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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 34 Bloch’s Jahrgang XX M. Centralorgsn für die gefsmmtrn Interessen des Iudenthums. -^- Wien, 21. August 1903. Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adreffe: Wien, IX/1» Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. SexugSPrri» für Sesterreich - Laibjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Mr'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. U- K. k. Pofisparcassen-Aml Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Nedartion und Administration: Wien IX/1, Verggassr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. i ■ —-% Inhaltr Leitartikel: Ueber jüdische Wohlthätigkeit. — Ist kein Gomperz für „Jüdische Denker" dav — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Jahresbericht der Jewish Colonisation Association. — Das magyarische ,,8vnj Ir sveinu“ in böhmisch-ungarischen Mehllriege. — Korrespondenzen: Organisation. Finanzrath Dr. Anton Nusko. Der Rabbiner-Kongreß. Budapest, Nürnberg, Saloniki, Algier. Das englische Blaubuch über die Vorgänge in Kischenew. London. — Vermischtes: Der Geburtstag des Kaisers. Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Goltsch-Jenikau, Ischl, Carlstadt, Prag, Damboritz, Neubidschow, Budapest, Komotau, Breslau, Hamburg, Berlin, Rom. — Feuilleton: Julian Meldohla. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Urber jüdische Moh>!thiitigkeit. Von Fabi»»s Schach in Karlsruhe. I. Wohlthätigkeit üben heißt: Gutes thun, eine That von Nutzen und Segen und von ethischer Reinheit vollbringen. Die wahre Wohlthätigkeit muß eine Wohlthat für Nehmer und Geber sein. Hier mildert sie den Schmerz, trocknet die Thränen und verscheucht die Noth — dort erhebt sie die Seele über das Egoistische hinaus zur wahren Menschlichkeit und befreit das Herz aus den kleinlichen Fesseln des niedrigen Jchs. Eine solche Tugend konnte nur in Israel zur nationalen Pflicht, zur beständigen, selbstverständlichen Einrichtung werden, weil hier Leben und ethisches Empfinden eins waren, weil hier bei aller Freiheit des Individuums das Altruistische die Grundlage des socialen und öffentlichen Lebens war. Die Griechen und Römer kannten keine Wohlthätigkeit in diesem Sinne, weil bei ihnen Tugend nur Tapferkeit, Kraftentfaltung bedeutete. Ohne Loslösung vom Sinnlichen gibt es keine Ethik. Der Jude erst, der die Sinnlichkeit nicht verachtete, aber ein Höheres darüber thronen ließ; er, der die Leidenschaft zur Magd machte und sie in den Dienst der Veredelung stellte, weil er im Monotheismus das Princip der Geistesherrschaft Proclamirte, er konnte eine menschliche Moral aufstellen, menschlich, weil für Alle giltig, weil aus einer reinen Quelle, dem Rechtsgefühl, dem Gotteskinderthum fließend. Nur hier also konnte die wahre Barmherzigkeit als Volkstugend entstehen und mit ihr die Wohlthätigkeit. Hier aber mußte die Wohlthätigkeit auch mit logischer Nothwendigkeit entstehen, weil sie den staatlichen Organismus stützte und einen Hauptpfeiler der socialen Gerechtigkeit bildete. Der jüdische Staat war socialistisch, ohne communistisch zu sein, dh. er suchte den natürlichsten menschlichen Anforderungen gerecht zu werden, ohne eine Gleichmacher-Schablone zum Princip zu erheben. Die Hauptbedingungen eines socialen Baues, Bodenreform und Zinsverbot, waren vorhanden. Es konnte also keine gefährliche Aufhäufung von Reichthümern auf der einen Seite und keine schreiende Noth auf der anderen Seite entstehen. Dagegen blieb die individuelle Freiheit als Hauptfactor der Entwicklung bestehen. Die jüdische Staatsverfassung erkannte das Recht eines jeden Individuums auf Existenz, würdiges Leben, Licht und Glück an und suchte Ungerechtigkeiten soviel als möglich zu vermeiden. Sie sah aber ein, daß auch die beste sociale Ordnung die Armuth, die wie Naturereignisse, Krankheit und Gebrechen ein unabwendbares Schicksal ist, nicht ganz zu bannen vermag. „Denn ganz wird die Dürftigkeit nicht aus der Erde vertilgt werden", betont die Bibel Daher mußte die Wohlthätigkeit als Tribut der ausgleichenden Gerechtigkeit hinzutreten. Dieses Wohlthun war aber als echte menschliche Stütze, als heilige Pflicht des Besitzes gedacht. Es ist bezeichnend, daß der Hebräer für Wohlthätigkeit kein anderes Wort als Zedakah, Gerechtigkeit, gefunden hat. Es war eine Art Steuer, die man progressiv nach Einkommen und Besitz sich selbst auferlegte, um ein Aequivalent für die ersehnte Gerechtigkeit zu erhalten. Die Bibel gebietet wiederholt dringend das Geben, weil Gott die Stimme des Armen hört. Die Hartherzigkeit wird als eine der schlechtesten Eigenschaften gebrandmarkt. Der Empfänger ist ein Bruder, der ein natürliches Anrecht auf Hilfe hat. Man durfte ihn nicht beschämen und demüthigen und er war nicht der Verachtung preisgegeben, wie bei anderen Völkern Es war die echte Wohlthätigkeit eines social empfindenden, durch Recht und Gesetz veredelten Volkes. Es brach dann das größte Unglück über Israel herein. Das Volk, das wie kein anderes berufen war, der Menschheit das Bild eines wahren socialen Staates zu zeigen, wurde nach einer kurzen, blühenden Periode, die fast wie eine Episode aussieht, seinem Stamme entwurzelt, — innerlich wie äußerlich. Der schlichte Sinn eines Naturvolkes wich und machte einem ausgeklügelten Dualismus Platz. Alle Ideale des Volkes verloren sich ins Phantastische und nahmen eine überspannte Gestalt an. Man klammerte sich, weilm an den realen Boden verloren hatte, an Spitzfindigkeiten. Man verlor den Blick für das Wirkliche, weil man mehr in der ruhmvollen Vergangenheit und der erhofften herrlichen Zukunft, als in der trüben Gegenwart lebte. Die Thora und ihr Ausbau wurde das.einzige Erbe Israels

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