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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 34 De. Mocb's MocbenscbrM. Seite 845 den Gesinnungen des Herrn Finanzrathes Kenntniß gehabt hat, zurückzuziehen. Umso ärger aber ist der Scandal in Bezug aus die Person des Herrn k. k. Finanzrathes Dr. Nusko selbst, der antisemitische Hetzereien mit der Stellung eines Docenten an diesem vornehmen Institute vereinbar findet, und umso drindender tritt an den Berwaltungsrath, wie an die Direction der Handelsakademie die Frage heran, ob unter solchen Umständen das Lehramt der Stenographie sich in den richtigen Händen befindet. Der Rabbiner-Congreß in Krakau. Aus Krakau wird gemeldet: Aus der ersten Sitzung des allgemeinen Rabbiner-Congreffes wurde folgendes Huldigungstelegramm an Se. Majestät abgesendet: „Die aus weiten Ländern zur Abhaltung eines Rabbinercongresses hier weilenden Rabbiner versammelten sich vor dem Beginn ihrer Thätigkeit zur gemeinsamen Andacht im Gotteshause und verrichteten inbrünstige Gebete für das Wohl rmd Heil Euerer Majestät, die der himmlische Vater erhören möge. Euere Majestät mögen geruhen, unsere unterthänigste Huldigung und den Ausdruck unserer tiefsten Verehrung und Ergebenheit gnädigst entgegenzunehmen. Der Rabbiner- Congreß. Rabbiner Horowitz, Alfö-Kubin, Secretär. Rabbiner Horowitz Krakau, Präsident." Hierauf ist folgendes Telegramm angelangt: „Cabi.retskanzlei Sr. k. u. k. apostolischen Majestät. An Herrn Rabbiner Horowitz. Se. k. u. k. opostolische Majestät danken den Theil- «ehmern am Rabbiner-Congreß allergnädigst für die dargebrachte Huldigung. Cabinetskanzlei/ — In der nunmehr eröffneten Sitzung meldete der Präsident, daß ein Telegramm der Cabinetskanzlei angelangt sei. Sämmtliche Rabbiner erhoben sich von den Sitzen, und als der Secretär mit der Verlesung des Telegramms zu Ende war, brach die ganze Versammlung in stürmische und begeisterte Hochrufe aus. Die Sitzung wurde hierauf geschloffen. Budapest. (Die Einweihung der Szerencser Synagoge.) Dieser Tage brachte das Ungarische Telegraphen-Correspondenz-Bureau eine aus Kasch au datirte Meldung, wonach die kürzlich, stattgehabte Einweihung der neuerbauten Szerencser Sy ragoge unter Gendarmerie-Assistenz vollzogen wurde, weil man dort böswillige Gerüchte gegen die Juden ausgestreut hatte. In i'iner Zuschrift, die vom Vorstände der Szerencser israelitischen Cultusgemeinde veröffentlicht wird, wird die vorstehende Meldung des Corr.-Bur. als eine Erfindung bezeichnet. Die Tempelweihe ging in solenner Welse und durch keinen Mißton gestört vor sich. Die Feierlichkeit, welche die Szerencser israelitische Cultusgemeinde zur Einweihung ihres mit großen materiellen Opfern erbauten Tempels veranstaltete, bildete einen unvergeßlichen Moment für die Szerencser Gemeinde. Außer einer nach Hunderten zählenden Menge erschienen zur Feier corporativ die geistlichen Vertreter aller Confessionen, sowie die Notabilitäten und Behörden der Stadt und des Bezirkes. Die Feierlichkeit machte auf alle Anwesenden den besten Eindruck. Nach dem solennen Acte wurden die Festgäste, darunter auch der Reichstagsabgeordnete des Bezirkes, vom verdienstvollen Gemeindepräsidenten Engel bewirthet, bei welcher Gelegenheit diese sich in ihren Toasten über die Glaubenstreue und den unerschütterlichen Patriotismus des Judenthums und speciell der Szerencser Gemeinde auf das Lobendste aussprachen. Es sti nur noch erwähnt, daß zur Aufrechterbaltung der musterhaftest'n Ordnung auch nicht ein polizeiliches Organ erschien, indem dies hier sowohl vor als auch nach der Feierlichkeit ganz überflüssig gewesen wäre. Nürnberg. Eine Affaire, die seinerzeit zu Volksunruheu und Excessen führte, hat nunmehr durch ein Geständniß auf dem Sterbebette ihre sensationelle Aufklärung gefunden. Vor etwa sechs Jahren verschwand aus dem Dorfe Mienken im Arnswalder Kreise das dreijährige Söhncken des Wirthschaftsbesitzers Jenske. Politische Hetzer machten sich den sensationellen Fall zunutze und brachten in die Landbevölkerung den Glauben, daß das Knäblein einem Ritualmord zum Opfer gefallen sei. Es kam gegen die im Arnswalderkreise wohnhaften Juden zu Ausschreitungen, welche erst durch die energischen Maßnahmen der Behörden unterdrückt werden konnten. Jetzt erst, nach sechs Jahren, hellt sich dos traurige Schicksal des kleinen Jenske auf. Auf dem Sterbebette gestand ein Förster, Namens Renke, daß er das im Walde nächst Mienken spielende Kind für ein Wild gehalten und erschaffen habe. Aus Angst, verhaftet und bestraft zu werden, habe er die Leiche des Kleinen im Walde vergraben. Der Sterbende gab auch die Stelle an, und die Behörde, welcher das G'ständniß des Försters bekanntgegeben wurde, leitete sofort die nothwendigen Nachforschungen ein. Saloniki. In seinen soeben erschienenen ..Reisebildern und Studien auf türkischer Erde" (Berlin 1903) entwirft Dr. Hugo Grothe folgende Schilderung des Judenviertels in Salonik: „In manches jüdische Heim führte mich der Zufall. Nüchtern, schmucklos waren die getünchten Räume der Steinkaserne am Wardar-Thor, in denen Wand an Wand Dutzende von Familien Hausen; erstickende Hitze erfüllte nahe dem melancholisch öden Mauerwall der vom Feuer verzehrten Aja Sofia die Holzbaracken, unter deren niedrigem Dache in enger Kammer die Frauen jüdischer Taglöhner emsig die Nadel führten. Nichts Unsauberes, die Sinne Verletzendes berührte das Auge; eine Liebe zur Reinlichkeit sprach aus den Behausungen dieser nicht von Reichthum begünstigten Spaniolen, eine Heiterkeit lag auf ihren Mienen, die wohlthuend abstach gegen die Bilder, die ich von den schmutzigen, zu finsterem Ernste geneigten, gedrückten nordafrikanischen Juden im Gedächtniß hatte. Selbst dre Aermste unter ihnen, sie besaß noch die zahlreichen Stücke ihres Festg^wandes, das phantastische, von bunten Bändern unter dem Kinn festgehaltene Mützchen. die sogenannte „Koffia", mit dem breiten herabfallenden Seidenstreifen, den Silbertressen in kühnen Musterungen bedecken, dann die kokette Pelzjacke, die „Capitana", die kunstvoll gewebten Spitzen, die „Bawadors", die das miederartige feingewobene Hemd des ärmellosen Untergewandes umrahmen, den „Sajo", das mantelartige, farbenreiche Ueberkleid mit den weiten Aermeln. Unter hellem Lachen weihten sie mich ein in die Geheimnisse dieser mannigfachen Costumetheile, in die Kunst des Faltenwurfes, in die vorgeschriebene Kostbarkeit der Stoffe. Ein paar junge Mädchen, fränkisch gekleidet, schüttelten freilich ungläubig über den Reiz solcher „unmodernen" Herrlichkeit die Köpfe, in die auch sie gezwungen werden, wenn ein Gatte sie heimführt. Und eine alte Jüdin mit verwelktem Gesicht, brennenden tiefschwarzen Augen hob aus der Tiefe der Truhe wehmüthig das jüdische Trauergewand, in dem sie schon zu Ehren dreier frühverstorbener Söhne einhergeschritten. Die feuerrothe Mantille mit den pelzverbrämten Aermeln, das lange „M iramam", das schwarze, doppelstreifige Tuchstück, das, einer schwer lastenden Kette ähnlich, finster vom Haupt über den grellen Mantel sich legt, sie athmen die ganze verzehrende Leidenschaftlichkeit, welche den Klagescenen orientalischer Frauen ein so seltsames, wildes, herzzerreißendes Gepräge gibt. Ein mohammedanischer Beobachter, Hadj Chalfa Rumeli, schrieb vor etwa zweihundertfünfzig Jahren (er starb im September 1658): „Die meisten Häuser von Salonik sind jüdische. Die aus der Christenheit heimlich entflohenen Juden retteten sich zumeist hierher und mietheten die Chane und Wohnungen auf lange Termine. Wiewohl nun die Stadt durch das Unglück, so mit Juden überhäuft zu sein, gebrandmarkt ist, so wird diese Schande doch durch den weltlichen Nutzen dieser Bewohner wieder ausgelöfcht." Gewiß, noch heute stellen die der spanischen Verfolgung entronnenen Juden hier den Türken, Griechen und Bulgaren gegenüber die Mehrzahl der Stadtbevölkerung (reichlich zwei Drittel von 110.000 Einwohnern), und feinen wirthschaftlichen Aufschwung verdankt Salonik unstreitig ihrer rastlosen Betriebsamkeit auf allen Gebieten von Handel und Gewerbe. Eine treffliche, unparteiische Schilderung entwirft von ihnen Freiherr von der Goltz, der bekannte Reorganisator der türkischen Armee, in seinem Buche „Ein Ausflug nach Macedonien" (Berlin 1894). Er sagt Seite 12: .Die Juden sind und bedeuten hier Alles. Sie sind Landwirthe, Kaufleute, Unternehmer, Banquiers, Commissionäre, Geldwechsler, Handwerker, Arbeiter, Lastträger, Barkenführer. Vom Augenblick des Einlaufens in den Hafen umgeben sie uns, und wir gewöhnen »ns bald daran, Alles durch sie gethan zu sehen. Sie haben nichts von der Unterwürfigkeit, die man so oft im Norden und Osten Europas bei ihren Glaubensgenossen findet, und das kennzeichnet sie schon in ihrer ernsteren Haltung. Die meisten sind hochgewachsen; viele übrigens rothblond. Sie sollen durchaus energisch, ja selbst streitbar und händelsüchtig sein, wie man es auch an den spanischen Juden Constantinopels erfahren kann. Mit den türkischen Behörden finden sie sich gut ab und fühlen sich unter der ottomanischen Herrschaft wohl; ja selbst erobernd sind einzelne Colonien in die Provinzstädte vorgedrungen. Zum großen Theil haben sie die spanische Muttersprache mit vielen levantinischen Zuthaten. Eine ganz treffliche Bemerkung schien mir zu sein, daß man unsere heimischen Philo- und Antisemiten nach Salonik schicken solle, wo an der Stätte, an welcher sich das Judenthum ungehemmt hat entwickeln können, Beider Auffassungen sich mildern möchten. Die Ersteren würden durch den Uebermuth, die Intoleranz und Selbstsucht Mancher der Reichen von ihrer Vorliebe, die zweiten durch die Arbeitsamkeit und Tüchtigkeit vieler der unbemittelten Juden von Salonik von ihrem Abscheu geheilt werden." Algier. Ueber die Juden in Tlemsen (Algier) schreibt ein Correspondent der „Kölnischen Zeitung" : „Geht man in Tlemsen an jüdischen Feiertagen durch die an die neuen Hauptplätze der Stadt, die Place d’Alger, die Place de la Mairie und Place des Victoires, anstoßenden Straßen des Judenviertels, so stößt man zwar auf ockerrothe Ziegelbauten mit verfallenen Wänden, halbe und ganze Ruinen, aber in den Fenstern, an den Thüren hocken, auf dem hellblau getünchten Hintergründe des Flurs und der von oben erleuchteten, dachlosen Innenwände, Frauengestalten in bunten malerischen Gewändern, goldgestickten, mit Goldfransen behangenen Kopftüchern, die über üppigem rabenschwarzen Haar gelbliche Gesichter mit gluthvollen

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