Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 35 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur.35 Bloch’s Jahrgang XX 1t Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. « - .— D. k. Postsparcassen-Aml Clearing-Verkehr Nr. 610.976. KrdarUon und Administration: Wien LX/1, Berggaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. %. - ~ -=%• -G- Wien, 38. Angust 1808. - 'H' - Erscheint jeden Freitag. ->», ■> Hl» —4-- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. P- -- --- =% EiiugBpretB für Sestrrrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 56 Heller. Für's Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 26 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. - -- ■ =m Inhalt: Leitartikel: Die „Jewish Eolonisation Association". — lleber jüdische Wohltiiätigkeit. Der Zionistencongreß. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Rosegger über Racenhaß. Frau Nahida Ruth Lazarus. — Die Edler von Laemel-Schule zu Jerusalem. — Correspondenzen: Zuschrift. Brünn. Plumenau als Sommerfrische. Krakau, Frankfurt a. M. Der Bukarester Finanzscandal. Kiew. Eine Stimmme über die Excesse in Kischenew. New-Aork. Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Baden bei Wien. Brünn, Durrmaul, Budapest, Mährisch-Ostrau, Blovie. — Feuilleton: Julian Meldohla. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die „Jermfh Colonisation Association". In dem Augenblicke, wo selbst im vorurtheilslosen England eine Parlamentscommission Maßnahmen gegen die Einwanderung russischer, polnischer und rumänischer Juden verlangt, hat sich ein Ereigniß von außerordentlicher Tragweite vollzogen. Das englische Parlament hat der Jewish Eolonisation Association eine Aenderung, resp Ergänzung ihrer Statuten bewilligt. Durch diesen Parlamentsact wurde die „Jca" ermächtigt, Institutionen zu schaffen, durch welche den armen Juden im Osten Elementarkenntnisse industrieller und wirthschaftlicher Fähigkeiten beigebracht, ihnen Arbeit in jeder Gestalt verschafft werden soll, ferner Darlehenscassen, industrielle Etablissements und gesunde Wohnhäuser zu errichten. Die Bedeutung dieses Parlamentsactes kennzeichnete der Präsident der „Jca", Herr N a r c i s s e Leven, in der diesjährigen Generalversammlung durch eine höchst bemerkenswerthe Ansprache, in welcher der Redner, anknüpfend an den Jahresbericht der „Jca", Folgendes ausführte: „Wir waren bemüht, die Eolonien in Argentinien und Palästina zu consolidiren und weiter zu entwickeln, sowie in Eanada, Brasilien und Kleinasien neue Eentren für die Eolonisation zu schaffen. Freilich hat diese Eolonisation der großen Masse unserer verfolgten Glaubensbrüder noch keinen wesentlichen Nutzen gebracht. Wir erheben aber auch gar nicht den Anspruch, sämmtliche Auswanderer aus Rußland, Galizien und Rumänien in Eolonisten umzuwandeln. Ein solches Wollen würde unser Können weit übersteigen. Unsere Eolonisationsversuche dürfen uns aber nicht die Massen von Auswanderern aus den Augen verlieren lassen, welche jahrein, jahraus Rußland, Galizien und Rumänien verlassen, um in den Vereinigten Staaten, in Eanada und anderen Ländern Arbeit und Freiheit zu suchen. Ueber die Zukunft dürfen wir die Noth der Gegenwart nicht vergessen, und wenn wir, ohne den Eolonien, welche sich doch nicht übers Knie brechen lassen. Abbruch zu thun, uns entschlossen haben, einem beträchtlichen Theile unserer Glaubensgenossen elementare Kenntnisse industrieller und landwirthschaftlicher Fertigkeiten beizubringen, wenn wir ihnen Arbeit in jeder Gestalt zu verschaffen suchen, ihnen Darlehenskassen, industrielle Etablissements und gesunde Wohnhäuser errichten, so vollbringen wir damit schon an und für sich ein gutes Werk, denn unser Werk kommt nicht nur zahlreichen Armen unmittelbar zugute, es fördert indirect auch unser großes Eolonisationswerk. Wir erziehen dadurch ein intelligentes, gesundes und gut geschultes Geschlecht, das ausdauernd bei der Arbeit und wohlgeeignet ist, in einem freien Lande den Kampf ums Dasein aufzunehmen und durchzuführen. In dieser Rede entwickelt somit der Präsident der „Jca" dieselben Grundsätze, von welchen schon vor Jahren einige erleuchtete Glaubensgenossen in Oesterreich bei der Inangriffnahme einer Hilfsaction im großen Stile für Galizien ausgegangen waren und welche seither durch den „Galizischen Hilfsverein" praktisch durchzusetzen versucht werden. Die Thatsachen geben fast durchaus denen Recht, welche die großen Mittel der „Jca" für eine unmittelbare Gegenwartsarbeit, für die Erziehung der östlichen Juden zu gewerblicher und industrieller Thätigkeit, verwendet wissen wollen. Prüfen wir einmal diese Thatsachen an der Hand des diesjährigen Jahresberichtes der „Jca". Das argentinische Areal der Gesellschaft ist zu einem Kostenpreise von rund 33 Millionen Mark erworben worden. Von 368.410 Hektar waren im Berichtsjahre nur circa 60.000 Hektar bebaut. Die Zahl der Eolonisten ist von 906 im Jahre 1900 auf 1095 im Berichtsjahre, die Zahl der Familien von 1289 auf 1440 und die Bevölkerungszahl einschließlich der jüdischen Taglöhner von 6782 auf 7897 gestiegen. Es bedurfte also des ungeheueren Anlagecapitals von 33 Millionen Mark und jährlicher Verwaltungsauslagen im Betrage von 350.000 Dollars, um etwas über 1000 Menschen Arbeit, rund 8000 Menschen Nahrung zu verschaffen. Man kann ja angesichts dieser Thatsachen von einem Fiasco der argentinischen Eolonisation nicht sprechen; allein besonders imposant stellen sich die Resultate nicht dar, zumal wenn man berücksichtigt, daß die Jahresausgaben für Gemeindekosten pro Eolonisten allein 1426 Mark ausmachen,