Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021528--12916-3037538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 538 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 34 und die scharfsinnige pilpulistische Denkweise die einzige geistige Nahrung. So mußte auch die Wohlthätigkeit die sociale Bahn verlassen und einen zerfahrenen, oft mystischen Charakter annehmen. Sie wurde nicht schwächer, nein, noch viel stärker, aber sie war nicht mehr die zielbewußte Hilfe eines freien Volkes, sondern die einer gefangenen Bruderschaft. Es war die Wohlthätigkeit des Herzens, die die Vernunft nur selten zu Rathe zog. Mau gab mit - vollen Händen, manchmal ohne zu fragen, ob man konnte, nur um einen Bruder aus dem Elend zu erlösen. Wie sollten hier auch Ziel Md Weg gründlich geprüft werden, wo der Geber ebenso wie der Nehmer jeden Tag von neuen Gefahren bedroht war? „Nimm, wer weiß wie lange ich noch geben form". „Heute du, morgen ich!". Das war die Logik der Leideusgenossenschaft. Man muß darüber staunen, welche gewaltige Summen bei Katastrophen im Mittelaller aufgebracht wurden. Es war aber meistens die weiche Wohlthätigkeit ohne socialen Hintergrund, es war eine Barmherzigkeit aus Frömmigkeit, eine Rettung im Moment, ohne an die Zukunft zu denken. Vor Allem fehlte es an coustanteu Organisationen. Die einzige Organisation war die Gemeinde und auch ihre Existenz hing in der Luft. Von Vereinen finden wir zuerst nur die Chewra-Kadischa, später auch Talmud-Thora und Bikur-Cholim. Es waren also humanitäre Institutionen mir religiöser Färbung. Dauernde Cassen schien es nicht zu geben und in dringenden Nothfällen mußte immer wieder gesammelt werden. Das gewaltige Wollen, das sich hierin mauifestirt, müssen wir bewundern, vor Allem das Geben mit dem ganzen Herzen uud die persönliche Betätigung bei Kranken und Todten, die Arm uud Reich ausglich. Aber die Hilfe war unzulänglich, und wir können es begreifen, daß sie so sein mußte. Denn ohne Freiheit kann eine gesunde sociale Institution nicht gedeihen. So zog sich diese Wohlthätigkeit iuuerhalb der Ghettomauern im alten Rahmen immer weiter. Sie war zu einer heiligen Tradition geworden. Das verlieh ihr einen Nimbus, aber sie erstarrte dabei im Geleise. (Fortsetzung folgt.) Ist der« Gomperz für,Jüdische Denker' da? Von Dr. H. E. Kaufmann, Virovitica. Zn Theodor Gomperz' phänomenalem Werke „Griechische Denker", in dem Werke eines der genialsten Meister der Neuzeit, der Künstler und Denker in einer Person ist, ist die Darstellung des verarbeiteten Gedankenmaterials eine Geist und Herz so stark einnehmende, daß sie wohl als eine unübertrlffliche bezeichnet werden darf. Wenn man das Werk liest, kann man es nicht aus der Hand geben, bis man nicht noch einige Male so Manches von der Lectüre wiederholt hat. Die griechische Literatur, die schöngeistige, wie die historische und philosophische, leidet keinen Mangel an Darstellern. Bon den verschiedenen Werken über griechische Kunst, Literatur und Philosophie will ich nur eines der trefflichsten hervorheben. Es ist dies des berühmten Reinken's Werk, des Breslauer Philologen, das den Titel führt: „Aristoteles über Kunst, besonders über Tragödie". Ein ausgezeichnetes Buch ist es, das seinerzeit — es hat bereits im Jahre 1870 das Licht der Presse erblickt — die Feuerprobe der Fachkritik glänzend bestanden hat. Ueber die aristotelische Usia und die tragische Katharsis wird daselbst am meisten verhandelt, zwei aristotelische Begriffe, die in der philosophischen wie in der phllologisch-kunstkritischen Welt den größten Schrecken der Fachleute bilden. Doch Männer, die nicht nur talentirt und begabt sind, die nicht nur durch eisernen Fleiß, was in ethischer Hinsicht nicht genug hoch anzuschlagen ist, sich ein immenses Wissen angeeignet haben, sondern vielmehr auch von einem gottbegnadeten Genius getragen sind, — wie-schön und herrlich, erbauend und fortreißend für die — um mich aristotelisch auszudrücken — von dem Schönen bewegte Seele würden sie über Usia und Katharsis schreiben! Darin besteht eben Gomperz' Größe, seine geniale Kraft uud Meisterschaft. Handelt es sich nun um die Schilderung einer schönkn, griechischen Landschaft, einer blühenden Colonie von Hellas oder um die Auseinandersetzung eines erkenntnißtheoretischen Problems irgend eines griechischen Denkers, gleichviel, Alles gewinnt unter seiner glänzenden Feder Kraft und volles Leben. Wie schön schildert zum Beispiel Gomperz in folgender Stelle den griechischen Rhapsoden: „Gar Mancher, der um das Jahr 500 griechische Lande durchstreift hat, ist einem greisen Spielmann begegnet, der, von einem die Guitarre und geringen Hausrath tragenden Sclaven gefolgt, rüstig einherschritt. Auf Märkten und Plätzen umdrängt ihn das Volk in dichten Schaaren. Der gaffenden Menge reicht er Dutzendwaare dar, Heroen- und Gründungsgeschichten von eigener und fremder Fractur. Allein vertrauteren Kunden langt er aus den Geheimfächern seines Gedächtnisses erlesenere Stücke hervor, deren verfänglichen Gehalt er dem widerstrebenden Sinn der Hörer gar geschickt einzuschmeicheln weiß. Der ärmliche Rhapsode, dem ein leckerer Braten als der angemessene Lohn eines gefeierten Künstlers gilt, ist der verwegenste und einflußreichste Neuerer seines Zeitalters. Der Spielmannsberuf bietet ihm kärglichen Unterhalt, zugleich aber den Deckmantel für die gefahrvolle Thätigkeit des religiösen und philosophischen Missionärs". Ernest Renan der die jüdischen Propheten nicht unintereffant schildert und sich bemüht, dem Leser ein anschauliches Bild von ihrer göttlich-menschlichen Wirksamkeit zu entwerfen, meint in seiner „Geschichte des Volkes Israel", die Seher Israels gleichen dem modernen Journalisten. Wie banal erscheint diese Stelle Renan's gegen Gomperz' Verführung des hellenischen Rhapsoden! Vor etwa mehr denn zwei Jahren hielt der gefeierte Neukantianer, Geheimrath Professor Dr. Hermann Kohen aus Marburg an der Lahn, in Wien über den „Stil der Propheten" einen Vortrag. Und was die Tageszeitungen darüber brachten, das hatte Aehnlichkeit mit Gomperz' Darstellung der griechischen Denker. Geheimrath Kohen wäre gewiß der gesuchte und prädestinirte Gomperz für „Jüdische Denker", wenn er sich der schwierigen Aufgabe unterziehen wollte. In jeder Geschichte der Philosophie geht die Biographie desjenigen Philosophen, dessen Lehre auseinandergesetzt werden. soll, der betreffenden Darstellung voraus. Man würde aber gewiß fehlgehen, wollte man behaupten, daß die vorausgeschickten Lebensbeschreibungen der - behandelten - Denker in den verschiedenen geschichtsphilosophischen Werken sich auf trockene Zahlen und Thatsachen beschränken, wie dies zumeist in Ueberweg's und Schwegler's Geschichte der Philosophie der Fall ist. Zeller, Erdmann, Tenneman, Volkert und viele Andere gaben sich sogar viel Mühe, in die Lebensdarstellungen der von ihnen behandelten Philosophen einen frischen Hauch belebender Poesie zu bringen. Und noch erinnere ich mich lebhaft, wie mein verewigter Lehrer weiland Hofrath Professor Robert Zimmermann im Colleg eine halbe Stunde sich in Schilderungen zu ergehen pflegte, die poetisch auszuschmücken er sich bestrebte, ohne daß wir wußten, wen er damit meinte. Endlich sagte er: „Und dieser Mann war — Sokrates!" Zimmermann war ein bedeutender philosophischer Kopf mit dichterischen Anlagen,' allein so schön und packend, wie Gomperz ein Bild von einem Philosophen zu entwerfen, war er nicht in der Lage, weil ihm hierzu das Genie fehlte. Wie schön dagegen klingen die Worte Gomperz' über Sokrates! Er sagt: „Helle, kühle Köpfe von beträchtlicher Stärke hat es in allen Jahrhunderten gegeben, und auch an warmen Herzen herrschte nicht oft ein empfindlicher Mangel. Aber ein heißes Herz unter einem kalten Kopse, das ist eine seltene Vereinigung und das seltenste aller Phänomene ist ein ungewöhnlich mächtig arbeitendes Herz, das seine ganze Triebkraft dazu vergeudet, den Kopf kalt zu erhalten — einem Dampfkessel vergleichbar, der ein Eiswerk in Betrieb setzt". Oder folgender charakteristische Satz: „Er (Sokrates) hat nach Reinheit der Begriffe gedürstet, mit derselben Inbrunst, mit welcher ein mystischer Schwärmer nach der Bereinigung mit der Gottheit lechzt." Vielmals gebraucht Gomperz Redewendungen und Metaphern, die einer urjüdischen Quelle entstammen. Ob dies bewußt oder unbewußt geschieht, können wir nicht beurtheilen, da es uns völlig unbekannt ist, ob Gomperz in seiner Jugend mit den herrlichen Perlen mischnaitischer Weisheitssprüche gesättigt worden sei. So heißt es zum Beispiel an einer Stelle der „Griechische Denker": „Wo immer — so darf man sagen — zwei beisammen sind, um über menschliche Angelegenheiten in rationeller Weise zu verhandeln, da weilt Sokrates unter ihnen." Derselbe Grundgedanke bildet den Inhalt der III. Mischna der Sprüche der Väter, welcher lautet: „Wenn zwei beisammen