Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 34 Dr. Klocb's MocbenscbrM. Sette 543 für Organisation von Getreide-Berkaufsgenoffenschaften, für Landes- und Staatssubventionen der Getreidemagazine, für Samen-Verbesserungen rc. Im Namen der Bäcker verlangte deren Sprecher die ausschließliche Verarbeitung blos einheimischer Mahlproducte", weil »dem böhmischen und mährischen Roggen kein fremdes Korn an Qualität und Wohlgeschmack gleichkomme/ Vor der Erreichung der angestrebten gesetzlichen Abwehr empfehlen die Bäcker dringendst die organisirte Selbsthilfe: »Die Müller sollen nur böhmisches Getreide mahlen, die Bäcker nur böhmisches Mehl verbacken, die Consumenten sollen dieser Solidarität der czechischen Landwirthschaft, Müller und Bäcker gleichfalls einmüthig beitreten, denn es handle sich um das wirthschaftliche Interesse der Gesammtheit." Diese Melodie ist hierzulande sattsam bekannt und seit 1897 besonders häufig wiederholt. Ja, das »Sollen" wird also hier einfach von Bereinswegen d i c t i r t, aber wie steht es denn mit dem »Wollen" und in erster Reibe mit dem wirthschaftlichen »Können" in diesem Falle? Wie in vielen anderen ähnlichen, gehorcht die nackte Wirklichkeit keinem, selbst noch so lauten Vereins-Dictat. Die wirthschaftliche Entwicklung unterliegt ihren harten Gesetzen, welche sich durchaus nicht nach der Profitgier einiger Zeitungsadministrationen, mehrerer Speculanten und Agitatoren richten wollen. Doch hören wir, was das czechische Blatt darüber wörtlich ausführt: »Ganz gewiß, hübsche Worte, hübs che Pläne, wenigstens dem Kern nach! Wie aber der effective Erfolg jener ganzen Action ausfallen dürfte, darüber läßt sich heute schwerlich etwas sagen. Gibt es doch absolut keine Garantie dafür, daß die feierlich abgestimmte Resolution auch wirklich durchgesührt wird. Es ist gewiß charakteristisch, daß sogar im Einberufungscomits des Protestcongresses — wie das soeialdemokratische Tagblatt (,krävo lidu“) mittheilt — Leute sitzen, die selbst eifrig ungarischen Weizen und ungarisches Mehl kaufen, um sie dann für böhmische Products abzusetzen. Für diese Patrone gilt cffenbar die Nothwendigkeit: »Zuerst feierliche Resolutionen und dann — »Selbsthilfe", freilich nach ihrer Fa^on., Und was denn erst die resolutionirte »Bereitwilligkeit der breitesten Schichten zum ausschließlichen Consum böhmischen Mehles?" Mögen schon die Gründe des alljährlich größeren ungarischen Mehlverbrauches in Böhmen welche immer sein, so bedeutet die Durchführung der Resolution Summa Summaram nichts anderes als eine Bertheuerung des Mehles für uns, denn weder die Bäcker, noch die Müller werden das Vlus aufzahlen wollen, sondern dasselbe ganz ruhig ihren Consumenten aufhalsen. Darüber hegen wir nicht den geringsten Zweifel. Mit Rücksicht hierauf, sowie auf die allgemein verbreitete Ansicht, das ungarische Mehl sei besser als unseres, muß man sehr skeptisch abwarten, mit welcher »Bereitwilligkeit" das czechische consumirende Publicum diesen Sonntagsappell aufnimmt."-Wie also selbst czechische, einsichtsvollere Fachmänner aufrichtig Voraussagen, dürfte diese Vereinsmeierei für die hier unter nationalen Schlagworten wieder rein speeulativ angeworbene czechische Gesammtheit ohne den versprochenen günstigen Effect bleiben und blos dem Profit einiger geschickter Macher förderlich sein. Was werden aber auf diesen czechischen Boycott die Magyaren für eine Antwort geben? Daß sie diese neuerliche, lärmende Kriegserklärung gegen ihren wichtigsten Productenexport nur so ruhig hinnehmen wollten, darüber gibt man sich in intelligenten czechischen Kreisen natürlich keiner Selbsttäuschung hin. Das citirte czechische Wochenblatt äußert sich diesbezüglich: »In Ungarn dagegen hat die hiesige Action gegen die ungarischen Mehle bedeutende Aufmerksamkeit erregt und sofort zu einer — wirksamen Gegenaktion geführt. Die magyarischen Agrarkreise haben der czechischen Industrie den Krieg erklärt! Es paßt so vortrefflich in den Rahmen ihrer ganzen Politik. Welche willkommene Gelegenheit, eine neue Bresche in den Zollverband mit Oesterreich zu legen, welcher bald nur noch auf dem Papiere existiren wird! Die magyarische Agitation gegen die czechische Industrie bleibt nicht nur auf einige interessirte Körperschaften beschränkt, sondern sie wird zum Schlagwort und Feldgeschrei fast aller politischer Parteien, selbst die Regierungspartei nicht ausgenommen, wie Pester Berichte melden. Der volkswirthschaftliche Ausschuß des Pester Reichstages hat zwar die Regierungsvorlage über den Ausgleich und Zolltarif acceptirt, aber — so melden die Budapester Blätter übereinstimmend — das Abgeordnetenhaus wird keine dieser Vorlagen durchlassen, wenn den Magyaren die Deckung des Consums von Bier, Petroleum und Branntwein nicht durch ausschließlich u n g a r i s ch e P r o d u c ti o n garantirt wird. Selbst die Regierungspartei wird hiebei schärfstens mithalten." Die Juden allein sollen die Kosten des vereinigten Müller-, Becker- und Landwirthe-Krieges bezahlen. Man schreit gegen das magyarische Mehl und will nur den Juden daheim schädigen. Diesen einzigen Zweck hat die ganze neueste Hetze. Wie wird sie wieder enden? Wir versuchen unserseits keine Prophezeiung rein akademischer Natur. Wir halten uns an die praktischen Erfahrungen der Vergangenheit, wobei uns die Urtheile namhafter czechischer Fachmänner zur Seite stehen. Kein Geringerer, als der ehemalige österreichische Finanzminister und czechische Volkswirthschaftslehrer Prof. Dr. K a i z l war es, der bei Gründung der (Antisemitischen) »Gesellschaftfür Bolkswirthschaft" gegen die unbedachte Propagirung des »zweischneidigen Schlagers" „8vüj k svemu!“ entschieden auftrat, wobei er vom berufensten Praktiker, dem Fabrikanten Ingenieur Jahn, wirksam unter, stützt wurde. Der heillose Schwindel mit dem einseitigen ,Svuj k s v 6 m u!“ hat den Czechen selbst schon größten Schaden zugesügt. Dabei aber geht die weitere Agitction mit diesem zweischneidigen Schlagworte immer wieder gegen den Juden los. Die czechische Provinzpreffe zetert und wettert immer nur gegen »die jüdischen Agenten mit ungarischem Mehle" und die czechischen Müller, Bäcker und Landwirthe wollen mit ihrer Congreßresolution auch nur den jüdischen Kleinhändler treffen, der ganze Mehlkrieg soll ja nur den jüdischen Zwischenhandel erschlagen. Niemals wurde noch der Wahrspruch eines großen Mannes in so niedriger Weise mißbraucht, wie P a l a c k y's Devise: »Jeder zu dem Seinigen und immer die Wahrheit!" Gleich die zweite Hälfte dieses claffischen Spruches wird unerlaubter Weise todtgeschwiegen, P a l a e k y's Wahrheitsliebe wird mit Füßen getreten, indem man seinen Wahrspruch so schändlich entwürdigt und zu reinster Demagogie herabsetzt. Jüngst erst hörte das „freisinnige" jungczechische Volk von Prag seinen einstigen Liebling Dr. P o d l i p n y den Weihespruch beim Grundsteine zum Huß-Denkmale mit dem Sprüchlein schließen: „Im Namen Gottes, des Vaters und des heiligen Geistes." Dieser Kniefall vor dem sieghaften Clericalismus stand dem einstigen stolzen Huffiten und „S o k o l-Führer nach Frankreich nicht minder schön zu Gesichte, wie seinerzeit der Handkuß seines treuen Knappen Brzenowsky, den dieser für die clericalen Stimmen durch seinen Revers dem erzclericalen Grafen Albert Schönborn leistete. So sieht heutzutage das politische „8vnj k svemu“ bei der führenden jungczechische« Partei und bei ihrem gelehrigen Nachwuchs, den „rituelle n" und „fortschrittlichen" Radiealen und der „nationalen Arbeiterschaft", unter K l o f a c aus. Die Folgen dieser Moral im politischen Leben bleiben natürlich nicht aus. Schon bricht die Sintfluth ihrer politischen „Erfolge" auf Schritt und Tritt gegen die Jungczechen los. Die Demoralisation durch das verdrehte und schimpflich mißbrauchte „8vuj k sv6mu“ im Handel und Wandel der czechischen Geschäftswelt zeitigt ganz dieselben Früchte. Die Zweischneidigkeit des,Svtij k sv6mu“ kehrt sich unerbittlich gegen die nationalen Ausbeuter, welche nur über die Leichen solider jüdischer Existenzen hinweg nach billigem R e i ch t h u m langten. Und wieder war es ein czechischer Gewährsmann, welcher schon vor einem Menschenalter genügende praktische und natürlich viele traurige wirtschaftliche Erfahrungen besaß, auf deren Grund er seine Volksgenossen als bewährter Fachmann energisch warnte, den Mangel an eigener geschäftlicher Solidität blos durch agitatorische Schädigung der Juden allein wettmachen zu wollen. Der Publicist Franz Simaoek, gefeiert als Begründer der czechischen Borschußcaffen, kannte gewiß die Geschäftsmoral seiner nationalen Umgebung vortrefflich, als er an die Adresse der „8vnj k sv£mu“ - Schreier die denkwürdige Verwarnung richtete: „Wer wollte heute das vor Jahren in die Massen geschleuderte Schlagwort zur Richtschnur machen: „Kauft Nichts beim Juden?" „Verkaufet dem Juden Nichts?" . . . Welcher Bauer würde dem Juden kein Gr-