Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 542 Dr. Mocb s Mocbenscbrttt. Nr. 34 zwecke 446.321 Mark verausgabt — durch die große Armuth der Juden zum wesentlichen Theil wieder illusorisch gemacht. Von 550 Zöglingen, die im Berichtsjahre die Anstalt verlassen haben, haben nur 205 den ganzen Unterrichtscursus durchgemacht. 345 63% aller Zöglinge mußten den Unterricht vorzeitig unterbrechen, da ihre nothleidenden Angehörigen sie nicht länger ernähren könnten, respective auf die Kinderarbeit angewiesen waren. Diese Zahlen sollen dem Verwaltungsrath der „Jca" zu denken geben und seine Aufmerksamkeit auf die Pflege der Abend- und Sonnabendschulen für Erwachsene lenken. Einstweilen schreitet die „Jca" auf der, nach unserer Ansicht, falschen Bahn weiter nnd hat sich von dem unter Vorsitz des Baron Horaz Günzburg wirkenden „Verein zur Verbreitung von Bildung unter den rusiischen Juden" immer mehr zur Unterhaltung von reinen Bildungsanstalten verleiten lasien. Die Zahl der von der „Jca" alljährlich in Primärschulen unterrichteten jüdischen Kinder ist von 1760 im Jahre 1901 auf 5550 im Berichtsjahre angeschwollen und soll im nächsten Jahre noch eine weitere Verdoppelung erfahren; 2. die jüdischen Eolonien erfreuen sich nach wie vor der sorgfältigen Beachtung der Gesellschaft. Namentlich wendet sie ihr Jntereffe seit einigen Jahren den Eolonien in den 6 Gouvernements des Nord weste ns des Anstedelungsrayons zu. Es handelt sich hier um nicht weniger als 1984 Colonisten, d. h. um nahezu doppelt soviel als in sämmtlichen Eolonien Argentiniens. Die in den früheren schöneren Zeiten begründeten jüdischen Dörfer leiden jetzt sehr an Landknappheit; es besitzen 253 Colonisten gar kein Land mehr, während 616 weniger als 5 Hektar besitzen. Es können demnach 859, d. h. 43*7% aller Colonisten sich von dem Ertrage ihres Bodens nicht mehr ernähren. Da an einen Zukauf von Land unter der Herrschaft der Maigesetze nicht zu denken ist. wird versucht, das Einkommen der jüdischen Ackerbauer durch Jntenstvwirthschast zu steigern. Obstcultur, Gemüsebau und künstlicher Dünger sollen den Colonisten auf die Beine helfen. Dasselbe geschieht in den zahlreichen jüdischen landwirthsch östlichen Niederlaffungen der Gouvernements Befsarabien und P o d o l i e n, wo zu den Obst- und Weingärten seit 1901 die Herstellung landwirthschastlicher Conserven hinzukamen. Jntensivcultur und Vorschußcasien sollen auch die wirthschästliche Lage der jüdischen Bauern im Gouvernement Cherson verbesiern helfen; 3. Darlehenskassen. Das unter den russischen Juden erwachte Bestreben, durch auf genossenschaftlicher Basis errichtete Darlehenscafsen die trostlose Lage der Handwerker und der zahllosen „Koufleute" ohne Pfennig Capital zu heben, findet an der „Jca" eine kräftige Stütze. 13 solche Cassen mit 7600 Mitgliedern haben von der Gesellschaft Darlehen erhalten. 4. Die billigen Wohnungen in Wilna sind bei der Wischen Bevölkerung noch immer wenig beliebt. Trotz aller gebotenen Bequemlichkeit sind von den in den mit einem Kostenaufwand von etwa 6^0.000 Mark 1901 errichteten, in Wilna aufgeführten 2 Häusern zur Vermiethung verfügbaren 194 Wohnungen 21 noch immer unvermiethet. Solche Wohnungen sollen nunmehr in größerer Anzahl in dem im vorigen Jahre abgebrannten B o b r u i s k errichtet werden. Bisweilen sind da 2 große Häuser aufgeführt worden. Die Institution wird von einer Actiengesellschaft unter Vorsitz des Baron Günzburg geleitet. 5. Die Fabrik in Dubrowno. Die von der Dnjeperschen Spinnereigesellschast (Vorsitzender Lazar Poliakow) mit Betheüigung der „Jca" mit einem Kostenaufwand von etwa 700.000 Mark aufgeführte Spinnerei und Weberei in Dubrowno hat den Zweck, den dortigen berühmten jüdischen Talliswebern eine beffere Existenz zu verschaffen. Das Fabriksgebäude ist fertiggestellt und 244 Arbeiter sind bereits in Thätigkeit. Die Fabrik wird auch Seidenweberei betreiben. VIII. Rumänien. In Rumänien betreibt die Gesellschaft seit drei Jahren in erster Reihe eine weise und planvolle Auswanderungspolitik. Dann aber werden da von ihr eine Reihe von Bildungsanstalten unterhalten 1. Das Schulwesen. Die „Jca" unterhält in 16 Städten 25 Schulen mit 7624 Zöglingen. Darunter befinden sich nur 6 Erziehungsanstalten, und zwar eine Handwerkerschule, eine Industrieschule für Mädchen, zwei Handelsschulen und zwei Haushaltungsschulen. Alle übrigen Anstalten sind B i l d u n g s a n st a l t e n, in welchen 4329 Knaben und 2399 Mädchen, denen die barbarische Regierung die allgemeinen Volksschulen versperrt, eine primäre Schulbildung erhalten. Bezeichnend für die unter den rumänischen Juden herrschende Armuth ist die Thatsache, daß l5 Percent aller Kinder die Schulen vorzeitig verlassen müssen. Die brotlosen Eltern sind nicht im Stande, die Kinder über die Schulzeit zu ernähren und nehmen sie daher vorzeitig aus der Schule, damit sie ihnen verdienen helfen. In manchen Schulen bleiben die Kinder während der Winterzeit massenhaft weg, weil es ihnen an warmer Kleidung fehlt und sie sich in der Kälte nicht aus dem Hause wagen. Weit bessere Erfolge als mit den Schulen hat die Gesellschaft mit dem 2. Auswanderungswesen erzielt. Die Leitung dieser wichtigen Angelegenheit ist die Hand des Herrn Ad. S a l o m o n, einem Bukarcster Jndustdiellen, gelegt worden, der mit Hilfe der Bnai- Brithlogen über ganz Rumänien ein Netz von Auswanderungsbureaus organisirt hat. In Folge dessen geht die Auswanderung glatt, geräuschlos und überaus wirksam von statten. Es wandern zunächst die Junggesellen, resp. solche Familienväter aus, die in der Lage sind, ihre Angehörigen für einige Zeit — die sie brauchen — um sich drüben eine Existenz zu schaffen, zu Hause zurück zu lassen. In zweiter Reihe wandern Frauen, Kinder und Greise ans, um ihren Ernährern in die weite Ferne zu folgen. Endlich kommt noch eine dritte Kategorie von Auswanderern hinzu, die zwar auf eigene Kosten reisen, die aber von der „Jca" durch Rath und moralische Hilfe unterstützt werden. Auf diese Weise haben ohne wesentlichen Lärm im Berichtsjahre nicht weniger als 7800 Personen das Land Sodom verlassen, um jenseits des Meeres eine bessere Heimat zu finden. IX. Galizien. Nebst einer kleinen Tischlerwerkstätte mit 11 Schülern in Tarnow, der 100 Personen beschäftigenden Puppenfabrik ebendaselbst und dem Atelier für Tricotarbeiterinnen in Kolomea unterhält die Gesellschaft in Galizien die Domaine und Ackerbauschule in Slobodka- Lesna und 6 Vorschußcasien. 1. Slobodka-Lesna. Das 15 Kilometer von Kolomea entfernte Gut umfaßt 972 Hektare, von denen 360 an 40 Personen verpachtet sind, während der Rest direct bewirthschaftet wird. Die Ackerbauschule unterrichtet 58 Zöglinge. 2. Vorschußcassen. Glänzende Resultate hat die „Jca" mit den Vorschußcasien erzielt, die in kurzer Zeit bei den galizischen Juden sehr populär geworden sind. Die bis jetzt errichteten 6 Cassen zählen 3912 Mitglieder, welche 7929 Antheilscheine für 78.791 Kronen erworben haben. Seit 3 Jahren haben die Cassen zusammen 1,197.555 Kronen ausgeliehen und von den Darlehen 901.474 Kronen zurückerhalten, während der Rest am Ende des Berichtsjahres sich noch in Circulation befand. Der gesammte Reservefond belief sich zur selben Zeit auf 12.952 Kronen. So werden die kleinen Leute in Galizien zur Selbsthilfe erzogen und gleichzeitig wird in ihnen das Gefühl geweckt, daß für sie noch lange nicht alles verloren ist, daß sie vielmehr mit vereinten Kräften für sich selber noch sehr viel thun könnten. X. Diverse. Die Unterstützung, welche die „Jca" der Alliance gewährte, soll im Jahre 1901 den Betrag von 465.000 Mark erreicht haben. Der Deutsch-israelitische Gemeindebund hat das zur Errichtung der Arbeitscolonie in Weißensee erhaltene Darlehen von 150.000 Mark zurückgezahlt. Daneben hat die Gesellschaft einige Institutionen in Deutschland, England und der Türkei zum Theil mit namhaften Beträgen unterstützt. Wir heben aus diesen hervor: den Loarä ot 0ug.räiau8 zu London zur Unterstützung nach englischen Eolonien ausgewanderter russischen und rumänischen Juden; die Lämelschule zu Jerusalem erhielt einen namhaften Betrag zur Errichtung eines Schulgebäudes und die Erziehungsanstalt zu Ahlen, ein Darlehen als zweite Hypotheke. Das magyarische „SvSj k svenra“ im böhmisch-ungarische« Mehlkriege. Eine neue, widerliche Hetze unter nationaler Flagge wird czechischerseits gegen den jüdischen Zwischenhandel von Prag aus in Scene gesetzt. Die drückende Concurrenz der ungarischen Mehle führt bekanntlich seit Jahren in einem Theile der interesiirten czechischen Oeffentlichkeit zu einem volkswirthschaftlichen „Revanchekrieg", an dessen knallendem Feuer, wie gewöhnlich, neben einigen Spekulanten und Agitatoren besonders die czechische Hetzpresse mindern und letzten Ranges ihre Abonnentensuppe kocht. So wurde letzthin wieder ein ellenlanger „Aufruf an die gesammte czechische Oeffentlichkeit" in den Blättern publicirt, und nachdem dieses Strohfeuer — vermuthlich mit demselben Erfolge, wie alle früheren dieser Art — verpuffte, trat man am letzten Sonntag, 19. Juli, wieder zu einer großen „Protestversammlung" in Prag zusammen, an welcher die „Vertreter der czechischen Müller, Bäcker und Landwirthe" theilnahmen. Ueber den Verlauf dieses großartigen „Protestcongresies" und über den mutmaßlichen Erfolg 'dieser „Volkswirthschaftlichen Revancheaction" entnehmen wir dem sehr nüchtern gehaltenen Berichte des Wochenblattes „Prehled" („Rundschau") vom 26. v. M., deren volkswirthschaftliche Mitarbeiter sich zum Realismus bekennen, einige recht intereffante Details. Der Vertreter der czechischen Müller erklärte die Ueberfluthung des czechischen Marktes mit ungarischen Mehlen durch günstigere Productionsverhältniffe, sowie mannigfache und bedeutende Begünstigungen der ungarischen Gewerbe-, Social- und Tarifpolitik. Zur Ueberwindung der magyarischen Mehlconcurrenz empfahl er Einfuhrzölle, einheitliche Kilometertarife, Verbot des Terminhandels an der Pester Productenbörse und schließlich staatliche Garantie (!) für die unwiderrufliche Abschaffung des Mahlverfahrens. (!!) Der Vertreter der Landwirthe plaidirte für beffere Getreidepreise,