Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 35 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 556 Dr. Dlocb s Mocbenscbrlkt. Nr. 35 waren eher etwas pessimistisch gehalten. Die Lage des gedrückten jüdischen Volkes ist nicht bester geworden. Wcs aber den Endzweck, die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina anbelangt, so zeigt sich, doß die diplomatischen Schwierigkeiten, insbesondere bei der hohen Pforte, heute so groß sind, wie von Anfang an. Dcr Congreß wählte als Präsidenten Herzl-Wien, als Bicepräsidenten Mox Nordau-Paris, Mandelstamm-Kiew, Francis Monte fiore-London. Rechtsanwalt Bodenheimrr - Köln und als Beisitzer Zangwill-London und Marmore k-Wien. Brief des Herrn v. Plehwe, Minister des Innern, an Dr. Herzl. Mein Herr! Sie haben den Wunsch ausgedrückt, Spuren unserer Unterhaltung zu bewahren. Ich gebe diesem Wunsche gerne statt, um Alles zu entfernen, was übertriebene Hoffnungen oder beunruhigende Zweifel entstehen laffen könnte. Ich habe Gelegenheit gehabt, Ihnen vom Gesichtspunkte Kenntniß zu geben, aus dem die ruffische Regierung zur Zeit den Zionismus .betrachtet. Dieser Gesichtspunkt kann ihr nämlich sehr leicht die Nolhwendigkeit nahelegen, ihre Politik der Duldung gegen Maßregeln zu vertauschen, die vom nationalen Selbstschutz vorgeschrieben sind. Solange der Zionismus in dem Willen bestand, einen unabhängigen Staat in Palästina zu schaffen, und solange er die Auswanderung einer gewissen Anzahl jüdischer Unterthanen aus Rußland zu organisiren versprach, konnte die ruffische Regierung ihm sehr wohl günstig sein. Allein in dem Augenblicke, wo dieses Hauptziel des Zionismus aufgegeben scheint, um durch eine einfache Propaganda der jüdisch-nationalen Zusammenfaffung in Rußland ersetzt zu werden, ist es natürlich, daß die Regierung diese neue Bahn des Zionismus in keinem Falle dulden kann. Ec hätte kein anderes Ecgebniß, als Gruppen von Individuen zu schaffen, die den vaterländischen Gefühlen, welche die Stärke eines jeden Staates ausmachen, vollkommen fremd und sogar feindlich gegenüberstehen würde«. Deshalb könnte dem Zionismus das Vertrauen nur unter der Bedingung wicdergegeben werden, daß er zu seinem alten Actionsprogramm zurückkehrt. In diesem Falle könnte er von dem Tage an auf moralische und materielle Unterstützung rechnen, wo einige seiner praktischen Maßregeln zur Verminderung der Mischen Bevölkerung in Rußland dienen würden. Diese Unterstützung würde bestehen können im Protegiren der zionistischen Bevollmächtigten bei der ottomanischen Regierung, in der Erleichterung der Thätigkeit der Auswanderungs- Gesellschaften und sogar in der Bestreitung der Erfordernisse dieser Gesellschaften, selbstverständlich nicht aus Staatsmitteln, sondern aus Abgaben, die von den Juden erhoben werden. Ich halte für iwthig, hinzuzufügen, daß die ruffische Regierung, die verpflichtet ist, ihre Handlungsweise in der Judenfrage den Staatsintereffen anzupoffen, gleichwohl niemals von den großen Grundsätzen der Moral und Menschlichkeit abgewichen ist. Noch in der allerletzten Zeit hat sie eben die Wohnrechte innerhalb der Grenzen der Gebiete, die der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, erweitert, und nichts hindert, zu hoffen, daß die Entwicklung dieser Maßregeln zur Verbesserung der Daseinsbedingungen der ruffischen Juden dienen würde, besonders wenn die Zdrswanderung ihre Zahl vermindert. Sie wollen die Versicherung meiner ausgezeichneten Gefühle entgegennehmen. v. Plehwe. Den 30. Juli — 12. August 1903. Die Eröffnungsrede Dr. Herzl's. Geehrte Congreßmitglieder! Zum Sechsten Zionistencongreffe versammeln wir uns in der guten Stadt Basel, die unserer Dankbarkeit bereits vertraut ist. Wir versammeln uns wieder in Sorgen und Hoffnungen. Die Lage der Juden in der ganzen Welt ist heute wahrlich nicht günstiger, als in den Jahren der früheren Congreffe. Was wir über die Lage unseres Volkes in den früheren Jahren von dieser Tribüne aus sagten, es gilt auch zur Stunde noch. Da und dort hat sich wohl eine Aenderung begeben — aber nicht zum Befferen. Viele von uns hatten gemeint, es könne nicht mehr schlechter werden. Es ist noch schlechter geworden. Wie ein Hochwaffer ist das Elend über die Judenheit gekommen. Alle tiefer gelegenen Existenzen sind bereits überschwemmt. Wenn diejenigen, die an höheren, geschützteren Stellen wohnen, diese erschütternde Thatsache leugnen, so stellen sie ihrer Einsicht oder ihrem Herzen kein gutes Zeugniß aus. Mit dem Zugeständniß der Thatsache, daß es den Juden erbärmlich übel ergeht, ist freilich auch noch nicht viel gewonnen. Das führt höchstens zu Handlungen der Barmherzigkeit, die im Einzelnen gewiß nur zu loben, aber aus einem höher» umfassenden Gesichtspunkte zu tadeln sind, weil sie bei all ihrer erwiesenen Unzulänglichkeit das Gew'ssen der solidarisch Verpflichteten beschwichtigen. „Je nun, man thut, was man kann!* ist ein bequemer Spruch. Es gibt vielleicht Leute, die ein ausreichend feines Gefühl der Selbstbefriedigung haben, wenn sie nach der Morgenblatt-Lectüre eines mittelalterlichen Judenmossacres der Zeitung eine bescheidene Geldspende zum Ausweise schocken. Doch auch wer sich ehrlich nach seinem Vermögen selbst besteuert, hat mit Geld allein nicht genug gethan. Das Geld gibt den Todten das Leben, den Verstümmelten ihre Gesundheit, den Waisen ihre Eltern nicht wieder. Und wie will man mit solchen Almosen das Zittern derjenigen heilen, die zwar nicht am eigenen Leibe getroffen sind, aber in denselben Verhältnissen weiterleben? Die haben es noch nicht überstanden. Wir Zionisten gebrauchen eigentlich diese Argumente nur mit innerem Widerstreben. Es geht gegen unser Gefühl, Unglücksfälle politisch auszubeuten und einen agitatorischen Netzen aus dem Jammer ärmster Geschöpfe zu ziehen. Aber es muß es doch von dieser Stelle gesagt werden, mit welchem Schmerz und welcher Entrüstung wir die grauenhaften Vorgänge von Kischenew vernommen haben und mit welchem Kummer es uns erfüllt, dcß Juden unter solchen Bedingungen leben. Arme, sorgenschwere Existenzen haben dort unter Martern geendet. Wir wollen ihr Andenken ehren, uns um ihre Hinterbliebenen kümmern, und dann wollen wir unsere Zeit nicht mit nutzlosen Demonstrationen verlieren, sondern unsere lebendige Sorge den Lebenden zuwenden. Denn die blutigen Tage der beffarabischen Stadt sollen uns nicht vergessen machen, daß es noch manches andere Kischenew, und nicht nur in Rußland, gibt. Kischenew ist überall, wo Juden an Leib oder Seele gequält, an der Ehre gekränkt, am Vermögen geschädigt werden, weil sie Juden sind. Retten wir die. welche noch zu retten sind. Es ist die höchste Zeit. Wer überhaupt die sichtbaren Zeichen sieht, muß sehen, daß in der Lage eine geradezu verhängnißvolle Verschlimmerung eingetreten ist. Wir Zionisten haben diese Verschlimmerung seit Jahr und Tag vorausgesagt — und nun' sie da ist, sind wir doch aufs Schmerzlichste betroffen. In den letzten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts glaubte man in jüdischen Gemeindekreisen an die Emigration als Allheilmittel. Das ging, wenn wir von allem anderen absehen — vom Elend der Wanderer, von der Grausamkeit neuer Verhältnisse, in die sie unvorbereitet geriethen, vom nationalen Verluste durch immer wiederholte Zerstreuungen, und so weiter — es ging doch nur so lange, als die Länder der Immigration sich gegen diesen Zufluß eines verzweifelten Proletariates nicht wehrten. Dies ist die neue Epoche, in die wir eingetreten sind. Die Elnwanderungsländer beginnen sich zu wehren, obwohl, nein, weil die Judennoth im Osten Europas steigt. Und doch sind es Länder, an deren hoher Gesittung zu zweifeln einfach thöricht wäre. Diese Staaten glauben ihrer sonstigen Humanität — ich sage es nicht ironisch — Einhalt gebieten und die Judenfrage, die für sie die Frage der jüdischen Einwanderung ist, politisch behandeln zu müssen. Nur bei uns Juden sträuben sich noch manche ängstlich, darin ein Politicum zu sehen. Diese Angst aber wird uns mehr Mitleid als Zorn einflößen, wenn wir sie recht verstehen. Es ist eine Platzfurcht, die noch aus der engen Judengasse stammt. Indessen entwickeln sich die Dinge unaufhaltsam. In England, dem letzten bisher noch ganz offenen Zufluchtsorte, wurde eine königliche Commiffion zur Untersuchung der Fremdeneinwanderung eingesetzt. Der Fremden, um nicht zu sagen der Juden. Die Conclusionen des Berichtes laffen aber keinen Zweifel zu, über wessen Einwanderung die Commission sich zu äußern hatte. Man sieht ordentlich, wie das freie großmüthige England mit sich kämpft, wie schwer es sich eine harte Maßregel gegen arme Menschen abringt, wie es eine eigene langwierige Untersuchung einleitet, bevor es zu Endgiltigem sich entschließt. Es gibt nämlich alte Principien, glorreich wie Fahnen, die nicht ganz unbeschädigt bleiben, wenn England unschuldig Unglücklichen nicht mehr das freie Asyl gewährt. Und genau dasselbe gilt von Amerika, das groß geworden ist, weil es ein Asyl war. Von den Regierungen der an der Judenwanderung betheiligten Länder wird unser Werk täglich beffer verstanden. Unsere Lösung, die dem jüdischen Volke zu einer Heimstätte verhelfen will, entspricht so sehr einem allgemeinen Bedürfnisse, daß sie endlich gelingen muß. Eine leichte Arbeit ist es freilich nicht. Es gibt Schwierigkeiten, die außerordentlich viel Geduld