Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 550 Dr. Mocb's Wocbenscbrift. Nr. 34 Feuilleton. Julia« Weldohla. Von Mary Mosi. (Fortsetzung.) »O je!* sagte das Mädchen, »sehe ich gar so unwirsch aus?" »Ja!" Sein Blick maß sie eigenthümlich, als er antwortete: »Wenn Leute nicht die Augen haben, die zu ihrem Haar, und nicht die Stimme, die zu ihrem Teint paßt, dann thun gewöhnliche Menschen, die aus einem Gusse sind, gut daran, ihre Segel einzuziehen. Sie haben die Sprechweise einer Tiefbrünetten und lichtgoldenes Haar/ »töte gefiel ihnen »Danny Deaver" fragt Edith mit zunehmender Zurückhaltung. »Geradeso wie Ihnen, und wir werden nicht zehn Minuten verschwenden, um davon zu sprechen. Ich möchte wissen", fügte er nach einer Pause hinzu, während welcher sie einander neugierig beobachteten, »ob die Propheten eine Freude daran hatten, wenn ihre Prophezeiungen eintrafen!' »O gewiß!" Edith freute sich, daß er so. rasch auf eine Andeutung einging; »Jedermann sagt gern: Ich sagte es Ihnen ja!" »Nicht Jedermann!" Er sagte das im Tone muthwilligen Triumphes. »Zum Beispiel, obgleich ich es erwartete, ist es mir nicht die geringste Genugthuung, zu finden, daß Sie nicht ehrlich spielen. Sie fordern mich auf, ganz wahrhaft und freundschaftlich zu sein, aber beim ersten Hauch von Freimuth ziehen Sie sich in sich selbst zurück und verflüchtigen Sie sich in der Entfernung. Sie sind ungemein verwöhnt, das ist das Ganze", sagte er, ihre Krausen eines anerkennenden Kennerblickes würdigend, „und Sie haben nicht einmal die Liebenswürdigkeit, zufrieden zu sein. Glauben Sie wirklich, daß Sie sich nett benehmen." „Welch' schrecklichen Lärm diese Leute machen!" Edith anerkannte die Kraft seiner Beweisführung, ließ sich aber zu keiner Debatte verlocken. „Ja", stimmte er bei, „es ist abscheulich! Sagen Sie einmal, find Sie wirklich so hungrig?" Edith schüttelte den Kopf. „Dann schlüpfen wir aus diesem Gedränge, ich weiß ein so hübsches, so ruhiges Plätzchen, wo man vernünftig über Musik sprechen kann." Edith bezweifelte die Richtigkeit eines solchen Betragens, aber ihr besseres Urtheil unterlag beim Anblick des Herrn Oscar Tottingham, der durch das Gedränge steuerte, gefolgt von zwei Aufwärtern,' die ein vollständiges Diner für zwei Personen zu bringen schienen. „Denken Sie nur, daß es draußen mondhell und warm ist, wie man es hier nicht zweimal in einem Sommer findet, und daß wir hier in einem dunstigen Zimmer eingepfercht sind." Der Fremde summte es ganz leise nur für ihr Ohr, mit schwacher und nnbedeutender Stimme, aber ganz tadellos und voll Zauber. In diesem Augenblicke blieb Tottingham stehen, um mit einem Freunde einen Händedruck zu tauschen, wobei er den Arm, einer veralteten Mode folgend, zu hoch aufhob. Edith nahm ihm die Lächerlichkeit übel. Meldohla mußte vielleicht hie und da in gewisse Grenzen zurückgewiesen werden, aber es bestand nie die geringste Gefahr, daß er sich je lächerlich mache. Unter seiner geschickten Führung vollzogen sie einen raschen Rückzug durch eine Reihe leerer Zimmer nach einer kleinen Veranda, von welcher man durch die spitzigen Föhrenwipfel einen Ausblick auf ein Stück mondbeglänzte See und schattenhafte Inseln weit dahinter hatte. Frische Seeluft drang ein, mit dem balsamisch-süßen Duft der Pinien geschwellt. Kern Ton ringsum, als das Rascheln des Laubes, das Summen der Nachtinsecteu und zeitweilig das leise plätschernde Anschlägen des Wassers an den Fuß des Felsens tief unter ihnen. Die Hände auf der Brüstung, lehnte sich Edith weit in den Mondschein hinaus, die duftige Luft in tiefen, durstigen Zügen athmend. Im tiefen Schatten stehend, war der junge Mann zufrieden, zu warten; es erfüllte ihn mit so unsinnigem Vergnügen, sie anzuseheu, daß er das Schweigen vorzog, welches ihm gestattete, sich der rein physischen Freude an ihrer Gegenwart hinzugeben. Er hätte sie gern berührt. Die ihm zu Kopfe steigende Sommernacht ließ seine Phantasie wilde Streiche spielen. Es war ihm klar, daß die Seligkeit, sie zu küssen, höher als jede Süßigkeit des Lebens wäre. Es war auch klar, daß sie launenhaft, leicht in^Flucht gejagt und daß trotz all ihrer Vertraulichkeit ein auf eine ihrer abstehenden Krausen gelegter Finger ihn in volle Ungnade fallen und aus ihrer Gegenwart verbannen ließe. Dann wünschte er ihre Stimme in dem stillen, süßen Mondscheine zu hören. »Jetzt weiß ich, wie sie aussehen", fing er an. Sie saß leicht auf der Brüstung, den Kopf an einen Pfeiler gelehnt und blickte auf das Wasser hinaus. Ihre Antwort klang wie von weither. »Es macht mir einen gespenstigen Eindruck, so in den tiefen Schatten hinein zu sprechen. Wenn Sie hier säßen, mir gegenüber, es ist ein recht bequemes Umfaffungsgitter, und es ist auch noch ein Pfeiler für Sie da. So, jetzt sind wir auf gleicherem Fuße Herr — Herr-»Meldohla", half er aus, im Tone humoristischer Neckerei fortfahrend. »Gleichheit!" und ich hielt Sie für ein altmodisches Mädchen--". Er zögerte bei dem letzten Worte mit einem Tone, als ob er geradezu Engel gesagt hätte. »Ihre Gründe?". Sie fühlte eine ungewohnte Unlust, seine Neigung für persönliche Gespräche zu unterdrücken. »Meine Gründe! Sie sehen weder wie ein Sportsweib, noch sehen sie kränklich aus. Moderne Frauen müssen Eines oder das Andere sein." Edith lachte heiter. Sie hatte ein Compliment halb gefürchtet, halb erhofft, aber Julian's nie versagende Selbstbeherrschung gab ihm die Weisheit ein, ihre Zweifel an seiner Bescheidenheit zu zerstreuen. Er konnte sie nur mit einer bis zur Tantalusqual verlockenden Blume vergleichen; doch auch nicht mit einer Blume, es war zu viel Menschliches, zu viel Blut und Feuer in ihr, trotz aller Zartheit der Linien und des Gewebes. Dann vergaß er sich, neigte sich vor und blickte ernst in ihr Gesicht. »Ich dachte, Sie wollten vernünftig über Musik sprechen, Herr Meldohla". Durch seine Beobachtung gereizt, fragte sie Plötzlich: »Sie sind Musiker?". »Nein, meine Gnädige, nur ein Jurist, der die Juristerei liebt,.die Honorare liebt, aber auch die Musik liebt und alle schönen Dinge — er zögerte — der in diesem Augenblicke diese Veranda sehr liebt!" Sie machte eine Bewegung, wie um aufzustehen und er fuhr ernsthaft fort: »Aber wir verschwenden werthvolle Zeit. Offenbar sind Sie eine sehr ernste Dame, die nur irrthümlich mit einem oberflächlich-leichtfertigen Aeußern ausgestattet wurde. Nach Ihrem Aussehen könnten Sie irgend ein junges Dutzendwesen sein, wie Julia oder Rosalinde, während Sie sich durch besondere Intelligenz und Durst, über wissenschaftliche Themen zu sprechen, auszeichnen. Auch ich bin intelligent und voll Bildung. Versuchen Sie es mit mir. Haben Sie eine Frage bereit?" Sie schüttelte lässig den Kopf. »Nun wohl", er dachte nach, »hier ist ein Gegenstand für eine Debatte. Ob der Rubacyat in der Roycroft-Ausgabe uns das ist, was Lucile unseren Vätern war?" »Oh!" rief Edith, »welche mörderische Idee!" »Lassen Sie mich ausreden, Fräulein Linton. Das ist sehr tiefsinnig. Jetzt haben Sie mich ganz aus dem Text gebracht. — O ja! In welchem Winkel trafen die zwei aufeinander, als die Welt durch das neueste Schauspiel: »In der italienischen Oper" überrascht wurde." Edith's Melancholie wandelte sich in die freundlichste Heiterkeit. »O ja!" rief sie aus, »ich wollte, es wäre noch nicht so spät und wir könnten das erschöpfend besprechen, aber meine Tante geht früh zu Bette." »Eine Minute, bitte, nur eine Minute noch, Fräulein Linton". Der junge Mann war zu schlau, um sich direct ihrem Fortgehen zu widersetzen. Bitte, stellen Sie sich hieher und sehen Sie nach dem rothen beweglichen Licht. Sehen Sie durch die Pinienzweige gegen die Insel. Sehen Sie? Ach sagen Sie nicht »Maeterlinck". Das ist kein symbolischer Leuchtthurm." Es ist ein ganz brauchbares Licht und thut das Seinige. um die Leute von den Klippen abzuhalten. Deshalb mußte ich es heute Abends so genau beobachten. Wenn es nicht da gewesen wäre — —" »Sind Sie hier, Edith?" Frau Warfeld stand, um Entschuldigung bittend, in der Thür. »Frau Brand fragt, ob Sie bereit sind, zu gehen —"