Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021530--12955-3037579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 36 Dr. 3Blocb’s MocbenscbrM. Sette 575 Sternen, die weisen ihm dann den rechten Weg. Und sollten einst meine Seele Zweifel befallen, welchen Weg ich Euch zu führen Habe, zu den Sternen will ich mein Auge erheben, mein Herz zn ihm, der mir verheißen hat durch den Trostspruch des Propheten: „Ich lege meine Worte in deinen Mund und mit dem Schatten meiner Hand schütze ich Dich". Zu ihm bete ich in dieser ernsten feierlichen Stunde: Ja, an Dich, allgütiger Gott, an Dich wende ich mich um Deinen Beistand, um Deine Hilfe. Stärke mich, o Herr, für das Große und Schwere, das Du mir aufgetragen. Laß mich und meine Gemeinde stets eines Herzens und eincs Sinnes sein. Lasse die Worte meines Mundes, lasse meine Thaten zum Segen werden für uns alle. Segne, o Herr, diese heilige Gemeinde, ihre Führer und Leiter, ihre Lehrer, sie alle, die mit mir in ihrem Dienste zu ihrem Heil und Segen schaffen und streben, segne die Alten wie die Jungen, segne die Männer und die Frauen, die Söhne und Töchter, segne sie alle mit der Kraft des Segens, der beschlossen ist in den alten heiligen Worten der Priester in Israel 1212' rc. Antrittspredigt des Herrn Rabbiners Doctor D. Feuchtwang, gehalten am 15. August 1903 im Gemeind ebethause des XVIII. Wiener Bezirkes (Währing.) „Mein Herr und Gott hat mir die Zunge der Belehrung gegeben, auf daß ich verstehe, durch das Wort den Müden zu stücken; er weckt Morgen für Morgen, weckt mir das Ohr, daß ich horche der Belehrung. Mein Herr und Gott öffnete mir das Ohr; ich sträubte mich nicht und bin nicht zurückgewichen." (Jes. 50, 4, 5.) Nicht übergroßes Selbstbewußtsein, Eitelkeit oder Stolz sprechen aus diesen Worten des großen Propheten, welche wir soeben in der Hafthara vernommen haben, sondern das glückliche Gefühl, vom Allgütigen dazu auserkoren worden zu sein, in ereignißreicher Zeit das heilige Wort zu verkünden; es athmen diese Sätze den Geist tiefer Ergebenheit in den Willen Gottes, der den begeisterten Seher und Lehrer hinaussendet, ihn Morgen für Morgen weckt, um unverdrossen und ungeschwächt Müde und Matte zu kräftigen, die Herzen dem Gottesworte zu öffnen. Es war keine glückliche Zeit, in welcher der Gottesmann jene Worte sprach. Denn die köstlichsten Güter Israels waren ein Raub der Feinde geworden, Altar und Heiligthum entweiht, zerstört. Entrückt dem heißgeliebten Lande der Väter, blickte das Auge sehnsuchtsvoll nach Karmel und Moriah. — Trost, Trost aber findet und spendet der große, gotterfüllte Prophet in seinem Beruse, in seiner großen Aufgabe, die er so schön und scharf in den eben vernommenen Sätzen zeichnet. Hat der Prophet auch für uns gesprochen? Gelten seine dichterisch hohen, sittlich-tiefen Sätze auch heute noch? Entspricht ferner die Auffassung seiner Berufung und seines Berufes den Vorstellungen und Begriffen, welche uns die Thora über die Aufgabe des geistlichen Volkserziehers erweckt und entwickelt? Lasset uns, m. Fr., diesen in der gegenwärtigen ernsten Stunde so wichtigen Fragen näher treten und durch deren Beantwortung ein möglichst klares Bild über die überaus schweren und heiligen Pflichten erlangen, welche die Thora und der Prophet jedem im Dienste Gottes und der Religion stehenden Lehrer auferlegen. Wir wollen uns hiebei leiten lassen von dem Satze der Heiligen Schrift, welchen wir heute gehört haben und der lautet: 'ibn v2ü rin *n bnan n'.-in nj» „Um jene Zeit schied der Ewige aus den Stamm Levi." I. .N'NN nya Um welche Zeit? Nach der Auffassung unserer Weisen ist es das erste Jahr nach der wunderbaren Erlösung und Befreiung aus Egypten, die Zeit unmittelbar nach dem tieftraurigen Abfall des Volkes Israel durch die Anbetung des goldenen Kalbes, durch die sich das jüngst befreite Volk bald nach Empfang der Zehngebote so unsäglich schwer versündigte. Es lag, so sagen unsere Weisen, nicht im ursprünglichen Plane der Vorsehung, Unterschiede im Volke zu machen; sollten doch Alle „ein Reich von Priestern" bilden, alle in gleicher Weise erfüllt und getragen sein vom Geiste Gottes; jeder sein eigener Priester, sein eigener Lehrer. Die köstlichen Kronen des Priesterthums, des Gehorsams vor dem Willen Gottes und der sittlich religiösen That, wurden aber von den Häuptern aller in dem Augenblicke gerissen, als sie dem Götzendienst zu verfallen drohten. Damals — K-nn nm — schied der Ewige den Stamm Levi aus vom Volke Israel. Es zeigte sich, daß das allerdings unendlich erhabene Ideal der Gleichheit Aller, denen man das Seelenheil und die sittliche Erziehung gefahrlos anvertrauen könnte, nicht erreichbar sei. Es mußten nothgedrungen Einzelne ausersehen werden, denen die groß«», verantwortung-reiche Aufgabe zutheil ward, das Volk jenem erhabenen Ideale und Ziele näher zu bringen, es zu Tugend, Gottesfurcht und Menschlichkeit zu erziehen. Diesen Auserwählten wurde aber mit deutlichen Worten ihre Aufgabe umgrenzt: ■n rinn p-t* na navb im»b Ti '33b -nayb mn avn int» -|“obi zu tragen die Bundeslade des Ewigen, zu stehen vor dem Ewigen und ihm zu dienen und zu segnen in seinem Namen. Zu tragen! Es wurde ihnen gesagt, daß die Priester- und Levitenwürde auch ihre Bürde habe, daß sich um die Schultern nicht nur das heilige Gewand legt, den Körper nicht nur das Kleid des Amtes umhüllt, sondern, daß eben diese Schultern willig und gerne die Last des Amtes mit Lust und Freude tragen sollen. Ern jeder Mann bei seinem Dienste und seiner Last." iKü& bsi irvrcy by ro-n w« Welches ist die Last? 'ü n'-o \na O. eine süße, eine kostbare, eine köstliche, eine goldene Last! Die Bundeslade des Ewigen, in welcher der unendliche Schatz der Thora ruht! Sie zu lieben, heiß, inbrünstig zu lieben, sie zu pflegen, zu heben, zu lehren, zu lernen, sie zu üben, zu beobachten; Thora und Talmud als nie ermüdender Ackersmann zu durchfurchen, zu durchforschen; die zarte Jugend, die reiferen Jünglinge, Jungfrauen, Männer und Frauen ihr zuzuführen, in ihr zu unterweisen; die gewaltiggroß;, weltumfassende, unsäglich schöne Wissenschaft des Judenthums zu pflegen und aus der vielgestaltigen, tausendjährigen Geschichte des Volkes Israel herzstärkende Begeisterung für das Judenthum zu verkünden, einzupflanzen in die Herzen, in die Geister; — dies, m. Fr. sollte eine Last sein? Unter dieser Last bricht man nicht nieder, kann man ungebeugt und aufrecht stehen! „Saget nicht: Last des Ewigen." Tt wvv rtbKn ha Zu stehen vor dem Ewigen und ihm zu dienen! Dies als zweite und dritte Pflicht der auserwäblten Leviten. „Der Priester- und Levitendienst ist nur stehend zu versehen." Fest, unerschütterlich, überzeugungstreu, beharrlich und ausdauernd an seiner Stelle stehen nivyb; ein aufrechter, gerader Mann zu sein; unbeeinflußt durch der Parteien Gunst und Haß. unbestochen durch der Freunde oder Feinde Liebe und Verfolgung, wurzelfest und stammtreu. Stürmen trotzend und wetterhart auf dem geheiligten Boden des überlieferten Judenthums vor dem Angesichte des Ewigen, vor dem zu erscheinen der Priester und Levit niemals erröthen darf; ihm, nur ihm, nicht Menschen, nicht Sterblichen zu dienen. In echter, ungeheuchelter, wahrer Frömmigkeit ein Diener Gottes sein, vor ihm sich ehrfürchtig zu beugen, ihm zu dienen. „Ihr werdet Priester des Ewigen genannt, Diener unseres Gottes", asb *töK’ i3'pibn Tnüö inipn rr ':ro oriui Und endlich: löun -pnbi Und in seinem Namen zu segnen. Dies der Inbegriff und die Hauptaufgabe des Priesters. Segen zu verbreiten; ein fühlendes, mitleidsvolles Herz für die Leiden und den Kummer, den Schmerz und die Sorge des Volkes haben; eine segenspendende, liebevolle, sanfte Hand; Segen zu sein den Armen, Leidenden und Bedrückten» den Kranken. Schwachen und Geknickten, Segen den Witwen und Waisen, den Verlassenen und Verstoßenen; Segen den Kleinen, den Großen, den Niedrigen und den Hohen. „Darum ward Levi kein Theil und Besitz unter seinen Brüdern; der Ewige ist sein Besitz." Darum, das heißt wegen dieser Fülle von ernsten und schwer erfüllbaren Pflichten muß es dem Leviten möglich sein, sich ungestört und unbeirrt seinem Amte widmen zu können, der Ewige ist sein Besitz und sein Tbeil. Dies in dem Doppelsinne und nach der Auffassung der Weisen, daß er einerseits ohne Rücksicht auf eigene Ruhe, Glück und Freude sein Amt erfüllen solle, daß aber andererseits seine Schutzbefohlenen ihm Seelen-