Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Sette 577 vom Chorpersonal und den Zöglingen des Freiherrn v.Springer'schen Waisenhauses und der Schuljugend. Nun bestieg der Rabbiner die Kanzel, um seine Antrittspredigt zu halten, deren Inhalt wir an anderer Stelle wiedergeben. Beim Morgengottesdienst wurde Herr Dr. Grunwald feierlich vom Herrn Cantor Schleifer zur Thora aufgerufen und nach der Verlesung des Abschnittes begrüßten ihn die Herren Obercantor Jurberger und Cantor Schleifer, Letzterer in einem herrlichen, eigens verfaßten Mischeberach, worauf im Aufträge des Rabbiners Herr Cantor Schleifer der Gemeinde und ihren Führern einen Mischeberach vortrug, welcher mit großem Beifall ausgenommen wurde. Nach dem Gottesdienst erschienen mehrere Bereinsdeputationen in der Wohnung des Rabbiners, um ihn zum Amtsantritt zu beglückwünschen. Herr Cultusvorsteher Fabrikant Gottlieb Taußig sandte ein ausführliches Glückwunschtelegramm und bedauerte, daß es ihm nicht vergönnt sei, der Feierlichkeit persönlich beizuwohnen. Auch von sonstigen Freunden und Verehrern kamen telegraphisch und brieflich zahlreiche Glückwünsche. Eine zionistische Deputation bei Dr. Grunwald. Samstag Vormittag nach dem Morgen-Gottesdienste erschien in der Wohnung des Herrn Rabbiner Dr. Grunwald eine Deputation der zionistischen Organisationen in Fünfhaus, bestehend aus den Herren Dr. Krenberger, Pick, Mohr und Bernhard, um im Namen ihrer Gesinnungsgenossen den neuen Seelsorger zu begrüßen und zum Amtsantritt zu beglückwünschen. Der Führer der Deputation, Herr Dr. Krenberger, bemerkte in seiner Ansprache, daß Dr. Grunwald's wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiete der „jüdischen Volkskunde" von ihm und von seinen Gesinnungsgenoffen stets sympathisch beobachtet worden, weil sie darin ein ihrem Standpunkt befreundetes Streben erkennen. Redner und seine Genossen wissen, daß Herr Dr. Grunwald in den zionistischen Kreisen Deutschlands sich warmer Sympathien erfreue, er wolle auch nicht verschweigen, daß eine zionistische Propaganda im XII. und XV. Bezirk für -ie Berufung Dr. Grunwald's speciell nach Fünfhaus mit Erfolg gewirkt hat. Allein auch aus der Antrittsrede und der Programmentwicklung Dr. Grunwald's haben Redner und Genossen eine socialpolitische Auffassung wahrgenommen, welche sie, als eine der ihrigen verwandte, mit Genugthuung begrüßen. Sie geben sich deshalb der Hoffnung hin, daß Herr Dr. Grunwald ihre in diesen Bezirken zu Gunsten des jüdischen Volkes ins Leben gerufenen Institutionen mit seinem Einfluß fördern werde. Herr Doctor Grunwald sprach für die freundliche Begrüßung seinen verbindlichsten Dank aus und gab seiner Freude Ausdruck, die Führer der zionistischen Partei aus seinem Wirkungsbezirk kennen zu lernen. In der That vereinen ihn mit hervorragenden Mitgliedern der zionistischen Partei Deutschlands, mit Männern, deren ideales, opferbereites Streben ihm hohe Verehrung einflöße, Bande wärmster Freundschaft. Sein Beruf gebiete ihm aber, vor Allem die religiösen Aufgaben des Judenthums zu pflegen, und untersage ihm gleichzeitig jede parteipolitische Bethätigung. Alle Institutionen indessen, welche zum Heil des Judenthums geschaffen seien und wirken, begleite er mit dem wärmsten Wohlwollen und sie dürften seiner hilfreichen Unterstützung und Förderung nach jeder Richtung hin und jeder Zeit gewiß sein. Auf dem Gebiete gemeinnütziger Thätigkeit hoffe er auf ein friedliches, freundliches und einträchtiges Zusammenwirken im Dienste der uns allen gleich heiligen Sache des jüdischen Volkes. Wien. Herr Redacteur! Ein Apologet des „Bundes", der mir den im Laufe von 70 Jahren erworbenen Titel „senex juäasus" neidet, beschwert sich über meine Angriffe gegen diese „Organisation" und sucht dieselben zu entkräften, indem er sich auf den vorjährigen Tätigkeitsbericht bes „Bundes" bezieht. Allein dieser Bericht enthält nichts Anderes als die Aufzählung einiger Rechtsschutzactionen, eine Thätigkeit, welche niemals die des Bundes hätte werden sollen, da sie die bescheidenen Kräfte desselben consumirte und ebensowohl durch das Rechtsschutzbureau der „Union" oder durch einen menschenfreundlichen Advocaten hätte vollzogen werden können. Die anderweitige Thätigkeit, welche der „Auch-Senex" anpreist, reducirt sich darauf, daß der „Bund" „seit Monaten sich damit beschäftigt, Vorarbeiten für eine Enquete, den Religionsunterricht betreffend, zu schaffen, und daß er überhaupt die Frage der Art der Versorgung der Cultusbeamten und -Lehrer im Auge behält". — Wenn dies das Facit einer mehr als dreijährigen Thätigkeit sein soll, so darf wohl gesagt werden, daß man es mit einer Todtgeburt zu thun hat. Das Tempo ist das der einstigen Landwehr und die Ziele find so bescheidener Art, daß man in einer Zeit, wo nichts Geringeres als das ganze Judenthum auf dem Spiele steht, den Bund wahrlich nicht schärfer verurtheilen konnte, als dies durch diese schwachmüthige Bertheidigung selbst geschieht. Allein jener Bund, der begründet wurde, um die heiligsten Güter des Judenthums zu wahren, um die gelockerte Zusammengehörigkeit unserer Glaubensgenossen neu zu befestigen, um eine Central-Jnstanz für die Juden in Oesterreich zu schaffen, ein weithin kenntliches, Achtung gebietendes Centrum, mit dem Feind und Freund zu rechnen hätte — dieser Bund ist in der schon im Entstehen marastisch gewordenen „Institution" nicht zu erkennen. Bei dieser traurigen Sachlage von .übelwollenden Angriffen" zu reden, wäre Sache eines Preß-Hofrathes, nicht aber eines Piloten, der das sturmgepeitsckte Schiff in einen sicheren Hafen zu führen unternommen hat. Dr wären Einkehr und Umkehr weit eher am Platz. Lenex verus. Zur Organisation. Geehrter Herr Redacteur! Wollen Sie von der Güte sein und mir rücksichtlich der in der Zuschrift von Nr. 34 Ihres geschätzten Blattes, den Oesterreichisch-israelitischen Bund betreffend, berührten Frage auch einige Bemerkungen gestatten, zumal auch ich mit den Ansichten des geschätzten Herrn Einsenders übereinstimme. So viel mir erinnerlich, wurde der Oesterreichisch-israelitische Bund seinerzeit gegründet, um antisemitischen Uebergriffen entgegenzutreten, und wurde, wenn mein Gedächtniß mich nicht trügt, das Statut in der ersten Fassung, welcher die oberwähnte Wirksamkeit zu Grunde lag, von der Regierung nicht genehmigt. Rücksichtlich dieser Wirksamkeit geht auch meine unmaßgebende Meinung dahin, daß die Thätigkeit des Bundes eine illusorische wäre, an diesem ändern auch die verschiedenen Rechenschaftsberichte über seine Thätigkeit nichts, denn, wenn die Regierung, die doch dem Staatsgrundgesetze zufolge die Pflicht hätte, dem demagogischen Treiben eines Theiles der Presse, sowie einzelner Hetzer und PopularitätsHascher ein Ziel zu setzen, hier nichts thun — kann oder will, ein Verein am allerwenigsten in der Lage wäre, diesem Treiben entgegenzutreten; übrigens ist schon die Union da, die nach Möglichkeit einzugreifen trachtet. Aus Borgehendem ist ersichtlich, daß es vortheilhafter wäre, würde der „Bund" seine Kräfte mehr der inneren Organisation und Consolidirung weihen; ein besonders dankbares Feld, auf welchem der „Bund" dem Judenthume unschätzbare Dienste leisten könnte. Der hochverehrte Präsident des Bundes, ein Mann mit ruhmreicher Vergangenheit, würde zu seinen vielen Verdiensten ein neues, das glänzendste hinzufügen. Würde derselbe ein wachsames Auge über die Cultusgemeinden, namentlich die kleinen, haben, bliebe so manches Reis dem alten Stamme erhalten. In erster Linie gehört zu den Pflichten der Cultusgemeinde die Erhaltung der religiösen Institutionen, eine Pflicht von sehr dehnbaren Begriffen, was die Auffaffung dieser Pflichten von Seite mancher Gemeinden anbelangt; denn thatsächlich legt sich jede Gemeinde diese Pflichten anders aus, je nach Gedanken- und Berstandes-Richtung der Gemeindegewaltigen; dabei ist es der Religionsunterricht, wie der geschätzte Herr Einsender ganz richtig bemerkt, namentlich der kleinen Gemeinden, welcher unter der Berschiedenartigkeit der Auffaffung dieser Pflichten besonders in Mitleidenschaft gezogen wird; denn in so mancher Gemeinde wird der Religionsunterricht von Personen ertheilt, die theils ihrer Aufgabe nicht gewachsen, theils dieselbe nicht ernst nehmen oder in religiöser Beziehung nicht mit gutem Beispiele vorangehen und so ihren Schülern gegenüber mit ihren Lehren im Widerspruche stehen. Es kann dies aber auch nicht anders sein, zumal gar oft in die Gemeindestuben kleinerer Corporationen Elemente einziehen, mit niedriger Denkungsart, deren Bildungsniveau oder sittlicher Tiefstand es nicht ermöglicht, anderwärts eine Rolle zu spielen, und sich darum dahin drängen, um sich allenfalls irgendwo öffentlich bemerkbar zu machen, das Judenthum, das fie da vertreten, mit ihrer Person herabsetzend. Naturgemäß zieht fich da die Intelligenz vom öffentlichen jüdischen Leben zurück, um mit zweifelhaften Charakteren nicht zu oft in Berührung zu kommen. Es können Namen von Gemeinden genannt werden, wo solche Zustände herrschen, wo Vorstandsmitglieder erklären, ihren Kindern keinen Religionsunterricht ertheilen zu lassen, religiöse Institutionen in Gegenwart Andersgläubiger herabsetzen, den Antisemiten nachzuahmen fich bemühen, den religiösen Lebenswandel Anderer und die Schechtta-Jnstitutton ebenso in den