Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 35 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt, Seite 561 „keines, das prunkt, aber ein solches, das wirkt und edel macht." Mit der kräftigen Unterstützung einer hohen österreichischen Regierung wurden die tn jener Zeit nicht geringen Schwierigkeiten und Hindernisse überwunden und die Stiftung unter dem huldreichen Schutze Oesterreichs gegründet. „Eine hochherzige Frau", sprach Frankl, „kommt die Witwe Jeruschalajim zu trösten, nicht mit einer Strahlengarbe, aber doch mit einem Funken, der, liebevoll angefacht, fromm gehütet, zu einem Stern anwachsen kann, der leuchten wird." Doch wie leicht wäre dieser Funke erloschen! Umstände, stärker als guterWille, ließen dasSchmerzenskind Frankl's sich nicht entwickeln. Während mehr als dreißig Jahre konnte der Funke nur schwach glimmen, und daß er nicht erlosch, daß diese Stiftung doch bestehen blieb, war lediglich der wohlwollenden Nachsicht der österreichischen Regierung zu verdanken und nicht minder der Zuversicht der israelitischen Cultusgemeinde in Wien, daß die Kinderkrankheiten, so mannigfach unter den ungünstigen Verhältnissen in diesem Lande, einmal überstanden, die Anstalt einer lichteren Zukunft entgegengehen werde. Und diese Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die dem jüdischen Volke in allen Zeiten Lebensmuth und Lebenskraft verliehen, sie ist auch in diesem Falle nicht unbelohnt geblieben. Vor sechzehn Jahren durfte die Laemel-Schule ihre Auferstehung feiern. Der unter hohem Schutz der kaiserl. deutschen Regierung so segensreich wirkende Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina ist der Laemel-Stiftung zu Hilfe gekommen und den vereinten Kräften ist es gelungen, das Werk der-Elise Herz von Laemel und Frankl's weiterzuführen und ausznbauen. Ein hervorragender Rabbiner in Frankfurt a. M., ein Lehrer und Führer in Israel und ein Priester zugleich im Tempel der Humanität, unterstützt von einer Schaar gleichgesinnter, wackerer Männer in Frankfurt und Wien, hat sich der Anstalt angenommen und dieselbe unter dem kräftigen Schutz und mit der verständnißinnigen, stets bereitwilligen Unterstützung des hiesigen kaiserl. und königl. österreichischungarischen Consulats bis zur gegenwärtigen Stufe auf der Leiter der Entwicklung gebracht. So haben wir auch hier einen Strahlenglanz von jenem lichtvollen Bündniß der beiden großen Culturstaaten, das so viel zur Erhaltung des Weltfriedens und znr Förderung der von diesem bedingten Segnungen beiträgt. Mit dem gesteigerten Fortschritt in didaktischer Hinsicht wuchsen aber auch die Bedürfnisse. Der Ruf nach Erweiterung des Raumes dieser Bildungsstätte, daß die Schaar derer sich mehre, die aus dem lebendigen Born der Lehre und Cultur schöpfen, wurde immer lauter >und eindringlicher. Das Bedürfniß nach einem eigenen Heime, den gerechten Anforderungen der Zeit entsprechend, wurde immer dringender. Der Vorstand verdoppelte seine Anstrengungen und der Arbeit Lohn ist das Gebäude, das wir heute einweihen. Die Euratoren der großartigen, in der Geschichte der Philanthropie einzig dastehenden Hirsch'schen Stiftung, die Vertreter der unter dem Schutz einer humanen englischen Regierung stehenden Jewish Colonisatiou Association haben in richtiger Würdigung der culturellen Aufgaben und Ziele dieser Anstalt die größere Hälfte der Kosten zur Errichtung des Hauses bewilligt, der neugegründete, kräftig aufblühenve Hilfsverein der deutschen Juden, wie auch einzelne Philanthropen in Wien und Frankfurt trugen ihren Theil bei und die Errichtung des Hauses konnte in Eingriff genommen werden. So haben sich die Edelgesinnten verschiedener Länder zur Erbauung dieses Hauses vereinigt, ein glückliches Vorzeichen für die weitere gedeihliche Entwicklung der Anstalt. Ist ja Cultur die Sonne, die sich aus Milliarden Strahlen zusammensetzt und weithin wärmt und leuchtet. Und nun ist unter Gottes gnädigem Beistand das Haus erbaut. ohne Störungen und Hindernisse, Dank der kräftigen überaus wohlwollenden Unterstützungseitens des hiesigen kaiserl. deutschen Consulats. Das stattliche Gebäude ist errichtet unter der tüchtigen Leitung des Architekten, der den von seinem Vater, dem leider allzufrüh heimgegangen Baurath Theodor Sandel, eben nur begonnenen Bau zu Ende geführt hat, und durch das ehrliche Streben des Unternehmers und seiner bewährten Meister und Gehilfen. Das Gebäude steht da mit seinen festen Mauern und ansprechenden, behaglichen Räumen, ein Bild des Festen und Aesthetischen zugleich, und so soll auch das Wirken in diesen Räumen sich gestalten. Die uns anvertraute Schuljugend soll zur Festigkeit im angestammten Glauben und zur Empfänglichkeit für das Schöne erzogen werden, welches ja der Himmel ist, unter dem alles Gute gedeiht. „Der Weisheit Anfang ist die Gottesfurcht", wird der leitende Grundsatz auch innerhalb dieser Räume bleiben. Wahrer Gottesglaube, unentwegtes Festhalten an seinen Geboten soll die Wurzel, aber auch die Spitze am Baume der Bildung sein. Es soll stets unsere Aufgabe sein, der uns anvertrauten Jugend eine Erziehung zur Festigkeit des Willens zu bieten, eine sittliche Durchbildung zu geben, die sie gegen die Kämpfe und Gegensätze des Daseins stählt. Nach dem Grundsätze biblischer Pädagogik wollen wir auch in Zukunft die Zöglinge dieser Anstalt mit Kraft und Wissen für ihren späteren Lebensweg, mit den Anschauungen und Urtheilen des praktischen Lebens ausrüsten, sie zur Selbstständigkeit, Arbeitsamkeit und Erwerbsfähigkeit erziehen, keine fremde Welt in sie hineinkatechesiren, sondern „das Kind in seiner Weise" erziehen; den Unterricht seinem Denkvermögen anpassen und dahinzielen, dasselbe zu entwickeln und zu kräftigen. Möge das neu errichtete Haus stets eine Pflanzstätte sein für Religion und Cultur, zum Segen der hiesigen jüdischen Bevölkerung, zur Freude aller hochherzigen Gönner und zur Ehre für die heilige Stadt und den jüdischen Stamm. Das walte Gott! Und nun bitte ich den Herrn Vorsitzenden zum Zeichen der dankbaren Huldigung für Se. kaiserl. und königl. Apostolische Majestät, deren Regierung seit bald einem halben Jahrhundert der Anstalt ihren hochherzigen Schutz angedeihen läßt, das „Gott erhalte" anstimmen lassen zu dürfen. Nach Absingen der ersten Strophe der österr. Volkshymne hielt der Vorsitzende, Generalkonsul Pogacar, mit der zweiten Strophe dieser Hymne beginnend, folgende Ansprache: Ansprache des österr.-ungar. Generalconsuls Pogacar: „Laßt uns fest Zusammenhalten, In der Eintracht liegt die Macht; Mit vereinter Kräfte Walten Wird das Schwerste leicht vollbracht." So, hochverehrte Anwesende, beginnt eine weitere Strophe der schönen Hymne, die wir soeben gehört. Den diesen Versen zu Grunde liegenden Gedanken hat Seine Majestät, der erhabene Schutzherr dieser Anstalt zu seinem Wahlspruch gemacht: Viribus uuilis, mit vereinten Kräften. Unwillkürlich gedenken wir des kaiserlichen Wahlspruches, wenn wir uns des Werkes erfreuen, dessen Vollendung wir heute feiern. Wie es vollbracht wurde, durch vereinter Kräfte Walten, haben wir der lichtvollen Ansprache des Herrn Vorredners entnommen, in welcher er uns die Geschichte der Edler von Laemel-Schule in großen Zügen skizzirte. Es liegt mir ob. diese Skizze zu vervollständigen. Herr Direktor Cohn hat es unterlassen, uns mitzutheilen, welchen hervorragenden Antheil an der Schaffung des Werkes er selbst genommen, er hat es uns verschwiegen, daß er es war. dessen rastlosem und energischem Eifer das Verdienst gebührt, das Jntereffe an der Anstalt so weit gefördert zu haben, daß es schließlich gelungen ist, derselben ein eigenes Heim zu bieten. So stattlich das neue Haus auch sein mag, weit stattlicher noch und bei dieser festlichen Gelegenheit nicht unerwähnt zu laffen, sind diese Leistungen der Schule, welche heute in dieses Haus ihren Einzug hält. Herrn Direktor Cohn war es mit der aufopferungsvollen Unterstützung eines intelligenten und auf der Höhe seiner Aufgabe stehenden Lehrkörpers gegönnt, aus der Laemel-Schule eine Unterrichtsanstalt zu machen, welche nicht nur in Palästina als eine Musteranstalt bezeichnet zu werden verdient, sondern auch in Ländern mit höher entwickeltem Schulwesen einen ehrenvollen Platz einnehmen würde. Die Jahresberichte der Schule, ergänzt durch die Urtheile unparteiischer Kritiker und vervollständigt durch unsere eigenen Wahrnehmungen, geben ein glänzendes Zeugniß von der bemerkenswerthen Culturarbeit, welche in dieser Schule geleistet wird. Es ist nicht zu verkennen, welchen wohlthätigen Einfluß diese Anstalt auf die Hebung des geistigen und sittlichen Niveaus der hiesigen Bevölkerung bereits ausgeübt hat, und erfreulich ist es, zu constatiren, daß das segensreiche Wirken dieser Schule in der Bevölkerung immer ausgedehntere Anerkennung findet und daß viel von dem Vorurtheil und dem Mißtrauen bereits geschwunden ist, welches in manchen Kreisen der Laemel-Schule wegen ihrer vermuthlich zu modernen Richtung entgegengebracht wurde. Beweis dafür der stets wachsende Zudrang der Schüler, welchem das neue geräumige Schulgebäude in weiterem Maße gerecht zu werden in der Lage sein wird. Gesegnet und in Ehren gehalten sei das Andenken der edlen Frau, welche den Baum gepflanzt, den wir heute so herrliche Flüchte tragen sehen! Dank sei dem Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde in Wien, welche die junge Pflanze in ihre liebevolle Obhut genommen. Aber vergessen wir bei dem heutigen Anlaffe auch nicht, daß deutsche Schaffenskraft und deutscher Edelsinn kräftig mit Hand angelegt haben, um den Baum so groß und schön zu ziehen, wie er heute vor uns steht. Es war ein glücklicher Gedanke, die Laemel-Schule mit der deutschjüdischen Waisenhausschule zu vereinigen und ihre brüderlich vereinten Kräfte in den Dienst der hohen Aufgabe zu stellen, welcher die beiden Anstalten einzeln nicht gewachsen waren. Was die Laemel-Schule heute ist, begann sie thatsächlich zu werden, als sie mit ihrer deutschen Schwesteranstalt verschmolzen, an dem Frankfurter Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina einen kräftigen materiellen und moralischen Rückhalt erwarb und indirekt auch der Fürsorge der kaiserlich deutschen Regierung und deren hiesigen Vertretung theilhaftig wurde. Wie sehr sich das kaiserlich deutsche Konsulat für die Anstalt jederzeit interessirt hat und wie werthvoll dieses Jntereffe der Anstalt ganz insbesonders für das Zustandekommen des neuen Schulgebäudes gewesen, hat mein geehrter Herr Vorredner gebührend hervorgehoben, ich lege aber Werth darauf, es zu wiederholen und dem kaiserlichen Konsulate in der Person meines hochverehrten Herrn Collegen auch im Namen des österreichisch-ungarischen Consulats bei der heutigen Feierlichkeit Dank zu sagen. Und damit der Dank zum feierlichen Ausdruck gelange, welchen die Edler von Laemel-Schule dem kaiserlich deutschen Consulate und dem Frankfurter Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina und mittelbar auch der kaiserlich deutschen Regierung in io hohem Maße schuldet, erklinge aus den frischen Kehlen unserer hoffnungsvollen Laemel-Schüler das „Heil Dir im Siegerkranz". Nachdem die letzten Töne des deutschen Kaiserliedes verhallt waren, dankte der deutsche Consul Dr. Schmidt dem Vorredner für seine freundlichen Worte und für die Anerkennung, die derselbe dem kaiserl. deutschen Consulate für dessen kräftige Theilnahme an der Errichtung des neuen Schulgebäudes gezollt hat. Er habe stets dos