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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-28 · 35 (28.8.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Mocb's Wocbenscbrttt Seite 557 und Treue erfordern. Aber schon dies ist ein Stück der Erziehung die wir unterwegs bekommen. Es gibt schwere Tage, an denen man mühselig Errungenes zerfließen sieht und vielversprechende Anfänge, die dann in sich zusammenbrechen. So lange eine Bewegung jung und schwach ist, müssen die Führenden befürchten, daß solche Rückschläge die Anhänger demoralisiren könnten, und zur eigenen Enttäuschung und Ermüdung tritt noch die Sorge um die Fortführung der Arbeit, um die Beschaffung der Mittel, um die Ausdauer der Genoffen. Doch auch das ist zum Guten. Es verlieren sich die, an denen man nichts verliert. Sie ziehen ab, die einen mit ihrer gekränkten Eitelkeit, die zweiten, weil sie bei der Sache ihre Rechnung nicht fanden, die dritten, weil sie nur gern an Erfolgen theilnehmen, und so noch andere aus mancherlei anderen Gründen. Die aber bleiben, denen wird die Sache durch jedes Opfer nur noch theuerer. Mit denen kann man den Weg fortsetzen, und ihnen kann man auch Alles sagen. So war es in unserer Absicht, als wir Viesen Congreß einberiefen, und wir glaubten, daß wir nichts anderes würden zu melden haben, als das Scheitern von Verhandlungen und das Mißlingen lang vorbereiteter Versuche. Indessen kam es einigermaßen anders. Seitdem wir hier zum fünften Male beisammen waren, hatte ich neuerdings zwei Mal die Ehre, von Sr. Majestät dem Sultan nach Constantinopel berufen zu werden. Beide Male, im Februar wie im August 1902 blieben jedoch die Unterhandlungen resultatlos. Ich konnte mich selbstverständlich auf nichts einlassen, was mit unserem Baseler Programm nicht vereinbar gewesen wäre, insbesondere konnte eine zerstreute zusammenhanglose Colonisation in verschiedenen Theilen des türkischen Reiches unseren nationalen Bedürfnissen nicht genügen. Aus allen diesen beschwerlichen Verhandlungen ging nur hervor, daß Se. Majestät der Sultan dem jüdischen Volke andauernd eine freundliche Gesinnung bewahrt. Es ist dies gewiß erfreulich und werthvoll, aber praktisch kommen wir damit nicht weiter. Da nun die gütigen Gesinnungen des Souveräns gegeben sind, sowie die zweifellosen Vortheile, die das türkische Reich davon hätte, mußte das Hinderniß in der Haltung der im Oriente inlereffirten Hauptmächte gesucht werden, namentlich Rußlands. Denn von Deutschland hatten wir uns keines Widerstandes zu versehen, nach der unvergessenen Theilnahme, die uns der deutsche Kaiser bekundete. Als ich im Jahre 1898 die Ehre hatte, mit einer zionistischen Abordnung in Jerusalem empfangen zu werden, versicherte Se. Majestät unsere Bewegung seines Wohlwollens. An einem Kaiserworte soll man nicht drehen noch deuteln. Auch von England war eine Gegnerschaft nicht zu besorgen, und Ereigniffe, die ich jetzt melden will, bestätigen dies. Nach der Erfolglosigkeit der letzten Verhandlungen in Constantinopel und angesichts der wachsenden Noth mußten wir andere Wege suchen. So setzte ich mich denn im October vergangenen Jahres mit einigen Mitgliedern des britischen Cabinets in Verbindung und unterbreitete ihnen den Vorschlag, uns eine Landconcession für die Sinai-Halbinsel zu bewilligen, damit wir dort eine Ansiedelung für unser Volk gründen. Sowohl die Minister, denen ich hier meinen allerwärmsten Dank ausdrücken möchte, als auch die hohen Beamten der britischen Regierung, welche für diese Angelegenheit zuständig find, haben mich mit dem größten Wohlwollen und Entgegenkommen ausgenommen. Es wurde mir bedeutet, daß, da das ins Auge gefaßte Territorium egyptisch sei, es nothwendig wäre, unmittelbar mit der egyptischen Regierung zu verhandeln, doch stellte die englische Regierung mir großherzig ihre Empfehlung zur Verfügung und drückte ihrem Vertreter in Egypten, Lord Cromer, ihre Hoffnung aus, daß der Plan von ihm und den Räthen Seiner Hoheit des Khedive in wohlwollende Erwägung gezogen werden würde. Die britische Regierung gab uns anheim, als vorbereitenden Schritt die Entsendung einer Commiffion von Fachleuten anzuordnen, die den Landstrich auf seine Eignung zur Besiedelung und auf die Aussichten seiner Colonisation prüfen sollte. Um die Zustimmung der maßgebenden egyptischen Autoritäten zur Entsendung der Commiffion und deren Unterstützung zu erlangen, begab sich unser Vertreter Mr. Greenberg, versehen mit Empfehlungsschreiben des englischen Auswärtigen Amtes an die eghptische Regierung, Ende October nach Egypten. Lord Cromer und der egyptische Minister des Auswärtigen nahmen ihn sehr freundlich auf und gaben nach einigen Verhandlungen ihre Zustimmung zur Entsendung der Commiffion. Sie gestatteten auch, daß ein Vertreter des egytischen Landvermessungs-Amtes sich der Commission als Mitglied anschloß. Die Commiffion wurde hierauf gebildet und bestand aus den Herren: Ingen. Keßler, Architekt Marmorek, Oberst Goldsmid, Ingenieur Stephens, Profeffor Laurent, Dr. S. Soskin, Dr. Hillel Joffe und dem egyptischen Regierungsvertreter Mr. Humphreys. Die Commiffion kam in Egypten Ende Jänner an und brach Anfang Februar nach der Sinai-Halbinsel auf. Inzwischen verließ unser Vertreter Mc. Greenberg England und ging wieder nach Egypten, um dem Lord Cromer und der egyptischen Regierung den Entwurf eines Charters für einen Landstrich auf der Sinai-Halbinsel zu unterbreiten. Nach langen Verhandlungen erhielt unser Unterhändler von der egyptischen Regierung ein Schreiben, worin sie sich mit dem Grundsatz des vorgeschlagenen Charters einverstanden erklärt. Dieser bestimmt die jüdische Selbstverwaltung für den in Betracht kommenden Landstrich und gewährt Municipalrechte für das gesammte bewilligte Gebiet, unter der Voraussetzung, daß die entsendete Commiffion einen günstigen Bericht erstatte, welcher der Regierung die Ueberzeugung beibringt, daß die Besiedelung der Halbinsel thunlich ist. Die Commiffion kehrte Anfangs März nach Egypten zurück und ich reiste selbst hin, um mit ihr zusammenzutreffen. Ich unterbreitete Lord Cromer und der egyptischen Regierung verschiedene Vorschläge, betraute jedoch, da ich nach Europa zurückkehren mußte, mit den weitern Verhandlungen ein Mitglied der entsendeten Commiffion. Es folgten langwierige Verhandlungen, die jedoch, wie ich mit Bedauern mitzutheilen habe, das Ergebniß hatten, daß die egptische Regierung erklärte, sie sei nicht in der Lage, auf die Sache weiter einzugehen, da das fachmännische Gutachten dahin ging, daß es unmöglich sei, die pelufinische Ebene ausreichend mit Waffer zu versorgen, und daher auch die Besiedlung von El-Arisch oder einem andern Theile der Halbinsel nicht erfolgen könne. Als die Mitglieder der britischen Regierung, mit denen ich vorher in Verbindung gestanden, von dem der egyptischen Regierung ertheilten fachmännischen Rathe und von den Entschließungen, zu welchen sie sich genöthigt sah, Kenntniß erlangt hatten, schlugen sie mir sofort an Stelle des früheren die Bewilligung eines anderen Landgebietes zum Zwecke der jüdischen Colonisation vor. Das neue Landgebiet hat nicht den geschichtlichen, poetischreligiösen und zionistischen Werth, den auch noch die Sinai-Halbinsel besessen hätte, aber ich zweifle nicht, daß der Congreß als Vertreter der jüdischen Masse auch das neue Anerbieten mit wärmster Dankbarkeit entgegennehmen würde. Der Vorschlag bedeutet eine autonome jüdische Ansiedlung in Oftafcika mit jüdischer Verwaltung, jüdischer Localregierung und einem jüdischen Oberbeamten an ihrer Spitze, Alles natürlich unter britischer oberhoheitlicher U-berwachung. Da dieser Vorschlag gemacht wurde, fühlte ich mich nicht berechtigt, im Hinblicke auf die Bersaffung des Judenthums und die Nothwendigkeit, sofort irgend ein Mittel zur möglichsten Besserung der Lage zu finden, etwas Anderes zu thun, als die Erlaubniß zu erlangen, den Vorschlag dem Congrefse zu unterbreiten. Damit die Sache indeß für uns alle ein hinreichend greifbares Interesse habe, war es nothwendig, den Vorschlag in eine Form zu bringen, der auf unsere uns Allen so theuren nationalen Bestrebungen Rücksicht nehmen würde. Unser Vertreter führte daher einige Zeit hindurch mit den Mitgliedern des britischen Cabinets und mit den Ressortschefs eingehende Verhandlungen, die einen günstigen Fortgang nahmen. Ich möchte den Anschauungen des Congreffes über die Politik, die die zionistische Bewegung diesen Vorschlägen gegenüber befolgen will, nicht vorgreifen, allein obschon selbstverständlich das jüdische Volk kein anderes Endziel haben kann als Palästina, und obwohl, was immer das Schicksal des Vorschlages sein mag, unsere Anschauungen über das Land unserer Väter unabänderlich find und bleiben müssen, so wird der Congreß doch erkennen, welche außerordentliche Förderung unsere Bewegung durch die Unterhandlungen mit der britischen Regierung erfahren hat. Ich darf sagen, daß unsere Anschauungen in Betreff Palästinas mit voller Offenheit und Ausführlichkeit den Mitgliedern des britischen Cabinets und den in dieser Angelegenheit zuständigen hohen Regierungsbeamten auseinandergesetzt worden sind. Ich glaube, daß der CongreßMittel finden kann, von dem Anerbieten Gebrauch zu machen. Dieses Anerbieten wurde uns in einer Weise entgegengebracht, die dazu beitragen muß. die Lage des jüdischen Volkes zu bessern und zu erleichtern, ohne daß wir irgend etwas von den großen Grundsätzen ausgeben, auf welche unsere Bewegung gegründet ist.

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