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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-09-04 · 36 (4.9.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
36 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 570 Dr. Mocb's MocbenscbrLtt. Nr. 36 für alle möglichen und unmöglichen christlichen Vereine, ja sogar für christliche Kirchen zu vergleichen, um diese Engherzigkeit in chrer ganzen Größe zu begreifen. Und wenn jüdische Zeitungen rühmend hervorheben, daß ein Christ 10 Mark für Kischenew „großmüthig" hergegeben hat, so beweist das nur, wie sehr es uns Juden noch manchmal an dem inneren Stolze freier Männer gebricht. Wenn gewisse Juden auch heute noch für coufessionslose Wohlthätigkeitsinstitute schwärmen, dann ist ihnen nicht zu helfen. Was nützt uns unsere Vorurtheilslosigkeit, wenn unsere Nachbaren in ihrer mittelalterlichen Einseitigkeit verharren? Sollen wir den größten Theil bei der allgemeinen Charitas leisten, um dann noch besonders für unsere Armen, denen Niemand Hilst, sorgen zu müssen? Sucht man eine Erklärung für diese erbärmliche Erscheinung, so findet man sie zuerst darin, daß unsere christlichen Nachbaren eine geradezu krankhafte Vorstellung von den „ungeheuren Reichthümern" der Juden haben. Jeder Jude wird in ihrer Phantasie zum Millionär, weil sie nur die wenigen Reichen und nicht die vielen Armen sehen oder sehen wollen. Da ist es ja begreiflich, wenn sie sich sagen: mögen diese reichen Juden doch selber für ihre Armen sorgen. Es kommt noch hinzu, daß sie es als eine Art Gnade betrachten, wenn sie ausnahmsweise mit einem Juden verkehren. Da müssen sich die Juden natürlich dafür dankbar zeigen und ihre Cässen füllen. Gestehen wir es, gewisse Juden bestärken sie in dieser Auffassung, da sie kein höheres Ziel kennen, als mit Nichtjuden zu verkehren. Vollends die „polnischen Juden" halten unsere aufgeklärten Nachbaren am Anfang des „lichtvollen" XX. Jahrhunderts für Menschen 2ter Gattung, denen zu helfen die moderne Gesittung nicht gebietet. So zeigt sich unser Wohlthätigkeitssystem von allen Seiten als morsch und reformbedürftig. Für uns Juden ist die. Wohlthätigkeit kein Luxus, sie ist das einzige Mittel, um ganze Schichten unseres Volkes physisch und moralisch nicht verkommen zu lassen. Es hängt daher viel davon ab, ob wir eine gesunde oder verkrüppelte Wohlthätigkeit haben. Unsere Zeit mahnt zur socialen Hilfsarbeit, im Judeuthum noch mehr wie sonst, weil hier die Leiden chronisch sind. Wir können uns der Erkeuutniß nicht verschließen, daß wir als Juden und Menschen heilige Pflichten gegen die Brüder des Ostens haben. Von dieser Erkenntniß bis zur socialen That ist nur ein Schritt. Als moderne Menschen sind mir socialreformerisch gesinnt, und auch unsere alte Geschichte, ja auch unsere innere Natur zeigt uns diese Bahn. D i e Zukunft Israels liegt auf socialem Gebiete. Jas »stafrikaaische Projekt der ziomstische« Parteileitung. Basel. In der Mittwochsitzung, welche den ganzen Tag über währte, nahm der Congreß zu dem ostafrikanischen Ansiedlungsproject Stellung. Nach einer längeren Debatte machten Dr. Herzl und Dr. Nordau den Congreß nochmals auf den Ernst der Lage, sowie ans die Wichtigkeit der ostafrikanischen Besiedlungsfrage aufmerksam. Dr. Herzl verlas hierauf die vom Unterstaatssecretär im britischen Colonialamte Clement Hill an Herrn Greenberg gerichtete schriftliche Erklärung, welche folgenden Wortlaut hat: „Sehr geehrter Herr! Herr Chamberlain theilte dem Marquis von Lansdowne den Brief mit, den Sie unter dem 13. v. M. an ihn gerichtet haben und der den Entwurf eines Vertrages enthielt, den Dr. Herzl zum Abschluß zwischen Sr. Majestät Regierung und der jüdischen Colonialbank vorschlägt und der die Errichtung einer jüdischen Siedelung in Ostafrika bezweckt. Se. Herrlichkeit hat auch die Bemerkung erwogen, die Sie am 6. d. M. gelegentlich Ihrer Unterredung mit Sir E. Barrington und Mr. Hurst in diesem Amte machten. Ich bin nun von Sr. Herrlichkeit beauftragt, zu sagen, daß sie die Frage mit dem Jntereffe studirt haben, das Sr. Majestät Regierung immer an jedem wohlerwogenen Plan nehmen muß, der die Besserung der Lage der jüdischen Race bezweckt. Die Zeit, über die sie verfügten, war zu kurz, als daß es ihr möglich geworden wäre, auf alle Einzelheiten des Planes einzugehen oder ihn mit Sr. Majestät Vertreter für das ostafrikanische Protektorat zu erörtern, sie bedauern daher, daß sie nicht in der Lage sind, eine endgiltige Meinung über die Angelegenheit auszudrücken. Lord Lansdowne nimmt an, daß die Bank einige Herren in das ostafrikanische Schutzgebiet zu senden wünsche, die persönlich feststellen sollen, ob es dort freies Land gibt, das sich für die ins Auge gefaßten Zwecke eignet, und wenn dies der Fall ist, wird er sich glücklich schätzen, ihnen jede Erleichterung zu gewähren, damit sie mit Sr. Majestät Vertreter die Möglichkeit erörtern, den Anschauungen entgegenzukommen, die am nächsten Zionistencongreß in Betreff der Bedingungen ausgedrückt werden dürften, unter denen eine Niederlaffung möglich sein würde. Wenn ein Landstrich gesunden werden kann, den die Bank und Sr. Majestät Vertreter als geeignet betrachten und der Sr. Majestät Regierung empfehlenswerth scheint, dann wird Lord Lansdowne geneigt sein, Vorschläge zur Errichtung einer jüdischen Colonie oder Ansiedlung unter Bedingungen günstig aufzunehmen, die den Mitgliedern die Möglichkeit gewähren, ihre Volksbräuche zu beobachten. Zu diesem Zweck würde er geneigt sein, wenn ein geeigneter Landstrich gefunden ist, und vorbehaltlich der Meinung der Berather des Staatssekretärs in Ostafrika, die Einzelheiten eines Planes zu erörtern, deffen Hauptpunkte sein sollen: die Gewährung eines ansehnlichen Stückes Land, die Ernennung eines jüdischen Beamten zum Oberhaupt der örtlichen Verwaltungsbehörde und die Gewährleistung voller Bewegungsfreiheit an die Colonie. für Municipalgesetzgebung und für die Ordnung der religiösen und ausschließlich inüeren Verwaltungsangelegenheiten; dieses örtliche Selbflverwaltungsrecht muß indeß das Recht Sr. Majestät Regierung unberührt lassen, eine allgemeine Oberaufsicht zu üben. Es ist zur Zeit unnöthig, die Einzelheiten der Bedingungen zu erwägen, unter denen das Land bewilligt werden würde, ob dies in Form eines Verkaufes oder einer Pacht geschehen würde, aber Seine Herrlichkeit nimmt an, daß kein Theil der Verwaltungskosten der Siedelung Sr. Majestät Regierung zur Last fallen würde, und letztere würde sich das Recht Vorbehalten, das Land wieder in Besitz zu nehmen, wenn die Siedelung sich als Mißerfolg erweisen sollte."- Mr. Greenberg (London) machte eingehende Mittheilungen über den Gang der Verhandlungen, die er als Bevollmächtigter des zionistischen Actionscomitös mit dem Unterstaatssecretär Sir Clement Hill, als Vertreter des Colonialministers Chamberlain und des Ministers des Auswärtigen, Marquis v. Lansdowne, geführt hatte. Der Landstrich, den die britische Regierung zur Gründung eines jüdischen Staates abzutreten gedenkt, liegt in Ostafrika, zwischen Mervoni und Mombassa. Er besitzt eine Länge von circa 300 englischen Meilen und umfaßt eine Bodenfläche von ungefähr 90.000 Quadratmeilen und grenzt an die große Eisenbahn, die direct zu dem westlich davon gelegenen Hafen Mombassa am Stillen Oeean führt. Die Entfernung von Mombaffa beträgt 400 Kilometer. Oestlich von dem neuen Judenland, circa 130 Kilometer davon entfernt, liegt der Victoria Nyansasee, deffen südlicher Theil bereits zu Deutsch-Ostafrika gehört; das Gebiet ist ein Hochland mit einem ausgezeichneten Klima für Weiße. Es liegt inmitten der britischen Colonie Ostafrika, die sich vom Indischen Ocean bis an das Riesenbinnenmeer Mittelafrikas, den Victoria-Mansa, erstreckt, zur südlichen Grenze die Colonie Deutsch-Ostafrika, zur nördlichen den Sudan hat. Vom Hafen Mombaffa, der bereits unter englischer Verwaltung einer der besten der Ostküste geworden ist, geht eine Eisenbahn, die Ugandabahn, bis an den Niansasee. Sie führt mitten durch das jüdische Zukunftsland, das Raum bietet für Millionen, die dort ein Heim suchen wollen, für andere Millionen freier Bürger, die dort ihre Heimat haben werden. Das Land ist 300 englische Meilen lang und hat eine Oberfläche etwa von 90.000 englischen Quadratmeilen, das heißt, es ist ungefähr so groß als vergleichsweise Oesterreich ohne Tirol und Ungarn ohne Siebenbürgen. Die Bahn führt den Reisenden in dreißig Stunden von der Küste bis in das neue Land, eine Hochfläche, mit ausgezeichnetem, dem Weißen in jeder Hinsicht zuträglichem Klima, in einer Höhe von mehr als 2000 Meter, mit Bergrücken, die 3000, 4000 Meter hoch ansteigen und die alle vom gewaltigen Schneegipsel des

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