kerl!" „Kommt hier in meine Stube, stört mich und fragt, ob ich keine alten Kleider zu verkaufen habe? Nein! schreie ich ihn an. Er aber bleibt stehen und meint ganz freundlich: „Denken Sie nach, vielleicht haben Sie doch irgend etwas Altes, was Sie nicht mehr tragen! Ich kaufe es Ihnen ab/ So ein zudringlicher Bursche! Na, ich habe ihm gehörig heimgeleuchtet!" — „Lieber Freund, wo liegt denn sein Unrecht? Er hat Dich in der Arbeit unterbrochen. Unterbrichst Du Dich nicht öfter selbst? Unterbrechen Dich nicht Deine Freunde und werden doch freundlich empfangen? Rüttelt nicht der Wind an Deinem Fenster, oder zerrt die Kälte Dich nicht, daß Du aufspringen und Alles liegen läßt? Nun? Das sind Naturnothwendigkeiten. Der Mann aber will sich ernähren, er ist auch ein Stück Naturkraft mit Naturtrieb." „Du verlangst doch nicht, daß wir menschliches Handeln wie einen Naturproceß ansehen sollen?" „Gewiß nicht, sondern höher, edler. Wir sollen mindestens so edel und sittlich dem menschlichen Handeln gegenüber uns verhalten, wie der Natur. Wenn nun der Mann gebettelt hätte?" „So hätte ich chm einen Groschen gegeben — oder einen Thaler, je nachdem." „Und wenn er nun um ein paar alte Hosen oder Stiefel gebettelt hätte?" „So wäre ich wahrscheinlich aufgestanden und hätte nach solchen gesucht." „Nun aber will er sie kaufen. Das ärgert Dich. Wer in Noch ist, meinst Du, darf betteln, aber Du verzeihst nicht dem Händler. Ich sollte meinen, wer in Noch ist, darf auch handeln wollen. Laß' Dir sagen, lieber S., ich habe ihn für einen Bettler gehalten und ihm ein Geldstück geboten — er hat mich beschämt: „Ich danke mein Herr, ich bettle nicht, ich handle. Hat der Herr vielleicht 'was zu verkaufen? Kleider, Silber. Gold". „Das Geldstück hatte den Werth eines alten Kleidungsstückes, er hat es aber nicht genommen, er wollte lieber kaufen und fünf Pereent ehrlich daran verdienen. Nochmals: Wo liegt sein Unrecht?' Mein Freund lachte verlegen. „Nun, Du wirst ihm Deinen Thaler doch aufgedrungen haben — ich kenne Dich." „Wirklich nicht, aber ich habe ihn zu mir bestellt, ich werde schon allerhand zusammensuchen, um ihn einen Handel machen zu lassen, und auch Du, bitte» suche heraus, was Du irgend entbehren kannst. Ich habe ihn zur Kaffeezeit zu mir bestellt und will noch zu Adolf, Martin und Josef gehen, sie sollen Alle zu mir zum Kaffee kommen und alte Sachen mitbringen. Ich will eine große Messe bei mir halten! Apropos — Messe, hast Du wohl die Notiz gelesen, daß am 18. v. M. in Leipzig 100.000 alte Röcke, wahrscheinlich aus ganz Deutschland zusammengekauft und nach Warschau versandt wurden? Würden die armen polnischen Käufer nicht sonst Kittel und rohe Pelze, statt wohlgenähter wollener Röcke tragen? Gewinnen sie nicht mit den alten, aber modern aus kunstvollen Stoff erzeugtem Kleid das Abzeichen der Civilisation? Und fliegt nicht mit dem Kleid und seinem modernen Schnitte etwas vom Ordnungssinn und Adrettheit, vom Streben, dem neuen Geiste anzugehören, dorthin? Alles das wäre aber unmöglich, wenn es keine Händler mit alten Kleidern gäbe!" * * * Hätte Lazarus nur nicht in seinem reicherfüllten Leben so übermäßig viel zu ertragen gehabt, was sich wie Bleigewichte an den menschenfreundlichen Aufschwung seiner Seele legte! — Nicht nur Opfer an Zeit und Kraft und Hingebung im buchstäblichsten Sinne, sondern auch Gemüthsbewegungen wurden ihm bereitet, durch seine Selbstvergessenheit im Dienst für Andere. Geschah es doch, daß ihm einst eine Drohungzugerufen wurde, die ihn erzittern ließ — für das Wohl des Anderen! Im Jahre 1868 oder 69 war er eben aus der Schweiz heimgekehrt und stand im Begriff, eine Sommerreise anzutreten. Da meldete sich ein Rabbiner aus einem kleinen Städtchen in der Nähe von Kowno (Rußland). Er brachte eine Empfehlung. Man solle ihm dazu verhelfen, bei dem berühmten Augenarzt Gräfe operirt zu werden. Zunächst ging Lazarus selbst mit dem Mann in die klinische Stunde und überzeugte sich bei der Untersuchung mit der darauf folgenden eingehenden Unterredung mit Gräfe, daß die Operation nicht vergeblich sein würde. Sie erschien umso wichtiger, als der Leidende noch jung (circa 40 Jahre) und ein langes Leben vor sich sah. Alles wurde verabredet; der Preis für die Behandlung und den Aufenthalt in der Klinik, für Kost u. s. w. stellte sich auf etwa 50 Thaler. Zwei Monate Behandlung waren unumgänglich nöthig, ferner eine Nachcur von etwa vier Wochen in Karlsbad. Indessen — der Mann war völlig arm und — ich lasse Lazarus selbst erzählen: „Ich mußte meine eigenen Reisevorbereitungen treffen, denn meine Zeit war vollauf besitzt. Die Hauptsache, daß Gräfe ihn untersucht hatte und ihn heilen wollte, war geschehen. Ich gab dem Manne einstweilen Eßwaaren, damit er keine Noth tltte, und Empfehlungen an zwei einflußreiche Leute, von denen ich bestimmt hoffte, daß sie alles Weitere veranlassen und sich des Heilungsbedürftigen annehmen würden. Er kehrte jedoch unverrichteter Sache von seinen Besuchen zurück: der eine Bekannte war verreist, der Andere von Wohlthätigkeitssachen so in Anspruch genommen, daß er ablehnte. Was sollte ich thun? Ich schrieb noch einige andere Empfehlungen und vergrößerte meine Gabe — doch der Fremde wies das Geld zurück und sagte mit fast beleidigender Bestimmtheit: „Nein. Betteln kann ich nicht — weder bei Ihnen, noch bei den anderen Herren. Wenn Sie, Herr Professor, mir nicht das ganze nöthige Geld verschaffen, dann — dann reise ich s o zurück!" „Ohne Operation?" -Ja/ „Und werden blind!" „Wie Gott will." Diese Starrheit erschütterte mich. Ich warf mich sofort in einen Wagen, — den Mann ließ ich bei mir warten — und fuhr bis zum Abend umher, bis ich das Geld beisammen hatte. Ich selbst versäumte darüber meinen Zug, mußte die Nacht reisen — wurde sehr unwohl — gleichviel! ich konnte nicht anders. Drei Monate waren vergangen. Die Operation und Badecur waren glücklich von Statten gegangen und der Rabbiner kehrte völlig gesund und geheilt in seine kleine Gemeinde zurück. Er sprach noch einmal bei mir vor und ich ließ mir erzählen, wie