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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-28 · 35 (28.8.1903) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 86 Dr. Dlocb's Mocbenscbritt. Sette 659 „Haut's dös G'sindel in Scherben" waren seine klassischen, von christlicher Sanftmuth zeigenden Worte, wir erinnern uns, wie die christlich-socialen Stadtväter seit jeher mit allen ihnen zu Gebote stehenden gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln den wirthschaftlichen Tod der Juden herbeizusühren trachten, und daß Herr Dr. Lueger die oberste Pflicht eines Bürgermeisters, Ordnung und Ruhe zu wahren, außerordentlich stiefmütterlich behandelt und Haß und Zwietracht in der Bevölkerung säet. — Dieser Fall zeigt wieder recht drastisch, wie die Christlich- Socialen den Splitter im Auge des Nächsten, nicht aber den Balken im eigenen Auge sehen oder vielmehr sehen wollen. * * * Der „Deutschen Zeitung" haben wir zwar stets die imposantesten Dummheiten zugetraut, aber ihre dumme Ansicht, daß ihr Artikel „Patina Hebraica" unsere Entrüstung hervorgerufen habe, ist denn doch ein wenig zu dumm. Nein, Du dumme „Deutsche Zeitung", Deine Angriffe sind so plump, daß wir sie nicht einen Moment ernst nehmen können, und nur zur Belustigung unserer Leser citirten wir einige Stellen aus Deinem Artikel. Es freut uns, daß auch Du Dir dabei „schmunzelnd" gedacht hast: „nur die Gall", und mit Befriedigung erfüllt es uns, daß Du in stolzer Selbsterkenn tu! ß den Satz abdruckst, worin wir von Dir sagen, daß es „das dümmste Blatt Wiens einmal nicht billiger gibt." Ja, den Titel des dümmsten Blattes entreißt Dir Niemand mehr. Durch Deine bisherigen und — wir können es getrost behaupten und hoffen nicht nachträglich desavouirt zu werden — auch durch Deine zukünftigen geistigen Bemühungen hast Du ein volles Anrecht auf ihn. Wenn Du aber meinst, daß wir schreckensbleich werden, wenn Du mit der Vertilgung der Juden drohst, so höre, Du dumme „Deutsche Zeitung: Längst wird von Deinem Schriftleiter kein Stäubchen mehr vorhanden sein, längst wird sich das letzte Atom des letzten Deiner fünf Abonnenten in den eines besseren Zweckes würdigen Aether verflüchtigt haben, und noch immer wird die Idee des Judenthums und das Judenthum ehern und unvertilgt fortbestehen. Deß' versichern wir Dich — so wahr Du das dümmste Blatt Wiens bist. * * * * Die gerichtliche Untersuchung wegen der Kischenewer Greuel ist nun zu Ende geführt und eine Reihe von Personen werden ihre Mordthaten, zu denen sie der Kischenewer Bergani verhetzt Hat, vor Gericht zu verantworten haben. Die Beendigung der gerichtlichen Untersuchung dünkt dem „Deutschen Volksblatt" wieder ein geeigneter Anlaß, über die Juden herzufallen; angeblich stammt der betreffende Bericht von seinem Correspondenten in Kischenew, Wir gehen aber kaum fehl, wenn wir seinen Autor in der Redaction des „Deutschen Volksblattes" suchen. Weil die Behörden, durch deren unerhörte Pflichtvernachlässig mg die schrecklichen Scenen sich tagelang abspielen konnten, unter dem Drucke der öffentlichen Meinung der ganzen civilisnten Welt wenigstens nachträglich die Verbrechen zu sühnen trachten und die Mörder einkerkern, sind sie nach dem Wiener Kruschewan „durch Judengeld bestochen". Weil die Juden die Mörder ihrer Familienangehörigen den Gerichten anzeigen, soweit ihnen die Tyäter bekannt sind, „ist die Verfolgungswuth dieser Juden unbeschreiblich, kennt ihre Rache keine Grenzen". Das wäre schon wahrhaft überirdische Sanftmuth, wenn man die Räuber und Todtschläger vor der rächenden Nemesis schütz"» wollte, um — nicht die Dankbarkeit dieser Leute zu ernten, sondern bei der nächsten Gelegenheit als Opfer übel angebrachter Milde zu fallen. Die Hetze gegen die Juden wird fortgesetzt, und wenn man den Worten des Gewährsmannes des Herrn Bergani Glauben schenk n darf, nimmt sie wieder bedrohliche Dimensionen an. Nach oben und nach unten wird seitens der antisemitischen Meute gegen die Juden geschürt. „Durch ihre ungefitzlichen Handlungen und durch ihre räuberische Ausbeutung haben sie die Christen zum Aeußersten getrieben", heißt es an einer Stelle, und wenige Zeilen später: „Die jüdischen Beamten, welche fast alle mit dem Nihilismus und anderen revolutionären Umtrieben in intimer Fühlung stehen, führen Rußland noch ins Verderben. Sie sind es, welche Kaiser Alexander UI. vergiftet und Kaiser Alexander II. durch ein Bombenattentat getödtet haben. Und seither ist ihr Einfluß nur mächtiger geworden. Durch ihre zahlreichen Stellen über die V. Beamt entlasse hinaus haben sie zu viel Einblick in die Geheimniffe der Administration. Ungeachtet der von ihnen abgelegten Eide geben sie diese Geheimnisse den Berschwörerbanden preis. Daher kommt es, daß bald da, bald dort in Rußland Unruhen ausbrechen." Auf diese Weise hoff-m die antisemitischen Preßbanditen ihr Ziel zu erreichen. Der ruffischen Regierung soll Angst eingeflößt werden vor den verrätherischen Juden, denen nichts heilig ist, und sie soll dadurch veranlaßt werden, ruhig zuzusehen, wenn das Volk, durch die Lügen russischer Bergani's aufgewiegelt, wieder Mord und Todschlag verübt. In ganz unverblümter Weise kündet es das „Deutsche Volksblatt" am Schluffe seines Berichtes an: „Wenn den Juden in ihrer verbrecherischen Unterdrückung der christlichen Bevölkerung nicht bald ein energisches Halt entgegengerufen wird, so ist der Tag nicht mehr ferne, an dem das russische Volk wie ein Mann seine jüdischen Ausbeuter abschütteln wird." Wir glauben aber kaum, daß den ehrenwerthen Männern der Genuß der Kischenewer Tage in so reichem Maße wieder zutheil wird. Denn was die Hetze nach unten anbelangt, so wird das Volk bald einsehen. daß es von gemeinen Demagogen verführt wird, die sich vom Schauplätze der Gefahr hübsch ferne halten und die armen Leute gewiffenlos dem Untergange preisgeben; umso schneller wird dieser Zeitpunkt eintreten, als auch in Rußland der Socialismus gewaltige Fortschritte macht. Und damit wären wir bei der Denunciation nach oben. Es ist gewiß richtig, daß unter den Socialisten Rußlands das jüdische Element einen großen Platz einnimmt. Es liegt dies in der Natur der Verhältnisse, weil eben die Juden nicht, wie das antisemitische Gelichter behauptet, ausbeuten, sondern in ihrer großen Mehrheit ausgebeutet werden. Aber gerade der Fortschritt des Socialismus bedingt das Abnehmen des Nihilismus und des Anarchismus; im elaffischen Lande des Socialismus, in Deutschland, gibt es keine Anarchisten. Ebenso, wie es aber unter den Juden Socialisten gibt, befinden sich unter ihnen auch zahlreiche Gegner derselben, da ja die Religion auf die Stellung des Einzelnen zur socialen Frage keinen Einfluß hat, woran der Rabbinerbeschluß zu Krakau auch nichts ändern wird, der von den Rabbinern wohl nur aus Furcht vor den antisemitischen Denunciationen gefaßt wurde. Isegrim. Rosegger über Raeerchaß. Eines der Hauptwerke Rosegger's, das man als seine religiöse Beichte bezeichnen könnte, führt den Titel: Mein Himmelreich" (Leipzig, 1901). Der Dichter schwingt hier die Geißel der Satyre über diejenigen, welche die Religion nur im Munde, nicht aber im Herzen führen. Nicht minder geißelt er den Raeenhaß in folgenden Worten: „Laffe dir eins noch sagen. Meine Familie kennt meine Grundsätze, ich legte fie ihr in Sanftmuth und Herzlichkeit jeden Tag vor Augen, ich handelte danach. Ich sagte einmal: Wenn ich sehe, wie fremdstämmige Kinder in dcr Schule von ihren Genoffen, im Freien von Gassenbuben und anderen behandelt werden, so will mir das Herz brechen, weil ich dabei an euch denke, an euch, meine Kinder, und wenn es euch so erginge, unschuldig, seines Stammes wegen, soviel zu leiden, bis das im Stillen weinende Herz verhärtet und verbittert für alle harmlose Lebensfreude verdorben ist! Wenn ich so menschlich von Menschen rede, da starren mich meine eigenen Kinder verblüfft an. als ob es eine fremde Sprache wäre, welche da von fremden Wesen spräche, die uns nichts angingen! Oder sie widersprechen mir dreist und stimmen ein in den Ton des Pöbels, der heute zum guten Ton gehört. Vor einiger Zeit ging ich mit meinem siebzehnjährigen Neffen spazieren. Der Jüngling ist gebildet worden in der elaffischen Schule des Humanismus, er ist von einer gemüthlich-heiteren Lebensauffaffung, freundlich, von guter geselliger Art und hat einen Hellen Kopf wie ein warmes Herz schon bewiesen. Bei diesem Spaziergange nun auf belebtem Corso kommt auch ein alter Mann des Weges, anscheinend vom Stamme Israel. Bescheiden und höflich sucht er stets auszuweichen, streift aber im Gedränge zufällig ein bischen an die Achsel meines Neffen. Dieser bleibt rasch stehen, blickt dem Greise mit wüthendem Blick nach und ruft ganz laut: S.. jud! Die Leute lachen, keiner ist; der dem Jungen die verdiente Ohrfeige ertheilt, und ich bin starr vor Entsetzen. — Später von mir zur Rechenschaft gestellt, sagte der Bursche, man müffe den Juden überall handgreiflich zeigen, daß sie uns zuwider find, ihnen den Aufenthalt bei uns verleiden, solange, bis sie davonziehen. Alle, die es hörten, stimmten ihm lebhaft bei. Ich glaubte, vor Scham versinken zu müssen über solche Gaffenbübereien unserer Jugend." („Mein Himmelreich", Seite 390 f.) Kurz zuvor (Seite 389) bemerkt Rosegger: „Was wir da täglich vor

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