Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ihr.36 Dr. Bloch Jahrgang XX Centralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. -H- Wie», 4. September 1903. ->« -h <■ «^'»- Erscheint jeden Freit ag. -- Brief-Adresse: Wien» IX/1» Derggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. X V. ft. Pofifparragen-Arnk Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Ardartion und Administration: Wien IX/1, Berggafsr Nr. 39. Ivloplion Nr. 14.847. x .-. Brrugsprei» für Sesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. X . —— - =M Inhaltr Leitartikel: Ueber jüdische Wohlthätigkeit. - Das ostafrikanische Project der zionistischen Parteileitung. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Antrittspredigt des Herrn Rabbiners Dr. Max Grunwald. — Antrittspredigt des Herrn Rabbiners Dr. D. Feuchtwang. — Korrespondenzen: Wien. Eine zionistische Deputation bei Dr. Grunwald. Zur Organisation. Wien. Floridsdorf. Krakau. Budapest. Prag. Teplitz-Schönau. Berlin. Bernhard Lazar gestorben. Ein Circular des italienischen Kriegsministers Ottolenghi. Cincinnati. - Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Preßburg, Wiener-Neustadt. — Feuilleton: Julian Meldohla. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Weber jüdische Wohlthätigkeit.*) Von Fabius Schach in Karlsruhe. III. (Schluß). Und welche Mittel stehen uns zur Verfügung? Aufrufe mit glänzenden Flamen, öffentliche Sammlungen und fein gedrechselte Danksagungen? Es müssen schon sehr blutige Scenen ä la Kischenew sein, wenn dabei große Mittel aufgebracht werden sollten. Jeder Schmerzensruf aber verliert an Kraft bei seiner ständigen Wiederholung. Das Weinen ist die Nationalmusik des jüdischen Volkes geworden, und gar Mancher ist bereits dagegen abgestumpft. Es ist klar, daß dieser veraltete Apparat der Wohlthätigkeit schließlich bald erlahmen oder gänzlich versagen muß. Und Kischenew ist wahrlich nicht die einzige blutende Wunde. In den kleinen Städten Rußlands, wo die Juden meistens in Holzhütten zusammengepfercht leben, wirken die Feuerschäden jeden Sommer wie verheerende Epidemien und vernichten Tausende auch sonst schwacher Existenzen. Wer ist in der Lage, durch Sammlungen all diese Schäden zu heilen? Und wer hat das Herz, diese Leute, die ihr Elend nicht verschuldet haben, ihrem Schicksal zu überlassen? Nein, das sind unzureichende Dinge, die nach einer Reform schreien. Erst nach der Erkrankung Apotheken zu errichten und sie bei jeglicher Milderung wieder auszugeben, — das ist ein gefährlicher Modus. Die Apotheken müssen stets da sein, weil die Krankheiten nicht ausbleibeu. Von Gott rühmt der Talmud, daß er die Arznei vor der Krankheit schafft. Die Gefahr zu verhüten oder wenigstens sie möglichst früh zu mildern, — das ist die Ausgabe eines jeden socialen Hilfswerks. Ich sehe nur ein Mittel: eine ständige progressive jüdische Steuer per Kopf der Bevölkerung. Sie ist nicht drückend für die Geber, wirkt nicht beschämend auf den Empfänger und kann einen guten Schutz in schwerer Zeit bilden. Eine jährliche Steuer von 50 Pfennig bis 2 Mark per Kopf ist auch von den minder potenten Elementen leicht zu tragen. Nehmen wir an, daß nur 1 Viertel alttr Juden diese Steuer als Ehrenpflicht auf sich nimmt, so würden doch dabei 4—5 Millionen Mark jährlich herauskommen. Und wenn dieser Fonds richtig verwaltet und rationell verwendet wird, — wie viel Segen für Gegenwart und Zukunft könnte man damit stiften! Wie diese Steuer technisch durchzuführen ist, weiß ich nicht genau, ist auch vorläufig Nebensache. Die Hauptsache ist der Gedanke, der sich selber die Form schaffen wird. Noch andere wunde Punkte zeigte uns das Unglück zu Kischenew: die liebe Eitelkeit unserer Vereine. Die „Alliance" und der „Hilfsverein" machten einander Concurrenz im Sammeln. War dies nöthig? Die jüdischen Leiden bilden kein Prunkstück, um daran die Kraft eines Vereines zu zeigen. Es ist doch klar, daß eine einheitliche Sammlung schöner und vernünftiger wäre. Dann kamen in Süddeutschland die orthodoxen Rabbiner noch extra mit einem Aufruf. Wozu? Waren die anderen Sammlungen nicht koscher genug? Muß sich denn wirklich auch einer generellen Katastrophe gegenüber das ttaurige Bild der ewigen Zerfahrenheit und Zersplitterung zeigen? War es ferner nöthig, mit schön klingenden Namen öffentlich zu prunken? Sind die Schmerzen unserer Brüder ein Gegenstand der Koketterie? All diese Erscheinungen sind leider moderne Dinge, und es liegt mir fern, einem Verein oder Organisation daraus einen Vorwurf zu machen. Sie handeln „politisch", tragen den bestehenden Schwächen Rechnung, um soviel Geld als nur möglich zu sammeln. Aber dem socialen Gei st sind diese Dinge zuwider, und wollen wir die Wohlthätigkeit in Israel, unfern einzigm Schutz in ernster Zeit, gesund sich entwickeln lassen, dann müssen wir hier die bessernde Hand anlegen. Noch ein Punkt, der ebenso alt wie häßlich ist, muß immer wieder berührt werden: Das Verhältnis der christlichen Hilfe zur jüdischen. Der Beittag der christlichen Bevölkerung für die Opfer von Kischenew war miserabel. In ganz Deutschland sind kaum 5—6000 Matt aus christlichen Mitteln geflossen. Das ist beschämend für die christliche Bevölkerung, die gar oft vorgibt, die alleinige Pächterin der wahren Menschenliebe zu sein. Man braucht ja nur damit die Beiträge der deutschen Juden für Armenien, *) Vergl. Nr. 34 und 35.