Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 34 Dr. Vlocb's MocbenscbrM. Seite 539 find und von Thora unter ihnen verhandelt wird, weilt die Schechina unter ihnen." Das Wort der römischen Dichter „Video meliora proboque deteriora sequor“ straft Sokrates — man entschuldige diesen Anachronismus — Lüge, indem er sagt: .Niemand fehlt freiwillig^, das heißt: .Wer fehlt, thut dies aus Mangel an Einsicht". Was macht nun nicht Gomperz aus diesen drei Worten, die allerdings der Kernpunkt sokratischer Ethik find? Und ist dieser Gedanke kein echt rabbinischer? .Kein Mensch fehlt", sagt ein rabbinischer Schriftgelehrter im babylonischen Talmud (Tr. Sota 3 b), .außer wenn er vom Geiste der Unwissenheit (Narrheit) erfaßt wird". Während nun dieser rabbinische Satz höchstens von einem nicht rationell geschulten Rabbiner hie und da agadisch verwerthet wird, erfährt der qualitativ gleichwerthige Satz des Sokrates eine sorgfältige Behandlung seitens der hellsten, klarsten und scharffinnigsten Denkerköpfe. Auf Plato bezugnehmend, sagt Gomperz: Ein hervorragender Zeitgenosie (hiermit ist Alexander Bain gemeint) hat eine eigenartige Begriffsbestimmung des großen Mannes aufgestellt. Ein großer Mann, so meinte er, find mehrere Männer in einem. Auch diese Redewendung und dieser Gedankengang sind echt rabbinisch. .Von dem großen Rabban Jochanan ben ben Sakkai wird nämlich erzählt, daß er unter seiner großen Schülerzahl fünf hatte, die durch Geistesgaben und edle Herzenstugenden besonders hervorragend waren. Einer derselben wog aber ganz Israel auf (Sprüche der Väter Il/8). Heißt das nicht, daß in diesem hervorragenden Schüler des großen Rabbi, in diesem geistesgroßen Manne Alle in Israel waren? Und ist dies nicht ganz derselbe Gedanke, den Gomperz im Namen Bain's so rühmend hervorhebt? Wir wollen noch aus dem Gomperz*schen Werke einige Fangschlüste der alten vorplatonischen Philosophen anführen, um darzuthnn, daß der gegen den Talmud so vielfach erhobene Vorwurf, daß er nämlich kasuistisch sei, ebenso gegen die bedeutenden Philosophenschulen der Hellenen, der Kyrener und Megariker erhoben werden könnte. So ist der bekannte Fangschluß vom .Lügner" für die Geschichte der Logik der Hellenen von großer Bedeutung. Derselbe lautet: .Wenn Jemand lügt, und zu lügen behauptet, lügt er, oder spricht er die Wahrheit?" Der zweite Fangschluß ist der .Gehörnte". .Hast du die Hörner verloren?" .Nein" lautet die Antwort des Gefragten. .Also besitzest du sie", ist die Folgerung, denn, was man nicht verloren hat, besitzt man. .Hast du den Vater zu schlagen aufgehört?" wird ein dritter Fangschluß fragend eingeleitet. Die kategorische Antwort .Ja" oder .Nein" führt zu groben Mißverständnissen und zu materieller Unrichtigkeit, wiewohl der Schluß formell ganz richtig sein wird. Denn wird die Frage mit .Ja" beantwortet, dann gesteht der Befragtedaß er seinen Vater geschlagen habe, antwortet er mit .Nein", so gesteht er, daß er ihn noch immer schlägt. Oder folgender Trugschluß, der einer der interessantesten Trugschlüffe der griechischen Philosophie ist. Der Hund ist dein. Der Hund ist Vater. Also ist der Hund dein Vater. Derartige Stellen kommen in der rabbinischen Halacha gar nicht vor, wenn aber eine Berstandesspielerei im Talmud vorkommt, die nur annähernd den eitirten Trugschlüffen ähnlich ist, so wird sie verlacht und zieht uns Spötter zu, während noch viel ärgere Spielereien in der griechischen Berstandesliteratur als Perlen derselben aufgegriffen und kritisch gewürdigt werden. Wie schön beleuchtet diese Auswüchse der griechisch-philosophischen Literatur Theodor Gomperz* genialer Forscher- und Künstlergeist! Es kann aber nicht geleugnet werden, daß einem Unternehmen zur Schaffung eines solchen Monumentalwerkes über .Jüdische Denker", wie es Gomperz* Werk über griechische Denker ist, große, ja fast unüberwindliche Schwierigkeiten sich in den Weg stellen werden, Hemmnisse und Hindernisse, die nicht so leicht aus dem Weg geräumt werden könnten. Denn es darf nicht vergessen werden, daß Gomperz* .Griechische Denker", wie der weitere Titel dieses Werkes lautet, .eine Geschichte der antiken Philosophie" sind, während das alte Schriftthum Israels bis zum Abschlüsse des Talmud keineswegs philosophischen Charakter an sich trägt und kein philosophisches System darstellt, obwohl man darin allerdings sehr interessante koSmogonische wie kosmologische Ideen, theologische Gedanken von seltener Reife finden kann. Allein enthalten die Götterlehre Hefiods, die Geschichtsschreibung Hervdots, die Achsendrehungslehre der Ekphantos philosophische Gedanken in sich? Bon Stilpon citirt Gomperz .ein Sätzchen", bestehend aus sehr wenigen Worten. Was macht er aber daraus? Wie beleuchtet er diesen einfachen schlichten Satz? Gomperz* Werk ist in der That mehr als eine Geschichte der antiken Philosophie. Es beginnt zwar wie jede Geschichte der griechischen Philosophie mit dem ersten jonischen Naturphilosophen Thales, allein es zieht auch in den Kreis seiner Betrachtungen Homer und Hefiod, Euryzides und Aeschynos, die orphischen Gesänge und die anderen griechischen Mysterien. Der Rhapsode kommt ebenso zu Worte, wie der Epiker, Tragiker, Lustspieldichter und der beißendste Satiriker. Bei einem Werke über .Jüdische Denker" müsse stofflich und formell ebenso vorgegangen werden. Alles müßte berücksichtigt werden, doch das Philosophische in erster Reihe. Einem klaren Denker, einem Hellen Kopfe, einem scharfsinnigen Geiste, der sich mit Gomperz sollte messen können, würde es nicht schwer fallen, selbst aus dem verschiedenartigen Stoffe der altjüdischen Literatur das Philosophische kunstvoll herauszuschälen. Allerdings dürfte dies ein schweres Stück Arbeit sein und erfordert ebenfalls einen Mann, der ein warmes Herz und einen kalten Kopf hat. Wird auch die Arbeit, soferne sie sich auf die altjüdische Literatur beziehen wird, ungeheuer schwierig sich gestalten, so wird sich aber nach der Bibel, den Apokryphen, der Alexandrinischen Literatur, dem Talmud und seinen Ausläufern dem Forscher das großartige Gebiet der jüdisch-arabischen Philosophie des Mittelalters erschließen. Wenn wir nun auch den Werth vieler, in letzter Beziehung vorhandener, ganz trefflicher Arbeiten nicht verkennen, von denen wir Salomon Munk, M6Iange de philosophie juive et arabe, Krochmal, More Nebuche-Haseman, David Kaufmann, die Religionsphilosophie des Saadia und die Attributenlehre, rc. M. Eisler, Vorlesungen über die Mischen Philosophen des Mittelalters, M. Joel. Don Chasdai Crescas* religionsphilosophische Lehren, D. H. Joel, die Religionsphilosophie des Sohar, Jellinek, Philosophie und Kabbala, PH. Bloch, Geschichte der Entwicklung der Kabbala und der jüdischen Religionsphilosophie hier namentlich anführen, so fehlt es doch an einer einheitlichen und geschloffenen Darstellung, für welche die angeführten und aufgezählten Werke als Vorarbeiten dienen und benützt werden können. Ausgezeichnete und treffliche Dienste dürste einem Autor für .Jüdische Denker" Lazarus* .Ethik des Judenthums" leisten.*) So hoch wir auch den wissenschaftlichen Werth der .Ethik des Judenthums" von Prof. Moritz Lazarus anschlagen, würden wir dem Gelehrten, welcher der schwierigen Aufgabe sich unterziehen würde, ein Werk .Jüdische Denker" zu verfassen, doch nicht rathen, Lazarus* Werk sich zum Muster zu nehmen, denn bei aller Abneigung gegen die jüdischen Apologeten, welche in der .Ethik des Judenthums" zum Ausdruck kommt, ist sie merkwürdigerweise hie und da doch apologetisch gehalten, was in einem Werke .Jüdische Denker" vermieden werden müßte, wenn es auch mit der ganzen Wärme für den Gegenstand geschrieben werden soll. Eine einheitliche lichtvolle, kritische und doch für den vornehm gebildeten Laien leichtsaßliche Darstellung des Mischen Schriftthums, wie es .Gomperz* .Griechische Denker" find, würde an und für sich ohne jeden apologetischen Beigeschmack ein grandioses Denkmal nicht nur der jüdischen LUeratur, sondern auch des Judenthums sein. Es wäre daher ein höchst rühmrnswerthes Beginnen, wenn Männer, die durch Gelehrsamkeit und sociale Stellung im Judenthum hervorragen, ihre geistige und materielle Mitwirkung der Schaffung eine- Werkes zuwenden wollten, in dem die vieltausendjährige Gedankenarbeit eines Volkes philosophisch verhandelt würde, das zu leben nicht aufgehört hat. *) Als ich unlängst in Wien zu Besuch weilte, kam mir ein Exemplar der trefflich redigirten hebräischen Monatschrist „Haschiloach" zu Gesichte, aus der ich ersah, daß Dr. Dawid Neumark, Rabbiner in Rakonitz in Böhmen, laut letztwilliger Verfügung des Professors Lazarus mit der Ergänzung und Herausgabe des zweiten Bandes der .Ethik des Judenthums" betraut ist.