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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-28 · 35 (28.8.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Blocb’s MocbenscbrM. Seite 555 lieber jüdische MchltlMigkeit. Von Fabius Schach in Karlsruhe. II. Mit dem Austritt aus dem Ghetto nahm das alte Wesen Israels eine neue, modern zugestutzte Gestalt an. Wie in jeder Uebergangszeit finden wir auch in dieser Epoche eine unausgereifte, gährende Cultur mit all der Kraft und all den Fehlern der Jugend. Nur Thoren und Fanatiker können Liber die Emancipation höhnen. Sie war nothwendig, schon vom Standpunkte der jüdischen Entwicklung. Denn ohne Freiheit ist eine wahre Entwicklung nicht möglich. Das Judenthnm des Ghettos war seit Jahrhunderten ini Stillstand und nur durch die gemeinsame Noth znsammengehalten. Beim Sturm der neu gewonnenen Freiheit mußte das jüdische Leben eine Erschütterung erleiden, es mußte in neue Bahnen einlenken. Daß die westeuropäischen Völker uns ohne innere Liebe aus Staatsraison die Eman.ipation gaben, war unsere Schuld nicht. Wir haben die Menschen- und Bürgerrechte mindestens ebenso ehrlich verdient, wie irgend eine andere Menschengruppe. Der Fehler war nur, daß unsere innere Entwicklung nicht mit der äußern Hand in Hand ging. Der nothwendige Procefi der Umwandlung des alten Judenthums in ein neues ging zu wild, zu stürmisch vor sich. Statt das neue Leben mit dem alten Geiste zu einer Einheit zu verschmelzen, suchte der Uebereifer der Reformer einfach alles Alte abzustreifen. Das konnte ohne Schaden der Seele nicht geschehen. Man fing an, die fremden Formen sinnlos nachzuahmen, und das ist stets das Symptom einer schwachen Natur. Es ist das Verhängniß Israels, daß wir meistens die schlechten Sitten und veralteten Institutionen der anderen Völker nachahmen. Auch in der jüdischen Wohlthätigkeit begann mit 'der Emancipation eine neue Periode. Wohlthätigkeitsbazare, Vergnügungen mit Musik und Tanz, öffentliches Prunken im Geben, lauter Dinge, die dem Geiste Alt-Israels fremd waren, kamen in die Mode und wurden zu stehenden Einrichtungen. Man ahmte den Wohlthätigkeitssport der Neuzeit getreulich nach, ohne zu bedenken, daß diese Art der Hilfe, trotz ihrer oft glänzenden Resultate, so unjüdisck und unsocial ist, wie nur etwas sein kann. Denn im jüdischen Sinne ist das Wie des Gebens wichtiger, als das Wieviel. Die wahre Wohlthätigkeit im Geiste des Talmuds soll erzieherisch auf das Gemüth des Gebers wirken, sie soll die Bruderliebe und nicht die Vergnügungssucht wecken. Diese fremden Formen haben sich heute so eingebürgert, daß man ohne sie selten etwas erreichen kann. Das ist bedauerlich, denn wir leben im Zeitalter der Socialreformen, und auch in Israel harren sehr viele sociale Aufgaben der Lösung. Noch schlimmer ist die Ziel- und Planlosigkeit unseres Gebens. Die der Eitelkeit entspringende Concurrenz der Vereine, die Zersplitterung der Kräfte und der Mangel einer einheitlichen Organisation sind Erscheinungen, die man fast überall beobachten kann. Wieviel jüdisches Geld dadurch verloren geht, das weiß nur der Eingeweihte. Und wie schwerfällig und mit wieviel Verlust an Zeit und Kraft arbeitet dieser Apparat! Ich erinnere nur an den Wanderbettel, der in Deutschland allein mindestens eine Million Mark jährlich verschlingt und in den meisten Füllen zu gar keinem Resultat führt und führen kann. Eine Erziehung zur Arbeit und ein organisirter Arbeitsnachweis wäre in den meisten Fällen heilvoller und billiger als die vorübergehende schwache Unterstützung durch Almosen. Das thut umsomehr weh, wenn man weiß, wie sehr die Tugend des Gebens noch im jüdischen Herzen lebt und wie viel Segen man durch eine sociale Wohlthätigkeit stiften könnte. Das gewaltige Unglück in K i s ch e n e w rollte uns dieses ganze traurige Capitel auf und zeigte uns die Wunden. Die Katastrophe in Kischenew ist nur das Symptom der Krankheit, nicht die Krankheit selbst. Die Krankheit ist die ewig blutende Judenfrage des Ostens. Für Neunzehntel der Gesammt-Jndenheit ist die Jndenfrage eine chronische Gefahr, die bald schreiend, bald still sich zeigt. Das ist eine Erkenntniß, die sich jedem denkenden Juden aufdrüngt. Was heute in Kischenew passirt ist, das kann in mehr oder minder erschreckender Gestalt morgen in einer andern Stadt Rußlands, Rumäniens, Persiens oder Marokkos passiren. Nein, nicht kann, das wird passiren — diese grausame Wahrheit muß ausgesprochen werden. Denn in all diesen Ländern ist der Jude kein Mensch mit natürlichen Rechten, sondern ein Object, mit dem man politische Geschäfte treibt, mit dem man Ball spielt. Der edle Plehwe hat ja dieses mit cynischer Offenheit eingestandeu. Die Juden sollen die durch die schrecklichen politischen und socialen Verhältnisse hervorgerufene revolutionäre Bewegung verscheuchen, sonst werden sie noch brutaler behandelt als heute. Diese russische Weisheit ist auch in Rumänien nicht fremd, die Bestien- Logik ist ja Gemeingut aller Barbaren. Die jüdische Wunde blutet, weil wir zu schwach sind, sie zu heilen, so lange die Unmenschen die größte Majorität der Menschheit bilden. Wie hat uns nun diese südrussische Katastrophe getroffen? Unvorbereitet, unorganisirt, rath- und hilflos. Wir konnten uns in der ersten Zeit kaum zuverlässige Nachrichten über die Größe des Unglücks verschaffen und wir wußten nicht einmal, an wen wir uns mit unserer Hilfe wenden sollen. Was weiß Westeuropa überhaupt von den russischen Juden, von ihrem Leben, von ihren Leiden und Kämpfen? China ist uns nicht viel fremder als das Leben der sechs Millionen Juden Rußlands. Ist das nicht sehr beschäniend, daß wir dem größten und wahrlich nicht schlechtesten Theil unserer Brüder immer mehr entfremdet werden? Wenn je, hat sich hier gezeigt, wie sehr wir einer großen lebendigen Organisation, die die Juden aller Länder umfaßt, bedürfen. Die Alliance Israelite ist zu aristokratisch, zu still und diplomatisch, der Zionismus zu sehr politischphantastisch und nur auf die späte Zukunft gerichtet. Es muß also eine neue Organisation geschaffen werden, ohne jegliche einseitige Tendenz, nur zum Zwecke der Orientirung durch zuverlässige Organe. Wir müssen die socialen Verhältnisse der Juden des Ostens und des Orients genau kennen, wenn wir ihnen rationelle Hilfe gewähren wollen. Für permanente Leiden muß eine permanente Organisation vorhanden sein. Das ist eine Erkenntniß, die sich immer mehr Bahn bricht. (Schluß folgt.) Zionisten-Congreß. Basel. Hier fand für den Sechsten Zionistencongreß, der Sonntag den 23. d. M. seinen Allfang nahm, bereits die erste Sitzung des Actionscomitss und die erste Tagung der Nationalfondscommisston statt. Mehr als sechshundert Delegirte aus allen Ländern der Welt und etwa achthundert bis tausend Gäste sind bereits eingetroffen, eine Versammlung, wie sie bis h,;ute noch keiner der vorangegangenen Zionistencongreffe erreichte. Unter den erschienenen neuen Delegirten bemerkt man Professor Dr. Marburg aus Berlin und Oberrabbiner Dr. Margulies aus Florenz. Die Gruppe der Misrachi, das heißt Leute des Ostens, bildet eine neue Erscheinung der Zionistencongreffe; ihr gehören alle Orthodoxen, besonders aber die Rabbiner Rußlands an. Der demokratischen Fraction gehören fast alle Studenten an. Die erste Sitzung trug festliches Gepränge. Vom Balcon und von der Galerie grüßten die blauweißen Farben und das Wappen mit den zwei sich kreuzenden Dreiecken und dem aufcechtstehenden Löwen. Wohl zweitausend Personen, darunter viele Damen, wohnten dem Acte bei. Die cantonale Regierung hatte auf eine Einladung hin mit verbindlichen Worten die Abwesenheit eines officiellen Vertreters entschuldigt. Dr. H e r z l, der Präsident des großen Actionscomitss in Wien, wurde mit einer fünf Minuten dauernden, stürmischen Ovation begrüßt. Seine von vielem Beifall unterbrochenen Worte

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