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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-28 · 35 (28.8.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 558 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 35 Die Einzelheiten des Vorschlages, auf den ich Ihre besondere Aufmerksamkeit auf's Ernstlichste hinlenken möchte, dem gesummten Congreffe vorzulegen, würde mir nicht praktisch scheinen. Es scheint mir richtiger, Sie zu bitten, daß Sie einen kleinen Sonder-Ausschuß wählen, der sich mit der ganzen Angelegenheit zu befafftn hätte. Was immer beschlosscn werden mag — soviel kann ich getrost sagen, daß wir Alle im Herzen nichts als das tiefste Gefühl der Dankbarkeit für das staatsmännische Wohlwollen empfinden, das Großbritannien in diesen Verhandlungen dem jüdischen Volke gegenüber bekundet hat. Zion ist dies freilich nicht und kann es nie werden. Es ist nur eine Colonisationsaushilfe, aber wohlgemerkt auf nationaler und staatlicher Grundlage. Das Zeichen zum Aufbruche können und werden wir unseren Massen daraufhin nicht geben. Es ist und bleibt lediglich eine Nothstandsmaßregel, die der jetzigen Rathlosigkeit aller philanthropischen Unternehmungen abhelfen und dem Verluste solcher versprengter Volkstheile Vorbeugen soll. So lagen die Dinge, als die letzte Wendung eintrat, die erst wenige Tage alt ist, aber eine sehr bedeutende Entwicklung vorstellt. Die wohlbekannten Ereignisse machten es nothwendig, daß ich im Interesse des jüdischen Volkes nach Rußland reiste. Ich hatte die willkommene Gelegenheit, mit der dortigen Regierung zu verkehren, und ich kann sagen, daß ich einem gewissen Verständnisse unserer zionistischen Bestrebungen begegnete, sowie auch Aeußerungen des guten Willens hörte, etwas Entscheidendes für uns zu thun. Ich gestehe übrigens, daß ich. bei dieser Gelegenheit nicht nur Parteimann war — Sie werden mir es nicht übel nehmen. Ich sprach nicht nur für die Zionisten, sondern für alle Juden in Rußland. Ich bemühte mich, einige Verbesserungen ihrer traurigen Lage zu befürworten, und erhielt auch die Zusicherung, daß solche Erleichterungen demnächst in Erwägung gezogen werden sollen. Bedeutender waren die Zusicherungen, die ich für die zionistische Bewegung erhielt. Ich bin in der Lage, zu erklären, daß die russische Regierung dem Zionismus kein Hinderniß in den Weg legen will, wenn er wie bisher einen ruhigen und gesetzlichen Charakter behält. Die russische Regierung ist ferner bereit, bei der Deckung der Gelderfordernisse einer von uns Zionisten geleiteten Emigration mitzuwirken. Endlich, und darauf ist wohl das allergrößte Gewicht zu legen, ist die russische Regierung bereit, unsere Bemühungen um die Erlangung von Palästina bei Sr. Majestät dem Sultan mit ihrem Einfluß zu unterstützen. Die Tragweite dieser Erklärung, die ich dem Zionistencongreffe übermitteln darf, ist wohl Jedem erkennbar. Ein solches Versprechen der russischen Regierung bedeutet einen diplomatischen Gewinn, der nicht zu hoch veranschlagt werden kann. Nicht nur ist ein enormes Hinderniß beseitigt, cs ist auch plötz'ich eine mächtige Nachhilfe vorhanden. Ihre Wirkungen sind allerdings noch abzuwarten, aber mit erfrischtem Muthe und größeren Aussichten als je vorher können wir unsere Bemühungen um Erez Israel fortsetzen. Es wird natürlich auch jetzt wieder Leute geben, die nur das Bittere aus diesen Bvrtheilen heraussehen. Die Hilfe der Mächte, werden diese Leute sagen, bedeute nichts Erfreuliches. Sie wollen uns los haben oder sie wollen uns nicht hinein lassen. Gut! Wenn darin eine Ungerechtigkeit gegen unser Volk liegt, so wollen wir darauf die Antwort in Zukunft geben. In unserer Zukunft, in unserem Lande! Und diese Antwort soll bestehen in einem Erhöhen der menschlichen Gesittung. Vom AabrmurKt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Krankenhaus und Antisemitismus. —Das „Deutsche Volksblatt" über die Grenzen des Anstandes. — Die eitle „Deutsche Zeitung". — Der Bluthund von Kischenew.) Eines der traurigsten Capitel unserer öffentlichen Verwaltung ist die Spitalsmisöce. Staat, Land und Gemeinde streiten sich seit Jahr und Tag herum, wer eigentlich die Kosten der Krankenverpflegung zu tragen habe, und inzwischen sind die Kranken genöthigt, von einem Spital ins andere zu wandern, da die wenigen Spitäler absolut nicht ausreichen und fast immer überfüllt sind. Die Statthalterei als Verwalterin des Spitalfonds hat wohl — wie wir annehmen wollen — den guten Willen, nicht aber die Macht, die Spitalsfrage in einer gedeihlichen Weise zu lösen, und so versucht sie, die Noth durch die ihr geeignet erscheinenden Mitteln zu lindern, die aber keineswegs unsere Billigung finden können. Um die finanzielle Misere des Spitalfonds zu beseitigen, erhöht sie die Verpflegsgebühren, wobei sie aber auf die heftigste Gegenwehr der durch diese Maßregel arg getroffenen Krankencaffen flößt, und bringt den Spitalsverwaltungen einen Erlaß in Erinnerung, wonach sie bei der Aufnahme von zahlungsunfähigen Ausländern, insbesondere aber von Judenaus Rußland und Rumänien mit der größten Vorsicht vorzugehen haben. Wie hoch auch immer das Deficit des Spitalsfonds gestiegen sein mag — die Abweisung Kranker ist vom menschlichen Standpunkte überaus bedauerlich und durchaus nicht geeignet, die gute Meinung des Auslandes von den österreichischen Culturzuständen zu erhöhen. Diese Maßregel kann keine anderen Entschuldigungsgründe für sich geltend machen, als finanzielle, und das „Deutsch; Volksblatt" thut gut daran, seine Artikelüberschrift: „Graf Kielmansegg — Antisemit?" mit einem Fragezeichen zu versehen. Es ist eine genug traurige Thatsache, daß in den Ländern, die Oesterreich östlich und südöstlich begrenzen, barbarische Zustände herrschen und die Kranken genöthigt sind, im Auslande Heilung zu suchen. Wir sind überzeugt, daß der Statthalter den betreffenden Erlaß nur der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, herausgegeben hat, und daß er es als eine ihm selbst angethane Infamie empfindet, ihn deshalb zu einem Antisemiten zu stempeln. Unsere antisemitische Presse ist natürlich außer sich vor Entzücken, daß die todtkranken Juden unter der Verfügung schwer leiden werden, und das ^.Deutsche Volksblatt", dem in allen Fällen, wo cs gilt, den Gipfel der Verächtlichkeit zu ersteigen, immer die führende Rolle zufällt, spricht von der: „Frechen Unverschämtheit, mit welcher sich das ausländische Gesindel in unseren für die heimische Bevölkerung errichteten Spitälern ausbreitet." Die Aermsten. die mit dem doppelten Fluche beladen sind, arm und krank zu sein, werden als freches Gesindel bezeichnet, der Kranke, der sich auf seinem nach langem, mühseligen Wandern endlich erkämpften Bett vor Schmerz windet, macht sich unverschämt breit, sagt das gewissenlose Blatt, das in seinem fanatischen Hasse vor keiner Gemeinheit, vor keiner Niedertracht zurückschreckt. Herr Vergani hat es freilich nicht nothwendig, im Krankheitsfälle die allgemeine Abtheilung in einem Spitale aufzusuchen, die Reichthümer, die er sich auf die bekannte Weise durch klägliche Honorirung seiner Angestellten und Verrohung der Bevölkerung rc. erworben hat, gestatten es ihm, ein Sanatorium aufzusuchen, die armen Juden aber, die er auf für ihn so einträgliche Art journalistisch zu verwerthen versteht, sind leider auf die öffentlichen Spitäler angewiesen, und im Interesse der Menschlichkeit ist es auf das Lebhafteste zu bedauern, daß Kranke in Spitälern keine Aufnahme finden. -i- * * Der Standpunkt, den der Landesausschuß dem famosen Herrn Wohlmeyer zulieb der Stadt St. Pölten gegenüber einnimmt, ist wohl alles eher als ritterlich. Ohne uns aber heute in die Angelegenheit näher einzulassen, wollen wir nur eine interessante Stelle aus einem Berichte des „Deutschen Volksblattes" über eine Rede des Herrn Völkl citiren, die lautet: „Ja, Herr Völkl geht noch weiter, er verläßt die Grenzen des Anstandes und fordert die Anwesenden geradezu auf, den Gemeindeausschuß Wohlmeyer zu insultiren, indem er sagt: „Jeder ist ein Ehrenmann, der diesen auf offener Straße anspuckt". Man muß sich unwillkürlich an den Kopf greifen und fragen, hat denn dies wirklich ein Bürgermeister gesagt? Wird dadurch nicht der oberste Grundsatz eines Bürgermeisters, die Ordnung und Ruhe zu wahren, mit Füßen getreten?" Nach den Berichten der übrigen Zeitungen lautete übriger s die Aeußerung des Herrn Völkl nicht so, wie sie das „Deutsche Volksblatt" wiedergibt; doch angenommen, es wäre dem so: wie strenge das „Deutsche Volksblatt" doch auf einmal über die Würde der Bürgermeister urtheilt! Welche stricte Auffassung von den bürgermeisterlichen Pflichten! Und welch' maßvolles Verhalten Herr Vergani auf einmal von Gemeindehäuptern verlangt! Wir erinnern uns sehr gut, wie der wohlbeleibte Herr Strobach zum Todtschlagen der Arbeiter aufgefordert hat;

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