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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Mocb's Mocbenscbrltt. Seite 6K1 »Jetzt möchte ich missen", dachte Edith, »wie Frau Warfeld ihr neuenglisches Gewissen mit der so ungenirten Ueberbringung von Tante Margarethens Botschaft in Uebereinstimmung bringt." II. Ein wunderlicher Pastor. Edith erwachte am Morgen mit einem pünlichen Nach gefühl von Reue über verschiedene Unvorsichtigkeiten, die sie am Abend vorher begangen hatte. Im Hintergründe lag eine unbehagliche Empfindung, daß sie von ihrem gewöhnlichen Brauche abgewichen sei und einem Fremden, einem Manne mit sonderbarem Namen, gestattet habe, sich jedwede Einleitung zu erlassen und sofort mit ihr auf dem Fuße eines langjährigen Freundes zu verkehren. Freund! Sie fühlte, daß das Wort unpassend sei, zögerte aber, sich selbst eine andere Bezeichnung zu gestatten. Im Vordergründe der Unannehmlichkeiten stand die Tyatsache, daß sie zugestimmt hatte, den Nachmittag mit Herrn Tottingham zu verbringen, auf der Suche nach einer merkwürdigen Theckanne, welche die Schwiegermutter des Postmeisters in ihrer Schatzkammer haben sollte. Als sie diese Abmachung traf, hatte Edith sich sicher gefühlt, daß sie die Langeweile der Abend-Gcsellschaft nicht überleben würde, daß jedwedes Versprechen ihr als etwas kleinlich Belangloses ohne irgend eine Folge erschien. Heute fand sie sich aber in den Fäden einer lästigen Unternehmung verstrickt, doch ihr conventionell geschultes Gewissen schrack davor zurück, dieselben mit kaltem Blute zu zerreißen. Während eines langen, einsamen Morgenrittes dachte sie düster über die Schalheit des Lebens nach, hie und da zu thatsächlichem Unbehagen angestachelt, durch die Erinnerung an gewisse Augenblicke auf der Veranda, wo sie unverantwortlicherweise einem Fremden Einblicke in ihr Inneres gestattet hatte; doch der Gedanke, daß er bald in der äußeren Welt, aus der er kam, wieder verschwinden würde, gewährte ihr durchaus keine vollständige Befriedigung. Beim Gabelfrühstück war sie schweigsam und mißmuthig. Frau Brand hingegen, die nichts zu bereuen hatte, war heiter, gesprächig und zum Plaudern aufgelegt. »Denken Sie nicht", fing die ältere Dame an, »daß man Sängern von Berus zu verstehen geben sollte, wie wichtig es ist, sich anständig zu kleiden, 'wenn sie in den Salon einer Dame kommen. Diese Deutsche gestern Abends war einfach eine Vogelscheuche. Der Rock war vorn aufgesteckt und zeigte ihre Schuhe — derbe Schnürschuhe. Der Mann war ganz annehmbar, aber seine Mutter soll eine Adelige gewesen sein." »Die Frau konnte aber singen!" sagte Edith etwas angriffslustig. »Mag sein, daß sie singen kann, aber im Salon macht die äußere Erscheinung einen Unterschied. Und das erinnert mich, da ich eben von Erscheinung spreche. Du weißt, ich rede Dir sonst in nichts drein, aber daß Du gestern mit einem ganz fremden jungen Mann so vollständig von uns allen davonliesst — und der arme Herr Tottingham, der überall nach Dir suchte. —" »Herr Tottingham ist ein Langweiler. Eine lästige kleine Hauskatze! Seine Seele erhebt sich nicht höher als zu Theekannen." »Meine Liebe! Er ist sehr intelligent und gebildet, und Du bist zu widerspruchsvoll. Ich habe Dich oft Georg Wheatly auslachen gehört, weil er nichts von diesen Dingen versteht." »Ja!" gab Edith, immer bereit zu theoretisiren, zu, »aber eine so crasse Unwissenheit wie die seine ist weniger nervenaufreizend als Tottingham's Dilettantismus." »Ich sehe nicht ein, was Du meinst!" Frau Brand sagte das in einer Art, welche andeutete, daß es der Sache überhaupt an Sinn fehle. »Nun, ich kann es nicht näher erklären". Edith verfolgte einen Gedanken, der sich dem Berständniß der anderen entzog. „Künstlerische Neigungen und Bestrebungen sind für Männer etwas gewagt. Wenn man darin nur herumtastet, ohne etwas hervorzubringen, ohne irgend ein Opfer zu bringen, erscheint es verweichlichend." »Und dieser Herr Meldohla?" Frau Brand ließ sich nicht ablenken. „Wie sprach er?" „Wie?" Edith war nicht darauf vorbereitet, das in Worte zu fassen. „Ich weiß nicht, aber durchaus nicht affectirt; was er sagte, hatte einen echten Klang. Er versteht Musik." „Dennoch" — Frau Brand wünschte kein Urtheil über Julian zu hören — hoffe ich, daß Du das gestrige Borkommniß weder mit ihm, noch mit einem andern wiederholen wirst." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Der . Union-Kalender". Soeben erschien der neue Jahrgang 5664 (1903/4) des von der »Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" herausgegebenen »Kalenders für Israeliten". Auch dieser Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergänzungen auf. Dem kalendarischen Theile wurde die größte Sorgfalt gewidmet. Der schematische Theil erweist sich durch die Vollständigkeit und Actualität der Daten, betreffend die österreichisch-ungarischen Cultusgemeinden, ihre Borstehungen, Functionäre und rituellen Institutionen als ein unentbehrliches Hilfs- und Nachschlagebuch, dessen gründliche Bearbeitung die vollste Anerkennung verdient. Auch dem jüdischen Bereinswesen wurde die größte Sorgfalt gewidmet. Neu ausgenommen erscheinen die politischen Israeliten - Gemeinden Mährens mit ihren Functionären und alle zionistischen Vereinigungen Oesterreichs. Der literarische Theil bringt höchst interessante Reise-Erinnerungen des jüngst nach Wien berufenen Rabbiners Herrn Dr. D. Feuchtwang unter dem Titel »Holländisches Judenthum" und eine spannende Erzählung »Josua Dorn" aus der alten Ghettozeit, vom Director des Wiener Blindeninstitutes Herrn S. Heller. Die handliche Form und die elegante Ausstattung des Kalenders werden auch diesmal gewiß vollen Anwerth fi iden. Der billige Preis (K T60) ermöglicht auch dem Minderbemittelten die Anschaffung. Der Kalender ist durch das Bureau der »Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", Wien, I., Dorotheergaffe 12, sowie durch alle Buchhandlungen zu beziehen. Die Greuelthaten von Kischenew. Im Berlage von Dietz' Nachfolger in Stuttgart ist vor Kurzem unter dem Titel »Die Judenverfolgung in Kischenew" eine Broschüre erschienen, welche ein reickhaltiges Material über die Grenelthateu von Kischenew enthält. Der Herausgeber des Werkchens, der bekannte russische, in Stuttgart lebende Publicist Peter Struve, hat authentische Documente und Actenstücke über die blutigen Vorgänge von Kischenew gesammelt, welche neues Licht über die Greuelthaten in der Hauptstadt Bessarabiens verbreiten. Nebst den vielen erschütternden Einzelheiten über die Morde, Plünderungen und Entehrungen, welche das Büchlein enthält, sind es Reden und Ansprachen russischer Staatswürdenträger vor der Katastrophe von Kischenew, welche die tieferen Ursachen der Greuelthaten beleuchten. Der Corpscommandant Botjanow, der ehemalige Stadthauptmann von Odessa, Graf Schuwalow und der Bice-Gouverneur von Mohilew am Dnieper, Fürst Wjasemski, richteten bei verschiedenen Anläßen Ansprachen an die Vertreter der Juden, welche darin gipfelten: »Lasset die Juden nicht an revolutionären Kundgebungen theilnehmen, sonst werde es allen Juden in Rußland sehr schlecht ergehen . . . . " Auch unter dem Grafen Jgnatiew als Minister des Innern fanden die Judenkrawalle in Südrußland statt, weil man die Theilnahme der Juden am Nihilismns rächen wollte. Dem Merkchen find vier Abbildungen bkigegeben, welche die Greuelthaten erschütternd veranschaulichen. Auf einem Bilde fieht man einen Haufen von kleinen Kindern, welche mit zerschmetterten Gliedern und Schädeldecken todt liegen; auf einem andern Bilde sind es die erwachsenen Opfer der Katastrophe, welche verstümmelt und verkrüppelt regungslos daliegen. Das Merkchen ist ein Denkmal der Schreckenslage von Kischenew, geschildert und dargestellt von Augenzeugen. Neue Bücher. „Ost und West". I l l u st r i r t e Monatsschrift für modernes Judenthum. Verlag von S. C a l v a r y & Comp.. Berlin, NW. 7. Heft Nr. 8. August 1903. Inhalt: Nathanja Sahuwi: Zur Lage. Leopold Horow i tz: Tischah’ B’ab. Arthur Silbergleit: Psalm. B. S am u el: Leopold Horowitz (mit 14 Illustrationen). L. F. Pintus: Jüdische Wirthschaftsgefchrchte. Mathias Ascher: »Ghetto". I. L. Boruchowitsch: CH. N. Bialik. Dr. Augusta Steinberg: Nietzsche und das Judenthum. Jan Both: Titusbogen zu Rom. Schalom Asch: Tischah’ B’ab. Bendemann: Jeremias auf den Trümmern Jerusalems. Jehuda H a l e v i: Gruß an Zion. Rubens: Jeremias. Dr. Hugo Hoppe: Sterblichkeit und Krankheiten bei Juden und Nichtjuden. Ch. Allori: Judith. Literarisches. Aphorismen. Politische Revue.

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