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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-28 · 35 (28.8.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 554 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Nr. 35 wobei der Bericht selbst constatirt, daß die Verwaltung noch sehr viel zu wünschen übrig läßt. Der Director der „Jca", Herr Dr. Sonnenfeld, hat die Colouien erst jüngst bereist und er selbst muß darüber Klage führen, daß die bisher gemachten Ausgaben, welche naturgemäß von den Colonisten doch früher oder später bezahlt werden müssen, die Schuldenlast derselben ins Enorme gesteigert haben. In Entre-Rios gibt es Colonisten, welche der Gesellschaft 45.000 Mark schulden. Die Schuldenlast in Mauricio beträgt bei nianchem Colonisten 36.000 Mark. Zu der Ausgabe der Gemeindekosten von 1425 Mark pro Colonisten kommt noch die alljährliche Schuldentilgung, welche für die meisten Colonisten eine jährliche Ausgabe von 3—4000 Mark verursacht. Für die 15 Colonisten von Mauricio betrug die Gesammtquote für die Schuldentilgung 222.000 Mark 1678 Mark pro Colonisten. Endlich kommt noch hinzu, daß die meisten Colonisteu noch Schulden an Privatpersonen haben, die weniger nachsichtig als die Gesellschaft sind und für ihr Geld außerdem noch 18% Zinsen nehmen. Solche Schulden haben die Colonisten von Mosesville in der Höhe von 50.000 Dollars. Die Lage der einzelnen Colouien stellt sich in einem keineswegs erfreulichen Lichte dar. Verhältnißmäßig am günstigsten gedeiht jene von Mauricio, die 138 Colonisten beschäftigt und von welcher der Bericht mittheilt, daß der Anbau der Luzerne eine ausgedehnte Viehzucht ermöglicht, und eine glänzende Zukunft verbürgt, sowie daß der Mais¬ und Getreidebau in diesem Jahre eine glänzende Ernte ergeben hat. Die Colonien in Mosesville litten an schlechter. Administration und an chronischer Dürre, so daß die Getreideernte ein ungünstiges Ergebniß hatte. Sehr schlecht geht es den jüdischen Colonisten von Entre-Rios mit 800 Familien und 4097 Seelen, von welcher der Bericht sagt: Unverständlich bleibt nur, wie man gerade diese Provinz, die der Herr in seinem Zorn geschaffen zu haben scheint, und in welcher es der genügsame Italiener und der tüchtige Deutsche nicht lauge aushält, speciell für jüdische Colonisationsversuche wählen und den größten Theil aller jüdischen Colonien Argentiniens ausgerechnet, hieher verlegen konnte. Kein einziger der Colonisten ist in der Lage, irgend welche Rückzahlungen zu machen, der größte Theil von ihnen ist mit Privatschulden überbürdet. Weitaus besser gedeihen die Colonien in Palästina. Es ist, an und für sich genommen, ein erfreuliches Bild, welches der Bericht von dem heiligen Lande entwirft. Allein rechnen wir die Zahl der Colonisten in Risch on-Lezion, Ekron, Pethach, Tikwah, Woad-el-Chanin, Rochowoth, Katrah, Chederah, Sichron Jacob, Ros ch-P i n a h, I e s s o d-H a m a a l o h, M et h u 1 e, M i s ch m a r, H aj ar d e n, S e d j e r a und der neuen Colonien zusammen, so ergibt sich hier, daß für die ungezählten Millionen, welche die Colonien bereits dem Baron Rothschild und der „Jca" gekostet haben, nur 2—3000 Menschen ihr Brot finden und daß die weitere Colonisatiou des heiligen Landes kaum zu anderen Resultaten führen würde. Dem gegenüber stehen die verheißungsvollen Ergebnisse, welche die „Jca" bisher sowohl in Palästina, als auch in den Vereinigten Staaten, in Rußland und in Galizien mit der sogenannten industriellen Colonisation erzielt hat.. Die Seidenspinnerei und Weberei in Jafed beschäftigt zahlreiche jüdische Arbeiter. In der Weberei zu Jerusalem finden etwa 100 Arbeiter ihr Brot, welche sich dort einen Taglohn von 1—2 Frcs. erwerben. Im Anschlüsse au die Weberei wurde bereits eine Färberei und Appreturanstalt errichtet und es konnten die nöthigen Credite für den Bau von 39 Arbeiterwohnungen bewilligt werden. Es wurden bisher für diesen Zweck 63.000 Francs verausgabt, von denen 12.391 Francs inzwischen schon von den Wohnungsinhabern zurückgezahlt wurden. Auch die Vorschußcaffa in Jerusalem wirkt überaus segensreich und die dortige Arbeiterinnenstube beschäftigt 43 Mädchen und Frauen, von denen 39 Haar netze Herstellen. In den Vereinigten Staaten unterhält die „Jca" eine Industrieschule zu New-Aork, die den Zweck hat, erwerbslosen Emigranten binnen wenigen Monaten eine Profession beizubringen. . Diese Schule hat in den letzten drei Jahren 437 Einwanderer ausgebildet. Auf der Colvnie Woodbin e, die sich innerhalb 12 Jahren zu eimm ansehnlichen Orte entwickelte, wird neben Ackerbau noch in 7 Fabriken mit 1419 Arbeitern Industrie betrieben und die Arbeiter verdienen etwa 32 Mark pro Woche. Wovdbine hat von der Regierung jetzt Stadtrecht erhalten und stellt demnach den einzigen Platz auf Erden dar, an dem die Juden unter eigener Verwaltung leben. Die industrielle Thätigkeit an diesem Orte nährt somit eine Arbeiterzahl, welche jene sämmtlicher Colonisten in Argentinien fast um die Hälfte übersteigt. Berücksichtigt man nun, mit welchen colossalru Mitteln Argentinien ausgestattet werden mußte und mit wie geringen Kosten verhältnißmäßig die Fabriken zu Woodbine errichtet wurden, so ergibt sich der klare logische Schluß, daß die industrielle Colonisation gegenüber der agrarischen das weitaus richtigere Princip ist. Diese Conclusion wird auch durch die Unternehmungen der „Jca" in Rußland bestätigt. Die dortigen 13 Handwerkerschulen haben 1400 Zöglinge, die 7 Industrieschulen für Mädchen 998 Schülerinnen und die 2 gemischten Anstalten 300 Knaben und 328 Mädchen ausgebildet. Die 5 Acker- und 2 Garteubauschulen mit einem Landbesitz von 1188 Hektar zählten 163 Schüler. Die von der Dnejperischen Spinnerei-Gesellschaft mit Betheiligung der „Jca" mit einem Kostenaufwand von etwa 700.000 Mark anfgeführte Spinnerei und Weberei in D u b r o w n o, die den dortigen berühmten jüdischen Taliswebern eine bessere Existenz verschaffen soll, beschäftigte knapp nach Fertigstellung des Fabriksgebäudes bereits 224 Arbeiter. Genau dasselbe Bild tritt uns in Galizien entgegen. Eine kleine Tischlerwerkstätte in Tarnow beschäftigt 11 Schüler; eine Puppenfabrik, gleichfalls in Tarnow, 100 Personen und ein Atelier für Tricotarbeiten ist in bester Entwicklung. Dagegen wird von den 1984 jüdischen Colonisten, welche in Rußland mit Hilfe der „Jca" der. Boden bepflügen, bemerkt, es können 859, d. h. 43-7 °/0 aller Colonisten, sich von dem Ertrage ihres Bodens nicht mehr ernähren. Das Gut Slobodka Lesna, welches mit einem Aufwaude von mehr als einer halben Million angekauft werden mußte, wird mit Schaden bewirthschaftet und die daselbst errichtete Ackerbauschule wird von 58 Zöglingen besucht. Geradezu erhebend sind die Daten, welche der Bericht bezüglich der von der „Jca" in Galizien errichteten Vorschußcassen anführt. Seit drei Jahren haben diese sechs Cassenzusammen 1,197.555 Kronen ausgeliehen und von Darlehen 901.974 Kronen zurückerhalten, während der Rest am Ende des Berichtsjahres sich noch in Circulation befand. So werden, sagt der Bericht, die kleinen Leute in Galizien zur Selbsthilfe erzogen. Jawohl! So werden sie zur Selbsthilfe und durch die Errichtung von gewerblichen und industriellen Etablissements zu productiver Thätigkeit erzogen! Und das mit einfachen Mitteln, durch welche Tausende und Abertausende von Händen leicht in Bewegung gesetzt werden, während die agrarische Colonisation sei es in Argentinien, sei es in Palästina oder Cypern, Millionen und Abermillionen verschliugt, ohne daß im Allgemeinen von gedeihlichen Resultaten die Rede sein konnte. An diesen Thatsachen kann nicht gerüttelt und gemäkelt werden. Vor der ehernen Sprache dieser Thatsachen verhallen die Donnerworte, welche gegen den Verwaltungsrath der „Jca" geschleudert werden, in leere Luft. Es ist ein epochaler Abschnitt ihrer Wirksamkeit, welchen die „Jca" nunmehr mit der Ergänzung ihrer Statuten im Sinne der Unterstützung gewerblicher und industrieller Arbeit begonnen hat.

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