Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-04 · 36 (4.9.1903) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
36 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021530--12960-3037584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Sette 680 Dr. Moeb's Mocbenscbrttt. Rr. ss Alles voll/ Ja, aber was für ein Bortheil steckt denn itti Dresden? Ich habe ja nichts gegen die Dresdener Pensionate.I gewiß sind sie gut, aber für die böhmischen Mädchen sind siel nicht zweckentsprechend. Wir hatten eine im Vorjahr, die aus! einer riesig theueren Pension Dresdens kam, die wußte von dem Reifriesen der alten Germanen zu erzählen, aber über die? Genien, Grazien u. s. w. der alten Griechen wußte sie nichts.! Grillparzer war ihr unbekannt, österreichische Geschichte! und Geographie spanisch, und was Französisch und Englisch^ anbelangt, so kann eine Französin und eine Engländerin Beil 30—40 Mädchen auch nicht Wunder wirken, zumal erst deutsch ' gelernt werden muß. Dafür steht aber auf den mit Gold gebundenen, theueren Lehrbüchern A. B. aus Tremosek, derzeit in Dresden in Pension; das klingt ganz anders als in Teplitz, wenn auch es dort zweckentsprechender und billiger ist. Und was für verschrobene Ansichten bringen sie in ihren kleinen Heimatsort mit! Die Eltern sehen zu spät, daß sie das schwere Geld umsonst hinausgeworfen haben, ihr Kind fühlt sich nicht nur selbst unglücklich, sondern macht auch noch die Angehörigen unzufrieden, da sie jetzt nicht in die Verhältnisse des Elternhauses paßt, aber dafür war das Mädchen im Auslande. R. L C. A l t s ch u l. Bernhard Lazar gestorben. Aus Paris kommt die telegraphische Meldung vom Tode des Schriftstellers Bernhard Lazar. Sein Name wurde zuerst der ganzen Welt bekannt, als er sein großes Dreyfus-Buch schrieb, in dem er, als einer der ersten und muthigsten Vorkämpfer für. die Unschuld des verurtheilten Officiers, eine documentarische Feststellung der dem ersten Militärproceß vorausgehenden Geschehnisse gab. Das Buch brachte ganz Frankreich in Aufregung und vermittelte unter Anderem auch die Freundschaft seines Bersaffers mit Emile Zola, der dann selbst einer der überzeugtesten »Dreyfusards" wurde. Die Beschäftigung mit dem Schicksal Dreyfus hatte Lazar zu einem tieferen Studium der nationalen und wirthschaftlichen Seite der Judensrage angeregt, mit der er sich schon lange vorher als Historiker beschäftigt hatte. Er wurde einer der angesehensten Schriftsteller des Zionismus, zuerst ein Anhänger, dann aus theoretischen Gründen ein Gegner Theodor Herzl's. Bald nach Beendigung des Dreyfus-Handels erhielt er eine Berufung als Professor für jüdische Geschichte an die freie Universität in Brüssel. Im vorigen Jahre wurde sein Name wieder genannt, als er zum Studium der rumänischen Judenfrage nach Bukarest kam und die Studenten ihm eine Katzenmusik machten, während die Regierung ihm einen Ausweisungsbefehl zukommen ließ. Das Resultat seiner Studien legte er in einem Buche nieder. Ei« Circular des italienischen Kriegsministers Ottolenghi. Ein jüdischer Kriegsminister dürfte selbst nicht antisemitisch durchseuchten Deutschen von ollen Widersprüchen in sich selbst der größte zu sein scheinen. Hält man bei uns in Deutschland schon einen jüdischen Corpora! und nun gar einen jüdischen Lieutenant für eine Unmöglichkeit, obwohl man, wie man weiß, mit dem jüdischen Major Burg als Lehrer an der Artillerieschule und mit dem jüdischen Professor Lazarus als Lehrer an der Kriegsakademie und im Kriege wenigstens mit so manchen jüdischen Officier, im Auslande auch mit jüdischen Generalen, keine schlechten Erfahrungen gemacht hat. Aber ein jüdischer Kriegsminister! Nun in Italien ist, wie die Leser der »Milt/ wissen, ein echter und rechter Jude Kriegsminister. Er muß schon ein ganz bedeutender Fachmann gewesen sein, wenn er zum Gouverneur des italienischen Kronprinzen, des jetzigen Königs Victor Emanuel, und später zum Kriegsminister ausersehen worden ist. Wie er aber als Kriegsminister auf das Wohl der Soldaten bedacht ist, das zeigt so recht ein Circular, in welchem er die Aufmerksamkeit der Behörden auf die Häufigkeit der Selbstmorde in der Armee lenkt. Herr Ottolenghi spricht da nicht sowohl als Fachmann, sondern vielmehr wie ein um seine Kinder besorgter Vater. Er ermahnt die Officiere und Unterofficiere, mit besonderer Sorgfalt darüber zu wachen, die Stimmung der Soldaten gut zu erhalten, indem sie sich um sie bekümmern, rhre Bedürfnisse kennen lernen, für ihre Gesundheit Sorge tragen. »Der Vorgesetzte, heißt es dann weiter, der sich auf diese Art die Liebe seiner Untergebenen zu gewinnen weiß, wird auch die Disciplinarvergehen verhüten können und somit die Strafen, die auf sie folgen, welche Strafen oft dazu beitragen, reizbare Charaktere aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das Ministerium wiederholt darum den Militärbehörden »die in dieser Angelegenheit schon im vorigen Jahre gegebenen Anweisungen und fordert auf, darüber zu wachen, daß die Vorgesetzten den Soldaten gegenüber mit Wohlwollen Vorgehen, ohne Schwäche aber auch ohne übertriebene Strenge und ohne je jene väterlichen Gefühle und Umgangsformen zu verlieren, zu denen ^der Vorgesetzte im Verkehr mit dem Untergebenen verpflichtet ist. Vor Allem ist auch das Naturell und der Charakter der Soldaten zu achten und auch ihre Familienverhältnisse; die ß Kenntniß dieser Umstände ist nöthig, um gelegentlich dem Untergebenen helfen oder rathen zu können und ihnen gegenüber jene Rücksicht zu üben, die durch besondere Verhältnisse geboten sein kann. Bor Allem sind es schwächliche und anormale Individuen, die zum Selbstmord neigen, und es ist deshalb strenge Pflicht, sich dieser besonders anzunehmen und ihren persönlichen Umständen besonders Rechnung zu tragen/ Man meint, aus diesem Circular die bei den Juden bekanntlich sehr weit gehende Familienliebe, Werthschätzung des Lebens, Fürsorge für die Angehörigen herauszulesen. Vielleicht wäre es gut, wenn sich andere Kriegsminister den jüdischen Kriegsminister Italiens in dieser Beziehung zum Muster nähmen. Die betreffenden Armeen würden sicherlich nicht schlecht dabei fahren, und Eltern würden ihre Söhne bei solcher Fürsorge weniger Mißhandlungen und deren Folgen ausgesetzt wissen. Petersburg. Zur Verhütung neuer antisemitischer Ausschreitungen in Rußland hat der heilige Synod bestimmt, daß, falls eine Animosität der Bevölkerung sich gegen die Juden irgendwo bemerklich machen sollte, die örtliche Geistlichkeit alsbald durch Predigt und Colloquien das Volk darauf Hinweisen soll, daß ein solches Gebühren eines orthodoxen Christen unwürdig sei, daß auch die Juden die Unterthanen desselben Czaren seien wie die Orthodoxen und daß Ausschreitungen gegen die Juden die öffentliche Ordnung stören und Handel und Wandel lähmen. In K i s ch e n e w fand dieser Tage mit Genehmigung des Gouverneurs die Beerdigung von Theilen der Thorarolle statt, die während der letzten blutigen Ausschreitungen gegen die Juden geschändet worden waren. Unter großem Aufgebot von Polizeimannschaften wurden die Thoratheile in zehn Urnen auf mit schwarzem Tuch ausgeschlagenen Tragbahren, mit Gold und Seide gestickten Decken verhüllt, in einer großen Trauerproeeffion aus der Synagoge zwischen einem Spalier, jüdischer Jünglinge zwei Werst weit zum Friedhof gebracht. Es waren an 20.000 Juden im Zuge, der sich schweigend fortbewegte. Vor dem Friedhof ertönte lautes Wehklagen der Menge. Auf dem Friedhof wurden die geschändeten Heiligthümer in einem Grabgewölbe am Orte, wo die unglücklichen Opfer der Kischenewer Katastrophe ruhen, beigesetzt. (Anm. d. Red.: Vergrabungen derartiger Thorarollen werden mit dem technischen Kunstausdruck als »Genisah" bezeichnet.) London. (Ein Wucherer als Wohlthäter.) Mr. Samuel Lewis, ein ungemein reicher Geldverleiher aus London, hat bei seinem Tode von dem angehäuften ungerechten Mammon einen außerordentlich guten Gebrauch gemacht. Lewis war der Helfer für die nicht bemittelten Söhne reicher englischer Adeliger. Die bedrängte Aristokratie klopfte immer in seinem stattlichen Wohnsitze an und wurde erhört, wenn sie recht hohe Zinsen zahlen konnte. Dabei war er aber bereits zu Lebzeiten wohlthätig. Ec pflegte lächelnd den religiösen Satz, daß derjenige, der den Armen leiht, Gott (im Englischen »dem Lord") gebe, dahin umzuändern, daß er sagt: »Wer dem Lord leiht, der gibt den Armen". Und das that er in reichem Maße. Lewis war ein leidenschaftlicher Spieler, nicht um des Gewinnes als vielmehr der Aufregung wegen. Als er einst die Spielbank von Montecarlo gesprengt hatte, gab er die Hälfte des Gewinnes an die Armen von Marseille. Bei seinem Tode hat er von seinen 2'/, Millionen Pfund etwa eine Million an Verwandte. Clerks und Diener hinterlassen, den ganzen Restbestand von anderthalb Millionen Pfund aber Armenhäusern, Arbeiterheimen, Krankenhäusern und anderen Wohlthätigkeitsanstalten zugewiesen. Er hat also noch im Tode das Wort wahr gemacht, daß derjenige, der dem Lord leiht, den Armen gibt. Mögen die reichen Adelsfamilien über den »Wucherer" schimpfen, die Armen werden ihn segnen. Cincinnati. Geehrter Herr Redaeteur! In Nr. 31 Ihres geschätzten Blattes, Seite 500, lese ich eine Correspondenz, die den Tod des Rabbiners Aron Halberstamm aus Neu-Sandec meldet. Es wird dort gesagt, daß derselbe mütterlicherseits ein Enkel »des mährischen Landesrabbiners Baruch Thumim Fränkel aus Leipnik" war. Gestatten Sie mir die Bemerkung, daß Baruch Fränkel nicht mährischer Landes-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.