Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 546 Dr. VLocb's MocbenscbrLtt. Nr. 34 Augen und oft claffifchem Schnitt der Züge und Profile einrahmen. Auch die Kinder, zahlreich wie Abraham'» Nachkomruenschast, zeigen in allen Altersstufen diesen Racenlypus von unverfälschter, unvermischter Reinheit des Blutes und von Formen, die ans eine alte und edle Herkunft schließen laßen. Mit dem Menschen verhält es sich nicht anders, wie mit anderen organischen Wcscn der Natur. Die Herrschaft des Mohammedanismus scheint den Inden Spaniens und Nordafrikas für die Erhaltung ihrer Race weder physisch, noch ethisch besonderen Schaden zugefügt zu haben. Das Joch der Knechtung und Unterdrückung, das die Juden auf sich nehmen mußten, welche durch die.Donau-Tiefländer, durch Rußland und Polen ihren Wanderzug nahmen, hat sie zugleich physisch und moralisch schwer getroffen. Man vergleiche mit diesen jüdischen Typen Algeriens z. B. die Gestalten, die das Judenviertel von London bevölkern, und man wird über den Abstand staunen, der sich bei Gleichheit des ethnologischen Grundzuges beider in ihrem Racenlypus kundgibt. Dort die Erhaltung, vielleicht sogar Verfeinerung, hier die Verkümmerung dieses Typus. Dort im Londoner Judenviertel, ein Schmutz und Gestank, der sich aus dem Innern der Häuser bis auf die Straße fortpflanzt, hier, wenigstens nach Außen, ein Reinlichkeits- und Schönheitssinn, der in einer nur noch bei den Spaniern so hervortretenden Farbenlust feine Befriedigung sucht. Das englische Blaubuch über die Vorgänge in Kischenew. Der vor einiger Zeit von der englischen Regierung im Unterhause in Aussicht gestellte Bericht des englischen Consulats in Odessa über die Judenmaffacres in Kischenew ist am 12. August den beiden Häusern des Parlaments zugestcllt worden. Der Bericht wurde vom englischen Generalconsul in Odessa eingeliefert, rührt jedoch nicht von diesem selbst, sondern vom britishen Viceconsul Bosanguet her, welcher persönlich an Ort und Stelle, wenn auch nicht in amtlicher Eigenschaft, eingehende Erkundigungen eingezogen hat. Mr. Bosanquet rühmt das liebenswürdige Entgegenkommen, das er in Kischenew bei allen Personen, mit denen er daselbst in Berührung kam, vom Gouverneur und dem Staatsanwalt bis herab auf zahlreiche Privatpersonen gefunden hat. Es will uns jedoch bedünken, als wenn der Berichterstatter sich mit dem Gouverneur und dem Staatsanwalt tiefer eingelassen hat, als zur Ermittelung der Wahrbeit just erforderlich war. Nur dadurch laffen sich manche Widersprüche und Bescböuigungsversuche in seinem Bericht erklären, auf die wir jedesmal Hinweisen werden. Beginn und Umfang des Krawalls. Die Unruhen -brachen am 19. April am Nachmittag aus und blieben für's Erste auf den äußersten östlichen Winkel der Stadt beschränkt. Der Pöbel begnügte sich zunächst mit dem verhältnißmäßrg noch harmlosen Vergnügen, den Juden Fenster und Thüren einzuschlagen. Am folgenden Tage setzte der Krawall schon ganz früh am Tage ein. Die Unruhestifter setzten einerseits in den gestern heimgesuchten Straßen die begonnene Arbeit fort, andererseits tauchten sie zu gleicher Zeit in zahlreichen neuen Vierteln auf. Auf diese Weise wurden am selben Tage über Zweidrittel der ganzen Stadt heimgesucht, auch sind an diesem zweiten Tage die meisten schweren Verbrechen begangen worden. Nebst den zahlreichen Mordthaten kamen unzählige Verwüstungen der jüdischen Wohnungen vor, die Dielen wurden zerstört, die Betten zerrissen, die Möbel zertrümmert und auf die Straße geworfen, die Tborarollen geschändet und zerrissen. Selbst die Tapeten an den Wänden wurden nicht verschont. Die Behörden haben wenig zur Unterdrückung der Unruhen gcthan, resp. begnügten sie sich mit der Festnahme von wenigen verhältnißmäßig noch ziemlich harmlosen Missethätern. Der Gouverneur verblieb die ganze Zeit über in seinem Palais, von wo aus er per Telephon verschiedene Anordnungen gab, die aber von den ausführenden Organen mißachtet wurden. Endlich hat er es gewagt, die Ordre zum Einschreiten des Militärs zu zeichnen, das sich bis dahin entweder ganz passiv verhielt oder mit den Ruhestörern unzweideutig sympathisirte. Die Soldaten haben es aber kaum nöthig gehabt, Gewalt anzuwenden. Das einzigemal, wo das Militär von der Waffe Gebrauch gemacht hat, betraf einen christlichen Jungen, der, mit einem schweren Stein bewaffnet, einen jüdischen Knaben verfolgte und von der Verfolgung nicht eher abließ, bis ihn ein Bajonnetstich eines Soldaten zu Boden warf. Dieser Knabe war übrigens der einzige Christ, welcher bei den Kischenewer Krawallen das Leben verloren hat. Es wird allgemein angenommen, daß die Behörden durch rechtzeitiges thatkräftiges Einschreiten die Unruhen weit ftüher hätten unterdrücken können. Es steht fest, daß am Sonntag keine einzige Mordthat verübt worden (dagegen theilte Herr v. Plehwe in seinem durch Mr. White verbreiteten officiösen Communiqus mit, daß schon um ersten Tage neun Juden erschlagen wurden) und es ist überaus fraglich, ob bei rechtzeitig ergriffenen Maßregeln auch nur ein einziger Mord passirt wäre. Wo ist der Anstifter? Vielfach ist man in Kischenew der Ansicht, daß die Unruhen das Werk wohlorganisirter Banden waren. Es wurde mir sogar berichtet, daß jede Bande ihre besondere Nummer hatte. Die Meisten halten jedoch die Katastrophe für das Werk des in Kischenew vom Pöbel vielgelesenen „Beffarabetz". Ich kann mich für keine der beiden Muthmaßungen entscheiden. (Der Herr Viceconsul hätte sich bei dem dreiblätterigen Kleeblatte Stepanow-Ponin-Szerban erkundigen sollen, welche in regelmäßigen, im „Hotel Moskau" abgehaltenen Sitzungen die Massacres organisirt haben.) Jedenfalls hätten die Artikel des „Beffarabetz"!m Vereine mit der unbegründeten Blutbeschuldigung von Dubossary und dem unsinnigen Gerücht, die Juden haben einen russischen Popen geschlachtet, allein schon genügt, eine Revolte gegen die Juden umsomehr zu entflammen, als das Verhalten der Polizei während der beiden ersten Tagen geeignet war, beim Volke die Vermuthung entstehen zu lassen, der Regierung sei die Ausrottung der Juden sehr erwünscht. Es kam noch hinzu, daß die Excedenten sich am Beginn des zweiten Tages in den erbrochenen Kellern mit Wein und Schnaps betranken. Augenscheinlich herrscht unter den niederen Classeu der Stadt die Ansicht, daß es in Kischenew viel zu viel Juden gibt. Von den 115.000 Einwohnern der Stadt sind über 50 Percent Juden, der Rest besteht ans Moldawanen, Russen, Griechen, Deutschen rc. Der directe materielle Schaden wird von den Juden, Wohl etwas übertrieben, auf zwei Millionen Rubel und darüber beziffert. Sehr groß ist auch der indirekte Schaden, der Handel stockt, da Niemand sein Geld jetzt in Geschäften anzulegen wagt. Es herrscht daher vollkommene Arbeitslosigkeit, so daß Tausende von Handwerkern und Arbeitern ohne Beschäftigung und Verdienst sind. Der neue Gouverneur thut sein Bestes, um Ruhe und Vertrauen zurückkehren zu lassen und es scheint, als wenn die Zustände sich endlich zu bessern beginnen. DieZahl der Opfer wird behördlicherseits auf41 Todte, 3 Schwer- und 300 Leichtverwundete angegeben. Von jüdischer Seite wird die Zahl der Todten auf 43—47 angegeben, einschließlich Derjenigen, die infolge der ausgestandenen Angst gestorben sind. Die Zahl 41 stimmt mit den von den Aerzten des jüdischen Krankenhauses mir gemachten Angaben. Dagegen wurde an dieser Stelle die Zahl der Verwundeten viel höher als 303 angegeben. Danach wurden im jüdischen Krankenhause 97 Schwer- und 300 Leichtverwundete behandelt. Von den Schwerverwnndeten sind ''bis auf 8, die sich noch im Krankenhause befinden, Alle wiederhergestellt. Unter den Ermordeten befinden sich 2 Kinder, unter den 93 Schwerverwundeten 25 Frauen, darunter ein zwölfjähriges Mädchen. Auch die C h r i st e n hatten an diesem Tage einige Verluste gehabt. Außer dem obenerwähnten von einem Soldaten mit dem Bajonnet erstochenen Knaben zählten sie 8 Schwer- und 60 Leichtverwundete. Verstümmelungen und dasMartern der Opfer scheinen nicht häufig vorgekommen zu sein. Jedoch habe ich einen früher einäugig gewesenen Mann gesehen, dem sein einziges Auge unter bestialischer Marter mit einem Nagel aus gestochen wurde. Fälle von verlorenen Augen und abgerissenen Ohren kamen einige vor. Auch wurde eine Frau durch einen Stich in den Magen verwundet. Die überwiegende Zahl der Verletzungen, sowie der Mordthaten wurden aber durch Schläge mit stumpfen Waffen über Kopf und Gesicht vollbracht. Es kamen auch Rivpen- sowie Arm- und Beinbrüche vor. Mir wurden auch Fälle berichtet, wo Todte verst ü m m e l t wurden, ebenso daß ein Kind an den Beinen gepackt und entzwei gerissen wurde. Berichterstatter konnte auch nicht ermitteln, ob der Pöbel bewaffnet war, oder seine Opfer blos mit zufällig an Ort und Stelle Vorgefundenen Gegenständen erschlagen hat. Fr a u e n s ch ä n d u n g. DieZahl der geschändeten Frainn wird officiell auf drei beziffert. Von privater Seite erfahre ich dagegen, daß diese Zahl 6 und mehr betragen hat. Es läßt sich aus leicht begreiflichen Gründen annehmen, daß viele vergewaltigte Frauen das ihnen zugestoßene Unglück nicht an die große Glocke hängen. Mir kamen Fälle zu Ohren, wo zwei Mädchen im Alter von 12—14 Jahren vergewaltigt wurden. Ebenso wird von einer Frau berichtet, die von einer ganzen Ban de Barfüßler geschändet wurde. Ich konnte aber diesen Gerüchten nicht auf den Grund gehen. Die Sühne. Der Staatsanwalt hat mir am 22. Juli mitgetheilt, daß von den 680 verhafteten Unruhestiftern 216 wegen Mangel an Beweisen entlassen werden mußten. 308 Personen wurden wegen geringere Vergehen zu Gefängnißstrafen von 6 Tagen bis 3 Monaten verurtheilt, während 360 schwere Verbrecher im Monat October in Tiraspol zur Aburtheilung gelangen sollen. Der Gerichtshof wird sich aus folgenden Personen zusammensetzen: 1. Dem Präsidenten des Odessaer Appellationsgerichtes; 2.—4. drei Richtern desselben Gerichtshofes; 5. dem Adelsmarschall; 6. dem Bürgermeister und 7. dem Gemeindeältesten. Von den obigen 360 Personen werden 260 der bloßen Theilnahme an einem Aufruhr beschuldigt, worauf im russischen Gesetze Kerkerstrafe steht. Die übrigen 100 sind des Mordes und anderer schwerer Vergehen beschuldigt und dürften, insofern sie nicht freigesprochen werden sollten, zur Zwangsarbeit auf der sibirischen Insel Sachalin verurtheilt werden. London« (Die antisemitische Campagne in Rußland.) Dem radikalen „Morning Leader" wird aus Moskau gemeldet, daß der russische Minister des Innern nichts Geringeres als eine neue antisemitische Campagne vorbereite. Der Generaldirector der Polizei, Lopuchin, hält sich seit 10. August mit vier Rathen in Odessa auf, und die Ankunft des des früheren Gouverneurs in Kischenew, Generals v. Wahlen, war angekündigt. Lopuchin hielt täglich zwei Sitzungen im „Hotel