Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 540 Dr. Mocb's Tlölocbenscbrtft Nr. 34 Dom Jahrmarkt des Lebens. . Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Groß-Krotzeuburger Kriegerverein. — In eigener Sache Philose mit, auf Anderer Kosten Antisemit. — Heinrich Heine — Mitarbeiter der „Ostdeutschen Rundschau". —Der Selbstmord eines Juden. — Ein altes Volk, das jung bleibt.) Eine epochemachende Entdeckung ist am letzten Feiertag gemacht worden, die, wie es schon so zu geschehen pflegt, vorerst von Spöttern bekrittelt und von der großen Masse nicht beachtet werden wird, bis ihr von späteren Geschlechtern die ihr gebührende Anerkennung zutheil werden wird. Seit Adam Riese's Zeiten war man der thörichten Ansicht, daß, je kleiner der Nenner bei gleichem Zähler ist, desto größer der Bruch ist, daß z. B. % mehr als 1/3 ist. Welch' jämmerlicher Aberglaube! Nein, 1/2 ist mehr als % oder weniger, je nachdem es einem gerade paßt; Vdo ist nur i/30 von Vs» denkt die unverständige Masse noch heute, doch triumphirend verkündet das „Deutsche Volksblatt", daß Vso bedeutend mehr als Vs ist: die Juden bilden riß% der deutschen Bevölkerung, die freisinnigen Parteien, für die bedeutend mehr Stimmen abgegeben wurden, als die ganze jüdische Bevölkerung — Frauen und Kinder miteinbegriffen — beträgt, bestehen nach den antisemitischen Blättern bekanntlich aus lauter Juden, aber nach der neuesten Entdeckung des „Deutschen Volksblatt" sind auch sämmtliche drei Mllionen socialdemokratische Sttmmen von Juden abgegeben worden, 1'15% ist daher gleich 40%, erklärt das „Deutsche Volksblatt", darum muß es wohl auch so sein. Es offenbart seine Entdeckung seinen Lesern aber nicht in diesen sensationellen Ziffern, sondern in seiner Bescheidenheit unter dem harmlosen Tttel: „Wer die Wähler der Socialdemökraten bei den letzten Reichstagswahlen waren". Die Antwort ist selbstverständlich: lauter Juden, und schlagend wird der Nachweis geführt durch den — Groß-Krotzenburger Kriegerverein, der zehn jüdische Mitglieder hat. Dieser Verein hat nämlich gegen alle Mitglieder Maßregelungen eingeleitet, die socialdemokratisch gewählt hatten und nur Juden wurden gemaßregelt Die Gemaßregelten werden sich ihren Ausschluß wohl nicht zu Herzen nehmen; einem Vereine anzugehören, der staatsgrundgesetzlich gewährleistete Rechte mißachtet, der sich widerrechtlich Einblick in das Wahlgeheimniß verschafft, gereicht einem wahrlich nicht zur Ehre. Es ist für die antisemitische Presse bezeichnend, daß sie für einen derartigen Vorgang kein Wort der Verurtheilung findet, obwohl wir uns sehr gut analoger Anlässe erinnern, bei denen die Christlich-Socialen sich als Schützer der bedrohten Freiheit geberdeten, da sie unter den Widerrechtlichkeiten zu leiden hatten. Ja, Bauer, das ist etwas Anderes; für sich selbst alle Freiheiten, seinen Gegnern kein Recht, das ist das Ideal der Antisemiten. * * * Eine recht interessante Episode spielte sich vorige Woche in der Sitzung des Floridsdorfer Gemeindeausschusses ab. Es handelte sich um die Vergebung der Möbe Lieferung für das neue Floridsdorfer Rathhaus; der christlich-sociale Referent befürwortete die Annahme des Offertes einer Wiener Möbelfirma, und als ein socialdemokratische'r Gemeindeausschuß mit Rücksicht auf das billigere Offert die Vergebung der Lieferung an die Floridsdorfer Möbelfirma Sinai beantragte, in welchem Falle, abgesehen davon, daß die Gemeinde Geld ersparte, auch Floridsdorfer Arbeiter Beschäftigung fänden, erklärten die Christlich- Socialen, ein Jude bekomme keine Lieferung. Sie wollten sich so als gesinmmgstüchtige Antisemiten zeigen, aber ach, die Herrlichkett währte nicht lange, denn der socialdemokratische Gemeindeausschuß riß ihnen die Maske recht unsanft herab, er bewies dem Bürgermeister und einem christlich-socialen Gemeindeausschuß nach dem anderen, daß sie alle ihre Möbeln von dieser jüdischen Firma bezogen haben. Für sich selbst kaufen sie beim Juden, um ihr eigenes Geld zu ersparen, auf Kosten der Gesammtheit wollen fie aber ihren Auttsemitismus documentiren. Die Rede des Socialdemokraten hatte den bemerkenswerthen, bei den Wiener BarriLrestöcken nicht möglichen Erfolg, daß selbst einige Christckich-Sociale für seinen Antrag stimmten, der auch angenommen wurde. Meder einmal konnten die irregeführten Wähler sehen, daß die Herren, die immer predigen „Kauft nur bei Christen" ihre eigenen Einkäufe bei Juden besorgen und nur von den Anderen verlangender antisemittschen Sache Opfer zu bringen. Ukber diesen Vorfall berichtet die „Ostdeutsche Rundschau" unter dem läppischen Titel „Die Socialdemokratie für die Juden". Das Juventhum ist kein Schoßkind der Socialdemokratie, die Furcht, als Judenknecht verschrieen zu werden, hält leider die Socialisten oft zurück, für berechtigte Forderungen der Juden einzutreten. Auch in diesem Falle trat der socialdemokratische Ausschuß für den Möbelhändler Sinai selbstverständlich nicht deshalb ein, weil es sich um einen Juden' handelt, sondern er wollte verhindern, daß mit den Gemeindegeldern Unfug getrieben wird. Haben die Gemeindeausschüsse antisemitische Passionen, dann mögen sie ihr eigenes Geld daraufgehen lassen, als Vertreter der Gesammtheit haben sie die Pflicht, deren Interessen zu vertreten und die billigsten Offerte zu berücksichtigen. Dazu gehört Muth, wenn es jüdische Offerte sind. Billiger ist es freilich, sich auf Kosten der Gemeinde eine verwerfliche Popularität zu erwerben. * * * Ein würdiger Priester ist bekanntlich der christlichsoeiale Abgeordnete Pater Stojalowski, und anmuthig ist seine eigene Schilderung, wie er den Abgeordneten Stapinski in einer Versammlung behandelte. Auf einen Angriff Stapinskl's antwortete er schlagend, indem er den genannten Abgeordneten ohrfeigte, welche Handlung er mit ordinären Schimpfworten begleitete. Im Kreise seiner fanatisirten Anhänger war es freilich leicht, seinen Gegner so abzufertigen. Christlichen Geist athmeten wahrscheinlich die Ohrfeigen des Priesters, der es damit schon so weit gebracht hat, daß er unseren Geistlichen ä la Schnabl, Abel und Ditrich als Vorbild dienen könnte. Die hübsche Scene macht natürlich der „Ostdeutschen Rundschau" Freude, Pater Stojalowski gehört ja einer anderen antisemitischen Richtung und einem anderen Volksstamme an. Sie sieht recht vornehm auf diese Polen herab, widmet ihnen nur wenige Zeilen, nur der Titel der Notiz sollte zeigen, wie sie über den Vorfall denkt. „Krapulinski und Waschlopski — Stojalowski und Stapinski." Aber Entsetzen, stammen die Gestalten des Krapulinski und Waschlapski nicht von einem gewissen Heine, einem elenden Juden? Bon diesem Berräther an der deutschen Nation? Ach, ein Heine wird in den heiligen Spalten der „Ostdeutschen Rundschau* citirt. Mutter Germania, verhülle dein Haupt, dein bestes Kind ist verjudet. * * * Die ständige Rubrik „Selbstmord" in den Tageszeitungen beschäftigt auf das Lebhafteste alle denkenden und fühlenden Menschen. Jede einzelne Notiz über einen verübten Selbstmord meldet in dürren Worten den Abschluß eines tragischen Schicksals und für den Psychologen bieten die Selbstmörder eine leider unerschöpfliche Quelle des Studiums. Die hervorragendsten Staatsmänner suchen nach Mitteln, das erschreckende Ergebniß dieser traurigen Statistik möglichst zu verringern. Ob der Selbstmord an und für sich zu billigen ist oder nicht, darüber sind die Ansichten getheilt, aber gleichviel wie man hierüber denkt, der Selbstmörder selbst ist der menschlichen Theilnahme immer sicher. Nur das „Deutsche Volksblatt" forscht zuerst nach der Confession, für einen Juden kennt es kein Mitgefühl, wie der geschmackvolle Titel: „Selbstmord eines Juden" beweist, und da das Wort „Jude" im Jargon des „Deutschen Volksblatt" etwas Verächtliches bezeichnen soll, liefert es mit dieser Ueberschrist wieder einen markanten Fall seiner moralischen Verworfenheit. Ein unglücklicher Mensch, dem das Schicksal so übel mitgespielt hat, daß er jede Hoffuung auf bessere Zeiten aufgibt, nimmt sich das Leben, das „Deutsche Volksblatt" aber sieht nur, daß es ein Jude war, und das muß angenagelt werden. Es fehlte nur, daß es nach dem Muster des Badener Sportsman unter dem Titel „Wieder ein Jude hin" geschrieben hätte. * * * Der Feiertagsleitartikel der „Deutschen Zeitung" enthält folgenden claffischen Absatz: „Alle Achtung vor der Patina Hebraica; und zugestanden, daß das alte Volk der Juden es verstanden hat, jung zu bleiben; zugestanden nochmals. Denn Jugend hat nicht Tugend, und wegen dieses Tugendmangels der ewig jungen Unartenlosen sind wir ja Antisemiten geworden." Geist vom Geiste der ^Deutschen Zeitung" athmen diese Worte. Ewig jung zu bleiben, gilt sonst als das größte Glück, nur